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11.06.2001
Mülheimer Dramatikerpreis für Rene Pollesch - hauchdünne Mehrheit
Rene Pollesch (39) ist Dramatiker des Jahres. Mit einer hauchdünnen
Mehrheit sprach sich die Jury nach langer, kontroverser öffentlicher
Diskussion zum Abschluss der 26. Mülheimer Theatertage für sein
am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg entwickeltes Stück «world
wide web-slums» aus. Fast gleichauf lagen Theresia Walser mit «So
wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr» und Roland
Schimmelpfennig mit «Die arabische Nacht». Die in einem komplizierten
Verfahren ermittelte Publikumsstimme ging an Igor Bauersimas «norway.today».
Zu den Trägern des mit 20 000 Mark dotierten Mülheimer Dramatikerpreises
gehörten in früheren Jahren Heiner Müller und Botho Strauß.
Im Mittelpunkt von «world wide
web-slums» steht die Kritik am rasenden Stillstand der Internet-Gesellschaft.
Zur Begründung ihrer Entscheidung für Pollesch erklärte eine Jurorin:
Man sieht hinterher die Welt, aus der man ins Theater gegangen ist,
anders, als man sie vorher sah - und man hat außerdem noch darüber
gelacht. Gegner der Entscheidung argumentierten, der Text sei nur
von ihm zu realisieren, andere Regisseure könnten mit dem Stück
kaum etwas anfangen.
Der in Friedberg/Hessen geborene
Pollesch hat angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert;
er erarbeitet seine Stücke am liebsten im Theater mit Schauspielern.
«world wide web-slums» entwickelte er am Deutschen Schauspielhaus
in Hamburg und inszenierte auch gleich die Uraufführung - genauer:
die Uraufführungen. Denn das Stück besteht wie eine Fernsehserie
aus sieben knapp eine Stunde dauernden Folgen. In der ersten Woche
wurde die erste Folge gezeigt, in der zweiten die zweite usw. Die
Abende wurden im Foyer des 2. Rangs im Hamburger Schauspielhaus
spät abends aufgeführt. Pollesch gewann rasch eine Fangemeinde,
die sich alle Folgen der Serie anschaute. Die Inszenierungen wirken
grell und erinnern an Kabarett.
Die öffentliche Debatte der sechsköpfigen
Jury in der Nacht zum Montag zeichnete sich in diesem Jahr durch
große Offenheit aus; die Maßstäbe zur Beurteilung der Stücke wurden
unmissverständlich benannt und selbst der Kritik ausgesetzt. Moritz
Rinke bekam einhelliges Lob, weil er es mit seiner «Republik Vineta»
gewagt hatte, ein Stück fürs Große Haus zu schreiben; alle anderen
Wettbewerbsteilnehmer hatten Texte für die Studiobühne oder das
Kammerspiel entworfen. Marius von Mayenburgs «Parasiten» wurden
kritisiert, weil das geschilderte Elend abstrakt und konstruiert
wirke. Sibylle Bergs «Helges Leben» sei ein Stück für den Jugendclub,
merkte ein Juror an, und Dea Lohers «Klaras Verhältnisse» wurden
verspottet.
In diesem Jahr war keiner der DramatikerInnen
älter als 39. Der Kalender hatte Regie geführt, zwei wichtige Uraufführungen
kamen erst nach dem Schlusstermin für die Mülheimer Theatertage
heraus. Vermutlich wären sonst die neuen Stücke von Elfriede Jelinek
und Botho Strauß eingeladen worden. Die Meister sind gesellschaftskritischer
als ihre jüngeren Kollegen. So zeigten die Mülheimer Theatertage
nur einen Ausschnitt aus dem deutschsprachigen Gegenwartsdrama,
der Wettbewerb reflektierte in diesem Jahr ausschließlich Stärken
und Schwächen der jüngeren Stückeschreiber.
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