|
"Ich
stehe mit einem Fuß im schwedischen Schnee und
mit dem anderen im afrikanischen Sand"
Henning Mankell gehört zu den erfolgreichsten
schwedischen Autoren der vergangenen Jahre, seine
Bücher wurden bisher in über 15 Sprachen mit einer
Auflage von weltweit mehr als zwei Millionen Exemplaren
verkauft, viele verfilmt. Für sein umfangreiches
von gesellschaftlichen und politischen Themen
geprägtes Werk wurde der Regisseur, Dramatiker
und Autor von Jugendbüchern, Romanen über die
Situation Afrikas und den populären Wallander-Krimis
mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Preis der
Schwedischen Akademie für Kriminalliteratur (1991),
dem Deutschen Jugendbuchpreis (1993), dem Astrid-Lindgren-Preis
(1996) und dem Preis der "Jury der Leser" (2000).
Sehnsucht nach Afrika
Geboren wurde Henning Mankell am 3. Februar 1948
in Stockholm, seine Kindheit und Jugend verbrachte
er in dem nordschwedischen Dörfchen Härjedalen.
Sein Vater, ein Richter, zog ihn alleine auf,
seine Mutter hatte die Familie früh verlassen
(diese Erfahrung verarbeitete er später in seiner
"Joel-Tetralogie"). Zuflucht fand der junge Henning
in seiner Phantasie und in seiner Sehnsucht nach
Afrika. Schon als kleiner Junge, sagt Mankell
in einem Interview für den Tages-Anzeiger, habe
er als Leser der großen Forschungsreisenden Mungo
Park, Livingstone und Darwin den Traum von Afrika
gehabt.
Mit 17 Jahren zog er nach Stockholm und arbeitete
dort als Regisseur am renommierten Riks Theater.
In dieser Zeit kam es zu ersten vom Geist der
68er-Bewegung beeinflussten Veröffentlichungen.
1972 kam Henning Mankell dann ein erstes Mal nach
Afrika, wo er seine wahre Heimat und zu einer
"aussereuropäischen Perspektive" fand. In den
darauffolgenden Jahren pendelte er zwischen Europa
und Afrika und arbeitete als Regisseur, Autor
und Intendant. Seine in diesen Jahren entstandenen
Werke sind geprägt von der Thematik des Klassenkampfs.
Seit 1985 lebt er den Großteil des Jahres in Maputo
(Mosambik), die Sommermonate verbringt er mit
seiner Frau Eva, Leiterin des Backa Theaters in
Göteborg und Tochter von Ingmar Bergman, in Schweden.
Seit 1986 leitet er in Maputo ehrenamtlich das
"Teatro Avenida", für das er auch (gemeinsam mit
den Schauspielern) alle Stücke schreibt. Das neueste
handelt von Carlos Cardoso, dem bekanntesten Journalisten
Mosambiks und Aufdecker von Skandalen und Korruption.
Im November wurde er in unmittelbarer Nähe seines
Büros in der belebten Innenstadt von Maputo erschossen.
Das vierzigköpfige Ensemble muss ohne Subventionen
auskommen, man lebt vom Kartenverkauf, vom Gewinn
aus der theatereigenen Bäckerei und von Sponsorengeldern.
Einer der großzügigsten Geldgeber ist Henning
Mankell: "Ich verdiene mit meinen Büchern gutes
Geld, dieses Geld kreativ wieder auszugeben, macht
mir Spaß."
Kurt Wallander
Im Frühling 1989, als Mankell nach zweijähriger
Abwesenheit wieder einmal Schweden besuchte, bemerkte
der überzeugte Sozialist und "bekennende" Alt-68er
eine Verschlechterung des sozialen und gesellschaftlichen
Klimas. In den Zeitungen war über Anschläge sowie
Forderungen nach einem verschärften Asylrecht
zu lesen, "die schwelende Krankheit Rassismus
war ausgebrochen." Und so wurde Kommissar Wallander
geboren, der sich dieser Krankheit, die Menschen
zu Verbrechern machen kann, im ersten Roman "Mörder
ohne Gesicht" (dt. 1993) entschlossen entgegenstellt.
Für diese "souveräne Nutzung der Möglichkeiten
des Kriminalromans im Geiste des wahren Humanismus"
erhielt er 1991 den Preis der Schwedischen Akademie
für Kriminalliteratur.
In Folge entstanden sieben weitere Wallander-Romane:
"Hunde von Riga" (1992, dt. 1993), "Die weiße
Löwin" (1993, dt. 1995), "Der Mann, der lächelte"
(1994), "Die falsche Fährte" (1995, dt. 1999),
"Die fünfte Frau" (1996, dt.1998), "Mittsommermord"
(1997, dt. 2000) und "Die Brandmauer" (1998, dt.
Oktober 2001). Der Erzählband "Die Pyramide" (1999,
auf deutsch noch nicht erhältlich) schließt die
Wallander-Serie ab.
Über seinen Erfolg als "Krimiautor" meinte Henning
Mankell in einem Interview mit der Zeitschrift
"Buchkultur": "Ich hatte nie vor jemals in meinem
Leben über Verbrechen oder Krimis zu schreiben.
Ich glaube auch noch immer nicht, daß ich es tue.
Was ich mache, ist eigentlich etwas sehr Altes,
ich sehe auf die Gesellschaft durch den Spiegel
des Verbrechens. Dieses Prinzip verfolgt Shakespeare
in ´Macbeth´ oder Joseph Conrad in ´Herz der Finsternis´.
Diese beiden Beispiele sind auf ihre Art Krimis,
doch niemand bezeichnet sie so. Ich glaube, ich
arbeite in einer Tradition, die von Kritikern
falsch eingeschätzt wurde. Meine Geschichten handeln
von der Gesellschaft und der Zeit in der ich lebe."
"Andra Böckar"
Sucht man auf schwedischen Verlagsseiten nach
Mankell, finden sich neben den Wallander-Romanen
jede Menge "andra böckar", von denen einige in
den 90-er Jahren auch in deutsch erschienen sind.
Der Oetinger-Verlag brachte die mehrfach ausgezeichnete
Joel-Tetralogie ("Der Hund, der unterwegs zu einem
Stern war", "Die Schatten wachsen in der Dämmerung",
"Der Junge, der im Schnee schlief", "Die Reise
ans Ende der Welt") heraus, die vom Werden und
Wachsen eines sehr nachdenklichen kleinen Jungen
in einem einsamen Dorf im Nordschweden der 50er-Jahre
erzählt. Im letzten Band heuert Joel auf einem
Schiff an und gelangt nach Afrika.
Die Liebe zum Schwarzen Kontinent und der Kampf
gegen dessen Armut, die Deformationen durch den
Kolonialismus sind eines der Hauptthemen Mankells.
"Die Divergenzen zwischen Europäern und Afrikanern
sind gar nicht so groß. Wir lachen aus denselben
Gründen, wir weinen aus denselben Gründen. Es
gibt wesentlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.
Aus dem Grund haben wir die verdammte Verpflichtung,
uns dieses vergessenen Kontinents anzunehmen",
so der Autor in Interviews. Henning Mankell engagiert
sich gegen Landminen, seit der großen Flutkatastrophe
in seiner Wahlheimat Mosambik setzt er sich zusammen
mit Ärzte ohne Grenzen für notleidende Menschen
ein.
"Das Geheimnis des Feuers" (1995, dt. 1997) berichtet
von Sofia, die ihre Eltern im Bürgerkrieg verloren
hat und als Neunjährige wegen einer Landmine (Mosambik
ist eins der am stärksten verminten Länder der
Erde) beide Beine verliert. "Realistisch und dennoch
von großer Poesie ist die Geschichte des Mädchens
Sofia erzählt, das unendliches Leid erlebt und
am Ende doch neuen Lebensmut und eine Perspektive
für die Zukunft gewinnt. Ihr Kampf ums Überleben
ist in seiner ganzen Härte überzeugend dargestellt
und berührend wiedergegeben." (Aus der Jurybegründung
des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises
1999).
"Der Chronist der Winde" (Comédia infantil 1995,
dt. 2000) handelt vom Straßenjungen Nelio, der
angeschossen auf dem Dach eines Hauses liegt und
dem Bäcker José die Geschichte seines kurzen und
desperaten Lebens erzählt. Mankell in einem Interview
für "Neues Deutschland": "Ich glaube, dass Nelio
gleichsam ein Sinnbild unserer Zeit ist - das
Kind, das nicht aufwachsen und seine großen Träume
leben darf. Das ist um so tragischer als wir alle
wissen: Es ist eigentlich nicht notwendig. Wir
könnten die Welt auf andere Art eingerichtet haben,
eine Welt, in der Nelio so alt werden würde wie
wir."
Dieser Tage ist "Die rote Antilope" (Vindens son,
2000) erschienen, die Geschichte (auch hier stützt
sich Mankell auf eine wahre Begebenheit) eines
verwaisten Buschjungens, der Ende des 19. Jahrhunderts
gegen seinen Willen von einem Forscher nach Schweden
gebracht wurde, dort nicht heimisch werden konnte
und bald an seinem Heimweh zugrunde ging. Mankell
geht es in diesem Roman nicht um eine dokumentarische
Aufbereitung, er erzählt, "was hätte geschehen
können", ein Gleichnis für falsch verstandene
sogenannte Entwicklungshilfe und gedankenlosen
Umgang mit nichteuropäischen Kulturen.
"Ich schreibe in der Hoffnung, diese schreckliche
Welt, in der wir leben, ein bisschen zu verändern.
Von Jahr zu Jahr wird es schlimmer. Wir haben
es immer öfter mit Ausbeutung und Erniedrigung
zu tun. Durch das Schreiben nehme ich am Widerstand
teil." (H.M.)
(©
2001 Claudia Strafner für all-around-new-books.de)
|
|
Bücher
von Henning Mankell:
Das
Geheimnis des Feuers (1997, HC)
Ein
Kater schwarz wie die Nacht (2001, Hörbuch)
Ein
Kater schwarz wie die Nacht (2000, HC)
Afrika-Romane:
Der
Chronist der Winde (2000, HC)
Der
Chronist der Winde (2002, Taschenbuch)
Der
Chronist der Winde (2001, Hörbuch)
Die
rote Antilope (2001, HC)
Wallander-Romane:
Mörder
ohne Gesicht (2001, HC)
Mörder
ohne Gesicht (1999, Taschenbuch)
Hunde
von Riga (2000, HC)
Hunde
von Riga (2000, Taschenbuch)
Die
weiße Löwin (1998, Taschenbuch)
Der
Mann, der lächelte (2001, HC)
Der
Mann, der lächelte (2001, Hörbuch)
Die
falsche Fährte (1999, HC)
Die
falsche Fährte (2001, Taschenbuch)
Die
fünfte Frau (1998, HC)
Die
fünfte Frau (2000, Taschenbuch)
Die
fünfte Frau (1999, Hörbuch)
Mittsommermord
(2001, Hörbuch)
Mittsommermord
(2000, HC)
Die
Brandmauer (2001, HC)
Joel-Tetralogie:
Der
Hund, der unterwegs zu einem Stern war (2001,
Hörbuch)
Der
Hund, der unterwegs zu einem Stern war (2001,
Taschenbuch)
Der
Hund, der unterwegs zu einem Stern war (1992,
HC)
Die
Schatten wachsen in der Dämmerung (2002, Taschenbuch)
Die
Schatten wachsen in der Dämmerung (1994, HC)
Der
Junge, der im Schnee schlief (1998, HC)
Die
Reise ans Ende der Welt (1999, HC)
|