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Autoren-Portrait


Henning Mankell

geb.

03.02.1948
in Stockholm

Foto: Matthias Horn, Berlin
(Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Zsolnay-Verlags)

"Ich stehe mit einem Fuß im schwedischen Schnee und mit dem anderen im afrikanischen Sand"

Henning Mankell gehört zu den erfolgreichsten schwedischen Autoren der vergangenen Jahre, seine Bücher wurden bisher in über 15 Sprachen mit einer Auflage von weltweit mehr als zwei Millionen Exemplaren verkauft, viele verfilmt. Für sein umfangreiches von gesellschaftlichen und politischen Themen geprägtes Werk wurde der Regisseur, Dramatiker und Autor von Jugendbüchern, Romanen über die Situation Afrikas und den populären Wallander-Krimis mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Preis der Schwedischen Akademie für Kriminalliteratur (1991), dem Deutschen Jugendbuchpreis (1993), dem Astrid-Lindgren-Preis (1996) und dem Preis der "Jury der Leser" (2000).

Sehnsucht nach Afrika

Geboren wurde Henning Mankell am 3. Februar 1948 in Stockholm, seine Kindheit und Jugend verbrachte er in dem nordschwedischen Dörfchen Härjedalen. Sein Vater, ein Richter, zog ihn alleine auf, seine Mutter hatte die Familie früh verlassen (diese Erfahrung verarbeitete er später in seiner "Joel-Tetralogie"). Zuflucht fand der junge Henning in seiner Phantasie und in seiner Sehnsucht nach Afrika. Schon als kleiner Junge, sagt Mankell in einem Interview für den Tages-Anzeiger, habe er als Leser der großen Forschungsreisenden Mungo Park, Livingstone und Darwin den Traum von Afrika gehabt.

Mit 17 Jahren zog er nach Stockholm und arbeitete dort als Regisseur am renommierten Riks Theater. In dieser Zeit kam es zu ersten vom Geist der 68er-Bewegung beeinflussten Veröffentlichungen.

1972 kam Henning Mankell dann ein erstes Mal nach Afrika, wo er seine wahre Heimat und zu einer "aussereuropäischen Perspektive" fand. In den darauffolgenden Jahren pendelte er zwischen Europa und Afrika und arbeitete als Regisseur, Autor und Intendant. Seine in diesen Jahren entstandenen Werke sind geprägt von der Thematik des Klassenkampfs. Seit 1985 lebt er den Großteil des Jahres in Maputo (Mosambik), die Sommermonate verbringt er mit seiner Frau Eva, Leiterin des Backa Theaters in Göteborg und Tochter von Ingmar Bergman, in Schweden.

Seit 1986 leitet er in Maputo ehrenamtlich das "Teatro Avenida", für das er auch (gemeinsam mit den Schauspielern) alle Stücke schreibt. Das neueste handelt von Carlos Cardoso, dem bekanntesten Journalisten Mosambiks und Aufdecker von Skandalen und Korruption. Im November wurde er in unmittelbarer Nähe seines Büros in der belebten Innenstadt von Maputo erschossen.

Das vierzigköpfige Ensemble muss ohne Subventionen auskommen, man lebt vom Kartenverkauf, vom Gewinn aus der theatereigenen Bäckerei und von Sponsorengeldern. Einer der großzügigsten Geldgeber ist Henning Mankell: "Ich verdiene mit meinen Büchern gutes Geld, dieses Geld kreativ wieder auszugeben, macht mir Spaß."

Kurt Wallander

Im Frühling 1989, als Mankell nach zweijähriger Abwesenheit wieder einmal Schweden besuchte, bemerkte der überzeugte Sozialist und "bekennende" Alt-68er eine Verschlechterung des sozialen und gesellschaftlichen Klimas. In den Zeitungen war über Anschläge sowie Forderungen nach einem verschärften Asylrecht zu lesen, "die schwelende Krankheit Rassismus war ausgebrochen." Und so wurde Kommissar Wallander geboren, der sich dieser Krankheit, die Menschen zu Verbrechern machen kann, im ersten Roman "Mörder ohne Gesicht" (dt. 1993) entschlossen entgegenstellt. Für diese "souveräne Nutzung der Möglichkeiten des Kriminalromans im Geiste des wahren Humanismus" erhielt er 1991 den Preis der Schwedischen Akademie für Kriminalliteratur.

In Folge entstanden sieben weitere Wallander-Romane: "Hunde von Riga" (1992, dt. 1993), "Die weiße Löwin" (1993, dt. 1995), "Der Mann, der lächelte" (1994), "Die falsche Fährte" (1995, dt. 1999), "Die fünfte Frau" (1996, dt.1998), "Mittsommermord" (1997, dt. 2000) und "Die Brandmauer" (1998, dt. Oktober 2001). Der Erzählband "Die Pyramide" (1999, auf deutsch noch nicht erhältlich) schließt die Wallander-Serie ab.

Über seinen Erfolg als "Krimiautor" meinte Henning Mankell in einem Interview mit der Zeitschrift "Buchkultur": "Ich hatte nie vor jemals in meinem Leben über Verbrechen oder Krimis zu schreiben. Ich glaube auch noch immer nicht, daß ich es tue. Was ich mache, ist eigentlich etwas sehr Altes, ich sehe auf die Gesellschaft durch den Spiegel des Verbrechens. Dieses Prinzip verfolgt Shakespeare in ´Macbeth´ oder Joseph Conrad in ´Herz der Finsternis´. Diese beiden Beispiele sind auf ihre Art Krimis, doch niemand bezeichnet sie so. Ich glaube, ich arbeite in einer Tradition, die von Kritikern falsch eingeschätzt wurde. Meine Geschichten handeln von der Gesellschaft und der Zeit in der ich lebe."

"Andra Böckar"

Sucht man auf schwedischen Verlagsseiten nach Mankell, finden sich neben den Wallander-Romanen jede Menge "andra böckar", von denen einige in den 90-er Jahren auch in deutsch erschienen sind. Der Oetinger-Verlag brachte die mehrfach ausgezeichnete Joel-Tetralogie ("Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war", "Die Schatten wachsen in der Dämmerung", "Der Junge, der im Schnee schlief", "Die Reise ans Ende der Welt") heraus, die vom Werden und Wachsen eines sehr nachdenklichen kleinen Jungen in einem einsamen Dorf im Nordschweden der 50er-Jahre erzählt. Im letzten Band heuert Joel auf einem Schiff an und gelangt nach Afrika.

Die Liebe zum Schwarzen Kontinent und der Kampf gegen dessen Armut, die Deformationen durch den Kolonialismus sind eines der Hauptthemen Mankells. "Die Divergenzen zwischen Europäern und Afrikanern sind gar nicht so groß. Wir lachen aus denselben Gründen, wir weinen aus denselben Gründen. Es gibt wesentlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Aus dem Grund haben wir die verdammte Verpflichtung, uns dieses vergessenen Kontinents anzunehmen", so der Autor in Interviews. Henning Mankell engagiert sich gegen Landminen, seit der großen Flutkatastrophe in seiner Wahlheimat Mosambik setzt er sich zusammen mit Ärzte ohne Grenzen für notleidende Menschen ein.

"Das Geheimnis des Feuers" (1995, dt. 1997) berichtet von Sofia, die ihre Eltern im Bürgerkrieg verloren hat und als Neunjährige wegen einer Landmine (Mosambik ist eins der am stärksten verminten Länder der Erde) beide Beine verliert. "Realistisch und dennoch von großer Poesie ist die Geschichte des Mädchens Sofia erzählt, das unendliches Leid erlebt und am Ende doch neuen Lebensmut und eine Perspektive für die Zukunft gewinnt. Ihr Kampf ums Überleben ist in seiner ganzen Härte überzeugend dargestellt und berührend wiedergegeben." (Aus der Jurybegründung des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises 1999).

"Der Chronist der Winde" (Comédia infantil 1995, dt. 2000) handelt vom Straßenjungen Nelio, der angeschossen auf dem Dach eines Hauses liegt und dem Bäcker José die Geschichte seines kurzen und desperaten Lebens erzählt. Mankell in einem Interview für "Neues Deutschland": "Ich glaube, dass Nelio gleichsam ein Sinnbild unserer Zeit ist - das Kind, das nicht aufwachsen und seine großen Träume leben darf. Das ist um so tragischer als wir alle wissen: Es ist eigentlich nicht notwendig. Wir könnten die Welt auf andere Art eingerichtet haben, eine Welt, in der Nelio so alt werden würde wie wir."

Dieser Tage ist "Die rote Antilope" (Vindens son, 2000) erschienen, die Geschichte (auch hier stützt sich Mankell auf eine wahre Begebenheit) eines verwaisten Buschjungens, der Ende des 19. Jahrhunderts gegen seinen Willen von einem Forscher nach Schweden gebracht wurde, dort nicht heimisch werden konnte und bald an seinem Heimweh zugrunde ging. Mankell geht es in diesem Roman nicht um eine dokumentarische Aufbereitung, er erzählt, "was hätte geschehen können", ein Gleichnis für falsch verstandene sogenannte Entwicklungshilfe und gedankenlosen Umgang mit nichteuropäischen Kulturen.

"Ich schreibe in der Hoffnung, diese schreckliche Welt, in der wir leben, ein bisschen zu verändern. Von Jahr zu Jahr wird es schlimmer. Wir haben es immer öfter mit Ausbeutung und Erniedrigung zu tun. Durch das Schreiben nehme ich am Widerstand teil." (H.M.)

(© 2001 Claudia Strafner für all-around-new-books.de)

Bücher von Henning Mankell:

Das Geheimnis des Feuers (1997, HC)
Ein Kater schwarz wie die Nacht (2001, Hörbuch)
Ein Kater schwarz wie die Nacht (2000, HC)

Afrika-Romane:
Der Chronist der Winde (2000, HC)
Der Chronist der Winde (2002, Taschenbuch)
Der Chronist der Winde (2001, Hörbuch)
Die rote Antilope (2001, HC)

Wallander-Romane:
Mörder ohne Gesicht (2001, HC)
Mörder ohne Gesicht (1999, Taschenbuch)

Hunde von Riga (2000, HC)
Hunde von Riga (2000, Taschenbuch)

Die weiße Löwin (1998, Taschenbuch)

Der Mann, der lächelte (2001, HC)
Der Mann, der lächelte (2001, Hörbuch)

Die falsche Fährte (1999, HC)
Die falsche Fährte (2001, Taschenbuch)

Die fünfte Frau (1998, HC)
Die fünfte Frau (2000, Taschenbuch)
Die fünfte Frau (1999, Hörbuch)

Mittsommermord (2001, Hörbuch)
Mittsommermord (2000, HC)

Die Brandmauer (2001, HC)

Joel-Tetralogie:
Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war (2001, Hörbuch)
Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war (2001, Taschenbuch)
Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war (1992, HC)

Die Schatten wachsen in der Dämmerung (2002, Taschenbuch)
Die Schatten wachsen in der Dämmerung (1994, HC)

Der Junge, der im Schnee schlief (1998, HC)

Die Reise ans Ende der Welt (1999, HC)

 

   

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