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Autoren-Portrait/-Biografie - Bibliografie


  

Christa Wolf

geb.

18.03.1929
Landsberg (Dtschl.)

 

Der Versuch, man selbst zu sein


Zum 75. Geburtstag von Christa Wolf am 18.03.2004

"Christa T. hat, auch wenn sie lässig schien, anstrengend gelebt ... Sie hat nicht versucht, sich davonzumachen, womit gerade in jenen Jahren so mancher begonnen hat. Wenn sie ihren Namen aufrufen hörte, dann stand sie auf und ging hin und tat, was von ihr erwartet wurde ...". Selten ist wohl in der deutschen Nachkriegsliteratur der Charakter und das Wesen einer literarischen Person so eindrucksvoll dargestellt worden wie in Christa Wolfs Roman Nachdenken über Christa T.

Christa Wolf wurde am 18. März 1929 als Tochter eines Kaufmannes in Landsberg an der Warthe geboren. Über ihre Kindheit und Jugend findet man wenig in einschlägigen Lexika. 1949 beginnt sie mit dem Studium der Germanistik in Jena und Leipzig. Wie wohl viele ihrer Altersgenossen ist auch sie nach dem Krieg von der sozialistischen Idee überzeugt und so wird sie im gleichen Jahr Mitglied der SED. 1951 heiratet sie den Germanisten Gerhard Wolf. Ein Jahr später wird die Tochter Annette geboren, 1956 die zweite Tochter Katrin. In den 50-er Jahren ist sie zunächst wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, daneben arbeitet sie als Cheflektorin im Verlag "Neues Leben", als Redakteurin bei der Zeitschrift "Neue Deutsche Literatur" und beim "Mitteldeutschen Verlag" Halle.

1961 wird ihr erstes Prosawerk Moskauer Novelle veröffentlicht, das in der DDR zwar einige Beachtung findet, in der Bundesrepublik jedoch ungedruckt bleibt. Seit 1962 arbei-tet sie als freiberufliche Schriftstellerin. Ihren ersten großen Erfolg erzielt sie ein Jahr später mit dem Roman Der geteilte Himmel. Hier setzt sie sich mit der Problematik des geteilten Deutschlands auseinander, indem Entscheidungssituationen und Lebensgefühle junger Menschen nach dem 13. August 1961 differenziert dargestellt werden. Das Wachsen und Scheitern einer Liebe, die Auseinandersetzung mit Konflikten oder die Flucht davor - das sind die Themen des Romans, der 1964 verfilmt wird und bis heute ein starkes Echo findet.

Mit dem Roman Nachdenken über Christa T. (1968) schafft Christa Wolf den Durchbruch zur anerkannten Schriftstellerin. Darin setzt sie sich mit den individuellen Ansprüchen in einer Gesellschaft auseinander. Erzählt wird das Leben einer jungen Frau von der Kindheit auf dem Dorf bis zu ihrem Tod durch Leukämie.
Es ist der "Versuch, man selbst zu sein" und vielleicht das persönlichste Buch der Autorin. Der 1976 veröffentlichte Ro-man Kindheitsmuster trägt viele autobiographische Züge und beschreibt das Denken und Fühlen ihrer Generation, die in der Zeit des Faschismus aufwuchs. 1979 folgt die Erzählung
Kein Ort. Nirgends; darin schildert Wolf ein fiktives Zusammentreffen zwischen Heinrich Kleist und Karoline von Günderode. Neben Anna Seghers ist die unglückliche Günderode wohl die Dichterin, die ihr am nächsten steht.

Christa Wolfs Romane aus den 80-er Jahren verdeutlichen ihre zunehmend kritische Haltung zur DDR. In dem Roman Kassandra verweist sie auf die Probleme der Gegenwart und die Bedrohung der Menschheit, so auch in Störfall. Nachrichten eines Tages, worin die Autorin ihre Ängste über die Menschheitszukunft vor dem Hintergrund des Reaktorunfalls von Tschernobyl beschreibt. In der Erzählung Sommerstück macht sie am Beispiel einer dörflichen Gemeinschaft deutlich, wie die zwischenmenschlichen Verhältnisse in unserer modernen Welt gestört sind.

Das Wendejahr 1989 kommt und Christa Wolf spricht sich am 4. November auf dem Alexanderplatz dafür aus, die DDR von innen heraus zu verändern. Die Entwicklung geht jedoch über solche Wunschträume hinweg. Sie tritt aus der SED aus; leicht ist ihr der Abschied von den sozialistischen Hoffnungen nicht gefallen. Als Stasi-Dokumente gefunden werden, die belegen, dass sie zwischen 1959 und 1962 "Informelle Mitarbeiterin" des Ministeriums für Staatssicherheit war, wird sie zur Zielscheibe einer diffamierenden Kritik. Dass sie selbst zwanzig Jahre bespitzelt wurde, ist nebensächlich. Über das Leben unter der Stasi-Überwachung hat sie bereits 1979 geschrieben, doch erst 1990 erscheint die Erzählung Was bleibt, die jedoch die Diskussion um ihre Person weiter verschärft. 1993 erhält sie ein Stipendium des Getty Centers von Santa Monica (USA) und sie verlässt Deutschland. Längst ist sie wieder zurückgekehrt und hat sich literarisch zu Wort gemeldet mit ihren neuen Büchern Medea. Stimmen, Leibhaftig und Ein Tag im Jahr.

Christa Wolf ist eine Autorin von Weltrang. Ihre Biographie ist unmittelbar mit der DDR-Geschichte verbunden. Sie ist von ihren Lesern nicht nur als Schriftstellerin gesehen worden. Man traute ihr zu, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen. Mehrfach wurde sie ausgezeichnet und geehrt, war kurzzeitig Mitglied des Zentralkomitees und protestierte andererseits gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Nein, Christa Wolf war keine Staatsdichterin, sie war bis zuletzt DDR-Bürgerin aus Überzeugung. Sie entwickelte ihre eigene Sprache abseits des sozialistischen Realismus, eine poetische Sprache, den typischen Christa-Wolf-Sound, der von ihren Lesern seit Jahrzehnten so geschätzt wird.

(© 2004 Manfred Orlick)

Bibliografie -
Eine Auswahl ihrer Bücher:

Kassandra (TB)

Ein Tag im Jahr (HC)

Der geteilte Himmel (TB)

Medea (TB)

Nachdenken über Christa T. (TB)

Was bleibt (TB)

Leibhaftig. (TB)

Sei gegrüßt und lebe (TB)

Oldenbourg Interpretationen, Bd.28, Der geteilte Himmel (TB)

Kein Ort. Nirgends (TB)

Unter den Linden (TB)

 

   

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