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Emile Zola - der Begründer des Naturalismus in der Literatur -
vor hundert Jahren gestorben
Die literarischen Jubiläen 2002 standen vielfach im Zeichen der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Anfang des Jahres gedachte man besonders in unserem Nachbarland mit einem Riesenaufwand von Feiern, Inszenierungen, Reden und Publikationen des 200. Geburtstages von Victor Hugo, dem großen Dramatiker und Autor solch bekannter Romane wie "Die Elenden" und "Der Glöckner von Notre-Dame". Im Juli füllte ebenfalls ein 200. Geburtstag die Feuilletonseiten: es wurde an Alexandre Dumas d.Ä., dem Autor der legendären "Musketiere" und des "Grafen von Monte-Christo" erinnert. Am 29. September gedachte nun die literarische Welt des 100. Todestages von Emile Zola, der mit seinem Werk ein umfassendes Zeitgemälde der französischen Gesellschaft von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen hat.
Am 2. April 1840 wird Emile Zola in Paris als Sohn eines italienischen Bauingenieurs und dessen französischer Frau geboren. Seine Kindheit verbringt er in Aix-en-Provence und ist mit dem späteren impressionistischen Maler Paul Cézanne befreundet. Nach dem frühen Tod des Vaters, der Junge ist gerade sieben Jahre, wächst er in ärmlichen Verhältnissen auf und die Mutter zieht nach Paris, um dort ihr Auskommen zu suchen. Emile besteht die Reifeprüfung nicht und wird zunächst Dockarbeiter und Zollschreiber. Danach ist er fast anderthalb Jahre arbeitslos, ehe er eine Anstellung in einem Pariser Verlagshaus findet, wo er bald zum Werbeleiter aufsteigt. 1864 wird sein erstes Werk "Erzählung an Ninon" veröffentlicht und ein Jahr später sein erster Roman.
Während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 erscheint der Roman "Das Glück der Familie Rougon", mit dem ein zwanzigbändiger Zyklus "Die Rougon-Macquardt - Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich" beginnt. Bis 1893 folgen im Jahrestakt die weiteren Romane dieser Verfallsgeschichte einer Familie, von denen "Germinal" (mehrfach verfilmt; zuletzt 1993 mit Gérard Depardieu), der die Lebensbedingungen der nordfranzösischen Bergleute schildert, und "Nana", der im Prostituiertenmilieu spielt, am bekanntesten sind. Mit diesem Zyklus, dessen Einzelromane durchweg Rekordauflagen erreichen, begründet Zola die Erzählweise des Naturalismus. Das Ziel ist eine umfassende Darstellung aller Bereiche der menschlichen Existenz und die Darlegung politisch-sozialer Missstände.
Emile Zola ist wohl der erste Schriftsteller der Moderne, der die beginnende Industrialisierung und das Proletariat in seine Romane einbezieht. Er schildert realistisch das Milieu der kleinen Handwerker und Tagelöhner und die Auswirkungen der technischen und sozialen Umwälzungen auf den einzelnen. Seine Handlungsorte sind keine Schlösser und Burgen; er entführt den Leser in dröhnende Werkhallen, Bahnhöfe, Dockanlagen, Theater, Kauf- und Krankenhäuser, in die modernen Zweckbauten aus Stahl und Glas. Seine Generation steht unter dem Zeichen von Dampfmaschinen und Elektrizität, des Maschinenzeitalters. Besonders augenfällig wird das bei einem Vergleich von Hugos "Glöckner von Notre-Dame" und Zolas "Der Bauch von Paris". Dort sind die leblosen Steine einer mittelalterlichen Kathedrale der Schauplatz, bei Zola sind es die riesigen Pariser Markthallen mit ihren ungeheuren Nahrungsmengen und dem penetranten Gestank, mit ihren Ge-müsebauern und Fischhändlern.
Sein Spätwerk nach 1893 besteht vor allem aus der Romantrilogie "Die Drei Städte" (1894-98, "Lourdes", Rom" und "Paris"), in der er Religion, Wunderglauben und Pilgerfahr-ten häufig mit einer idealistischen Einstellung betrachtet. Ihr oft anklagend-beschwörender Ton hat jedoch nicht mehr die kraftvolle Sprache seines Hauptwerkes. 1898 ergreift Zola Partei für den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, der zu Unrecht wegen Spionage verurteilt wird. Sein offener Brief "Ich klage an!" markiert die Geburtsstunde des modernen Intellektuellen, der sich kritisch und an der Sache orientiert ins Gegenwartsgeschehen einmischt. Zola selbst wird wegen Beleidigung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, doch er entzieht sich der Strafe durch Flucht nach England. Am 29. September 1902 stirbt Emile Zola in Paris an einer Kohlenmonoxidvergiftung wegen eines defekten Kaminabzugs. "Zola ehrte sein Vaterland und die Welt mit einem gewaltigen Werk und einer großen Tat", so Anatole France in seiner Grabrede auf dem Montmartre-Friedhof. Sechs Jahre später wird sein Leichnam im Panthéon, der nationalen Gedenkstätte für bedeutende Franzosen, beigesetzt.
Emile Zola war - wie seine Schriftstellerkollegen und Landsleute Hugo, Balzac und Dumas - ein Berserker der Literatur, die allesamt ein persönliches Riesenwerk der Literatur geschaffen haben. Zugleich war er ein politisch wie journalistisch herausragender Kopf, erfüllt vom Geist eines fortschrittlich-humanitären Sozialreformers und beeinflusste so die nachfolgenden Schriftstellergenerationen.
(©
2004 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)
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