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„Vom Seemann Kuttel Daddeldu“
Zum 70. Todestag von
Joachim Ringelnatz
Er
wurde einmal als das "große Kind
unter den deutschen Poeten des 20. Jahrhunderts"
bezeichnet: verspielt, unartig und doch liebenswert.
Wer war dieser Joachim Ringelnatz? Der Bänkelsänger
im Matrosenanzug, der dichtende Seemann oder der
kauzige Vagabund? Über kaum einen Künstler
ist soviel Unsinniges und Verfälschendes
geschrieben worden wie über Hans Bötticher,
denn unter diesem Namen wurde er als Sohn eines
gutsituierten Musterzeichners für Tapeten
und Jugendschriftstellers am 7. August 1883 im
sächsischen Wurzen geboren.
Als Kind soll Hans ein typischer Lausebengel gewesen
sein: wild, unordentlich und ungezogen. Schule
und Lehrer sind ihm Albträume und so vertreibt
er sich die Unterrichtsstunden mit Zeichnen, Gedichteschreiben
und groben Späßen. Auf dem Leipziger
Gymnasium dreht er zwei "Ehrenrunden",
worauf ihn die Eltern auf eine Privatschule schicken.
Der Schul-Tunichtgut besteht trotz aller Ablenkungen
und "unwissend wie eine Kanone" das
Einjährigen-Freiwilligen- Examen. Ein lang
gehegter Wunsch von Hans Bötticher ist, Seemann
zu werden. Und so wird der spätere Dichter
zunächst heimlich Schiffsjunge auf einem
alten Segelschoner und dann Matrose auf Dampf-
und Segelschiffen. Mit Unterbre-chungen bereist
Hans insgesamt vier Jahre die Weltmeere. Zwischendurch
und danach führt er weiter ein unstetes Leben;
er absolviert eine kaufmännische Lehre in
Hamburg und arbeitet als Hausmeister in einer
Pension in England. Dann wird er als halb verhungerter
Straßenmusikant in England und Holland aufgegriffen
und ausgewiesen, anschließend ist er Lehrling
in einer Dachpappenfabrik und Buchhalter in einem
Münchener Reisebüro.
1909,
Hans Bötticher ist 25 Jahre alt, erhält
er die Gelegenheit, im "Simplicissimus",
dem wichtigsten Treffpunkt der Münchner Boheme,
seine skurrilen und schnurrigen Werke vorzutragen.
Bald avanciert er zum "Hausdichter"
der geschäftstüchtigen "Simpl"-Wirtin
Kathi Kobus und kauft sich in der Nachbarschaft
einen Tabakladen. Doch neun Monate später
zieht er wieder rastlos durch die Lande als Bibliothekar,
Fremdenführer oder Schaufensterdekorateur,
bis er 1914 den Einberufungsbefehl erhält.
Seinen Kriegsdienst absolviert er bei der Marine.
Nach dem Kriegsende geht das Berufewechseln weiter:
in einer Gartenbauschule oder als Archivar. Außerdem
gibt es immer wieder Geldprobleme. "Wegen
Essenmangel noch magerer geworden. Friere und
hungere", schreibt er in sein Tagebuch.
In
dem harten Winter 1919 entstehen seine Balladen
vom "Seemann Kuttel Daddeldu"
und die "Turngedichte". Er nennt
sich jetzt Ringelnatz, was ein seemännischer
Name für das "glücksbringende
Seepferdchen" ist. Dann 1920 plötzlich
der Durchbruch: die Daddaldu-Balladen
werden veröffentlicht und Ringelnatz tritt
zum ersten Mal im Berliner Kabarett "Schall
und Rauch" auf, wo er als schwankender Seemann
einen überwältigenden Erfolg hat. Auch
seine "Turngedichte" trägt
er sportlich so exakt vor, dass kein Turnlehrer
daran etwas auszusetzen hätte. Er kann z.
B. bei seinem "Bumerang"-Gedicht
ein so dümmliches Gesicht machen, wenn er
das Publikum darstellte, das "noch stundenlang
wartete auf Bumerang".
Mit Ringelnatz kommt Ironie, Ulk, Nonsens, aber auch Melancholie und Nachdenklichkeit auf die deutsche Kabarettbühne. Über Nacht ist er ein gefragter Bühnenkünstler. Jetzt reiht sich Gastauftritt an Gastauftritt, Tournee an Tournee - eine Ochsentour des unermüdlichen Reisens. Die Jahre seiner Vortragstätigkeit sind außerdem von einer unermüdlichen literarischen Arbeit ausgefüllt - Seefahrergeschichten, Kinderverse, seine Marine-Kriegserinnerungen, alles in dieser Zeit ist mehr oder weniger erfolgreich, was jedoch die soziale Situation des Dichters nicht wesentlich verbessert.
1933
betreten die Nationalsozialisten die Bühne
und erklären Joachim Ringelnatz zum "unerwünschten
Autor". Es gibt Auftrittsverbote, zuerst
für den "Simplicissimus", bald
darauf für andere Städte. Anlässlich
seines 50. Geburtstages veranstalten Freunde eine
kleine Feier im Berliner Hotel "Kaiserhof",
wo er zum letzten Mal seine Gedichte in Deutschland
vorträgt. Er darf noch einmal unter großen
Schwierigkeiten zu einem Gastspiel in die Schweiz
reisen, doch todkrank kommt er im Februar 1934
nach Berlin zurück. Eine seit langem schwelende
Lungentuberkulose bricht aus und sein Gesundheitszustand
verschlechtert sich zusehends. Am 17. November
1934 stirbt das "Seepferdchen" Joachim
Ringelnatz.
Hans Bötticher, der Seemann aus Wurzen, der schmächtige Mann mit der imposanten Hakennase, der "etwas schief ins Leben gebaut" war, der sich Joachim Ringelnatz nannte und als Beruf "reisender Artist" in Formulare und Meldezettel eintrug, der in seinem Leben ungefähr vierzig Berufe ausübte, blickte voller Staunen und Neugierde während seiner 51 Lebensjahre auf die Menschen und die Welt. Mit seinen heiteren Gedichten mit dem wundervollen Sinn für Un- und Tiefsinn brachte er den Deutschen einen neuen Humor bei. Leider beschränkt sich seine Popularität auch heute noch auf die unsterbliche Gestalt des lärmenden und dabei weichherzigen Seemanns Kuttel Daddeldu. So ist der zweite Teil seines Gesamtwerkes, sein malerisches Schaffen, fast völlig in Vergessenheit geraten. "Es ist so traurig", schrieb Erich Kästner bereits 1924, "dass die meisten über Ringelnatz als einen Hanswurst und Suppenkasper lachen. Merken denn so wenige, dass man keine Kabarettnummer, sondern einen Dichter vor sich hat?"
(©
2004 Manfred Orlick)
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