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"Der getreue Eckert ..."
Zum 150. Todestag von Johann Peter Eckermann
"Der getreue Eckert ist mir von großer Beihülfe. Reinen und redlichen Gesinnungen treu, wächst er täglich an Kenntnis, Ein- und Übersicht und bleibt wegen fördernder Teilnahme ganz unschätzbar", schrieb Johann Wolfgang von Goethe am 10./14. Dezember 1830 an den Komponisten Carl Friedrich Zelter. Gemeint war Johann Peter Eckermann, der vor 150 Jahren, am 3. Dezember 1854, in Weimar starb und neun Jahre lang als engster Vertrauter des Geheimrats diente. Sein Name ist untrennbar verbunden mit seinem dreibändigen Werk "Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens".
Dieses Schicksal wird Johann Peter Eckermann jedoch nicht an der Wiege gesungen, als er am 21. September 1792 in Winsen an der Luhe in einem ärmlichen Elternhaus das Licht der Welt erblickt. Unregelmäßiger Schulbesuch und das Umherziehen mit dem hausierenden Vater von Dorf zu Dorf durch die Elbniederungen und die Lüneburger Heide bestimmen seine Kindheit. Sie gibt ihm kaum Chancen einer geistigen Entfaltung, trotzdem verdient der Sechzehnjährige seinen Lebensunterhalt als Amtsschreiber und sammelt schnell praktische Erfahrungen in der Verwaltung
An den Befreiungskriegen 1813/14 nimmt er als Freiwilliger teil. Nach seiner Rückkehr arbeitet er als Registrator bei der Militärverwaltung in Hannover. In diese Zeit fällt auch seine erste intensive Beschäftigung mit der Literatur, wobei Theodor Körner und dessen leidenschaftlichen Gedichten seine Bewunderung gilt. Er beginnt selber Verse zu schreiben und besucht mit vierundzwanzig Jahren noch das Gymnasium. Er liest Shakespeare und die antiken Griechen, doch Goethes Gedichte beeindrucken ihn am nachhaltigsten. Ein Stipendium seiner Arbeitgeber ermöglicht ihm 1821 ein Studium der Jurisprudenz in Göttingen, welches er aber nach einem Jahr abbrechen muss. Er frönt nun seiner eigentlichen Passion, der Literatur und Dichtkunst, noch konsequenter. Nach einer Gedichtsammlung entstehen die "Beyträge zur Poesie unter besonderer Hinweisung auf Goethe". Er fühlt ein starkes Verlangen, seinem Leitstern persönlich nahe zu sein und so sendet er das Manuskript an Goethe.
Ende Mai 1823 begibt er sich auf eine lange und beschwerliche Fußwanderung über Göttingen und das Werratal nach Weimar. Am 9. Juni meldet er sich im Haus am Frauenplan, und schon einen Tag später wird er von Goethe empfangen. Schon seit längerer Zeit hatte sich dieser nach jungen Männern umgesehen, denen man die Redaktion von Papieren übertragen und einen Teil des Nachlasses anvertrauen konnte, und so bittet er den jungen Neuankömmling, in Weimar zu bleiben. Er beauftragt ihn zunächst mit der Sichtung und Wertung von anonym veröffentlichten Rezensionen. Aber nicht nur in seine Arbeits-welt führt er Eckermann ein, sondern auch in seine Familie. Der junge Gehilfe wird zu Gesellschaften eingeladen und zahlreichen Gästen vorgestellt. Die Nähe zu seinem ver-götterten Meister verhindert zwar seine eigene Karriere, macht ihn aber überaus glücklich. Für seine zeitaufwendigen Arbeiten erhält er allerdings von Goethe kein Honorar, so dass er sich mit gelegentlichen Unterrichtsstunden über Wasser halten muss. Der Geheimrat verschafft jedoch dem bescheidenen Eckermann die Ehrendoktorwürde der Universität Jena. Obwohl es ihm also an Lob und Ehren nicht fehlt, kann er keine sichere Lebensstel-lung erwerben. Aufgrund dieser desolaten Situation entschließt er sich erst 1831 zur Gründung einer Familie. Er heiratet Johanna Bertram aus Hannover, mit der er seit 13 Jahren verlobt war. Doch seine junge Frau stirbt bereits drei Jahre später an den Folgen der Geburt seines Sohnes.
Der häufige Umgang mit Goethe - insgesamt hat Eckermann mehr als tausend Tage im Haus am Frauenplan zugebracht - lassen in ihm den Wunsch aufkommen, die geführten Unterredungen möglichst genau festzuhalten und zu publizieren, denn er erhofft sich da-von einen großen Erfolg. Der gelehrige Schüler ist bald ein kluger Gesprächspartner, der bisweilen die Unterhaltung mit dem Dichter geschickt auf bestimmte, von ihm gewünschte Themenkreise zu lenken versteht. Die "Gespräche mit Goethe", die auf Goethes Wunsch erst nach seinem Tod erscheinen, sind der Grund des Eckermannschen Nachruhmes. Als Goethe am 22. März 1832 stirbt, hat ihn dieser testamentarisch zu seinem Verwalter bestimmt. Die Aufarbeitung des Nachlasses, die Niederschrift der "Gespräche" und die Betreuung einer vierzigbändigen Werkausgabe des Dichters nehmen Eckermann bis zu seinem Tode in Anspruch. Kränklich und verschuldet stirbt am 3. Dezember 1854 der literarische Nachlassverwalter des Dichterfürsten in Weimar und wird unweit der Fürstengruft beigesetzt.
Johann Peter Eckermann verstand sich nie als bloßer Sekretär des von ihm verehrten Meisters. Es war wohl eher der Ausdruck einer gegenseitigen Sympathie und des Re-spekts. "Eckermann schleppt, wie eine Ameise, meine einzelnen Gedichte zusammen; ohne ihn wäre ich nie dazu gekommen", so Goethe 1824. Die Nachwelt dagegen hatte oft nur ein mitleidiges Lächeln oder Spott für den Selbstlosen übrig: von Heinrich Heine ("Auf der Grenze des Lächerlichen steht Herr Eckermann") bis Wolf Biermann ("Die Stasi war mein Eckermann"). Das Hausiererkind aus Winsen bleibt jedoch in der deutschen Klassik eine literarische Größe, trotz Goethe oder gerade wegen Goethe.
(©
2004 Manfred Orlick)
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