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Autoren-Portrait/-Biografie - Bibliografie


John Berger

geb.

05.11.1926
in Stoke Newington (England)
 
 

 


John Berger kam am 5. November 1926 im englischen Stoke Newington zur Welt. Der Juristensohn besuchte die Central School of Art und Chelsea School of Art in London. Von 1944 bis 1946 leistete er seinen Kriegsdienst. Nach dem Krieg war er bis 1955 als Kunsterzieher und Maler tätig. Anfang der 50er Jahre wechselt Berger vom Malen zum Schreiben. Aus politischen Gründen, denn mit seiner Arbeit als Journalist und Schriftsteller meinte er während des kalten Krieges, effektiver gegen den drohenden nuklearen Gau ankämpfen zu können. Seit jener Zeit galt er als intellektueller Aktivist der marxistischen Szene. Damals begann er auch, sich als Kunstkritiker einen Namen zu machen. Bis 1960 schrieb er für die Londoner Zeitungen Tribune und New Statesman.

Als der Verlag Secker & Warburg 1958 seinen Romanerstling ("Die Spiele") aus politischen Gründen vom Markt nahm (wegen prokommunistischer Tendenz), verließ Berger aus Protest einen Monat später England. Während der 60er Jahre hatte er verschiedene Wohnsitze, bis er sich Anfang der 70er Jahre in einem kleinen Bergdorf in der Haute Savoie (Frankreich) niederließ.

Für einen Eklat sorgte Berger bei der Verleihung des Booker Prizes, den er 1972 für seinen Roman "G." bekommen sollte, als er das Preisgeld den Black Panthers stiftete, um damit gegen die langjährige Ausbeutung der Karibik durch den preisstiftenden Großhandels-konzern Booker McConnell zu protestieren.

Das literarische Werk Bergers umfaßt Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher für Film und Fernsehen, politische Reportagen, Sachbücher über Photographie und Malerei, Erzählungen, Romane, Gedichte und Essays. 1989 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik, 1991 den Petrarca-Preis für sein Gesamtwerk.

Aus erster Ehe hat Berger zwei Kinder. Mit seiner Frau Beverly, einer Amerikanerin, hat er einen Sohn (Yves). Sie leben im französischen Bergdorf Quincy.

 

Ein Gespräch mit John Berger

Bevor Sie Schriftsteller wurden, waren Sie als Maler und Zeichenlehrer tätig. Gab es einen besonderen Grund für diesen Wechsel?
Das muß 1951 oder 1952 gewesen sein. Und der Grund dafür war die weltpolitische Lage. Es hatte nichts mit fehlendem Talent zu tun. Ich war gerne Maler und zufrieden mit dem, was ich tat. Aber in dieser Zeit schien die Drohung eines nuklearen Kriegs sehr, sehr nah. Viel näher, als man sich heute erinnert oder sich vorzustellen vermag. Und es gab Hunderttausende, die sich dessen bewußt waren. Die unmittelbare Gefahr bestand in einem Präventivschlag durch Washington, da die Sowjetunion damals noch keine Nuklearwaffen besaß. Selbst bekannte Schriftsteller und Intellektuelle schrieben skandalöse Artikel, in denen sie einen Präventivschlag befürworteten und ernstlich eine Bombardierung Moskaus in Erwägung zogen. In dieser Situation hatten viele von uns das Gefühl, sie hätten nur noch wenige Monate zu leben. Gegen dieses Gefühl mußten wir ankämpfen, und die Malerei schien mir dazu nicht das geeignete Mittel. Natürlich war ich mir bewußt, daß auch mit Schreiben nicht viel auszurichten war, aber als Journalist zu arbeiten und in Artikeln öffentlich Widerstand zu leisten war für mich die einzig denkbare Möglichkeit.

Einer der zentralen Aspekte Ihres Werks, angefangen von Ihrem Romanerstling "Die Spiele" (1958) bis zur Gegenwart, ist die Verteidigung des Individuums gegen die zerstörerischen Kräfte der Geschichte. Gibt es in Ihrem Werk so etwas wie einen humanistischen Grundimpuls?
Ja, ich denke schon. Obwohl es für einen Schriftsteller immer sehr schwierig ist, sein eigenes Werk zu beurteilen. Andere können das viel besser. Aber ich habe wohl so etwas wie eine tiefsitzende Sympathie für die Unterdrückten, auch wenn mir das Wort nicht sonderlich behagt. Vielleicht sollte ich besser Underdogs sagen. Ich glaube, das ist ein fester Bestandteil meines Wesens. Ob man dies mit dem Begriff humanistisch bezeichnen sollte, weiß ich nicht. Das Wort klingt sehr theoretisch und ein bißchen fromm. Bei mir ist es mehr eine Sache, die direkt aus dem Bauch kommt.

Bleiben wir bei den Underdogs. In Ihren Büchern und Essays hat man das Gefühl, als würden Sie Ihre Stimme für die Unterprivilegierten erheben, um ihnen ihre persönliche Würde und Integrität wiederzugeben.
Ich denke, es geht hier nicht um ein Zurückgeben der Würde, denn in meinen Augen haben diese Leute Würde. Es geht vielmehr darum, diese Würde zu erkennen. Sie zurückzugeben wäre eine Art Almosen, und das wäre schrecklich. Man muß vielmehr versuchen, sich weit genug zu öffnen, um die Würde dieser Menschen zu sehen. Es gibt einen wunderbaren Satz von Simone Weil, der lautet: "Irgendwo schreit ein Mensch auf: ›Was geschieht mit mir?‹" Und sie sagt: "Dieser Schrei kann niemals mißverstanden werden. Er ist unbezweifelbar." Man kann ihn nicht in Frage stellen. Andere mögen vielleicht eine tiefgehendere und umfassendere Antwort auf diese Frage geben können, aber der Schrei als solcher ist unhinterfragbar und immer im Recht. In manchen, nicht in allen meinen Texten versuche ich eine Art ausführlichere Version dieses Schreis ›Was geschieht mit mir‹ zu geben, mit all dem Takt und der Zurückhaltung, die dazu notwendig sind. Aber ich bin es nicht selbst, der da spricht. Ich höre nur zu.

In Ihrem Essay "Ev'ry Time We Say Goodbye" bezeichnen Sie unser Jahrhundert als "das Jahrhundert des Verschwindens". In nie gekannten Dimensionen wurden Menschen durch Krieg, Hunger, politische Verfolgung und andere Gründe aus ihren Heimatländern vertrieben. Verstehen Sie Ihr Werk auch als eine Art Festhalten von Einzelschicksalen, die anderenfalls vergessen würden?
Nun, Sie werden mir sicherlich darin zustimmen, daß dies das bedeutendste Merkmal unseres Jahrhunderts ist, vielleicht sogar das Merkmal, in dem sich unser Jahrhundert am markantesten von allen anderen unterscheidet, obwohl man diese Differenz nicht überstrapazieren sollte. Wenn man also über unser Jahrhundert schreibt, erscheint es nur natürlich, daß dieses Thema wieder und wieder zur Sprache kommt. Und vielleicht hofft man auch ein wenig darauf, in seinem Schreiben etwas von den Geschehnissen dieses Jahrhunderts festhalten zu können. Aber man sollte diesen Aspekt nicht überbewerten, denn ich glaube nicht, daß diese Dinge anderenfalls vergessen würden. Zunächst einmal ist man nicht der einzige, der sich dieser Aufgabe widmet. Und zum zweiten werden die Dinge auf vielfältige Weise dokumentiert oder leben in anderen Traditionen fort. Insofern glaube ich nicht, daß ein Schriftsteller seine Aufgabe darin sehen sollte, das Leben anderer in irgendeiner Weise zu bewahren oder dem Vergessen zu entreißen. Das wäre vermessen. Er kann nur ein kleines Stück dazu beitragen.

Mitte der siebziger Jahre zogen Sie in ein kleines Dorf in der Haute Savoie, um dort die Trilogie Von ihrer Hände Arbeit zu schreiben. In der Einleitung zu diesem Buch findet sich eine harsche Kritik des Fortschrittsglaubens, der in Ihren Augen von Kapitalismus und Sozialismus gleichermaßen vergöttert wurde. Am Beispiel der französischen Bergbauern zeigen Sie die fortschreitende Entwurzelung und Zerstörung der bäuerlichen Lebensart und Kultur durch einen blindwütigen Fortschritt. Bedeutete die Arbeit an diesem Buch für Sie auch so etwas wie den Versuch, die Erinnerung an eine verschwindende Lebensform wachzuhalten?
Ich würde dieser Sichtweise grundsätzlich zustimmen. Allerdings möchte ich noch hinzufügen, daß es mir nicht allein darum ging, die Lebensweise dieser Leute in Erinnerung zu halten, weil wir in dieser Hinsicht ein verlorenes Rennen gegen die Zeit führen. Diese Bauern besitzen in der Tat ein ganz enormes Wissen, und zwar in einem sehr praktischen Sinne. Sie wissen, wie das Land zu bestellen ist, wie man Wälder aufforstet, wie man mit Tieren umgeht oder wie man aus Holz die Gegenstände zum täglichen Gebrauch anfertigt. Sie können mit ihren Händen zwar nicht alles, aber doch ziemlich viel bewerkstelligen. Sie sind nicht auf eine bestimmte Arbeit spezialisiert. Diese große Geschicklichkeit in Verbindung mit ihrer Lebensart - nun, ich will nicht übertreiben, es gibt auch ziemlich üble Kerle unter ihnen -, aber es erscheint nicht abwegig, daß beides in nicht allzu ferner Zukunft wieder gefragt ist. (…) Ich kann mir vorstellen, daß zukünftige Leser einige dieser Geschichten nicht bloß als Rückblick auf Vergangenes lesen, sondern als Beispiele, wie man vielleicht leben könnte.

Die Kunstkritik nimmt in Ihrem Werk einen wichtigen Platz ein. Von den frühen Kritiken für Zeitschriften wie den New Statesman bis heute haben Sie sich immer wieder diesem Genre gewidmet. Würden Sie den Kunstkritiker Berger auf die gleiche Stufe wie den Romancier Berger stellen?
Nein. Ich habe die Kunstkritik immer nur als Gelegenheitsarbeit betrachtet. Meinem eigenen Selbstverständnis nach bin ich in erster Linie Erzähler, nicht Kritiker. Selbst wenn Sie meine Kunstkritik näher betrachten, werden Sie feststellen, daß ein Großteil davon einen sehr narrativen Charakter besitzt. Sobald ich über ein Gemälde oder einen Maler zu sprechen beginne, kommen mir nahezu automatisch Geschichten oder Lebensschicksale in den Sinn. Ich will damit nicht sagen, daß ich in Bildern nach Geschichten suche, ich hoffe es jedenfalls nicht. Aber mir scheint, daß mein unmittelbares Interesse an der Kunst nicht dem eines Kunsthistorikers entspricht, sondern eher das eines Geschichtenerzählers ist, der viel von der Malerei weiß und darüber schreibt.

Abschließend noch ein Wort zu Ihrem Buch "Mann und Frau unter einem Pflaumenbaum stehend". Es handelt sich dabei um zweiundzwanzig kurze Porträts, in denen Sie auf sehr persönliche Art von Begegnungen mit bekannteren, vorwiegend aber unbekannten Menschen berichten. Viele dieser Momentaufnahmen scheinen von einem gewissen Pathos geprägt. Würden Sie diesen Begriff für sich akzeptieren?
Ohne jede Einschränkung. Ich möchte hier keinen qualitativen Vergleich anstrengen, aber wenn wir von Pathos sprechen, so scheinen mir die Erzählungen Tschechows sehr viel davon zu besitzen. Oder, wenn wir uns mehr in der Gegenwart umsehen, die Raymond Carvers, den ich sehr bewundere.

Aber kann Pathos nicht auch sehr gefährlich werden, wenn es selbst noch tiefster Not und Elend den Glanz von Erhabenheit verleiht?
Ja, die Gefahr besteht sicherlich. Ob man ihr unterliegt oder nicht, ist eine Frage des Takts. Takt ist vielleicht die erste Gabe der dichterischen Einbildungskraft, genau wie es auch in der bildenden Kunst Takt gibt. Dabei geht es nicht um eine Form von Höflichkeit, künstlerischer Konvention oder auch Diplomatie. Es ist vielmehr ein besonderes Gespür dafür, ob man in einer bestimmten Situation der Wahrheit gerecht wird oder nicht. Wird man es nicht, fehlte der Takt, oder er war nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Dies muß der einzelne Leser jeweils für sich entscheiden.

(Aus Bogen 47- Carl Hanser Verlag - John Berger. Mitten in Europa.)

(© 2001 Hanser Verlag)

Bibliografie -
Eine Auswahl seiner Bücher:

Auf dem Weg zur Hochzeit (HC)

Auf dem Weg zur Hochzeit (TB)

Begegnungen und Abschiede. Über Bilder und Menschen (TB)

Eine andere Art zu erzählen (TB)

Einst in Europa (HC)

Flieder und Flagge, Eine alte Frau erzählt von einer Stadt (TB)

Geschichte eines Landarztes (HC)

Geschichte eines Landarztes (TB)

King (HC)

King (TB)

Das Kunstwerk. Über das Lesen von Bildern (HC)

Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens (HC)

Mann und Frau, unter einem Pflaumenbaum stehend (HC)

Mann und Frau, unter einem Pflaumenbaum stehend (TB)

SauErde. Geschichten vom Lande (TB)

Spiel mir ein Lied. Geschichten von der Liebe (TB)

Und unsere Gesichter, mein Herz, vergänglich wie Fotos. (TB)

Wegzeichnung (HC)

 

   

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