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Mascha Kaléko - die Großstadtdichterin
Zum
30. Todestag von Mascha
Kaléko am 21.01.2005
In vielen Lexika, literarischen Nachschlagwerken
und Gedichtsammlungen sucht man vergebens den
Namen Mascha Kaléko. Ihr Name zählt
leider nicht zu den bekanntesten, wenn deutsche
Lyrikerinnen genannt werden. Und doch war sie
das schreibende Fräuleinwunder der 30-er
Jahre, sie war die poetische Expertin für
Sehnsucht und das kleine Glück. Für
ein "paar leuchtende Jahre" war sie
der Liebling der Berliner.
Mascha
Kaléko wird am 7. Juni 1907 als Golda Malka
Aufen in Schydlow/Galizien geboren. Sie ist die
älteste Tochter jüdischer Eltern, eines
russischen Vaters und einer österreichischen
Mutter. Später wird sie sich Mascha Engel
nennen. 1914 wandert die Familie nach Deutschland
aus; zuerst nach Frankfurt am Main, wo Mascha
bis 1916 die Volksschule besucht. Dann zieht die
Mutter mit ihren beiden Töchtern Mascha und
Lea nach Marburg und nach dem Ende des Ersten
Weltkrieges nach Berlin. Mascha ist gerade 14 Jahre
und fühlt sich als Fremdling in der großen
Stadt. 1925 beginnt sie eine Sekretärinnenausbildung,
doch der sture Achtstundentag, dem sie sich unterwerfen
muss, ist ihr ein Gräuel. Neben der Büroarbeit
schreibt sie Gedichte und belegt Abendkurse an
der Hochschule und Universität. 1928 heiratet
sie den sieben Jahre älteren Philologen Saul
Kaléko, von dem sie sich zehn Jahre später
wieder trennt.
Mascha Kaléko findet rasch Anschluss an
die Berliner Boheme. Im "Romanischen Cafe",
dem Treffpunkt der Literaten, Maler und Schauspieler,
trifft sie Tucholsky, Ringelnatz, Klabund und
Kästner. 1929 werden ihre ersten Gedichte
veröffentlicht und ein Jahr später wird
Monty Jacobs, Redakteur der berühmten "Vossischen
Zeitung", auf das junge Talent aufmerksam.
Hier und im "Berliner Tageblatt" erscheinen
nun regelmäßig ihre Gedichte unter
dem Motto "Berichte vom Alltag für den
Alltag". Keine moderne Lyrik sondern Gedichte
über das Leben der kleinen Leute. Mascha
Kaléko wird rasch zu einer literarischen
Berühmtheit.
Im Januar 1933 erscheint das "Lyrische Stenogrammheft",
dessen erste Auflage schnell vergriffen ist. Doch
bereits im Mai landet der Gedichtband auf dem
Scheiterhaufen der Nazis und Mascha Kaléko
erhält Schreibverbot. Der Verleger Ernst
Rowohlt wagt 1935 eine Neuauflage und ein zweites
Buch, das "Kleine Lesebuch für Große".
Die Verse und Kurzgeschichten daraus werden später
in das "Lyrische Stenogrammheft" übernommen.
1938 emigriert die junge Autorin mit ihrem zweiten
Mann Chemjo Vinaver und dem ge-meinsamen Sohn
Steven nach New York. Der Verlust von Heimat,
Kultur und Muttersprache trifft sie schwer, Krankheit
und Einsamkeit bestimmen die Exiljahre. Von ein
paar Kindergedichten abgesehen verstummt ihre
poetische Produktion, denn ihr Emigrantenschicksal
entzieht sich dem sprachlichen Ausdruck.
Vergessen
und arm folgt sie 1960 ihrem Mann nach Jerusalem,
wo sie jedoch in Isolation lebt. Schwere Schicksalsschläge
zerstören ihren Lebenswillen immer mehr;
1968 und 1973 sterben nacheinander ihr Sohn und
der Ehemann. 1974 keimt noch einmal Lebenshoffnung
auf und sie unternimmt im Spätsommer 1974
eine Europa-Reise und gibt in Berlin einen Vortragsabend.
Doch am 21. Januar 1975 stirbt sie auf der Rückreise
in einem Zürcher Spital.
In
Deutschland ist es auch nach dem Zweiten Weltkrieg
noch lange still um die Heimatlose, erst 1956
werden ihre Gedichte wieder veröffentlicht.
Als sie 1959 den Fontane-Preis wegen der SS-Vergangenheit
eines Jury-Mitgliedes ablehnt und ein Jahr später
ihr Verleger Ernst Rowohlt stirbt, ist ein Comeback
für Jahre ausgeschlossen, und so fehlen ihre
Verse fast zwei Jahrzehnte im deutschen Buchhandel.
Seit Jahren bemüht sich nun der Deutsche
Taschenbuch Verlag um ihr Werk. Die renommierte
Kaléko-Kennerin Gisela Zoch-Westphal, die
den Nachlass der Dichterin betreut, hat neben
den bekannten Gedichtbänden auch alle nachgelassenen
und bisher unveröffentlichten Gedichte zusammengetragen
und sie mit biographischen Zeugnissen aus Briefen
und Dokumenten veröffentlicht.
Mascha
Kaléko, die häufig vergessene Dichterin,
schrieb keine elitäre Literatur, sondern
"Gebrauchspoesie" für jedermann,
Alltags- und Beziehungsgedichte mit einer eigentümlichen
Mischung aus Melancholie und Ironie. Die zierliche
Person mit den schwermütigen Augen, die häufig
als "weiblicher Kästner" bezeichnet
wurde, und ihre einfühlsamen Gedichte gehören
wohl zum Besten, was die deutsche Lyrik in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgebracht
hat. Anlass genug, 2005 ihren 30. Todestag und
2007 ihren 100. Geburtstag würdig zu begehen,
am besten mit der Lektüre ihrer eindringlichen
Verse.
(©
2005 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)
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