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Autoren-Portrait/-Biografie - Bibliografie


Rafael Alberti

geb.

16.12.1902
in
Puerto de Santa Maria
(Spanien)

gest.

28.10.1999
in
Puerto de Santa Maria
(Spanien)

„"Ich habe jahrelang nach Spanien geseufzt".“


zum 100. Geburtstag von Rafael Alberti

In der hinteren Reihe in meinem Bücherschrank befindet sich ein Dutzend Taschenbücher, so als müssten sie vor Staub und bleichendem Sonnenlicht geschützt werden. Es sind fast ausschließlich alte Reclambände aus meiner Jugendzeit. Darunter ein schmales Lyrik-Bändchen mit nicht einmal hundert Seiten: "Rafael Alberti - In der Morgenfrühe der Levkoje". Die Gedichte des spanischen Dichters haben neben Brecht, Heine und Bachmann meine jugendliche Lyrikbegeisterung geprägt.

Rafael Alberti wurde am 16. Dezember 1902 als Sohn einer aus Italien eingewanderten Weinhändlerfamilie in dem kleinen Fischerhafen Puerto de Santa Maria, nahe der südspanischen Hafenstadt Cadix, geboren. Mit dem besonderen Blau des Meeres, dem Weiß der Salinen, dem atlantischen Wind und den Sanddünen blieb dieser Landstrich der immer wiederkehrende Sehnsuchtsort für sein ganzes Leben. Wenn nicht Stierkämpfer, so wollte er doch wenigstens Künstler werden. Den Beruf des Malers strebte er mehrere Jahre ernsthaft an, auch mit ersten Erfolgen. Ein schweres Lungenleiden setzte seinem malerischen Schaffen jedoch ein Ende und zwang ihn zur Kur in die Berge der Sierra de Guadarrama. Hier im Binnenland, brannte die Sehnsucht nach Andalusien, nach Sonne und Meer. Als er nach fünf Jahren zurückkehrte, war er ein Dichter, der seinen ersten Gedichtband "Matrose an Land" (1925) mitbrachte. Unerwartet erhielt er dafür den Nationalen Literaturpreis.

Die Gedichte des Zweiundzwanzigjährigen begeistern durch ihre Formensprache, die das spanische Volkslied aufgreift, durch ihre Stimmung und Anmut. Albertis italienische Ab-kunft und seine Liebe zur Malerei werden in den zarten Versen sichtbar. Der frühe Erfolg öffnete Alberti manche Tür. Er ist damals vielen spanischen Künstlern (Dali, Picasso u.a.) begegnet und eine enge Freundschaft, aber auch Rivalität, verband ihn mit dem bekannten Dramatiker und andalusischen Landsmann Federico Garcia Lorca. In rascher Folge entstanden weitere Gedichtausgaben, so "Die Geliebte" (1925), "In der Morgenfrühe der Levkoje" (1926) und "Kalk und Gesang" (1927). Gegen Ende des Jahres 1929 erschien sein bedeutendster surrealistischer Gedichtband "Über die Engel". Die Veröffentlichung wurde zu einem großen Ereignis in der damaligen literarischen Welt. Das Buch gilt heute noch als Meilenstein in der Entwicklung der spanischen Poesie und als ein Gipfelpunkt der Lyrik des 20. Jahrhunderts.

Ein erneuter Ausbruch der Krankheit, eine unglückliche leidenschaftliche Liebe und die tägliche Desillusionierung in einer Welt ohne Glauben und Nächstenliebe stürzten Alberti in eine schwere Lebenskrise. Hinzu kamen die Fragwürdigkeit einer Zukunft ohne Beruf und materielle Misere. Aus dieser Ausweglosigkeit führte ihn ein starkes politisches En-gagement heraus. Schon 1930 trat er der KP Spaniens bei. Seine lyrische Sprache wurde scharf und bekam politischen Inhalt. Während des Spanischen Bürgerkrieges wurde Alberti zum "Dichter auf der Straße". Es entstanden Dichtungen, die sich mit mitreißenden Worten an die Kämpfer und gegen das Militär und die Aristokraten wandten. Alberti war zur Kultfigur der Linken geworden, vor allem in den lateinischen Ländern.

Nach der Niederlage des antifaschistischen Kampfes ging Alberti ins Exil nach Argenti-nien. Es ist eine bitter lange Zeit, in der er jedoch neue große lyrische Werke schafft. Da ersteht, getragen von Sehnsucht und Trauer, der Gedichtzyklus "Erinnerungen". Die Gedichte sind ein unentwegtes Lauschen in die Ferne, nach der spanischen Heimat und nach den Jugendfreunden. Als er nach 1963 auch in Argentinien nicht mehr erwünscht war, wich er nach Italien aus. Nach 39 Exiljahren kehrte Alberti dann am 25. Mai 1977 in das inzwischen demokratische Spanien zurück.

"Ich war 24 Jahre in Argentinien und über 15 Jahre in Italien, ich hatte nie geglaubt, dass ich nicht mehr nach Spanien zurückkönnte. Als Mitdreißiger bin ich gegangen, mit fünf-undsiebzig zurückgekehrt. Das ist schrecklich. Selbst wenn man ein Land nur für fünf oder sechs Jahre verlässt, verliert man am Ende die Vorstellung, die man von ihm hatte ... Ich bin zurückgekehrt, weil ich nicht anders konnte; ich habe jahrelang nach Spanien geseufzt."

Das Land ehrte seinen berühmten Sohn mit zahlreichen Literaturpreisen, doch vieles war zu spät. So lehnte er die Mitgliedschaft in der Königlich Spanischen Akademie ab. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil hat er vorwiegend an seinen Erinnerungen weitergearbeitet. Sie gelten als eine der schönsten Dichter-Autobiografien unserer Zeit.

Am 28. Oktober 1999 war Rafael Alberti im Alter von sechsundneunzig Jahren in seiner andalusischen Geburtsstadt El Puerto de Santa Maria gestorben. "Er sei ein bemerkens-werter Dichter gewesen, der ein Werk voller Inspiration, Engagement und Schönheit ge-schaffen habe", hieß es in der Kondolenzbotschaft des spanischen Königspaars.

Rafael Alberti war zweifellos ein grosser Dichter. Neben Bertolt Brecht und Pablo Neruda gehörte er zu den großen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert, keiner von ih-nen erhielt den Literaturnobelpreis - alle drei waren Kommunisten. Sein besonderes Talent lag in der Vielfalt der ihm zur Verfügung stehenden poetischen Mittel. Seine wort- und bildgewaltigen Gedichte sind Werke eines tief Wissenden, der das Geheimnis der Sprache und ihre magische Kraft wunderbar gemeistert hat. Heimat, Liebe, die Jahreszeiten, der Alltag und die Kunst - das waren seine Themen. Und immer wieder die Erinnerung:

Eines Tages vielleicht, sicherlich, jemand wird
meiner sich erinnern und denken, wie doch fern ich bin,
und sagen, was ich sagen würde, wär ich zurückgekehrt




(© 2004 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)

Bibliografie -
Eine Auswahl seiner Bücher:

Zwischen Nelke und Schwert : Gedichte (TB)

Der Verlorene Hain (HC)

Ich war ein Dummkopf, und was ich gesehen habe, hat mich zu zwei Dummköpfen gemacht (TB)

Über die Engel (HC)

 

   

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