Ein fast vergessener Bestseller-Autor
Zum
50. Todestag von Theodor Plievier am 12.03.2005
Wenn von deutscher Antikriegsliteratur zwischen
den beiden Weltkriegen die Rede ist, werden meist
Im Westen nichts Neues (1929), der Welterfolg
von Erich Maria Remarque, und der autobiographische
Roman Krieg (1928) von Ludwig Renn genannt.
Zur gleichen Zeit erschien das Erstlingswerk eines
Schriftstellers, dessen Name heute weitgehend
in Vergessenheit geraten ist: der Tatsachenroman
Des Kaisers Kulis von Theodor Plievier,
in dem der Autor die mörderische Wirklichkeit
des Ersten Weltkrieges, besonders auf den Schiffen
Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II., schilderte.
Der Roman der deutschen Kriegsflotte,
wie das Buch im Untertitel heißt, wurde auf Anhieb
so ein internationaler Erfolg, dass Plievier ihn
für das Theater umarbeitete. Bereits im August
1930 hatte diese Bühnenfassung unter der Regie
von Erwin Piscator am Berliner Lessing-Theater
Premiere. Das Stück wurde als „deutscher Potemkin“
begrüßt. Innerhalb von zwei Jahren erschien das
„Heldenlied der ausgebeuteten und geschundenen
Kulis“ in achtzehn Übersetzungen. „Das erschütternste
Buch der gesamten Kriegsliteratur“, lobte
die Kritik in höchsten Tönen.
Theodor Plievier, der am 12. Februar 1892 geboren
wurde, entstammte einer Weddinger Arbeiterfamilie
und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. 1909
brach er eine Stukkateur-Lehre ab und begab sich
als 17-jähriger auf Wanderschaft quer durch Europa.
Er fuhr als Matrose nach Australien und Südamerika,
diente bei der Kriegsmarine auf dem Hilfskreuzer
„Wolf“ und beteiligte sich 1917 aktiv am Matrosenaufstand
in Wilhelmshaven und gründete den anarchistischen
„Verlag der Zwölf“. Nach dem Krieg war er zunächst
Gelegenheitsarbeiter, ehe er ab 1924 als Journalist,
Übersetzer und freier Schriftsteller in Berlin
lebte. Er stand der Kommunistischen Partei nahe
und trat 1928 dem „Bund proletarischer Schriftsteller“
bei. 1930 erreichte er mit seinem schon erwähnten
Debüt Des Kaisers Kulis einen Riesenerfolg.
Gewidmet ist der Roman den beiden Matrosen Albin
Köbis und Max Reichpietsch, die als Anführer des
Wilhelmshavener Matrosenaufstandes von der kaiserlichen
Admiralität hingerichtet wurden. In dieser literarischen
Abrechnung mit dem Krieg gab Plievier den schweigenden
und missbrauchten Opfern eine Stimme. Sie waren,
verführt von einer chauvinistischen Propaganda,
gläubig für Vaterland und Kaiser in die Schlachten
vor Helgoland, auf der Doggerbank und vom Skagerrak
gezogen.
„Kriegskulis, 105.000 Stück! Der letzte geniale
Funke ist über dem Skagerrak erloschen. Panzersprenggranaten
– wenn sie Wände durchschlagen und im Innern der
Schiffe krepieren, zerreißen sie lebenswichtige
Organe. Panzerbrocken! Fließende Lava! Menschenleiber
sind grau aufzischender Dreck.“ Mit schonungsloser
Offenheit schilderte der Autor die Himmelfahrtskommandos,
fällt wütend über die menschenverachtende Admiralität
her, die Schiffe retten will, dafür aber Mannschaften
opfert. Bis sich die Betrogenen im November 1918
schließlich weigern, weiterhin einen sinnlosen
Heldentod zu sterben, und die rote Fahne hissen.
In seinem zweiten, ebenfalls erfolgreichen Tatsachenroman
Der Kaiser ging, die Generäle blieben,
der 1932 erschien, setzte sich Plievier mit dem
Scheitern der Novemberrevolution 1918 auseinander.
Kurz nach dem Reichstagsbrand musste er in die
Tschechoslowakei emigrieren und im Mai 1933 wurden
seine Bücher öffentlich verbrannt. Ein Jahr später
nahm man ihm sogar die deutsche Staatsbürgerschaft.
Plievier emigrierte weiter über die Schweiz, Frankreich
und Schweden in die Sowjetunion. Im September
1934 war er Teilnehmer am Ersten Unionskongress
der Sowjetschriftsteller in Moskau, zu dessen
Gästen auch Klaus Mann, Oskar Maria Graf, Friedrich
Wolf und Willi Bredel gehörten.
Als Moskauer Emigrant konnte er 1943 die Überlebenden
der 6. Armee in Gefangenenlagern interviewen.
Aus diesen Zeugenaussagen, aus Feldpostbriefen
und Tagebüchern entstand 1945 sein dokumentarischer
Anti-Kriegsroman Stalingrad. Diese schonungslose
Beschreibung der Schlacht und des Versagens der
militärischen Führung war nicht nur eine politische
und moralische Abrechnung mit dem Größenwahn und
der Menschenverachtung des Hitlerregimes, sondern
auch ein entschiedenes Plädoyer für den Frieden
und ein Appell gegen das Vergessen. Der millionenfache
Erfolg des Buches war vor allem ein Verdienst
des Verlegers Ernst Rowohlt, der Plieviers Stalingrad
unmittelbar nach Kriegsende in einem preiswerten
Romanheft veröffentlichte.
Theodor Plievier, der mit der Roten Armee nach
Deutschland zurückgekehrt war, wurde zunächst
Verlagsleiter in Weimar. 1947 brach er jedoch
mit dem Sowjetsystem und ging in den Westen nach
Wallhausen am Bodensee. In den folgenden Jahren
entstanden die Romane Moskau (1952) und
Berlin (1954), die gemeinsam mit Stalingrad
eine Romantrilogie und realistische Chronik des
deutschen Zusammenbruchs bildeten. Sie waren jedoch
durch die Loslösung von kommunistischen Positionen
geprägt, worauf man ihn im Osten der Abkehr der
revolutionären Vergangenheit und des Antikommunismus
bezichtigte. Seit 1953 lebte Plievier in der Schweiz,
wo er am 12. März 1955 in Avegno starb.
Theodor Plievier, der sich selbst als deutscher
Zola sah, ist wohl ein typisch deutsches Künstlerschicksal
im 20. Jahrhundert: linker Schriftsteller
mit internationalem Erfolg, von den Nazis ins
Exil getrieben, von Ost-Berlin hofiert und dann
in ganz Deutschland totgeschwiegen. Und so sucht
der interessierte Leser auch im Gedenkjahr des
50. Todestages fast vergeblich im Buchhandel nach
seinen Werken. Allein im Audio-Verlag gibt es
eine beklemmende Hörspielfassung seines Bestsellers
Stalingrad.
(©
2005 Manfred Orlick für all-around-new-books.de) |