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Autoren-Portrait/-Biografie - Bibliografie


  

Theodor Plievier

geb.

12.02.1892
Berlin (Dtschl.)

gest.

12.03.1955
Avegno (Schweiz)

Ein fast vergessener Bestseller-Autor


Zum 50. Todestag von Theodor Plievier am 12.03.2005

Wenn von deutscher Antikriegsliteratur zwischen den beiden Weltkriegen die Rede ist, werden meist Im Westen nichts Neues (1929), der Welterfolg von Erich Maria Remarque, und der autobiographische Roman Krieg (1928) von Ludwig Renn genannt. Zur gleichen Zeit erschien das Erstlingswerk eines Schriftstellers, dessen Name heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: der Tatsachenroman Des Kaisers Kulis von Theodor Plievier, in dem der Autor die mörderische Wirklichkeit des Ersten Weltkrieges, besonders auf den Schiffen Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II., schilderte.

Der Roman der deutschen Kriegsflotte, wie das Buch im Untertitel heißt, wurde auf Anhieb so ein internationaler Erfolg, dass Plievier ihn für das Theater umarbeitete. Bereits im August 1930 hatte diese Bühnenfassung unter der Regie von Erwin Piscator am Berliner Lessing-Theater Premiere. Das Stück wurde als „deutscher Potemkin“ begrüßt. Innerhalb von zwei Jahren erschien das „Heldenlied der ausgebeuteten und geschundenen Kulis“ in achtzehn Übersetzungen. „Das erschütternste Buch der gesamten Kriegsliteratur“, lobte die Kritik in höchsten Tönen.

Theodor Plievier, der am 12. Februar 1892 geboren wurde, entstammte einer Weddinger Arbeiterfamilie und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. 1909 brach er eine Stukkateur-Lehre ab und begab sich als 17-jähriger auf Wanderschaft quer durch Europa. Er fuhr als Matrose nach Australien und Südamerika, diente bei der Kriegsmarine auf dem Hilfskreuzer „Wolf“ und beteiligte sich 1917 aktiv am Matrosenaufstand in Wilhelmshaven und gründete den anarchistischen „Verlag der Zwölf“. Nach dem Krieg war er zunächst Gelegenheitsarbeiter, ehe er ab 1924 als Journalist, Übersetzer und freier Schriftsteller in Berlin lebte. Er stand der Kommunistischen Partei nahe und trat 1928 dem „Bund proletarischer Schriftsteller“ bei. 1930 erreichte er mit seinem schon erwähnten Debüt Des Kaisers Kulis einen Riesenerfolg. Gewidmet ist der Roman den beiden Matrosen Albin Köbis und Max Reichpietsch, die als Anführer des Wilhelmshavener Matrosenaufstandes von der kaiserlichen Admiralität hingerichtet wurden. In dieser literarischen Abrechnung mit dem Krieg gab Plievier den schweigenden und missbrauchten Opfern eine Stimme. Sie waren, verführt von einer chauvinistischen Propaganda, gläubig für Vaterland und Kaiser in die Schlachten vor Helgoland, auf der Doggerbank und vom Skagerrak gezogen.

„Kriegskulis, 105.000 Stück! Der letzte geniale Funke ist über dem Skagerrak erloschen. Panzersprenggranaten – wenn sie Wände durchschlagen und im Innern der Schiffe krepieren, zerreißen sie lebenswichtige Organe. Panzerbrocken! Fließende Lava! Menschenleiber sind grau aufzischender Dreck.“ Mit schonungsloser Offenheit schilderte der Autor die Himmelfahrtskommandos, fällt wütend über die menschenverachtende Admiralität her, die Schiffe retten will, dafür aber Mannschaften opfert. Bis sich die Betrogenen im November 1918 schließlich weigern, weiterhin einen sinnlosen Heldentod zu sterben, und die rote Fahne hissen.

In seinem zweiten, ebenfalls erfolgreichen Tatsachenroman Der Kaiser ging, die Generäle blieben, der 1932 erschien, setzte sich Plievier mit dem Scheitern der Novemberrevolution 1918 auseinander. Kurz nach dem Reichstagsbrand musste er in die Tschechoslowakei emigrieren und im Mai 1933 wurden seine Bücher öffentlich verbrannt. Ein Jahr später nahm man ihm sogar die deutsche Staatsbürgerschaft. Plievier emigrierte weiter über die Schweiz, Frankreich und Schweden in die Sowjetunion. Im September 1934 war er Teilnehmer am Ersten Unionskongress der Sowjetschriftsteller in Moskau, zu dessen Gästen auch Klaus Mann, Oskar Maria Graf, Friedrich Wolf und Willi Bredel gehörten.

Als Moskauer Emigrant konnte er 1943 die Überlebenden der 6. Armee in Gefangenenlagern interviewen. Aus diesen Zeugenaussagen, aus Feldpostbriefen und Tagebüchern entstand 1945 sein dokumentarischer Anti-Kriegsroman Stalingrad. Diese schonungslose Beschreibung der Schlacht und des Versagens der militärischen Führung war nicht nur eine politische und moralische Abrechnung mit dem Größenwahn und der Menschenverachtung des Hitlerregimes, sondern auch ein entschiedenes Plädoyer für den Frieden und ein Appell gegen das Vergessen. Der millionenfache Erfolg des Buches war vor allem ein Verdienst des Verlegers Ernst Rowohlt, der Plieviers Stalingrad unmittelbar nach Kriegsende in einem preiswerten Romanheft veröffentlichte.

Theodor Plievier, der mit der Roten Armee nach Deutschland zurückgekehrt war, wurde zunächst Verlagsleiter in Weimar. 1947 brach er jedoch mit dem Sowjetsystem und ging in den Westen nach Wallhausen am Bodensee. In den folgenden Jahren entstanden die Romane Moskau (1952) und Berlin (1954), die gemeinsam mit Stalingrad eine Romantrilogie und realistische Chronik des deutschen Zusammenbruchs bildeten. Sie waren jedoch durch die Loslösung von kommunistischen Positionen geprägt, worauf man ihn im Osten der Abkehr der revolutionären Vergangenheit und des Antikommunismus bezichtigte. Seit 1953 lebte Plievier in der Schweiz, wo er am 12. März 1955 in Avegno starb.

Theodor Plievier, der sich selbst als deutscher Zola sah, ist wohl ein typisch deutsches Künstlerschicksal im 20. Jahrhundert: linker Schriftsteller mit internationalem Erfolg, von den Nazis ins Exil getrieben, von Ost-Berlin hofiert und dann in ganz Deutschland totgeschwiegen. Und so sucht der interessierte Leser auch im Gedenkjahr des 50. Todestages fast vergeblich im Buchhandel nach seinen Werken. Allein im Audio-Verlag gibt es eine beklemmende Hörspielfassung seines Bestsellers Stalingrad.

(© 2005 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)

Bibliografie -
Eine Auswahl seiner Bücher:

Moskau (HC)

Stalingrad (Sondereinband)

Stalingrad (Audio-CD)

 

   

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