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Autoren-Portrait/-Biografie - Bibliografie


Tschingis Aitmatow

geb.

12.12.1928
Scheker (Kirgisien)

 

"Die schönste Liebesgeschichte ..."


zum 75. Geburtstag von Tschingis Aitmatow

Jeder Schüler, der irgendwann einmal zu DDR-Zeiten die Schulbank gedrückt hat, kennt sie, die Erzählung Djamila des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow. Meist ist es aber keine liebevolle Erinnerung an die einstige Pflichtlektüre. Wie bei anderen literarischen Werken haben uns die Deutschlehrer mit ihren Interpretationen diese Erzählung, die in fast jeder Schülergeneration Aufsatzthema war, verleidet. "Erläutern Sie ... Begründen Sie", das war meist Grund genug, das Buch später selten wieder zur Hand zu nehmen. Um so erstaunlicher war es, dass Aitmatow in der DDR einer der gefragtesten Autoren war, ja vor der Wende zu einem Hoffnungsträger wurde. Dies verdankte der Perestroika-Anhänger vor allem seinem Roman Die Richtstatt, der zur Vorwendezeit zum "ostdeutschen Bestseller", (oder wie es früher hieß) zur Bückware wurde. In der Theaterfassung Zeit der Wölfe von Ulrich Plenzdorf wurde das Prosawerk 1989 in Berlin (Volksbühne) und Potsdam uraufgeführt.

Aitmatow wurde als ältestes von vier Kindern am 12. Dezember 1928 im nordkirgisischen Ail (Dorf) Scheker geboren. Dank seiner Großmutter wuchs er zweisprachig (Russisch und Kirgisisch) auf, die ihn auch mit dem reichen Schatz an Märchen, alten Liedern und Dichtungen seiner Heimat vertraut machte. "Wahrscheinlich impfte sie mir die Liebe zur Muttersprache ein." 1935 bis 1937 lebte die Familie in Moskau, wo Aitmatows Vater Opfer der stalinistischen Säuberungen wurde. Dieses Thema griff er später oft in seinen Bü-chern auf. Die Familie floh nach Kirgisien zurück, wo sie unter ärmlichsten Verhältnissen lebte. "Damals begann für mich die wahre Schule des Lebens mit all ihren Komplikatio-nen", schrieb Aitmatow einmal später über diese Zeit. Während des Krieges war er als Halbwüchsiger Sekretär des Dorfsowjets. Nach dem Krieg studierte er an der Techni-schen Hochschule in Dshambula Veterinärmedizin, anschließend arbeitete er drei Jahre als leitender Mitarbeiter an einer Versuchsfarm des Kirgisischen Forschungsinstituts für Viehzucht. Nebenbei übersetzte er mehrere Bücher vom Russischen ins Kirgisische.

Schon früh begann Aitmatow kleinere Erzählungen und Artikel selbst zu schreiben und nach ersten Veröffentlichungen erhielt er 1956 eine Delegation an das Moskauer Gorki-Literatur-Institut. 1957 wurde er Mitglied im Sowjetischen Schriftstellerverband. Die Ausbildung zum Schriftsteller beendete Aitmatow 1958 mit der Novelle Djamila - seiner Dip-lomarbeit und seinem ersten Welterfolg. Die schönste Liebesgeschichte der Welt, so hat sie einmal der französische Schriftsteller Louis Aragon bezeichnet. Djamila ist die Schwägerin des Erzählers und ihr Mann ist wenige Monate nach der Hochzeit in den Krieg gezogen. Zwischen ihr und Dunijar, einem schweigsamen und etwas sonderbaren Mann, beginnt eine Liebe, die unfassbar und verboten ist. Djamila kämpft gegen altüberlieferte Moralvorstellungen und verwirklicht mutig ihre Glücksansprüche gegen die Vorurteile der Umwelt. Steppenlandschaft, alte Bräuche, Planwirtschaft und Krieg - für Aitmatow keine Kulisse, sondern Bestandteil dieser sanftmütigen Liebesgeschichte.

In seinen beiden folgenden Erzählungen Der erste Lehrer und Goldspur der Garben beschreibt er die schwierige Zeit und die Opfer seines kirgisischen Volkes in den Kriegsjahren. So muss der ehemalige Soldat Düischen aus dem Nichts eine Schule aufbauen und er beginnt zu unterrichten, obschon er nicht sehr viel mehr kann als seine Schüler. Mit Abschied von Gülsary (1966) geht Aitmatow endgültig in die große Literatur seines Landes und der Welt ein. Es ist die einfühlsame Geschichte des Hirten Tanabai und seines Prachtpferdes Gülsary, die ein Leben lang alles geteilt haben. Die letzte Fahrt der beiden ist eine Rückschau auf ihre gemeinsamen Siege und Niederlagen, ihre Sehnsüchte und Enttäuschungen.

1970 erscheint Der weiße Dampfer; dieses Buch beschreibt das Leben eines kleinen Junges, der von seinem Großvater großgezogen wird und ihn mit den Sagen und Mythen seines Landes vertraut macht. Der weiße Dampfer ist für den Jungen ein Symbol der inneren Freiheit und der Geborgenheit. Die Wiederbegegnung ehemaliger Schul- und Kriegskameraden schildert Aitmatow in dem Drama Aufstieg auf den Fudschijama (1973). Der Roman Der Tag zieht den Jahrhundertweg (1981) verknüpft eine alte kasachische Legende von einem unbewussten Muttermord mit den dramatischen Ereignissen einer amerikanisch-russischen Weltraummission.
In Richtstatt (1986) und Kassandramal (1994) beschäftigte den kirgisischen Autor die bedrängende Frage nach der Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Um-weltzerstörung und aktuelle Gegenwartsprobleme der Umbruchgesellschaft waren in den letzten Jahren für ihn wichtige Themen geworden. In seinem letzten Buch Kindheit in Kirgisien erzählt er von einer Jugend, die ebenso reich wie schwer war.

Aitmatow erhielt eine Vielzahl von Preisen und hatte eine Fülle von Partei- und Staatsämtern inne. Seit 1966 war er Abgeordneter des Obersten Sowjets. Er war Vorstands-mitglied des sowjetischen Schriftstellerverbandes und saß ab 1985 im ZK der KP Kirgisiens. Auch international war er Mitglied in verschiedenen Gremien: so in der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Paris) und in der Weltakademie der Wissenschaften und Künste. 1989 wird er Berater von Michail Gorbatschov und geht 1990 als Botschafter der UdSSR nach Luxemburg. Heute ist Aitmatow, der die Republik Kirgistan in Brüssel vertritt, allerdings aus dem öffentlichen Leben des neuen Russland fast völlig verschwunden. Seine treuesten Leser hat er weiterhin in Deutschland, wobei sich der Unionsverlag Zürich um sein Gesamtwerk verdient macht

Aitmatows Werk mit seiner farbigen, bilderreichen Sprache ist angesiedelt im exotischen Raum der schneebedeckten kirgisischen Bergwelt oder der unendlichen Weiten der kasa-chischen Steppe. Jeder ehrliche Künstler hat die Pflicht, dem Menschen beständig, unermüdlich und unbeirrbar bewusst zu machen, wer er ist. Ihn und sich selbst daran zu erinnern, auf dass wir ja nicht vergessen: Wir sind Menschen, Brüder im Geist- das ist das literarische Credo von Tschingis Aitmatow. Dieser hohe Anspruch und sein 75. Geburtstag sollten Anlass sein, sein poesievolles Prosawerk wieder einmal zu lesen - trotz unserer Schulerinnerungen.
(Veröffentlichung in der "KIPPE", Die Leipziger Straßenzeitung, Nr. 87, 12/2003 - 01/2004, S. 11)

(© 2004 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)

Bibliografie -
Eine Auswahl seiner Bücher:

Dshamilja (TB)

Der erste Lehrer (HC)

Kindheit in Kirgisien (TB)

Liebesgeschichten (TB)

Liebeserklärung an den blauen Planeten (TB)

UT, Nr.13, Der Richtplatz (TB)

UT, Nr.76, Die Träume der Wölfin (TB)

Frühe Kraniche (TB)

Der Junge und das Meer (TB)

Ein Tag länger als ein Leben (TB)

Du meine Pappel im roten Kopftuch (TB)

Der weiße Dampfer (TB)

 

   

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