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Inhalt:
Alles begann ganz harmlos:
Eine versäumte Medizin-Klausur, eine kleine Lüge, die größere
nach sich zog, und der Student Jean-Claude Romand kam aus
dem Tritt. Um den schalen Geschmack seiner Erfolglosigkeit
zu kaschieren, entwickelte er ein Doppelleben: Jahre später
glaubte jeder in dem zweifachen Vater einen Arzt der Weltgesundheitsorganisation
zu sehen. Nach außen ein gelungenes Leben, aber nichts war
echt. Schließlich treibt die unablässige Mimikry ihn in die
Ecke, er löscht seine Familie aus und will sich selber richten:
Amok.
Die Abgründigkeit dieser
Geschichte scheint von Dostojewskij zu stammen, und doch hat
sie sich 1993 in einem kleinen französischen Ort an der Schweizer
Grenze zugetragen. Vor aller Augen entspannte sich eine Tragödie
und niemand, nicht einmal die Ehefrau, hatte nur das geringste
geahnt. War da kein Spalt im Leben? Diese Frage ließ Emmanuel
Carrère nicht los. Wie hypnotisiert entdeckte er einen Schwindel
erregenden Albtraum von Lüge und Wahrheit, Verdrängung
und Mimikry und bannte ihn in eine kristalline Sprache. Es
gibt viele dieser Fälle, und fast nie haben wir eine Chance,
hinter die Geschichten zu schauen. Doch Carrère gelingt es
- mit Distanz und psychologischem Gespür entdeckt er uns die
Innenwelt einer gigantischen Lüge, die unausweichlich tragisch
endete.
(©
2001 S. Fischer Verlag)
Fazit:
1993 tötete Jean-Claude Romand nicht nur seine Eltern,
sondern auch seine Frau und seine beiden kleinen Kinder. Er
selbst überlebte seinen Selbstmordversuch. Verständnislosigkeit
macht sich breit - in der Bevölkerung und ganz besonders
bei seinen "Freunden" und Bekannten.
Emmanuel Carrère will
mehr wissen, ist entsetzt und neugierig zugleich. Er vermutet,
dass die Tat "weder die eines gewöhnlichen Verbrechers
noch die eines Wahnsinnigen, sondern eher die eines Menschen,
der zum Äußersten getrieben wurde" ist. Es
ist ihm wichtig, das Wirken dieser Kräfte herauszufinden.
Und so tritt er mit dem Täter, der zugleich ein Opfer
ist, zunächst in regen Briefkontakt und begibt sich auf
die Spuren eines Doppellebens. Fast minutiös rekonstruiert
er das Leben Romands - von seiner Geburt bis zur schrecklichen
Tat.
Was
Carrières Bericht so unendlich interessant macht, ist
die Tatsache, dass er nie eine Wertung dessen vornimmt, was
er entdeckt. Diese Wertung überlässt er vollkommen
dem Leser, bei dem sich unweigerlich an einigen Stellen im
Text Gänsehaut ausbreiten mag. Er zeigt einen hochintelligenten
Menschen, der, geprägt durch eine Kindheit, die jede
Menge Ecken und Kanten hatte und tiefe Wunden hinterließ,
es nicht vermochte, weder aus eigener Kraft noch mit Hilfe
von anderen auf den richtigen Weg zu gelangen und seinem Leben
einen Sinn zugeben. Ein Mensch, der das Vertrauen in sich
und die Menschen selbst verlor und im Grunde nur geliebt,
beachtet werden wollte.
Wäre
dies nicht eine wahre Begebenheit, so müsste man Carrère
loben für seine Brillanz, ein seelisches Innenleben so
gekonnt - ohne Effekthascherei - in eine entsetzliche Geschichte
zu integrieren. So muss man ihn loben für seinen brillanten
Blick in eine verlorene Menschenseele, ein Blick, der nicht
für eine Entschuldigung der Tat plädiert, sondern
kleinsten Details Bedeutung schenkt und damit aufzeigt, dass
es für Romand keinen anderen Ausweg geben konnte. Ein
sehr beeindruckendes Buch!
(©
2001 Evelyn Schaust-Weber)
Weitere
Rezension:
"Und ich dachte, dass diese Geschichte niederzuschreiben
nur ein Verbrechen sein kann oder ein Gebet". So beschließt
der 1957 geborene Autor sein letztes Kapitel, offenbart damit
einen religiösen Hintergrund, den man nach den vorangegangenen
Seiten nicht erwartet hätte, und lädt so zum erneuten
Lesen ein.
Was also erfährt man
beim Lesen? Ein junger Mann möchte gesellschaftlich anerkannt
werden, versäumt aber die erste Prüfung während
seines Medizinstudiums; der Phantasie des Lesers bleibt überlassen,
ob der Wecker nicht klingelte oder (absichtlich?) überhört
wurde. Aus diesem banalen Fakt entwickelt sich eine zu kurze
Lebensgeschichte, die dem Nichthelden Jean-Claude ein Ende
im Gefängnis beschert. Auf dem Wege dorthin spielt er
seiner Familie, Freunden und Bekannten und auch sich selbst
mit Lügen und Täuschung vor, „es geschafft“
zu haben als Arzt in einer internationalen Organisation. Als
die Lügen und Tricks nicht mehr reichen, den Schein zu
wahren, sieht er den Ausweg nur in der Tötung seiner
Familie. Dass sein anschließender Selbstmord-versuch
nicht gelingt, macht die strafrechtliche Sanktion erst möglich,
die dem Autor Rahmen für die Gedanken um das Scheitern
des menschlichen Charakters an seiner Umgebung ist.
Eine Identifizierung mit
den Nichthelden des Buches wird vom Autor nicht erleichtert,
und so bleiben die Gefühle des Lesers während der
Lektüre wenig berührt. Vielmehr tritt der Berichtcharakter
der Erzählung stark hervor und lässt es zu, dass
der Leser darüber nachdenkt, wie wahrhaftig er selbst
mit Erwartungen seiner Umwelt umgehen mag. Hier erweist sich
Carrères Werk als empfehlens-werte Literatur: Es zeigt
an menschlichem Schicksal auf, womit der Mensch zu kämpfen
hat und was letztlich seine Maßstäbe sein können.
Dem Rezensenten ging die thematische Verwandschaft mit Max
Frischs „Homo Faber“ nicht mehr aus dem Sinn.
Für traditionsbewusste
Leser sei vermerkt, dass der Satz nach der reformierten Rechtschreibung
erfolgte, wobei nur ein Satz-/Recht-schreibfehler („Kilomter“
statt „Kilometer“) auffiel. Bleibt lobend zu erwähnen,
dass das Büchlein sauber verarbeitet ist und durch angenehmes
Papier und Lesebändchen auch eine sinnliche Leseerfahrung
von vielleicht 3 Stunden beschert.
(©
2003 M. Titz für all-around-new-books.de)
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