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Jetzt bestellen: "Amok" von Emmanuel Carrère


Die Original-
ausgabe erschien 2000 unter dem Titel
"L'Adversaire".






 

Roman/Erzählung

Amok

Autor: Emmanuel Carrère
Aus dem Französischen von Irmengard Gabler

gebunden mit Schutzumschlag, 185 Seiten
erschienen: 2001
S. Fischer
ISBN: 3-10-010220-7
Preis: 18,00 Euro
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Inhalt:
Alles begann ganz harmlos: Eine versäumte Medizin-Klausur, eine kleine Lüge, die größere nach sich zog, und der Student Jean-Claude Romand kam aus dem Tritt. Um den schalen Geschmack seiner Erfolglosigkeit zu kaschieren, entwickelte er ein Doppelleben: Jahre später glaubte jeder in dem zweifachen Vater einen Arzt der Weltgesundheitsorganisation zu sehen. Nach außen ein gelungenes Leben, aber nichts war echt. Schließlich treibt die unablässige Mimikry ihn in die Ecke, er löscht seine Familie aus und will sich selber richten: Amok.

Die Abgründigkeit dieser Geschichte scheint von Dostojewskij zu stammen, und doch hat sie sich 1993 in einem kleinen französischen Ort an der Schweizer Grenze zugetragen. Vor aller Augen entspannte sich eine Tragödie und niemand, nicht einmal die Ehefrau, hatte nur das geringste geahnt. War da kein Spalt im Leben? Diese Frage ließ Emmanuel Carrère nicht los. Wie hypnotisiert entdeckte er einen Schwindel erregenden Albtraum von Lüge und Wahrheit, Verdrängung und Mimikry und bannte ihn in eine kristalline Sprache. Es gibt viele dieser Fälle, und fast nie haben wir eine Chance, hinter die Geschichten zu schauen. Doch Carrère gelingt es - mit Distanz und psychologischem Gespür entdeckt er uns die Innenwelt einer gigantischen Lüge, die unausweichlich tragisch endete.

(© 2001 S. Fischer Verlag)

Fazit:
1993 tötete Jean-Claude Romand nicht nur seine Eltern, sondern auch seine Frau und seine beiden kleinen Kinder. Er selbst überlebte seinen Selbstmordversuch. Verständnislosigkeit macht sich breit - in der Bevölkerung und ganz besonders bei seinen "Freunden" und Bekannten.

Emmanuel Carrère will mehr wissen, ist entsetzt und neugierig zugleich. Er vermutet, dass die Tat "weder die eines gewöhnlichen Verbrechers noch die eines Wahnsinnigen, sondern eher die eines Menschen, der zum Äußersten getrieben wurde" ist. Es ist ihm wichtig, das Wirken dieser Kräfte herauszufinden. Und so tritt er mit dem Täter, der zugleich ein Opfer ist, zunächst in regen Briefkontakt und begibt sich auf die Spuren eines Doppellebens. Fast minutiös rekonstruiert er das Leben Romands - von seiner Geburt bis zur schrecklichen Tat.

Was Carrières Bericht so unendlich interessant macht, ist die Tatsache, dass er nie eine Wertung dessen vornimmt, was er entdeckt. Diese Wertung überlässt er vollkommen dem Leser, bei dem sich unweigerlich an einigen Stellen im Text Gänsehaut ausbreiten mag. Er zeigt einen hochintelligenten Menschen, der, geprägt durch eine Kindheit, die jede Menge Ecken und Kanten hatte und tiefe Wunden hinterließ, es nicht vermochte, weder aus eigener Kraft noch mit Hilfe von anderen auf den richtigen Weg zu gelangen und seinem Leben einen Sinn zugeben. Ein Mensch, der das Vertrauen in sich und die Menschen selbst verlor und im Grunde nur geliebt, beachtet werden wollte.

Wäre dies nicht eine wahre Begebenheit, so müsste man Carrère loben für seine Brillanz, ein seelisches Innenleben so gekonnt - ohne Effekthascherei - in eine entsetzliche Geschichte zu integrieren. So muss man ihn loben für seinen brillanten Blick in eine verlorene Menschenseele, ein Blick, der nicht für eine Entschuldigung der Tat plädiert, sondern kleinsten Details Bedeutung schenkt und damit aufzeigt, dass es für Romand keinen anderen Ausweg geben konnte. Ein sehr beeindruckendes Buch!

(© 2001 Evelyn Schaust-Weber)

Weitere Rezension:
"Und ich dachte, dass diese Geschichte niederzuschreiben nur ein Verbrechen sein kann oder ein Gebet". So beschließt der 1957 geborene Autor sein letztes Kapitel, offenbart damit einen religiösen Hintergrund, den man nach den vorangegangenen Seiten nicht erwartet hätte, und lädt so zum erneuten Lesen ein.

Was also erfährt man beim Lesen? Ein junger Mann möchte gesellschaftlich anerkannt werden, versäumt aber die erste Prüfung während seines Medizinstudiums; der Phantasie des Lesers bleibt überlassen, ob der Wecker nicht klingelte oder (absichtlich?) überhört wurde. Aus diesem banalen Fakt entwickelt sich eine zu kurze Lebensgeschichte, die dem Nichthelden Jean-Claude ein Ende im Gefängnis beschert. Auf dem Wege dorthin spielt er seiner Familie, Freunden und Bekannten und auch sich selbst mit Lügen und Täuschung vor, „es geschafft“ zu haben als Arzt in einer internationalen Organisation. Als die Lügen und Tricks nicht mehr reichen, den Schein zu wahren, sieht er den Ausweg nur in der Tötung seiner Familie. Dass sein anschließender Selbstmord-versuch nicht gelingt, macht die strafrechtliche Sanktion erst möglich, die dem Autor Rahmen für die Gedanken um das Scheitern des menschlichen Charakters an seiner Umgebung ist.

Eine Identifizierung mit den Nichthelden des Buches wird vom Autor nicht erleichtert, und so bleiben die Gefühle des Lesers während der Lektüre wenig berührt. Vielmehr tritt der Berichtcharakter der Erzählung stark hervor und lässt es zu, dass der Leser darüber nachdenkt, wie wahrhaftig er selbst mit Erwartungen seiner Umwelt umgehen mag. Hier erweist sich Carrères Werk als empfehlens-werte Literatur: Es zeigt an menschlichem Schicksal auf, womit der Mensch zu kämpfen hat und was letztlich seine Maßstäbe sein können. Dem Rezensenten ging die thematische Verwandschaft mit Max Frischs „Homo Faber“ nicht mehr aus dem Sinn.

Für traditionsbewusste Leser sei vermerkt, dass der Satz nach der reformierten Rechtschreibung erfolgte, wobei nur ein Satz-/Recht-schreibfehler („Kilomter“ statt „Kilometer“) auffiel. Bleibt lobend zu erwähnen, dass das Büchlein sauber verarbeitet ist und durch angenehmes Papier und Lesebändchen auch eine sinnliche Leseerfahrung von vielleicht 3 Stunden beschert.

(© 2003 M. Titz für all-around-new-books.de)

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