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Roman/Erzählung

Jessica, 30.

Autorin: Marlene Streeruwitz

gebunden, 255 Seiten
erschienen: April 2004
S. Fischer
ISBN: 3100744276
Preis: 18,90 Euro
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Verlagsinfo:
Eigentlich ist alles bestens. Jessica sieht gut aus, ist jung und intelligent, ein Muster der Generation Golf Zwei. Eigentlich sollte sie nur mit vielen one night stands experimentieren, die sie dann am nächsten Tag mit ihren Freundinnen bespricht. Doch dann erfährt sie die Politik am eigenen Leib und aus "Sex and the City" wird ein C-movie und der Neoliberalismus erotisiert auf Dauer auch nicht. Aber Jessica hat Gegenstrategien: Sie beschließt, ihren Körper zu privatisieren, und lässt die Täter nicht stillschweigend davonkommen.
Jessica Somner - 30 Jahre alt, Kulturwissenschaftlerin, Single - ist die hinreißende Heldin dieser Geschichte, die man sich zur Freundin wünscht. Ihr innerer Monolog ein irrwitzig literarisches Abenteuer von Marlene Streeruwitz
.

(© 2004 S. Fischer Verlag)


Fazit:

Irgendwann Anfang der 90-er Jahre muss es gewesen sein, als Studierende der Geisteswissenschaften ihre Semesterferien nicht mehr nur für Urlaub, Seminararbeiten und Jobben nutzten, sondern Praktika absolvierten. Die Cleveren hatten erkannt, und es sich von den Natur- und Wirtschaftswissenschaften abgeschaut, wer mit Fächern der „brotlosen Kunst“ einen der heiß begehrten Plätze in Verlagen oder bei Zeitungen, Magazinen, beim Fernsehen oder Hörfunk ergattern wollte, der brauchte mehr als nur gute Noten, Auslandserfahrung, Sprachkenntnisse und vielleicht sogar noch eine Promotion – der brauchte Praxiserfahrung, den ersten Zeh in einer der Türen. Nun, eine Dekade später ist daraus längst eine florierende kostenlose Personalquelle für die Medienbranche im weitesten Sinne geworden. Und natürlich reicht es nicht mehr, nur ein Praktikums-Zeugnis in seinen Bewerbungsunterlagen vorweisen zu können. Wer beispielsweise im Journalismus reüssieren will, der sollte schon in allen Sparten zu Hause sein – das Einmaleins von Print, Hörfunk und Fernsehen kennen und natürlich aus dem Efef beherrschen. Der Gipfel der Unverschämtheit ist längst erreicht, denn ohne Vorkenntnisse – will heißen erste Praktika – ist die Bewerbung um manch Praktikum aussichtslos. Fragt sich, wie das gehen soll, wenn keiner den Anfang machen will – ohne Ei keine Henne ohne Henne kein Ei?

In dieses Wespennest der modernen Ausbeutung sticht nun die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz mit ihrem kürzlich erschienenen Roman Jessica, 30. Und wie immer geht die Autorin dabei nicht nur thematisch eigene Wege, sie findet auch die passende Sprache, die passende Perspektive. Was liegt näher, als den Kampf um ein perfektes Aussehen in einer über Äußerlichkeiten – die Oberfläche – sich definierenden Gesellschaft, den Kampf um den beruflichen Einstieg – um das Leben einer heute 30-jährigen eben besser „mitzuerleben“, adäquat zu erzählen als über den inneren Monolog? Jessica, 30 ist denn ein über 255 Seiten sich erstreckender Satz, der durch keinen einzigen Punkt oder einen Absatz unterbrochen wird und sich immerhin in drei Kapitel gliedert. Der Text ist ein einziger Leserausch, bei dem man absichtsvoll erst am Ende zum Atemholen und Verweilen kommt. In einem Zeitalter, in dem Gigabytes, Nanosekunden, Internet und Handy den Takt bestimmen, kommt kein Geist zum Stillstand, der versucht, Teil der „Community“ zu werden.

Und dabei sind die Bedürfnisse der Jessica Somner, so der Name der Protagonistin, nahezu archaische: Sie sehnt sich nach einem geregelten Einkommen, nach Verbindlichkeiten und Verlässlichkeiten mit ihren Mitmenschen. All dies scheint in der modernen Multioptionsgesellschaft mit permanentem Job-, Wohnort- und Partner-Hobbing nicht mehr möglich. Oder wie es die Autorin selbst formuliert: „Die 30-jährigen sind jünger geworden, sowohl im Aussehen – eine erstaunliche Frische, die sich hier ausbreitet, auf der anderen Seite hängen aber diese Frauen sehr viel noch in den Ausbildungsspiralen, die diese Gesellschaft auslegt. Sind immer noch in irgendeinem Postgraduate oder in irgendeiner Ausbildung ... Die Kinderfrage ist vielfach ungelöst, die Partner sind genauso flüchtig wie eh und je, sie sind netter, aber die sind genauso flüchtig und Verantwortung wird nicht unbedingt in der Form gestellt, wie wir uns das träumen würden.“

Wo sonst überflutet uns also das eigene Leben mehr als bei einer der Fitnessübungen, die uns den Astralleib erhalten oder gar erst bescheren sollen? Jessica Somner, 30, freie Journalistin, studierte Kulturwissenschaftlerin mit Auslandserfahrung und Doktorrat, hat das Joggen ihrer Ansicht nach bitter nötig, denn während einer nächtlichen Fressattacke hat sie einen ganzen Familienbecher Marple Walnut-Eis verputzt und ein dementsprechend schlechtes Gewissen. Es ist dies kein Lauf zu sich selbst, wie das schon einmal ein Politiker propagierte, sondern der Kampf gegen den inneren sportlichen Schweinehund, um beim angesagten Mainstream Schritt halten zu können. Wie schafft Jessica es, in die Redaktion einer der neuen Frauenzeitschriften hineinzukommen oder doch wenigstens sich ihre Ideen nicht nur klauen zu lassen, sondern selbst die Autorin zu sein? Die Finten der Gesellschaft, die Menschen zu benutzen ohne sie teilhaben zu lassen, sind vielfältig und der Leser erhält einen kleinen Einblick in die Mechanismen, die nie so speziell daherkommen, dass sie sich nicht auf andere Berufsfelder übertragen ließen. Das Beispiel Journalismus ist deshalb so gut gewählt und eingängig, da wir selbst zwar nicht in der Produktion stecken, aber von morgens bis abends als Teil der Informationsgesellschaft am Tropf der News hängen. Worauf wir uns dabei einlassen, wie fundiert das Gedruckte wirklich ist, das zeigt uns u.a. ganz nebenbei dieser Roman.

Doch nicht nur im Beruflichen ist Jessica noch nicht angekommen, auch privat befindet sie sich noch immer nur in einer Affäre mit einem Staatssekretär, keiner festen, zukunftsfähigen Beziehung. Statt guter Kontakte, die sie beispielsweise beruflich weiterbringen könnten, ist diese Liaison von Heimlichtuerei und Zufälligkeit geprägt. Gerhard Hollitzer, ÖVP-Staatssekretär für Zukunfts- und Entwicklungsfragen der blau-schwarzen Regierung, kommt, wann er will, und das meist irgendwann in der Nacht. Dann will er mit Jessica essen und natürlich Sex haben. Was zunächst während eines Kanzlerheurigen als One-night-Stand begann, hat sich mittlerweile zu einer schwierigen Beziehung entwickelt, in der sich Jessica benutzt und hintergangen fühlt. Zudem hat sie von perversen Sexualpraktiken ihres Geliebten erfahren, denen sie selbst während der „Recherche“ zum Opfer fällt. Das Blatt wendet sich, als ihr eine brisante Geschichte in die Hände fällt, bei der ihr Liebhaber während einer Regierungsklausur slowakische Prostituierte eingeschleust haben soll. Nun hat sie die Chance auf wirklich investigativen Journalismus, denn es ist für sie keine Frage, Gerhard auffliegen lassen zu wollen, auch wenn sie sich fragt, warum „der Weg zur aufgeklärten Frau mit dem Verlust der weiblichen Subversion verbunden“ ist. Mit der Geschichte in der Tasche eröffnet sich ein kleiner Silberstreif am Horizont, der aber nur im Ausland möglich ist, denn in der österreichischen, konservativen Gesellschaft sind längst alle Teil der Doppelmoral.

Das Buch übt nicht nur mit bloßer Abbildung Kritik an etwas, wie eine wohl sich zu sehr angesprochen fühlende Rezensentin der FAS konstatierte. Auch ist es keine Ansammlung von Plattitüden und Klischees – vielleicht besteht das Leben der meisten nur mehr aus solchen Plattitüden und Klischees und wir merken es bloß nicht oder wollen es gar nicht wahrhaben? Es ist die subtile Frage über einen 255-seitigen Gedankenstrom: Wie kommen wir aus diesem neoliberalistischen Strudel heraus, der alle Risiken an die einzelnen Personen delegiert, die sich permanent in mehr und mehr Abhängigkeiten befinden? Marlene Streeruwitz ist ein „Kolportage-Realismus“ gelungen, der trotz Reflexion noch kein wirkliches Entrinnen kennt. Erst wenn die – vor allem finanzielle – Abhängigkeit von den Erzeugern auch noch gelungen ist und an diese Stelle nicht das Sozialamt oder der Konformismus getreten sind, dann ist „Rettung“ in Sicht. Womöglich sogar für die ganze Welt, denn die Themen der Marlene Streeruwitz in Jessica, 30 sind keine ausschließlich nestbeschmutzenden, nur die österreichische Gesellschaft betreffenden – hier agiert sie modernistisch global: Monika Lewinsky, der Skandal um die Misswahlen, das Unglück von Kaprun, die Edok-Affäre, die Flöte spielende Ministerin Benita Ferrero-Waldner, Haider und Schüssel, die Pensionsreform und auch der Raub der Saliera – alle diese „Skandale“ spricht sie in allgemeingültiger, souveräner Weise an.

So ist das Buch – mit Jean Améry gesprochen – „ein im dialektischen Verstande radikal negatives ... es ist zugleich aber auch negativ im alltagssprachlichen Sinne, da es kein Bild einer künftigen Gesellschaft vor uns entrollt, keine Utopie entwirft und sein Prinzip Hoffnung sich nur durch die Hoffnung auf den revolutionären Befreiungsakt rechtfertigt“. Nicht auszudenken, welchen Crash es verursachte, gingen alle Praktikanten auch nur für eine Woche in Streik oder legten offen, wie weit ihre Chefs das Arbeitsfeld bisweilen fassen. Fast hätte darüber schon einmal ein Staatsmann sein Amt verloren.

(© 2004 Ivonn Kappel für all-around-new-books.de)

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