| Verlagsinfo:
Eigentlich ist alles
bestens. Jessica sieht gut aus, ist jung und intelligent,
ein Muster der Generation Golf Zwei. Eigentlich sollte sie
nur mit vielen one night stands experimentieren, die sie dann
am nächsten Tag mit ihren Freundinnen bespricht. Doch
dann erfährt sie die Politik am eigenen Leib und aus
"Sex and the City" wird ein C-movie und der Neoliberalismus
erotisiert auf Dauer auch nicht. Aber Jessica hat Gegenstrategien:
Sie beschließt, ihren Körper zu privatisieren,
und lässt die Täter nicht stillschweigend davonkommen.
Jessica Somner - 30 Jahre alt, Kulturwissenschaftlerin, Single
- ist die hinreißende Heldin dieser Geschichte, die
man sich zur Freundin wünscht. Ihr innerer Monolog ein
irrwitzig literarisches Abenteuer von Marlene Streeruwitz.
(©
2004
S. Fischer Verlag)
Fazit:
Irgendwann Anfang der 90-er
Jahre muss es gewesen sein, als Studierende der Geisteswissenschaften
ihre Semesterferien nicht mehr nur für Urlaub, Seminararbeiten
und Jobben nutzten, sondern Praktika absolvierten. Die Cleveren
hatten erkannt, und es sich von den Natur- und Wirtschaftswissenschaften
abgeschaut, wer mit Fächern der „brotlosen Kunst“
einen der heiß begehrten Plätze in Verlagen oder
bei Zeitungen, Magazinen, beim Fernsehen oder Hörfunk
ergattern wollte, der brauchte mehr als nur gute Noten, Auslandserfahrung,
Sprachkenntnisse und vielleicht sogar noch eine Promotion
– der brauchte Praxiserfahrung, den ersten Zeh in einer
der Türen. Nun, eine Dekade später ist daraus längst
eine florierende kostenlose Personalquelle für die Medienbranche
im weitesten Sinne geworden. Und natürlich reicht es
nicht mehr, nur ein Praktikums-Zeugnis in seinen Bewerbungsunterlagen
vorweisen zu können. Wer beispielsweise im Journalismus
reüssieren will, der sollte schon in allen Sparten zu
Hause sein – das Einmaleins von Print, Hörfunk
und Fernsehen kennen und natürlich aus dem Efef beherrschen.
Der Gipfel der Unverschämtheit ist längst erreicht,
denn ohne Vorkenntnisse – will heißen erste Praktika
– ist die Bewerbung um manch Praktikum aussichtslos.
Fragt sich, wie das gehen soll, wenn keiner den Anfang machen
will – ohne Ei keine Henne ohne Henne kein Ei?
In dieses Wespennest der modernen
Ausbeutung sticht nun die österreichische Autorin Marlene
Streeruwitz mit ihrem kürzlich erschienenen Roman Jessica,
30. Und wie immer geht die Autorin dabei nicht nur thematisch
eigene Wege, sie findet auch die passende Sprache, die passende
Perspektive. Was liegt näher, als den Kampf um ein perfektes
Aussehen in einer über Äußerlichkeiten –
die Oberfläche – sich definierenden Gesellschaft,
den Kampf um den beruflichen Einstieg – um das Leben
einer heute 30-jährigen eben besser „mitzuerleben“,
adäquat zu erzählen als über den inneren Monolog?
Jessica, 30 ist denn ein über 255 Seiten sich
erstreckender Satz, der durch keinen einzigen Punkt oder einen
Absatz unterbrochen wird und sich immerhin in drei Kapitel
gliedert. Der Text ist ein einziger Leserausch, bei dem man
absichtsvoll erst am Ende zum Atemholen und Verweilen kommt.
In einem Zeitalter, in dem Gigabytes, Nanosekunden, Internet
und Handy den Takt bestimmen, kommt kein Geist zum Stillstand,
der versucht, Teil der „Community“ zu werden.
Und dabei sind die Bedürfnisse
der Jessica Somner, so der Name der Protagonistin, nahezu
archaische: Sie sehnt sich nach einem geregelten Einkommen,
nach Verbindlichkeiten und Verlässlichkeiten mit ihren
Mitmenschen. All dies scheint in der modernen Multioptionsgesellschaft
mit permanentem Job-, Wohnort- und Partner-Hobbing nicht mehr
möglich. Oder wie es die Autorin selbst formuliert: „Die
30-jährigen sind jünger geworden, sowohl im Aussehen
– eine erstaunliche Frische, die sich hier ausbreitet,
auf der anderen Seite hängen aber diese Frauen sehr viel
noch in den Ausbildungsspiralen, die diese Gesellschaft auslegt.
Sind immer noch in irgendeinem Postgraduate oder in irgendeiner
Ausbildung ... Die Kinderfrage ist vielfach ungelöst,
die Partner sind genauso flüchtig wie eh und je, sie
sind netter, aber die sind genauso flüchtig und Verantwortung
wird nicht unbedingt in der Form gestellt, wie wir uns das
träumen würden.“
Wo sonst überflutet uns
also das eigene Leben mehr als bei einer der Fitnessübungen,
die uns den Astralleib erhalten oder gar erst bescheren sollen?
Jessica Somner, 30, freie Journalistin, studierte Kulturwissenschaftlerin
mit Auslandserfahrung und Doktorrat, hat das Joggen ihrer
Ansicht nach bitter nötig, denn während einer nächtlichen
Fressattacke hat sie einen ganzen Familienbecher Marple Walnut-Eis
verputzt und ein dementsprechend schlechtes Gewissen. Es ist
dies kein Lauf zu sich selbst, wie das schon einmal ein Politiker
propagierte, sondern der Kampf gegen den inneren sportlichen
Schweinehund, um beim angesagten Mainstream Schritt halten
zu können. Wie schafft Jessica es, in die Redaktion einer
der neuen Frauenzeitschriften hineinzukommen oder doch wenigstens
sich ihre Ideen nicht nur klauen zu lassen, sondern selbst
die Autorin zu sein? Die Finten der Gesellschaft, die Menschen
zu benutzen ohne sie teilhaben zu lassen, sind vielfältig
und der Leser erhält einen kleinen Einblick in die Mechanismen,
die nie so speziell daherkommen, dass sie sich nicht auf andere
Berufsfelder übertragen ließen. Das Beispiel Journalismus
ist deshalb so gut gewählt und eingängig, da wir
selbst zwar nicht in der Produktion stecken, aber von morgens
bis abends als Teil der Informationsgesellschaft am Tropf
der News hängen. Worauf wir uns dabei einlassen, wie
fundiert das Gedruckte wirklich ist, das zeigt uns u.a. ganz
nebenbei dieser Roman.
Doch nicht nur im Beruflichen ist Jessica
noch nicht angekommen, auch privat befindet sie sich noch
immer nur in einer Affäre mit einem Staatssekretär,
keiner festen, zukunftsfähigen Beziehung. Statt guter
Kontakte, die sie beispielsweise beruflich weiterbringen könnten,
ist diese Liaison von Heimlichtuerei und Zufälligkeit
geprägt. Gerhard Hollitzer, ÖVP-Staatssekretär
für Zukunfts- und Entwicklungsfragen der blau-schwarzen
Regierung, kommt, wann er will, und das meist irgendwann in
der Nacht. Dann will er mit Jessica essen und natürlich
Sex haben. Was zunächst während eines Kanzlerheurigen
als One-night-Stand begann, hat sich mittlerweile zu einer
schwierigen Beziehung entwickelt, in der sich Jessica benutzt
und hintergangen fühlt. Zudem hat sie von perversen Sexualpraktiken
ihres Geliebten erfahren, denen sie selbst während der
„Recherche“ zum Opfer fällt. Das Blatt wendet
sich, als ihr eine brisante Geschichte in die Hände fällt,
bei der ihr Liebhaber während einer Regierungsklausur
slowakische Prostituierte eingeschleust haben soll. Nun hat
sie die Chance auf wirklich investigativen Journalismus, denn
es ist für sie keine Frage, Gerhard auffliegen lassen
zu wollen, auch wenn sie sich fragt, warum „der Weg
zur aufgeklärten Frau mit dem Verlust der weiblichen
Subversion verbunden“ ist. Mit der Geschichte in der
Tasche eröffnet sich ein kleiner Silberstreif am Horizont,
der aber nur im Ausland möglich ist, denn in der österreichischen,
konservativen Gesellschaft sind längst alle Teil der
Doppelmoral.
Das Buch übt nicht nur
mit bloßer Abbildung Kritik an etwas, wie eine wohl
sich zu sehr angesprochen fühlende Rezensentin der FAS
konstatierte. Auch ist es keine Ansammlung von Plattitüden
und Klischees – vielleicht besteht das Leben der meisten
nur mehr aus solchen Plattitüden und Klischees und wir
merken es bloß nicht oder wollen es gar nicht wahrhaben?
Es ist die subtile Frage über einen 255-seitigen Gedankenstrom:
Wie kommen wir aus diesem neoliberalistischen Strudel heraus,
der alle Risiken an die einzelnen Personen delegiert, die
sich permanent in mehr und mehr Abhängigkeiten befinden?
Marlene Streeruwitz ist ein „Kolportage-Realismus“
gelungen, der trotz Reflexion noch kein wirkliches Entrinnen
kennt. Erst wenn die – vor allem finanzielle –
Abhängigkeit von den Erzeugern auch noch gelungen ist
und an diese Stelle nicht das Sozialamt oder der Konformismus
getreten sind, dann ist „Rettung“ in Sicht. Womöglich
sogar für die ganze Welt, denn die Themen der Marlene
Streeruwitz in Jessica, 30 sind keine ausschließlich
nestbeschmutzenden, nur die österreichische Gesellschaft
betreffenden – hier agiert sie modernistisch global:
Monika Lewinsky, der Skandal um die Misswahlen, das Unglück
von Kaprun, die Edok-Affäre, die Flöte spielende
Ministerin Benita Ferrero-Waldner, Haider und Schüssel,
die Pensionsreform und auch der Raub der Saliera – alle
diese „Skandale“ spricht sie in allgemeingültiger,
souveräner Weise an.
So ist das Buch – mit
Jean Améry gesprochen – „ein im dialektischen
Verstande radikal negatives ... es ist zugleich aber auch
negativ im alltagssprachlichen Sinne, da es kein Bild einer
künftigen Gesellschaft vor uns entrollt, keine Utopie
entwirft und sein Prinzip Hoffnung sich nur durch die Hoffnung
auf den revolutionären Befreiungsakt rechtfertigt“.
Nicht auszudenken, welchen Crash es verursachte, gingen alle
Praktikanten auch nur für eine Woche in Streik oder legten
offen, wie weit ihre Chefs das Arbeitsfeld bisweilen fassen.
Fast hätte darüber schon einmal ein Staatsmann sein
Amt verloren.
(©
2004 Ivonn Kappel für all-around-new-books.de)
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