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Science Fiction/Fantasy

Memoiren der Zukunft
Deutschland 2050 - ein Rückblick

Autor: Herbert Kremp

Taschenbuch, 358 Seiten
erschienen: Dezember 2003
BoD
ISBN: 3-8334-0228-8
Preis: 19,90 Euro

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Inhalt:
Ein Zukunfts-Roman für Nervenstarke und für solche, die Ironie für eine Klarsichtbrille halten.

Der junge Musikwissenschaftler und Slawist Björn Salde, geboren 2019 in Hamburg, hat einen Krisen-Start. Die EU war eine Scheinblüte aus dem Geiste der Bürokratie. Deutschland ist wirtschaftlich heruntergekommen. Reformversuche, mit guten Vorsätzen begonnen, sind gescheitert.

In ihrer Verzweiflung verfällt die politische Klasse auf die Idee, die Schuld an der Misere nicht ihrem Versagen, sondern der in die Ferne gerückten dunklen deutschen Vergangenheit anzulasten. Nach einer Kette von Alten-Pogromen und der Flucht des Staatspersonals geht Deutschland 2029 in die Verwaltung der Zentralen Europäischen Television in Luxemburg über.

Hoffnung kommt von den drei Millionen Turkmenen, die seit 2023 in den verlassenen Gebieten Sachsen-Anhalts ein Gemeinwesen mit neuen, fast schon wieder preußisch anmutenden Gesellschaftsformen aufbauen. Björn Salde, für seine Zeit ein fast gefährlicher Einzelgänger, Elite-Zögling der Luxemburger Verwaltungsbehörde, wird 2047 Inspekteur der Turkmenengebiete. Von diesem florierenden Zentrum aus versucht er Deutschland zu beleben und unter riskanten Voraussetzungen neu zu vereinigen. Wie er das macht und wie die deutschen Turkmenen es machen, wird den Leser überraschen.

Für die Welt von 2050 wirft dies gewisse Probleme auf. Wer könnte schon leugnen, dass sich das Leben stark verändert hat? Der Globalismus funktioniert nicht mehr. Wenige Regionalgroßmächte, auf sich konzentriert und einander belauernd, teilen sich in die alte Erde. Die größte Gefahr stellen staatsfreie Planetary Industrial-and-Knowledge-Players, gewaltige Produktions- und Wissenskonzerne dar. Sie neigen zur unfreundlichen Übernahme ganzer Staats- und Wirtschaftsbereiche.

Die USA haben sich hispanisiert, im zerbrochenen China herrschen die erfolgreichen südlichen Ming, Indien bringt exzellente Online-Hinduisten hervor und Russland hat seine Erde wieder gesammelt. Afrika taucht selten auf, weil es wenig zu erzählen gibt. Die Weltkonstellation erfordert neue Bündnisse und Anlehnungen, wobei die Mischung aus Satire und Hochrechnung eines zeigt: Rückkehr zur Tradition und ein offener, unbelasteter Geist, klug vereint, bilden, wohin man auch blickt, das Gewebe der Zukunft.

(© 2003 Dr. Herbert Kremp)


Zum Autor:
Dr. Herbert Kremp (geb. 1928) ist einer der bekanntesten deutschen Journalisten mit scharfer Feder und skeptischem Verstand. Er war Chefredakteur (Rheinische Post, DIE WELT), Korrespondent in China und Südostasien während der Reformperiode Deng Xiao-pings und in Brüssel bei NATO und EU, reiste als Reporter und politischer Berichterstatter durch die Welt und schreibt heute für zahlreiche Zeitungen beachtete Kommentare. Der Historiker, Staatsrechtler und Nationalökonom (promoviert über Oswald Spengler, Arnold J. Toynbee und Max Weber) „bürstet” den Zeitgeist gegen den Strich und wagte viele Prognosen. Die Hälfte von ihnen traf ein. Das Scheitern betrachtet der Autor als Berufsrisiko.


Textauszug:


Angelpunkt der Weltpolitik ist das Wasser-Problem, das angesichts des Anwachsens der Erdbevölkerung auf 9,8 Milliarden nach dem Stand von 2043 unter die Kategorie „Unbeantwortete Herausforderung” fällt. Die Industrialisierung der Weltbereiche außerhalb Europas, Nordamerikas und der bereits um die Jahrtausendwende arrivierten Staaten Asiens und Lateinamerikas hat, zusammen mit Human-Verbrauch und landwirtschaftlicher Nutzung, den Wasserbedarf um ein Vielfaches ansteigen lassen.

Alle Appelle der Vereinten Nationen, der regionalen Staatengemeinschaften, der Weltbank und zahlloser Forschungs-Institute, eine „strategische Wasser-Partnerschaft” zu schließen, waren ungehört verhallt. Schon 2010 litten 88 Länder mit 4,3 Milliarden Bewohnern temporär unter Wassermangel. Rund ein Drittel der 214 Ströme, die durch mehr als ein Staatsgebiet führen, verloren während des Laufs an Wassermenge und Fließgeschwindigkeit. Prekär wurde die Lage vor allem für die Anrainer des Ganges, Nil, Euphrat, Tigris und an den parallelen Flusssystemen in der West-Ost-Ausdehnung Russlands. Zahlreiche Nebenflüsse sind als „episodisch” ausgewiesen, selbst in großen Strömen tritt örtlich die sogenannte Flussschwinde auf: Das Wasser versickert.

Der Verteilungskampf spitzt sich seitdem zu, weil den meisten Wasserverträgen die völkerrechtliche Verbindlichkeit fehlt. Krisen mit destabilisierenden Folgen treten in den Mega-Städten auf, unter denen man nach dem gängigen statistischen Begriff Agglomerationen von mehr als 30 Millionen Einwohnern versteht. Neben Schanghai, Bombay, Kalkutta leiden Bangkok, Mexiko-Stadt und Kairo unter akuter Wasserknappheit - pro Kopf und Jahr stehen nicht mehr als 900 Kubikmeter zur Verfügung - und unter der Verschmutzung des Liquidums mit der Folge grassierender Seuchen.

Die Millionen-Flucht aus Mexiko nach Norden und in entgegengesetzte Richtung über die zentralamerikanische Landbrücke nach Kolumbien und Venezuela ist, banal gesagt, die Durst-Wanderung einer panisch verängstigten Masse. Seit Jahrzehnten schlagen die Bewohner der Slum-Gürtel um Mexiko-City einen Brunnen neben den anderen. Das ausgewrungene Erdreich gab nach, es entstand eine Canon-Landschaft, die sich unaufhaltsam in Richtung Zentrum ausdehnte. Ganze Stadtviertel mussten geräumt werden, Millionen verloren unersetzbare Unterkünfte und Arbeitsplätze. Bangkok, das zweite Katastrophen-Beispiel, ist in den vergangenen 15 Jahren um weitere 18 Zentimeter abgesunken. Im Zentrum müssen Hochhäuser abgetragen werden, Klonks und Gemüse-Kulturen an den Rändern trocknen aus. Dank südchinesischer Hilfe konnte mit dem Neubau der Stadt Siamjing auf dem wasserreichen Khoran Plateau im Nordwesten Thailands ein großes Umsiedlungsprogramm in Angriff genommen werden.

Nahezu aussichtslos ist die Lage in Kairo. Die 34 Millionen Bewohner der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Republik müssen sich über ein System öffentlicher Wasserstellen versorgen, seit das veraltete Leitungssystem fast ein Drittel des wertvollen Inhalts auf dem Wege verlor und wegen Seuchengefahr versiegelt wurde. Riesige Kessel, Blech-Viadukte und Zapf-Armaturen wurden an die Stelle abgerissener Häuserzüge in den Seitenstraßen der großen Magistralen installiert. Ein bizarres Geflecht 75 Zentimeter dicker Rohre durchzieht in vierzehn Metern Höhe die weit nach Süden vorgedrungene Agglomeration aus Stein und Lehm, quert Häuserfronten, bohrt sich in Hügel, sogar durch Ziegel-Pyramiden aus dem Mittleren Reich (2040-1650 v. Chr.), sucht in 250 Metern Distanz von den Moscheen nach Umwegen - die radikale Gemein-schaft der Muslime hat sich längst im Lande durchgesetzt und bestimmt den „gottgefälligen” Verlauf der Versorgungs-Leitungen. Ölbetriebene Kompressoren verbreiten Tag und Nacht den Lärm und den Gestank der Hölle.

Wasserknappheit ist ein apokalyptisches Thema, so gewaltig wie unlöschbare Atom-Feuer, so verzehrend wie die Sünde. Auf der Fahrenheit-Skala der Seelen ist der Siedepunkt erreicht. Seit Jahren befiehlt die Ulama der Al-Azhar-Universität, schreit die Umma in Ägypten nach dem Jihad, dem Heiligen Krieg gegen die mehrheitlich ungläubigen Äthiopier. Die Christen dort unterdrückten die Muslime, heißt es – tatsächlich geht der Streit um das Nilwasser, das Äthiopien zu vier Fünftel kontrolliert, mitsamt der Quelle des Blauen Nils südlich des Tana-Sees. Seit dem ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende verdünnt sich sein Fluss nach Norden jenseits mächtiger Staudämme, die „der verräterische Westen'' für äthiopische Landbewässerungsprogramme finanzierte.

Proteste halfen nichts. Aber jetzt ist es so weit. Nun werden die eisernen Armeen des Propheten Addis Abeba, diese einzigartige Verletzung der Autorität Gottes inmitten des alten Afrikas, zerstören und die Herrschaftsgewalt Allahs errichten. Die Macht wird Gottes Siegel tragen, der Diktator, der die Muslime verfolgt, wird sterben. Und in der Stadt Addis Abeba werden die Luxus-Hotels und Ressorts der verkommenen Kreuzfahrer fallen. An ihrer Stelle wird das Standbild des ersten muslimischen Helden, der im Feldzug sein Leben opfert, vom Anbruch der neuen Zeit künden, genauso wie an der Niluferstraße in Kairo heute Khalid al Islambuli, der im Oktober 1981 den Pharao Sadat tötete und zum Martyrer wurde, die Verehrung der Passanten erheischt.

(Text: © Dr. Herbert Kremp)

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