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Klappentext:
"Hure" ist
die Geschichte einer exzessiv gelebten Doppelexistenz: Eine
junge Frau flieht vor der beklemmenden Enge ihres Elternhauses
in der kanadischen Provinz in die Großstadt. Dort beginnt
die Literatur-Studentin, ihr Geld als Prostituierte zu verdienen,
und steigt - schön und intelligent - zur begehrten Nobel-Hure
auf. Die Freier sind gut situierte Männer, die ihre Professoren
sein könnten oder ihre Väter. Ihnen gibt sie sich
mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination hin. Bald nicht
mehr nur wegen des Geldes, sondern um ihre Weiblichkeit zu
beweisen zwischen Macht und Unterwerfung.
Tag für Tag schlüpft
die Studentin in die Rolle von "Cynthia", der Frau
mit dem perfekten Körper, die sich der männlichen
Begierde ausliefert, im selben Maße, wie sich ihre Mutter
dieser Begierde verweigert hat.
Doch während sich die junge Frau vom verkrampften Frauenbild
ihrer Eltern emanzipiert, droht sie einem anderen zu verfallen.
Das Leben wird zum Befreiungsschlag, der so lange über
den eigenen Körper ausgefochten wird, bis "Cynthia"
ein anderes Mittel findet: die Sprache.
"Hure" ist ein atemloser
Bericht, dem man sich nicht entziehen kann, in einer Sprache
des Körpers und der Seele, die provozierend und poetisch
zugleich ist, eine literarische Herausforderung.
(©
2002 C. H. Beck Verlag)
Fazit:
Das Buch war dank Titel und Werbung ein Bestseller. Die meisten
Leser werden sich getäuscht haben. Dies ist kein pornografisches
Bekenntnisbuchà la Catherine Millet.
Hure ist eine innere Ausleuchtung im autobiografischen
Stil. Dabei erzeugt es eher eine gepflegte Langeweile, da
Nelly Arcan sich selbst genügt. Diese Frau braucht keine
Story. Sie nimmt ihre Leser mit in eine Endlosschleife von
Hass, Prostitution und dem verzweifelten Ich. Eine wütende
Introspektive öffnet sich und prasselt herab. Nelly Arcan
rechnet mit dem Vater und vor allem mit der Mutter ab. Erst
im letzten Teil des Buches kommt ab und an mal ein leises
Gefühl von Hoffnung auf. Schade ist, dass die langen,
manchmal gekonnt gesetzten Sätze es nicht schaffen, das
Buch auf eine sprachlich literarische Ebene zu retten.
Dem Roman hätte trotz
der Ich-Perspektive der Autorin etwas Zurückhaltung gut
getan. Die Autorin bezieht
den Leser manchmal fast aufdringlich ein und übernimmt
im ärgsten Fall sogar für ihn das Denken: „Zu
diesen Männern gehört auch mein Psychoanalytiker,
ich weiß genau, was die Leute mit diesem Wort verbinden,
einen alten Herrn mit Stock, der mit seinen kurzsichtigen
Augen mal von weitem, mal aus der Nähe auf seine kurzen
Notizen starrt, ...“
Am Ende bleibt die Hoffnung,
dass die gut 200-seitige Therapie des Schreibens Nelly Arcan
geholfen hat, und ihr nächstes Buch an die sprachliche
Kunstfertigkeit heranrückt, die ähnliche Werke haben,
und die hier zu selten angedeutet wird. Ihr Glück ist,
dass sie die Zeit für ein zweites Buch hat, denn sie
ist jung und hübsch. Sie wird wieder in den Bestsellerlisten
erscheinen.
Und Nelly Arcan könnte sich sogar in der Literatur etablieren,
wenn sie das Persönliche ein wenig zurückstellt,
ihre Wut kanalisiert und so stark umsetzt wie Bernhard oder
Jelinek.
Das Talent hat sie.
(©
2003 Ulf Großmann für all-around-new-books.de)
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