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Special: Sex, Erotik, Liebe & Beziehung

Sex ist doch kein Leistungssport
Sexuelle Phänomene und was dahinter steckt

Autor: Dr. Andreas Herter

Taschenbuch, 90 Seiten
erschienen: Juli 2003
Schlütersche
ISBN: 3-89993-500-4
Preis: 10,90 Euro
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Verlagsinfo:
Dr. Andreas Herter berichtet aus seinem Alltag als Therapeut und Gutachter in der Sexualtherapie sowie aus seiner wöchentlichen Sendung „Psychologe Dr. Herter – Der Doc, dem die Hörer Vertrauen!“ auf Radio ffn.

Sein Buch ist ein Wegweiser durch den Dschungel sexueller Unzulänglichkeiten. Es erklärt anhand vieler authentischer Fälle den Variationsreichtum sexueller Phänomene. Dr. Herter schreibt über sexuelle Versagensängste, Orgasmusstörungen der Frau und Entstehung von Fetischen. Er gibt konkrete Hinweise zur Ausgestaltung und Verbesserung der eigenen Sexualität. Dabei erklärt er wissenschaftliche Hintergründe so, dass sie für jeden verständlich sind. Das Buch ergänzt die Sexualberatung oder –therapie.

Im spannenden Reportagestil geschrieben, wird das Thema Sex in diesem Buch dennoch mit großer Ernsthaftigkeit dargestellt!

Aus dem Inhalt
- Was ist los in deutschen Betten?
- Die häufigsten Sexualprobleme und Lösungen
- Dahinter steckt immer ein Phänomen
- Perversion ist nicht gleich Straftat
- Kinderwunsch
- Sexuelle Funktionsstörungen
- Perverse forensische Auffälligkeiten – Sexualstraftäter
- Jetzt helfe ich mir selbst!

(© 2003 Verlag Schlütersche)


Zum Autor:
Dr. Andreas Herter ist Psychotherapeut mit eigener Praxis. Als Psychologe und Autor hat er sich im Bereich Sexualmedizin einen Namen gemacht. Er ist als Gutachter bei Gericht und Polizei tätig und regelmäßiger Referent bei der Kripo. Nach langjähriger Arbeit als Berater, Kommentator und Ansprechpartner u.a. für die BILD-Zeitung und RTL war Dr. Herter immer häufiger im Radio und Fernsehen präsent, so dass er als „Psychologe mit Brille, Bart und blauer Mütze“ zum Markenzeichen wurde. Bis Ende 2003 hatte er eine eigene Sendung bei Radio ffn, die jeden Dienstag von 21 Uhr bis Mitternacht über hunderttausend Hörer erreichte. Aus der Vielzahl der Anrufe entstand die Idee zu "Sex ist doch kein Leistungssport".
Mit anderen Büchern und Veröffentlichungen hatte sich Andreas Herter bereits einen Namen gemacht: Einerseits als Wissenschaftler, unter anderem in dem Basiswerk Sexualmedizin von Beier et. al. Andererseits mit seinen Kurzgeschichten unter dem Pseudonym Andreas Herter von der Ohe. Zitat: "Diese Unterscheidung ist mir wichtig, um zu wissen, wann ich Märchen erzähle und wann seriös die Wahrheit. Denn oftmals ist die Wahrheit so verdreht, wie sie im Märchen keiner glauben würde."
Andreas Herter entwickelte außerdem für Angstpatienten die CD Lukanico - Therapie und Sinfonie, die sich bis heute bewährt hat. Das daraus entstandene Musical war seit 1998 schon vielerorts auf Tournee.


Textauszug (aus Kapitel 1):

1 Was ist los in deutschen Betten?

Fragen will gelernt sein
Und die meisten trauen sich nicht

"Na, klappt's bei Ihnen im Bett auch nicht?" Schockiert Sie dieses Frage?
Was haben Sie sich schon an Bettgeschichten angehört: heroische Heldentaten, Don-Juan-Syndrom, Casanova-Taten und ekstatische Erlebnisse, wilde Orgien von all denen, die vor Potenz nur so strotzen und die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich über ihre Bettgeschichten zu definieren.
Wer mit wem in welchem Bett - eine Frage, die eine ganze Branche mit ihren Paparazzi unterhält! Und wir alle konsumieren diese Informationen via Frau und Herz, Herz und Krone und wie sie alle heißen, schauen uns Adelsreporte im Fernsehen an und recherchieren sogar via Internet.Selbst seriöse Nachrichtensendungen wie Heute und die Tagesschau berichten von Affären und Trennungen unserer Prominenten, von der Kurzehe zwischen Dieter Bohlen und Verena Feldbusch bis zu den unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen vollzogenen Scheidungsritualen unseres Bundeskanzlers oder seines Außenministers Fischer, der zu Beginn der ersten Legislaturperiode geschieden wurde und sich in der zweiten gerichtlich Spekulationen verbat.

Ein Brimborium ums Bett und all das, was darin passiert, bzw. was darin nicht passiert, bestätigt die These des bekannten deutschen Sexualwissenschaftlers Schorsch, der feststellte: Sexualität lauert hinter jeder Tür.
Über nichts wird mehr gesprochen, mystifiziert und gesponnen als über Bettgeschichten! Die ganze Welt schaut fasziniert zu, wenn ein amerikanischer Präsident über seine Sexualpraktiken mit Monica Lewinski berichten muss - inzwischen übrigens auch als Video erhältlich. Minutiös wird da aufgedeckt, wie und mit welchen Hilfsmitteln er was tat oder auch nicht tat. Chefankläger Starr hat alls mögliche gefragt, nur eine Frage hat er nicht gestellt: Warum hat er das getan?
Der Psychologe hingegen fragt schon. Warum muss sich jemand etwas von dritter Seite holen, das er von seinem Partner bekommen könnte? Warum trauen wir uns nicht, einfach danach zu fragen? Was ist dabei, Wünsche, Träume, Vorstellungen, Dinge, die uns sexuell erregen, mit unserem Partner zu besprechen und zu inszenieren, als eine Art kleines Schauspiel?

Halt! Stop! Merken Sie, wie bei Ihnen schon die ersten Assoziationen von Gummibekleideten mit Peitschen und Fesseln, Schnorchelmasken und Hundeketten aufkommen? Sadomaso-Praktiken - auch ein Szenario aus der Welt der Sexualität. Nein, das möchte ich erst an späterer Stelle erläutern. Ich meine ganz alltägliche, sexuelle Dinge, wie wir sie uns vielleicht wünschen; wir wissen aber nicht, wie wir diese Wünsche ausdrücken sollen.

Es gibt da die berühmte Geschichte von dem frischgebackenen Eheparr, das nach der Hochzeitsnacht am Frühstückstisch sitzt, eigentlich schon ganz gesättigt, dennoch auf das letzte Brötchen schielend und folgenden Dialog beginnend: "Wollen wir uns das letzte Brötchen teilen?" "Gerne" antwortet der Gefragte. "Obere oder untere Hälfte fur dich?" Nun beginnt es bei dem Gefragten zu rattern: Eigentlich esse ich lieber die obere Hälfte - also wird auch mein frischgebackener Ehepartner lieber die obere essen, die ich ihm von Herzen gönne. Also sage ich: „Für mich bitte die untere", um die obere and bessere aus Liebe dem anderen zu überlassen. Ein einmal eingeübtes Frage-Antwort-Spiel ritualisiert sich, wird irgendwann nicht mehr hinterfragt, die Aufteilung der Brötchenhälften ist klar definiert.
Dieselbe Szene, dasselbe Paar, 25 Jahre später. Es ist der Tag der Silberhochzeit, die gleiche Frage wird gestellt. Erstmals antwortet aber der Gefragte: „Eigentlich verzichte ich nun schon 25 Jahre auf meine obere Hälfte, well ich dich so liebe. Heute möchte ich sie zum ersten Mal haben." Ein mitleidiges Lächeln gibt es zur Antwort: "Hättest du einen Ton gesagt! Seit 25 Jahren verzichte ich aus Liebe zu dir auf meine untere Hälfte."
Eine kleine Freude, der Genuss einer Brötchenhälfte, mag uns Metapher, aber auch Beispiel dafür sein, für wie viele Kleinigkeiten wir sinnlos and unnötigerweise Opfer bringen, weil wir uns nicht trauen, unsere Wünsche zu artikulieren.

Praxisfall 1:
Das junge Paar, das hereinkommt, wirkt so gar nicht wie die anderen. Sie gehen nett miteinander um, sind aufgeschlossen, so wie man sie aus jedem Straßencafe kennt. Auf den ersten Blick ist kein Leidensdruck zu erkennen. Aber der Schein trügt.
„Also," beginnt er sich zu räuspern, "es geht eigentlich nur darum, dass meine Frau nicht so oft will wie ich."
Und schon bricht es aus ihr heraus: „Das stimmt gar nicht! Ich würde ja gerne wollen, aber nicht immer gleich alles. Und wenn man dir den kleinen Finger gibt, dann nimmst du gleich nicht nur die ganze Hand, den Arm, sondern du frisst mich quasi auf und lässt überhaupt nichts von mir übrig. Wissen Sie, Herr Doktor," beginnt sie zu schluchzen, „es ist immer dasselbe. Ich habe ihn wirklich gern and ich schlafe auch gern mit ihm. Aber dass es immer darauf hinaus läuft, das will ich eigentlich nicht. Und wenn mir nur mal einfach so nach kuscheln ist, dann habe ich Angst, dass er keine Rücksicht auf meine Gefühle nimmt und mich einfach übertölpelt. Und dann komme ich mir so schmutzig vor, so richtig vergewaltigt."
Dem Mann steht der Schrecken im Gesicht: „So hast du mir das noch nie gesagt.
„So ist es aber. Und dann noch eins, " gibt die junge Frau an, „manchmal ist es einfach die Taktfrequenz, die mir nicht gefällt. Kann man darüber nicht reden? Und du mit deinen Stellungen! Du kommst da mit irgendwelchen neumodischen Begriffen, die ich nicht verstehe. Aber das sage ich dir nicht, weil dann denkst du mal wieder, ich sei doof."
Und die Antwort kommt ziemlich bedroppelt. „Aber ich lass doch die Hefte, die ich lese, ganz offen liegen."
"Da gucke ich nicht rein. Ich hätte aber Lust, mit dir auch mal einen Porno zu sehen."
"Ehrlich gesagt, ich auch."

Anhand dieses Beispiels konnte das Paar schon nach wenigen Stunden die Gespräche wieder alleine führen. Eine gefährliche Dynamik hatte sich wie ein Gewitter am Himmel zusammengebraut, wäre nicht die Bereitschaft zum Reden entstanden. Und wie das Beispiel auch zeigt, hatte das Paar offensichtlich nur den neutralen Boden nötig, denn in diesen Dialog habe ich so gut wie gar nicht eingegriffen.

Warum fragen wir nicht? Warum können wir uns nicht eben jener Technik bedienen, die der schlampige aber dennoch minutiös denkende Fernsehinspektor anwendet? Er versteht die scheinbar einfachsten Dinge nicht und sagt dann frei heraus: „Ich habe noch mal darüber nachgedacht und auch mit meiner Frau gesprochen. Und sie hat es auch nicht verstanden. Das will mehr heißen, als wenn ich es nicht verstehe oder mein Hund. Nun ja, also frage ich noch mal: Ich verstehe nicht ganz wieso! Und warum nicht?"
Es sind so verblüffende Fragestellungen, dass der Fernsehzuschauer ihn für genial hält und sogar Psychologen eine Fragetechnik nach ihm benannt haben. Gemeint ist der Schmuddelkommissar im Trenchcoat mit abgebrannter Zigarre und verbeultem Peugeot-Cabrio aus der Fernsehserie Columbo.

Es ist interessant, wie einfach Menschen durch die naivsten Fragen aus dem Gleichgewicht gebracht werden können. Aber bitte fragen Sie nicht, um den anderen bloßzustellen, sondern einfach, um zu hinterfragen, ob ein eingeschliffenes Ritual wirklich von allen gewollt ist. Vielleicht wünscht sich Ihr Partner ja schon längst frischen Wind in Ihre Beziehung - oder sollte ich sagen: ins Bett?

Also, wenn jemand sich nicht traut, sexuelle Wünsche von seinem Partner zu erbitten, kann doch etwas mit ihm nicht stimmen. Eigentlich wird er sich doch nur dann von dritter Seite etwas holen, wenn er es von seinem Partner nicht bekommt oder sich nicht traut, ihn zu fragen.
Und da haben wir die Krux: Wir reden über alles - aber nicht über das, was wir uns erhoffen and erträumen. Wie aber kann mein Partner ahnen, was ich von ihm haben möchte, wenn ich darüber nur in Mythen spreche. Je weniger ich es angehe, umso größer wird meine Angst vor Ablehnung. Sie wird so groß und dynamisiert sich so weit, dass ich irgendwann Angst vor dieser Angst entwickle und damit einen gefährlichen Teufelskreis in Gang gesetzt habe.

(© 2003 Andreas Herter)

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