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Die Original-
ausgabe erschien 2003 unter dem Titel
"Politics"







 

Special: Sex, Erotik, Liebe & Beziehung

Strategie

Autor: Adam Thirlwell
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann

Roman
gebunden mit Schutzumschlag, 319 Seiten
erschienen: Januar 2004
S. Fischer
ISBN: 3-10-080048-6
Preis: 18,00 Euro
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Klappentext:
Moshe liebt Nana und Nana liebt Moshe. Und sie versuchen ihr bestes und alles. Aber das reicht nicht. Dann kommt Anjali hinzu. Anjali ist Nanas Freundin. Sie ist sehr schön. Zuerst küssen sich Nana und Anjali nur. Und zuerst schaut Moshe nur zu. Irgendwann sind sie zu dritt. Eine ménage à trois in der Tradition von Milan Kundera und Woody Allen beginnt. Aber so einfach, wie sie sich das alles vorgestellt haben, ist es gar nicht. Adam Thirlwell inszeniert meisterlich ein extravagantes Rollenspiel zwischen Leser, Erzähler und Protagonisten.
Spielerisch, verwegen und mit beeindruckender stilistischer Eleganz verbindet er Elemente der großen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.

(© 2004 S. Fischer Verlag)


Fazit:
Die Vorschusslorbeeren waren gewaltig: "Das Wunderkind der britischen Literatur" hat "eines der witzigsten, stilistisch elegantesten und absolut originellsten Debüts der letzten Jahre" vorgelegt, ein "vollkommen überzeugendes Buch", ein "Meisterwerk". Soweit die Beurteilungen der größten englischen Zeitungen. Der literarische Jungstar Großbritanniens heißt Adam Thirlwell und ist 25 Jahre alt. Worum geht es in dem gefeierten Werk "Strategie"? Es soll etwas mit Sex zu tun haben. Na klar, was sonst, wenn alle so jubeln?

Bei einer Theaterpremiere lernt die Architekturstudentin Nana den Schauspieler Moshe kennen. Die beiden verlieben sich, werden ein Paar. Von ihrer Liebe erfahren wir nicht sehr viel, mehr von den Bemühungen, beim Sex Liebe zu finden, was immer mehr zu einem Problem wird, da die große, schlanke, sehr hübsche Nana "keinen sehr ausgeprägten Sextrieb" hat und glaubt, ihren Partner sexuell zu enttäuschen. Die beiden probieren verschiedene Stellungen und Praktiken aus, ein erfülltes Gefühl von Liebe, Lust und Leidenschaft - von Orgasmus bei Nana ganz zu schweigen - stellt sich nicht ein. Da kommt Moshes bisexuelle Schauspielerkollegin Anjala ins Spiel. Die beiden Frauen mögen sich, schmusen ein bisschen, küssen sich. Für Nana die erste Frau. Es geht weiter: Nana, der ja Sex nicht so viel bedeutet, die aber an sich arbeitet, gelingt es, den erotischen Vulkan Anja zum Orgasmus zu bringen, was sie stolz macht und ihr selbst Befriedigung bedeutet.

Und da Männer, wie Nana glaubt, so etwas mögen, bringt sie Moshe dazu, gemeinsam eine Dreierbeziehung einzugehen. Zunächst glauben alle drei, dies sei nun die optimale Lebensform für sie: Moshe hat zwei Frauen, Anjala eine Frau und einen Mann; nur Nana, die Initiatorin, die ja auch einen Mann und eine Frau hat, bleibt, wie immer, mit schlechtem Gefühl emotional außen vor, obwohl sie alles mitmacht. Sie liebt nur Moshe, und er nur sie, doch das können sie sich nun aus Rücksicht auf Anjala nicht mehr eingestehen. Da Nana sieht, welches sexuelle Feuerwerk abgeht, wenn Moshe mit Anjala zusammen ist, beschließt sie, völlig selbstlos, sich zurückzuziehen und die beiden als Paar allein zu lassen und wieder zu ihrem kranken Vater zu ziehen.

Das war's. Das ist das Handlungsgerüst in knappen Sätzen, angereichert mit ein wenig Volkshochschulpsychologie und ganz viel detaillierten Sexbeschreibungen, die die Grenze zur Pornographie deutlich überschreiten. Darauf ist der Autor schon sehr stolz: Im Vergleich mit de Sade kommt er zu der Einschätzung: "Der Marquis de Sade war ja auch kein Experte für Sauereien. Er war zu theoretisch. Wenn es um Perversionsprosa geht, bin ich ein besserer Autor als der Marquis de Sade."

Das "Wunderkind der Literatur" benutzt bei seinem Debüt meistens knappe Hauptsätze, so dass der Lesefluss unbeabsichtigt ein wenig abgehackt wirkt. Bei den Dialogen soll Umgangssprachliches die Lockerheit der Figuren zeigen: "Redochmimi." (Red doch mit mir) - "Hi, nein chbin. Nein morgen. Es ist für. Yeah definitiv. Okay cool bis dann." - "Chab nichts gesagt. Nein, chab nichts gesagt. Nein, nein", sagt Nana. - "Skompliziert. Zkompliziert. Sokay."

Der Autor ist recht belesen, und das lässt er uns wissen, wo immer es geht, denn er weiß, daß der Plot seines Buches allein recht banal ist: Stendhal, Dario Fo, Mao, Václav Havel, Milan Kundera, Gramsci, Balzac, ja selbst Stalin werden bemüht und zitiert und in das Gedankengeflecht des Autors, nicht der Figuren, eingewoben. Überhaupt reflektiert der Autor häufig über seine Figuren - was diesen selbst nicht gelingt - und macht die Leser zu seinen Verbündeten. Das soll ein toller Kunstgriff sein, wirkt aber bloß oberlehrerhaft und arrogant und wird zum Ende hin richtig penetrant: "Ich denke, Moshe wird euch gefallen. - Vielleicht wisst ihr nicht, wie man den Namen ausspricht. Schön, dann verrate ich es euch. Moshe spricht man 'Moisha' aus. So müsst ihr den aussprechen. Seht ihr? - Ich weiß, Nana klingt etwas streberhaft, aber ich mag sie. - Ach, Moshe. Moshe, Moshe, Moshe. Wirst du immer so ängstlich sein? Ich muss euch leider sagen, dass er immer so ängstlich sein wird. - Ich wollte, dass ihr zwei Beobachtungen macht, ehe ich zu Nana komme."

"Na schön, ich werde ein bißchen Pornographie schreiben." Mit seziermesserscharfer Genauigkeit und krampfhaft bemühter Sachlichkeit werden bei den Sexszenen, wie unter Halogenlicht, die verschiedenen Techniken der eigenen und gegenseitigen Befriedigung beschrieben, und deshalb bleibt die Sprache häufig in gehobenem Pennälerjargon stecken: "Moshe schnüffelte in ihrer Ritze". - "Dann arbeitete er sich mit seinem Zeigefinger bis zu ihrer Möse vor und schob ihn hinein. Moshe prüfte hinterlistig, ob Nana feucht war." Wir erfahren, dass die blonde Nana eine sehr weiße Haut - wie ein Albino - an der Schließmuskel-"Rosette" hat, dass bei der Stellung 69 der Mann nicht kleiner sein darf als die Frau, was beim Fisting zu bedenken ist, und dass Moshe "Nanas Vagina dadurch schmatzen und quatschen ließ", dass er "wie ein Profi den Eintrittswinkel änderte," usw. Auch eine Pilzinfektion bei einer der Damen bleibt nicht aus, und wir Leser dürfen ausführlichst daran teilhaben. Wow! Es gibt Menschen, die so etwas gerne lesen. Es gibt aber auch eine Menge, die so etwas für Diebstahl von Lebenszeit ansehen. Es ist alles nur geil und sehr kalt.

Die Protagonisten haben kein Eigenleben, kein Geheimnis; sie entwickeln sich nicht, sie denken nicht, von Nanas Selbstzweifeln mal abgesehen. Es entsteht der Eindruck, sie fungieren lediglich als Statisten für die Beschreibungen der Sexgymnastik, damit das Buch kein Sachbuch wird. Wo ist der eigene literarische Stil, die Gedanken der Figuren, die prickelnde Erotik, die die Emotionen und Phantasie des Lesers anregen?

"Strategie" hat mit Erotik so viel zu tun, wie Verona Feldbusch mit deutscher Grammatik. Laut Duden heißt Strategie: "genauer Plan, der dazu dient, ein Ziel zu erreichen". An der Tatsache, dass dieses Buch in 18 Sprachen übersetzt werden soll, sieht man, dass die Marketing-Strategie für "Strategie" aufgegangen ist.

"Das Buch soll Mut machen", erfahren wir auf Seite 22. Aber wozu? Es kommt mir alles so ein bisschen spätpubertär vor, wie Aktfotos unter der Schulbank ansehen. "In diesem Buch geht es nicht um Sex. Nein. Es geht um Integrität, Anstand und Güte", schreibt der Autor auf Seite 27. Nicht auszudenken (oder vielleicht doch), was dabei herauskommt, wenn er mal ein Buch über Sex schreiben sollte. Ich halte das Buch für ein zynisches und kühl kalkuliertes Produkt. "Glücklicherweise bin ich kein Pornoschriftsteller. Ich hasse Pornographie, ich hasse deren magischen Realismus." Zwei Seiten weiter: "Na schön, ich werde ein bisschen Pornographie schreiben." Wer einmal richtig mit Seele geliebt hat, wird ein solches Buch nicht schreiben. Dass der Autor die Befindlichkeiten und das Lebensgefühl seiner Generation, der Mitzwanziger, beschrieben haben soll, also ein "absolut zeitgemäßes Buch", reicht mir nicht aus. Nach der Lektüre bleibt ein großes Fragezeichen.

Allen, die mal ein wirklich erotisches Buch lesen möchten, sei "Die schlafenden Schönen" des Nobelpreisträgers von 1968, Yasunari Kawabata (kennt leider kaum jemand), empfohlen.

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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