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Klappentext:
Carol Gilligan wurde
mit ihren Studien zur Entwicklungspsychologie von Mädchen
und Frauen berühmt. In ihrem neuen Buch untersucht sie
nichts weniger als die Liebe. Ihr Fazit: Damit die Liebe mit
Lust empfunden wird, erfordert es den Mut, tradierte Rollenverteilungen
und daraus resultierende Verhaltensregeln zu durchbrechen.
Zur Illustration dieser These dient Gilligan das Märchen
von Amor und Psyche: Erst als Psyche Amors Befehl, ihn nicht
anzuschauen, missachtet, verliebt sie sich in ihn. Nach Amors
anfänglicher Verärgerung darüber finden die
beiden schließlich wieder zueinander. Ihr gemeinsames
Kind heißt Voluptas, zu deutsch: Lust. Anschaulich und
lebensnah geschrieben, nimmt uns dieses Buch mit auf eine
spannende Reise durch die Geschichte der Liebe und findet
faszinierende Erklärungen für ein uraltes Phänomen.
(©
2003 Pendo Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
Wie schafft man es, Liebe, Lust und Leidenschaft in einer
Beziehung zu erhalten? Dieser schwierigen und zugleich komplexen
Frage stellt sich Carol Gilligan in Die Wiederentdeckung
der Lust.
Dabei greift sie nicht nur zahlreiche Erfahrungen von Liebenden
auf, sondern auch Quellen der Literatur (Shakespeare beispielsweise)
und Mythologie - wie zum Beispiel den wunderschönen Mythos
von Amor und Psyche. Die Professorin für Psychologie
vollzieht dies auf einem hohen inhaltlichen Niveau und mit
einer gut verständlichen, lockeren Sprache. Das Buch
ist nicht nur durch einen hohen Informationsgehalt geprägt,
sondern auch durch einen guten
Unterhaltungswert. Somit ermöglicht es wahrhaften Lesegenuss.
Gilligan nutzt das Märchen
von Amor und Psyche sowie die Tagebücher der Anne Frank
(und weitere literarische Quellen) als Basis, um bildhaft
Beziehungen (bzw. Beziehungsgeflechte) von Frauen und Männern
darzustellen. Menschen, die sich mit den ausgewählten
Werken vorher noch nicht beschäftigt haben, könnten
gewisse Verständnisschwierigkeiten aufgrund der erstaunlichen
Dichte literarischer Quellen im Rahmen der Lektüre erleben.
Gilligans Erfahrungen und
Erkenntnisse sind stets wissenschaftlich-psychologisch (teilweise
auch literaturhistorisch) begründet und im Rahmen ihrer
eigenen praktischen therapeutischen Arbeit erworben. Gilligan
benennt psychologische Erkenntnisse über das Miteinander-Umgehen
von Menschen unter dem Aspekt der Liebe und bettet sie teilweise
kulturhistorisch ein. Sie erläutert die Unterschiede
im Erleben von Lust und Zärtlichkeit bei Mädchen
und Jungen, bei Männern und Frauen. Sie hinterfragt die
etablierte Beziehungsordnung und sucht nach verborgenen Wahrheiten;
sie untersucht Liebesverhältnisse, wie wir sie alle kennen:
zwischen Kind und Eltern, zwischen Mann und Frau, zwischen
Freunden. Und sie beleuchtet immer auch liebe- und lusttötende
Gesellschaftsstrukturen, konfrontiert uns mit den Maßgaben
des Patriarchats. Doch sie verharrt nicht allein bei Analyse
und Dokumentation, sondern sie verweist auf mögliche
Wege, neu zur Lust zu gelangen: "Als Proust der Geschmack
einer Madeleine die verlorene Welt der Kindheit zurückbrachte,
entdeckt er, dass wir über unsere sinnliche Erfahrung
die Vergangenheit wiedergewinnen, das große Lagerhaus
unserer Erinnerung öffnen können. Weil wir die Fähigkeit
besitzen, die Beziehung zwischen unserer Erfahrung und den
Bildern und Geschichten, die wir in uns tragen, zu untersuchen,
ist die Psyche in der Lage, sich aus der
Gefangenschaft zu befreien oder zumindest ein Tor aufzustoßen,
das geschlossen war." Mit ihren Gedanken macht die
Autorin Mut, die eigene Lust abseits von tradierten Rollen
und gesellschaftlichen Erwartungen neu zu entdecken.
Man spürt stets, die Autorin weiß, wovon sie spricht
und gibt ihre Gedanken gut erläutert weiter. Letztendlich
stellt sich das Werk der Amerikanerin als eine Art Streifzug
durch die Geschichte dar, dessen Mittelpunkt Liebe und Lust
sind. Und: Es gibt viel zu entdecken in diesem Buch, vor allem
kann man sich selbst immer wieder neu entdecken - sich und
den Partner, die eigenen Kinder.
Gilligan zeigt uns einen Weg auf: "Vielleicht ist
die Liebe wie der Regen. Manchmal sanft, manchmal heftig,
alles überschwemmend und mit sich fortreißend,
fröhlich, kräftig, die Erde tränkend, sich
in unterirdischen Quellen sammelnd. Wenn es regnet, wenn wir
lieben, wächst das Leben. Wenn man sagt, es gäbe
zwei Wege, einer zum Leben und einer zum Tod, und deshalb
solle man das Leben wählen, so meint man damit eigentlich:
Wähle die Liebe. Wir haben einen Leitfaden. Wir kennen
den Weg."
Wer nach einem Handbuch zur schnellen Luststeigerung sucht,
findet im vorliegenden Buch keinen guten Ratgeber. Das Werk
ist definitiv keine Anleitung zum sportiven Höchstleistungssex.
Wer jedoch Lust an Leben, Literatur, Kultur hat - in Zusammenhang
mit der Thematik der Lust innerhalb der menschlichen Geschichte
-, hat mit diesem Werk einen schönen und anspruchsvollen
Begleiter, ein anregendes Lesebuch zur Hand.
(©
2005 Cornelia Eichner für all-around-new-books.de)
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