|
Andy Warhol oder
Ziegenleder?
Im
Rahmen der Andy-Warhol-Ausstellung "Retrospektive" in der Neuen
Nationalgalerie Berlin wurde am 27.11.2001 die neue Künstleredition
des Brockhaus in 15 Bänden mit Motiven von Andy Warhol präsentiert.
Auf 7.200 Seiten bietet dieses Kunst-nachschlagewerk ca. 140.000
Stichwörter mit rund 15.000 Abbildungen und Karten, 10.000 Infokästen
sowie 400 Tabellen und Übersichten.
"Brockhaus goes Pop-Art"
hieß die Abendveranstaltung, an der ca. 200 schwarz gekleidete
Personen teilnahmen. An ihnen konnte man die Veränderung der Berliner
Vernissage-Prominenz festmachen. Es gibt nicht mehr nur die früher
überall anzutreffenden West-Berliner der Gattung "Bevorzugtes Motiv:
Die schöne Landschaft", nein, neue Gesichter tummeln sich in der
Szene. Ist nunmehr nach Mitte, Prenzlauer Berg und der Vereinnahmung
Weddings durch Norbert Blüm auch die letzte Bastion der West-Berliner
Wärmestube, die Nationalgalerie, eingenommen?
Doch noch regt sich
der im Kampf gegen den Sozialismus erworbene Widerstandsgeist: Die
schwierige Akustik wurde den Mannheimer Invasoren zum Verhängnis.
Dadurch war nicht zu entscheiden, ob das Niveau des Vortrages "Andy
Warhol als Auftragskünstler" von Prof. Till Osterwald dem üblichen
Palaver entsprach oder uns Zuhörern ernsthafte Anstrengungen abverlangt
hätte. So wurde es zur rege genutzten Nebenbeschäftigung, die einzelnen
Wortfetzen zusammenzupuzzeln - "Popismus", "Alltagskultur wirkt
auf Kunst und Kunst auf die Alltagskultur", "Die Kunst in der täglichen
Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit", "What I do on Saturday
when my philosophy runs out?" etc. Wenn es stimmt, dass Warhol nie
Drogen genommen hat, kann man dies von seinen Apologeten, genannt
Kunsthistorikern, wohl kaum behaupten.
Danach gab es parallel
stattfindende Führungen durch die leere Ausstellung. Schade nur,
dass sie so kurz waren, da alle rechtzeitig zur Performance von
Sol Lyfond & Petra Siebert zurück sein sollten. Und dann folgte,
was exemplarisch von Daimler bei der Eröffnungsfeier des Potsdamer
Platzes vorgeführt wurde: Jetzt zeigen wir Berlin, was Kunst ist!
Höflich ausgedrückt: langweilige 4:35 Minuten. Alles schon zig mal
gesehen. Wobei das der Clou hätte sein können, benutzte doch Andy
Warhol durch die Medien bekannte Motive. Aber dann machte Sol Lyfond
- tolles Pseudonym für einen Düsseldorfer - den Künstlerkardinalfehler:
Er erklärte! Sein Gesicht live per Videokamera auf eine Leinwand
zu projektieren symbolisiere, dass die Kunst nicht mehr kopflos
sein. Touché!
Vollkommene Versöhnung
mit den Neu-Mitbürgern kehrte ein, als der Conferencier die Speisekarte
"Factory Büffet" als "das wichtigste Bild des Abends" vorstellte.
Erwarte niemand von der Tagespresse kritische Rezensionen über diese
Veranstaltung, da sie direkt nach dem köstlichen Büffet geschrieben
werden mussten.
Die Betuchten unter
uns können nun statt der Schweinsleder-ausgabe die Warhol-Variante
kaufen. Zur Beruhigung der Biedermeiermöbelbesitzer: die Buchrücken
sind dezent gehalten. Auch inhaltlich fallen die 17 Zeilen Warhol
nicht aus dem Rahmen. Man muss es ja nicht gleich übertreiben. Oder
wie Dr. Alexander Bob vom Brockhaus Vorstand bemerkte: "Es ging
uns um die Happtik."
Philip Schreiterer
|