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Artikel
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Unter dem Motto "Kafka: erLesen!"
startete die Kafka-Forschungsstelle Wuppertal in Zusammenarbeit
mit dem S. Fischer Verlag und der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung am Sonntag, 14.10.2001, eine einjährige Lesetour,
in deren Verlauf prominente Schauspieler an ungewöhnlichen
Orten aus dem Werk des Prager Autoren Franz Kafka vorlesen
werden.
Wir haben die Auftaktveranstaltung mit Mario
Adorf gesehen und zugehört ...
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Adorf und
Kafka im Knast
Mario Adorf
beginnt ungewöhnliche Lesetour an ungewöhnlichen
Orten
Kafka - entweder
man hasst ihn oder man liebt ihn. Dazwischen gibt es für die
meisten nicht allzu viel. Für die einen waren seine Texte
im Deutschunterricht ein zu absolvierendes Übel, für die anderen
das reinste Vergnügen. Der Prager Autor Franz Kafka (1883
- 1924) gilt allgemeinhin als "dunkel, deprimierend und tragisch".
"Das muss anders
werden", dachte sich die Kafka-Forschungsstelle Wuppertal
und holte sich den S. Fischer Verlag und die Frankfurter Allgemeine
Zeitung (FAZ) mit ins Boot, um eine einjährige Lesereihe zu
starten, in deren Verlauf prominente Schauspieler an ungewöhnlichen
Orten aus dem Werk Kafkas lesen werden, um den Prager Literaten
aus der Versenkung zu befreien und seine humorvollen und komischen
Seiten ins Bewusstsein seiner alten und hoffentlich neuen
Leser zu befördern.
Für die Auftaktveranstaltung
am Sonntagabend in Frankfurt haben die Veranstalter - passend
zum Text "In der Strafkolonie" - die Justizvollzugsanstalt
IV gewählt und sich dazu gleich einen der privilegiertesten
"Vorleser" und versiertesten Schauspieler (und selbst Autor)
Deutschlands geholt: Mario Adorf.
Und wer hätte es schon gewagt, ihn an der Gefängnispforte
kontrollieren zu wollen? Selbst bei den geladenen Gästen genügte
in diesem Fall eine simple Passkontrolle.
Ein karger,
nicht allzu großer Raum, weiß getünchte Wände, keine Gitterstäbe
ringsum. Nicht die übliche Knast-Atmosphäre, die man aus Film
und Fernsehen im Kopf hat. Auch der Gefängnisdirektor Werner
Päckert hat so gar nichts mit dem unmenschlichen Kommandanten
aus der kafkaesken Erzählung gemeinsam. Im Gegenteil: Er erzählt
gut gelaunt vom Ansturm auf die 30 Karten, die den Insassen
vorbehalten waren und die zunächst nicht glauben wollten,
dass Adorf wirklich bei ihnen lesen würde.
Dann ist es soweit.
Mario Adorf, ganz in Schwarz, betritt den Raum, setzt sich
an den Tisch, schlägt das Buch auf. Absolute Stille. Wäre
in diesem Moment ein Blatt Papier zu Boden gefallen, man hätte
es einer ohrenbetäubenden Detonation gleichsetzen können.
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Er beginnt zu lesen
- von dem mittlerweile verstorbenen sadistischen Kommandanten,
der eine Folter- und Tötungsmaschine entwickelt hat,
die dem Verurteilten während der Hinrichtung auch noch
den ihm nicht bekannten Urteilsspruch in die Haut ritzt.
Der zuständige Offizier ist nach wie vor ganz verzückt
von dieser "Egge", während der neue Kommandant ein Gegner
des Ganzen ist. Ein Reisender kommt vorbei und der Offizier
versucht, ihn für diese Art der Hinrichtung zu begeistern.
Doch der Reisende kann sich - genauso wenig wie der
neue Kommandant - damit identifizieren. Und so lässt
der Offizier den bereits Verurteilten frei und legt
sich selbst unter die Egge.
Mario Adorf erfüllt
seine Aufgabe bravourös. Kafka hat mit ihm ein ideales
Sprachrohr gefunden; einen Mann, dessen sonorer und
eindringlicher Stimme man fasziniert lauscht, die einen
zuweilen fast das Vorgelesene überhören lässt, so nachhaltig
und eindringlich vermag er sich in die Protagonisten
der Erzählung hineinzuversetzen - und nicht ohne an
einigen Stellen Gänsehaut und Entsetzen bei den Zuhörern
auftreten zu lassen.
Nach 35 Seiten und 75
Minuten ist Schluss. Leider.
Sich Kafka von Adorf
vorlesen zu lassen, ist ein Genuss par excellance. So
hat denn auch diese Auftaktveranstaltung ihr
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Fotos: © Uwe Lamacz
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beabsichtigtes Ziel
nicht verfehlt. Denn den Veranstaltern geht es vor allem darum,
Kafka aus der "dunklen, düsteren" Schublade herauszuholen, zu zeigen,
dass seine vielschichtigen Texte eben auch humorvolle und komische
Seiten enthalten. Und sie sind der Meinung, dass die Erzählungen
Kafkas noch eine stärkere Wirkung entfalten, wenn sie vorgelesen
werden. Zumindest bei dieser Lesung haben sie damit hundertprozentig
Recht behalten.
Man darf also gespannt
sein, wie es weitergeht. Wie der Organisator Christian Watty berichtet,
gibt es für weitere Lesungen aus dem Werk Kafkas bereits Zusagen
von Ben Becker, Mechthild Grossmann, den Geschwistern Pfister und
Irm Herrmann. Sogar Dirk Bach soll lesen - den "Hungerkünstler"
- und das im Frankfurter Maggi-Kochstudio. Angefragt sind auch Moritz
Bleibtreu und Katharina Thalbach.
Evelyn Schaust-Weber
Wir werden diese Lesetour
begleiten und Ihnen von den einzelnen Lesungen berichten.
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Mario Adorf las Franz Kafka "In der Strafkolonie"
am Sonntag, dem 14. Oktober 2001, um 19.30 Uhr,
in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt am Main IV,
Gustav-Radbruch-Haus.
Auftaktveranstaltung zur Lesetour Kafka: erLesen!
der Kafka-Forschungsstelle Wuppertal in Zusammenarbeit
mit S. Fischer Verlag und Frankfurter Allgemeine Zeitung
Weitere Infos: www.kafkaerlesen.de
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