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Artikel
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"Ich stamme von der
Goldküste ..."
Hanna Schygulla liest im Tierpark Hagenbeck den "Bericht
für eine Akademie"
Hamburg. Ein
Mittwochabend im Dezember. Kalt und regnerisch dazu. Am dunklen
Hintereingang des Tierpark Hagenbecks, den Uneingeweihte nicht
so ohne weiteres finden, eine kleine Gruppe von Menschen,
die aus dem rund 80 km entfernten Lübeck angereist ist. Mit
dabei: Ein riesiger Plüsch-Affe, dessen einstiger lebendiger
Genosse in einer Geschichte an diesem Abend zu neuen und vor
allem ganz anderen "Ehren" kommen soll.
Der mit Palmen
geschmückte hohe, weiße Raum neben der Dressurhalle füllt
sich. Ganz vorne ein schwerer, dunkler Schreib-tisch. Darauf
eine grüne Bankierslampe, wie sie oft auf noblen
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| Schreibtischen
zu finden ist. Nobel wird's gleich sowieso, denn Hanna
Schygulla, ganz edel mit schwarzem Turban, betritt mit
einem Lächeln den Raum, verneigt sich vor ihrem Publikum
und setzt sich dann auf den bereitgestellten Stuhl, legt
sorgfältig ihr Manuskript zurecht. |
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Der Text, den sie gleich
vorlesen wird, entstand im April 1917 in der Alchimistengasse
in Prag. Geschrieben mit Bleistift in ein kleines Oktavheft
- von Franz Kafka persönlich. Es ist der "Bericht für
eine Akademie" - und zum ersten Mal seit 84 Jahren wird
diese Geschichte eines vermenschlichten Affen nach Elsa
Brod wieder von einer Frau vorgetragen werden, wie Hans-Gerd
Koch, neben Christian Watty einer der Initiatoren dieser
Kafka-Vorlesereihe, bemerkt. Doch bevor es mit dem eigentlichen
"Bericht" zugange geht, tragen Schygulla und Koch noch
gemeinsam Fragmente eines Gespräches zwischen einem
Affen und einem Journalisten vor und lesen aus einem
Brief, den Elsa Brod am 20.12.1917 an Franz Kafka -
nach ihrer eigenen Lesung - schrieb.
"Ich stamme von der
Goldküste. Darüber, wie ich eingefangen wurde, bin ich
auf fremde Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition
der Firma Hagenbeck - mit dem Führer habe ich übrigens
seither schon manche gute Flasche Rotwein geleert -
lag im Ufergebüsch auf dem Anstand, als ich am Abend
inmitten eines Rudels zur Tränke lief. Man schoss; ich
war der einzige, der getroffen wurde; ich bekam zwei
Schüsse." So beginnt der "Bericht für eine Aka-
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demie", in dessen Verlauf
der Affe von seiner allmählichen Menschwerdung erzählt, weil
ihm klar ist, dass eine Flucht unmöglich sein und ihn nur
eines retten wird: sich den Menschen anzupassen und so einen
Ausweg aus seiner misslichen Lage zu finden.
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Hanna Schygulla liest
eindringlich, subtil und nicht ohne eine gewisse Spur von Ironie
in der Stimme und einem manchmal leicht sarkastischen Lächeln auf
ihrem Gesicht - von dem Affen, der lernt, Pfeife zu rauchen, sich
zum Schnapstrinken überwindet, im Varieté auftritt, schließlich
seine Affennatur ablegt und sich die durch-schnittlichen Kenntnisse
und Fertigkeiten eines Mitteleuropäers aneignet, um nicht hinter
den Käfiggittern eines Zoos zu landen. Dass "die Schygulla"
ihr Handwerk versteht und "ihren" Text geradezu genüsslich
auskostend vorträgt, quittieren die Zuhörer mit viel Applaus.
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| Hanna Schygulla
sagte vor ihrer Lesung, sie hätte sich immer gewünscht, beim
Vortrag dieses Be-richts einen echten Affen
neben sich im Käfig zu
ha-ben. Aber man hätte ihr davon |
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Fotos: © Evelyn Schaust-Weber
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abgeraten, weil der Affe Kafkas
Geschichte nicht ertragen würde. Einer hat sie mit Sicherheit stillschweigend
ertragen (müssen) - der lebensgroße Plüschaffe im Publikum. Aber
bei den anwesenden "menschlichen Kreaturen" hat dieser "Bericht
für eine Akademie" bestimmt seine Spuren hinterlassen ...
Evelyn Schaust-Weber
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Hanna Schygulla las Franz Kafkas "Bericht für
eine Akademie"
am Mittwoch, dem 12. Dezember 2001, um 20.00 Uhr,
im Tierpark Hagenbeck, Alte Hagenbeck'sche Dressurhalle, Hamburg.
Weitere Infos: www.kafkaerlesen.de
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