| TIEF
UNTEN oder GESCHÄFTSIDEE:
Wie man in 2 Stunden 180 Euro absteckt
Irgendein Schriftsteller
prägte den Spruch: "Du bist verrückt, mein
Kind. Du musst nach Berlin."
Über meine Verrücktheit
gibt es präzise Ansichten. Also zog es mich wieder nach
Berlin.
Dort entdeckte ich beim Zappen
im Internetcafé einen Hinweis auf einen Vortrag über
"energetisches Heilen". 6 Euro Eintritt. Dafür
bekommt man in Berlin beim Vietnamesen 4 Schachteln Zigaretten.
Um dies zu eruieren, hatte es 3 Stunden meiner Anwesenheit
in Berlin bedurft. Ich beschloss, die 6 Euro in meine spirituelle
Entfaltung zu investieren.
An einem Donnerstag abend
machte ich mich gespannt auf den Weg zum Veranstaltungsort
ganz nahe beim KDW.
In einer Seitenstraße vom KDW, durch einen Hinterhof,
ging es in den Keller. Das brachte mich schon mal ins Grübeln,
hatte ich doch mit Spiritualität stets Aufstieg, Helligkeit
und Licht assoziiert. Und hier musste ich die steilen Stufen
zu einem engen Gewölbekeller herabsteigen.
Mein Höheres Selbst schrie mir zu: "Wandle nicht
auf diesen Pfaden." Ich tat es dennoch.
Um 20.00 Uhr hätte die
Veranstaltung beginnen sollen. Sie begann 20 Minuten später.
In diesen 20 Minuten kroch mir die Galle hoch. Ich kann es
nicht verknusen, wenn man mir die Zeit wegstiehlt. Bodenlos,
einen Veranstaltungsbeginn zu terminieren und dann diese Zeit
aus Schlampigkeit nicht einzuhalten.
In der Wartezeit goutierte
ich das Publikum. Anwesend: 30. Davon 27 Frauen und drei Männer.
Die Frauen waren allesamt das, was in Frankreich als "troisième
age" bezeichnet wird.
Endlich begann es. Die Vortragende
erklärte ihre Qualifikation dadurch, dass sie mal Lehrerin
war und Videos über ihr Vortragsthema gesehen habe. Ich
war wie vom Donner gerührt. Meine Internetrecherche hatte
mir gezeigt, dass man jedes dieser Videos auf CD für
schlaffe 60 $ erhalten kann. Ich hab ja schon einiges gebracht
in meinem Leben. Auf die Idee dieser Vortragenden wäre
ich nie gekommen. Ich bewunderte die Vortragende für
ihre Chuzpe: Videos für 60 $ ansehen und mit dieser "Qualifikation"
einen Vortrag halten, für den 6 € Eintritt verlangt
werden. Bleiben hier als Reibach 120 €.
Bei dem Vortrag wurde absolut
nichts Neues gesagt; es wurde Zeug wiederholt, was sich für
jedermann zugänglich auf den einschlägigen Internetseiten
befindet. Dennoch gaben ein paar der anwesenden Esoterikerinnen
hin und wieder enthusiasmierte Geräusche von sich.
Nach einer Pause sollte
der praktische Teil beginnen. Immerhin.
In der Pause flüchtete
ich aus der Gruft, entzündete mir eine Zigarette und
beschloss, gleich ins benachbarte KDW zu gehen. Dort besorgte
ich mir eine Flasche Cognac, der schwer zu finden ist.
In die Gruft zurückgekehrt
begann der praktische Teil. Man klopfte mit den Fingern auf
diverse Akupressurpunkte. Man begann am Kopf. Ich klopfte
heftig an meinem Kopf herum. Mich faszinierten die hohlen
Geräusche, die entstanden. Die Dame neben mir mahnte
mich: "Sie machen das falsch. Sie dürfen nicht so
stark klopfen. Das ist schlecht für die Meridiane."
Artig nickte ich und tat, was ich wollte.
Ich pochte also an meinem
Kopf herum wie ein Waldspecht an einer Eiche. Die Dame pochte
mit der Wucht eines Laubblattes, das im Herbst erschlafft
zu Boden sinkt.
Jetzt sollten wir am Schlüsselbein klopfen.
Die Dame berührte sachte ihr Schlüsselbein und schrie
laut: "Auauau." Alle erstarrten. Die Leiterin kam
zu ihr geeilt: "Ja, wissen Sie, das ist nämlich
der Leberpunkt."
Allgemeines Schweigen. Unterbrochen von einem unanständigem
Lachen. Laut. Brüllend laut.
Ich blickte um mich. Wollte
wissen, wer da so lacht. Alle starrten mich an. Ich war es:
Aus meiner Kehle quoll das Gelächter. Unmöglich,
es zu stoppen. Tränen traten mir aus den Augen. Ich krümmte
mich. Öffnete meinen Rucksack. Zog lachend die eingetütete
Flasche Cognac heraus. Hielt sie der Dame mit dem hochsensitiven
Lebermeridian vor die Augen und presste zwischen Lachsalven
die Worte "Schluck nehmen. Habe Taschenmesser. Soll ich
öffnen?" heraus. Die
Dame blickte mich an als hätte ich ihr ein unsittliches
Angebot gemacht.
Die hochverehrte Veranstaltungsleitung schlug eine Pause vor.
Außerplanmäßig.
Ich erhob meine leibliche
Fracht und ging drei Schritte zu einem Stuhl in der Ecke.
Er war umgeben von farbigen Metallstäben, die an Fäden
aufgehängt von der Decke baumelten. Jeder der kreisförmig
angeordneten Stäbe hatte eine andere Farbe. Insgesamt
bildeten sie das Spektrum des Regenbogens.
Ich hatte mal was vom innerem
Kind gelesen. Das "es" jeder hat. Und dass man es
hegen und pflegen soll. Mein inneres Kind ist sehr neugierig.
Also hegte ich es und ließ es meine Arme ausstrecken
und neugierig die Metallstäbe berühren.
Wenn sie aneinanderstießen,
gab es glockenähnliche Klänge. Inzwischen war im
Raum Ruhe eingekehrt. Die Glockenklänge lockten die vortragende
„Expertin“ herbei. Wie bereits beschrieben, hatte
sie ihr Expertentum durch die Betrachtung von drei Videos
erworben. Da muss man selbstverständlich Respekt haben.
Man. Ich bin aber nicht man. Die selbsternannte Expertin kam
angeschossen wie der Teufel zur verlorenen Seele und schrie
im höchsten Diskant: “Da dürfen Sie nicht
anfassen. Das ist unser Heiliger Stuhl.“
Ich: “Heiliger Stuhl?“
Sie: „Ja. Wenn man sich auf diesen Stuhl setzt, gelangt
man in vergangene Inkarnationen.“
Schon wieder hörte ich
es brüllend lachen. Es klang schmutzig. Das Lachen.
Diesmal wusste ich sofort, woher diese Laute kamen. Aus meiner
Kehle. Schon wieder.
Unterhalb des Berliner Straßenpflasters
ein niedriger Gewölbekeller. Darin ein scheißbilliger
hochlehniger Holzstuhl. Umgeben von selbstbemalten Metallstäben.
Wer sich auf diesen Stuhl setzt, gelangt in vergangene Inkarnationen.
Diese Weisheit wird goutiert von formal einigermaßen
Gebildeten. Man erkennt ja an Habitus, Kleidung und Sprache
schon einigermaßen, welches formale Bildungsniveau jemand
hat. Die in diesem Keller Versammelten hatten sicher nicht
das niederstmögliche formale Niveau. Dennoch war schon
wieder ich der einzige, der lachte.
Ich blickte mich um und dachte
an einen Freund, den ich in Staatspension kennengelernt hatte.
Er hätte den versammelten Damen sehr dezidiert mitgeteilt,
was sie seiner Ansicht mal wieder dringend nötig hätten.
Es wäre auch ein Prophylaktikum gegen geoffenbarte wahnsinnige
Ideen.
Aber warum sollte ich es ihnen
sagen? Warum sollte ich mich in diesem Kreis noch unbeliebter
machen? Immer noch lachend erhob ich meinen Sack vom Boden,
schwang ihn über die Schulter und empfahl mich.
Euer Schorsch
Willi B.
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