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Performance,
Spektakel oder purer Ernst?
AKTION
18 - "TÖTET POLITIK" - Christoph Schlingensiefs
Programm zum Wahlkampf
Aktion 18 - "Tötet
Politik" wurde harmlos klingend als Lesereise
angekündigt, nicht nur für diesen 10. September
2002 in der Stadthalle Langen bei Frankfurt/Main, sondern
bundesweit. Sicher, Schlingensief liest auch: anfangs eine
Erklärung, dass das, was er macht, er auch machen darf,
weil es zur künstlerischen Freiheit bzw. zur Freiheit
der Kunst gehört, danach aus eigenen Büchern, aber
auch aus fremden.
Zweidreiviertel Stunden dauerte
Schliengensiefs Vorstellung. Ob
es eher Performance oder doch mehr Spektakel war? Wahrschein-lich
war es eine Mixtur aus beidem.
Da war die Videoleinwand, auf der Teile aus der TV-Bericht-erstattung
zum 11. September 2001 zu sehen waren oder Aus-schnitte von
verschiedenen Aktionen Schlingensiefs, wie z. B. der "Freakshow",
der Big Brother-Version "Asylanten raus" in Wien,
der Anti-Möllemann-Aktion und U3000 oder der uralte Ausschnitt
eines Gesprächs, in dem sich Theodor W. Adorno zu Becketts
Begriff des "positiven Nichts" äußert
oder auch Möllemanns Presseauftritt, in dem er Stellung
zu Schlingensiefs "Tötet Möllemann" nimmt.
Musik und Geräusche gab es auch, meistens sehr, sehr
laute vom Band oder ein Lied von der CD, die er mit den Bewohnern
eines Berliner Behindertenheimes aufgenommen hat und dazu
ein paar Panflöteneinlagen des Meisters höchstpersönlich.
Und natürlich wurde das jeweilige Geschehen auf der Leinwand
auch von Herrn Schlingensief kommentiert und begleitet.
Überhaupt, Herr Schlingensief!
Hauptdarsteller seiner eigenen Inszenierung ...
Ein Mann, der wahnsinnig schnell redet, manchmal einem Berserker
gleich, der irritiert, agitiert und provoziert, wütet
und beschimpft, der auch schon mal rumkaspert, einer, der
thematisch Politik und die bevorstehende Bundestagswahl, Religion,
Philosophie, Voodoo-Zauber schön durcheinander und miteinander
verknüpft oder auch (durch)kreuzt.
Ein Mann, der einem Zuschauer ein paar Multiple Choice-Quizfragen
stellt, um danach gleich wieder ein ganz anderes Thema aufs
Tapet zu bringen und der nicht viel später eine junge
Zuschauerin dazu bewegt, "vodoo-mäßig"
eine Puppe auf ein Möllemann-Bild zu hauen.
Ein Mann, der aber auch einige grobe Geschmacksentgleisungen
brachte, die man einfach nur "schlechtes Benehmen"
nennen kann.
Ein Mann, der anfangs so oft sagte: "Wir werden heute
abend (viel) Spaß miteinander haben", dass es einem
schon das Gegenteil verhieß, es nämlich ernst,
sehr ernst sogar, werden würde. Denn, Herr Schlingensief
ist ein sehr ernster und ernstzunehmender Mensch, keineswegs
der Politclown, als der er gerne dargestellt wird. Aber er
strengt an, der Herr Schlingensief, da man, will man nichts
verpassen, überhaupt nicht über das gerade Gesehene,
Gehörte nachdenken kann. Das war m. E. auch der Schwachpunkt
dieses Abends, dass man einfach keine Zeit zum Reflektieren
hatte.
Amüsant war, dass Schlingensief
den "Presse-Fuzzies" am Ende gleich seine Interpretation
des Abends mit auf den Nachhauseweg gab und androhte, unfähige
Rezensenten aufspüren zu wollen. Lieber Herr Schlingensief,
ich hoffe, Sie finden mich nie!
Ingrid Müller
für all-around-new-books.de
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