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Fortsetzung ...

Hatten Sie während Ihrer Arbeit als Psychotherapeutin mit bestimmten Fällen zu tun, die Sie zu dem Roman inspirierten?

Obwohl meine Arbeit in Gefängnissen viele Jahre zurückliegt, lässt mir ein Fall bis heute keine Ruhe. Es ging um einen Häftling, der im Verlauf seiner fünfzehnjährigen Freiheitsstrafe mit diversen Psycho-therapien behandelt wurde. Er war mit achtzehn Jahren ins Gefängnis gekommen, weil er unter Alkoholeinfluss eine junge Frau ermordet hatte. Während seiner Haftzeit absolvierte er ein College-Studium, schrieb sehr viel und genoss großes Ansehen bei seinen Mithäft-lingen. Als über seine vorzeitige Entlassung auf Bewährung ent-schieden werden sollte, war ich eine von vielen Gefängnismitarbeitern, die sich dafür stark machten, ja, nicht einmal der Superintendent meldete Bedenken an. Der Mann wurde also auf Bewährung entlas-sen, und wir dachten alle ganz naiv, er würde nie wieder eine Straftat begehen. Auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Freilassung ging er zu einer Prostituierten, betrank sich und tötete sie. Heute sitzt er eine lebenslange Gefängnisstrafe ab, ohne Aussicht auf Bewährung. Wir alle, die wir seine Entlassung befürwortet hatten, waren am Boden zerstört und wurden von Schuldgefühlen gequält. Wir hatten einfach nicht erkannt, dass ein Gefangener, der in einem reglementierten, kontrollierten System gut zurechtkommt, in Freiheit noch lange nicht zurechtkommen muss. Der betreffende Häftling gab zu: "Ich glaube, tief in meinem Innern habe ich mich im Gefängnis sicherer gefühlt als draußen."

Es hat auch Erfolge gegeben, die sich ebenfalls entscheidend auf mich ausgewirkt haben. Um ein Beispiel zu nennen: Ein junger Mann, ein Erstlingstäter, saß wegen Vergewaltigung im Gefängnis. Während seiner Therapie in der Haftzeit war es dem Häftling nach und nach gelungen, sich seine Schuld für das von ihm begangene Verbrechen einzugestehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Das war ein großer Schritt für ihn, um seine Wut, Verzweiflung, Ängste und Unzulänglichkeiten zu erkennen, die zu der Vergewaltigung geführt hatten. Nun konnten wir verstärkt daran arbeiten, wie er sowohl emotional (z.B. im Umgang mit Stress, Kontrolle von Wut, Aufbau eines Selbstwertgefühls) als auch in seinem Leben, sobald er wieder auf freien Fuß sein würde, Veränderungen erreichen könnte (d. h. realistische Ziele setzen, lernen, wie diese Ziele zu erreichen sind, begreifen, wie mit den Stolpersteinen umzugehen ist, die Warn-zeichen erkennen, die zu einem Rückfall in die "alten Muster" führen könnten). Er begriff, dass es unklug wäre, in seine alte Umgebung und zu seinen alten Freunden zurückzukehren. Er hatte sich vorher mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Jetzt fing er an, seine Interessen herauszufinden und einen Plan für seine berufliche Zukunft zu entwerfen - etwas, wozu nur sehr wenige Häftlinge aus eigenem Antrieb in der Lage sind. Von entscheidender Bedeutung war, dass ich die Therapie mit ihm während seiner Bewährungszeit fortsetzen und im Bedarfsfall Krisenhilfe leisten konnte. Außerdem konnte ich mit seinen Angehörigen und Freunden sprechen und ihnen bei seiner Reintegration helfen.

Ein zentrales Thema des Romans sind die Risiken, im Strafsystem falsche Entscheidungen zu treffen. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?

Das Problem in den Vereinigten Staaten ist nicht, dass viele Schuldige dem Gefängnis entgehen oder viele Unschuldige ins Gefängnis müssen. Die Probleme resultieren im Grunde aus Armut und Rassismus. Arme Menschen haben nicht das Geld, um sich eine qualitativ ebenso gute Rechtsvertretung leisten zu können wie die Reichen, und sie wird ihnen auch nicht zur Verfügung gestellt. Das kann in unserem Rechtssystem äußerst problematisch sein. Es ist eine simple Tatsache, dass arme Menschen und schwarze Menschen schneller schuldig gesprochen und zu längeren Freiheits-strafen verurteilt werden als Weiße. Vor diesem Hintergrund interes-siere ich mich stets für das Schicksal der Unschuldigen. Während meiner Arbeit als Gefangenentherapeutin hörte ich ständig Unschuldsbeteuerungen von Häftlingen. Ich bin sicher, dass manche von ihnen, die aufgrund von Indizienbeweisen oder Identifizierung durch Zeugen verurteilt wurden, unschuldig waren, und es tut mir entsetzlich leid für sie, dass sie so Schreckliches erdulden mussten, von ihren Familien mal ganz zu schweigen. Andererseits ist davon auszugehen, dass nur ein kleiner Teil der Gefangenen, die ihre Unschuld beteuern, wirklich unschuldig ist. Ich weiß, man wird kein System erfinden können, das die Unschuldigen völlig schützt, aber der Grundgedanke ist dennoch richtig.

Konnten Sie während Ihrer Arbeit mit Strafgefangenen ein Vertrauensverhältnis aufbauen?

Ich war jung und einigermaßen attraktiv, als ich als Gefängnis-therapeutin arbeitete. Manche Häftlinge (Männer und Frauen) kamen anfänglich allein aus diesem Grund zu mir in die Therapie. Aber als ihre Therapeutin war es meine Aufgabe, ihnen richtig "auf die Pelle zu rücken". Viele Häftlinge waren nicht auf die harten Seiten der Therapie vorbereitet - die bohrenden Fragen, die direkten Konfrontationen, die Entlarvung aller Heucheleien oder Schmeicheleien. (Natürlich studier-te ich vor Beginn einer Therapie gründlich die Gefängnisakte des jeweiligen Häftlings, und ich kannte nicht nur das Vorstrafenregister und den Bericht der Polizeibeamten, sondern auch das Prozess-protokoll). Sobald ein Häftling begriff, dass die Therapie harte Arbeit bedeutete, blieb er entweder am Ball oder er stieg aus. Es war ein freiwilliges Angebot, daher konnten sie jederzeit aufhören. Das war der erste Schritt in dem schwer berechenbaren und langwierigen Prozess, Vertrauen herzustellen. Häftlinge tun sich damit sehr schwer. Sie sind argwöhnisch, ständig auf der Hut, ob man ihnen nicht vielleicht "in der Psyche herumpfuschen" will, statt ihnen zu helfen.

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