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Interview mit Ralf Günther anlässlich seiner Buchpremiere von "Der Leibarzt"

Ralf Günther geht im Frühjahr 2001 auf Lesereise. HeyneAktuell hat ihn vorab zu seinem Roman befragt.

Herr Günther, am 6. März 2001 feiern Sie die Buchpremiere von Der Leibarzt, Ihrem ersten historischen Roman, im Haus des Buches in Dresden - was ist das für ein Gefühl?

Ich bin natürlich sehr gespannt, wie das Publikum den Roman aufnehmen wird. Die Buchpremiere ist die erste Möglichkeit, die Reaktionen des Publikums unmittelbar und am eigenen Leibe zu erspüren. Ich hoffe, man ist mir gewogen!

Dass diese Buchpremiere in Dresden stattfindet hat ja einen Grund: Sie haben Ihren Wohnsitz von Köln nach Dresden verlegt. Hatte da Ihr Romanheld Carl Gustav Carus auf geheimnisvolle Weise seine Hände im Spiel?

Sagen wir es so: Er hat mir den Wechsel erleichtert. Ich war bereits in Köln über die Lebenserinnerungen von Carl Gustav Carus gestolpert, ungefähr zu der Zeit, da ich ernsthaft in Erwägung zog "rüber zu machen". Carus, als begeisterter Wahl-Dresdner, hat mir den Entschluss erleichtert, hat mir die Liebe zu dieser Stadt Zeile für Zeile eingeflößt. Glücklicherweise finden sich heute noch viele Spuren dieses historischen Dresdens, das Carus so sehr geliebt hat.

Sie schreiben ja schon seit einigen Jahren, aber dies ist Ihr erster historischer Roman. War der Genrewechsel schwierig?

Ja. Das habe ich allerdings erst gemerkt, als ich schon mitten in der Arbeit steckte. Ich hatte bereits einige Szenen im Stile meiner Gegenwartskrimis geschrieben. Aber irgendwie passte die Sprache nicht zum Thema. Erst an dem Punkt habe ich begriffen, wie wichtig die verwendete Sprache ist, um die Atmosphäre der jeweiligen Epoche zu transportieren. Es hat eine Weile gedauert, bis ich ein Maß an "historisierender" Sprache gefunden hatte, die - wie ich hoffe - den Leser nicht im Lesefluss stört und trotzdem als authentisch empfunden wird.

Wie ist es, auf den Spuren einer historisch verbürgten Person zu wandeln? Wird sie irgendwann real und greifbar?

So real wie ein guter Freund, den man lange nicht gesehen hat. Man weiss genau, was er denkt, man weiss welche Vorlieben er hat und welche Marotten. Und doch ist er irgendwie irreal und eben nicht greifbar. Ich kann nicht genau sagen, wieviel mein Carus mit der historisch verbürgten Person zu tun hat. Er ist meine Interpretation dieser Figur. Aber ich weiss, dass er mir jahrelang auf Schritt und Tritt gefolgt ist. Keine Ahnung, ob ich ihn jemals wieder loswerde ...

War es schwer für Sie, sich einen Handlungsverlauf auszudenken, der dieser historisch verbürgten Figur gerecht wird, und gleichzeitig ungeheure Spannung erzeugt? Wo beginnt in "Der Leibarzt" die Fiktion?

Jede Vorstellung von Vergangenheit ist ein Konstrukt, eine Interpretation der tatsächlichen Begebenheiten aus dem Rückblick heraus. Deshalb ist für mich diese unscharfe Grenze zwischen Fiktion und Realität gerade für die Vergangenheit schwer zu bestimmen. Es gibt zwei gleichermaßen glaubwürdige Angaben von Zeitgenossen über Tiecks Augenfarbe: Die eine behauptet, Tieck habe stechend blaue Augen gehabt, die andere berichtet von warmen braunen Augen. Welche Version wahr ist, ist aus heutiger Sicht völlig offen! Im Vordergrund stand für mich nicht, das Dresden des Jahres 1832 möglichst wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. Ich wollte vielmehr vor dem Hintergrund dieser speziellen Atmosphäre mit dem illustren Personal, das zu der Zeit tatsächlich lebte, eine spannende Kriminalgeschichte erzählen. Wenn die historische Überlieferung einen amüsanten Haken meiner Geschichte nicht zuließ, habe ich mir das Recht genommen, sie außer Kraft zu setzen. Die exakte Geschichtsschreibung erfasst ohnehin nur einen Bruchteil dessen, was wirklich passiert ist. Der Rest ist der Fantasie überlassen ...

Wie würden Sie Carus charakterisieren?

Carus steht zwischen den Zeiten. Auf der einen Seite forscht er mit den modernsten Mitteln der Medizin. Er entdeckt z. B. die "Carussche Achse" und beschreibt damit erstmals den genauen Weg, den der Embryo durch den Geburtskanal nimmt. Auf der anderen Seite ist Carus eifriger Goethe-Verehrer, Schüler und Epigone von Caspar David Friedrich. Goethe aber wurde zu Carus' Zeiten von Leuten wie Heine längst kräftig demontiert und Friedrichs Landschaftskunst war bereits (zu Unrecht) das Etikett "altmodisch" verliehen worden! Als in Dresden die Revolution von 1848/49 wütet (mit Barrikadenkämpfen, an denen Richard Wagner zum Beispiel aktiv teilnahm) beschäftigt sich Carus mit der menschlichen Seele! Carus hat sich nie wohl gefühlt in seiner Zeit. Aber er hatte das unschätzbare Talent, wichtige Dinge, die die Zeiten überdauern werden, zu erkennen und zu verteidigen.

Werden Sie sich künftig auf das Genre des historischen Romans konzentrieren? Es sieht ja ganz so aus, dass Sie damit großen Erfolg haben!

Ich habe durch die Arbeit am Leibarzt das Vergnügen am historischen Genre entdeckt, am Vermengen der Rechercheergebnisse mit purer Phantasie. Die Arbeit an solchen Romanen ist - ebenso wie deren Lektüre - eine Zeitreise. Warum sollte man sich diesen Genuss nicht immer wieder aufs Neue gönnen?

Als Sie nach Dresden zogen - hatten Sie auch die Anlaufschwierigkeiten, von denen so viele "Zugezogene" berichten? Ist Dresden jetzt eine zweite Heimat für Sie?

Ja, Dresden ist meine zweite Heimat geworden. Aber wie es eben so ist mit den Wahlheimaten, man sieht sie immer etwas kritischer, als den Ort, an dem man aufgewachsen ist. Neben vielem, was ich lieben gelernt habe, gibt es auch manches, das mir an Dresden nicht gefällt. Das hat aber weniger mit der Stadt als mit DDR-Kontinuitäten zu tun. So gibt es aus DDR-Zeiten eine sehr autoritäre Grundprägung der Menschen. In Köln gehörte es zum guten Ton, als Fußgänger bei Rot über die Ampel zu gehen. Als ich das in Dresden zum ersten Mal wagte, wurde ich auf offener Straße von einem Polizisten angeschrien. Strammstehen im Sportunterricht war für Leute in meinem Alter kein Affront, sondern eine Selbstverständlichkeit. Klar, dass es da zu unterschiedlichen Ansichten kommt. Deshalb sollte man "dem Osten" unbedingt seine eigenen Erfahrungen und Meinungen zugestehen, ohne es immer gleich als Angriff auf "den Westen" aufzufassen.

Nennen Sie uns spontan fünf persönliche Dresden-Highlights ...

Wenn ich die üblichen Sensationen wie Semper Oper, Zwinger und Gemäldegalerie (die man unbedingt gesehen haben muss!) aufzählen würde, wären die fünf allzu schnell beisammen. Deshalb meine "Highlights": Die Kuppel des Tabak-Kontors (Yenidze), Pfunds Molkerei (der schönste Milchladen der Welt!), den Barockgarten Großsedlitz, das römische Bad auf Schloss Albrechtsberg, die Elbauen am "Blauen Wunder".

Und was sind die fünf Dinge, die Sie am meisten an Köln vermissen?

Meine Freunde, die Toleranz und Offenheit der Bewohner, den Zungenschlag, das Nachtleben auf den Straßen und Plätzen und natürlich den Dom, der sehr viel mehr ist, als nur ein atemberaubendes Bauwerk.

Herr Günther, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit dem Leibarzt!

Dieses Interview führte HeyneAktuell im Frühjahr 2001.

Wir danken dem Heyne Verlag für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck auf all-around-new-books.de.

   

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