|
Inhalt:
In geselliger Männerrunde
bei einer Feuerzangenbowle beschließt der erfolgreiche
Schriftsteller Dr. Hans Pfeiffer, entgangene Schulerlebnisse
nachzuholen. Smoking und Zigarren, mondäne Freundin und
Mercedes bleiben in Berlin zurück. Als Oberprimaner Pfeiffer
nimmt er sich ein möbliertes Zimmer, geht ins Babenberger
Gymnasium und wird zum Helden zahlreicher berühmter Streiche
...
"Die Feuerzangenbowle:
Ein Buch, das kleinstädtisches Spießertum ebenso
veralbert wie großbürgerliche Arroganz und gleichzeitig
die Jugend, die Liebe und die Rebellion im Kleinen hochleben
lässt." Götz Alsmann
(©
2003 Roof Music)
Besprechung - Rezension:
Mal ehrlich, wer von uns hat Heinrich Spoerls Feuerzangenbowle
gelesen? Der Roman galt in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts
als eines der erfolgreichsten Werke der Unterhaltungsliteratur.
Heute rührt kaum jemand das Buch noch an. Und doch kennen
wir sie alle, "die Feuerzangenbowle": das Treffen
der fröhlichen älteren Herren, die nach reichlichem
Genuss des warmen, roten, alkoholischen Saftes allmählich
ins Schwärmen geraten über ihre Schulzeit, ihre
Pennälerzeit. Sie werden immer lustiger, ja, sie schwelgen
regelrecht in ihren Erinnerungen an das "Schönste
in ihrem Leben".
Nur einer kann nicht mitreden, nicht mitlachen; er hat so
gar kein Verständnis für deren Humor: Es ist der
Jüngste der Runde, der erst 24-jährige und doch
bereits bekannte und erfolgreiche Schriftsteller Hans Pfeiffer
"mit 3 f, eines vor dem ei und zwei dahinter", denn
er wurde von einem Privatlehrer unterrichtet. Die anderen
bedauern ihn. - Und spätestens jetzt denkt jeder an Heinz
Rühmann. Die Verfilmung des Buches mit ihm als Hans Pfeiffer
aus dem Jahr 1944 wurde zu einem Zelluloid-Klassiker, den
jeder von uns mindestens zweimal gesehen hat. Aber kennen
wir daher auch den Roman? Die Feuerzangenbowle ist mehr als
der bekannte Film!
Von
der Redaktion gebeten, das Hörbuch der Feuerzangenbowle
mal anzuhören, habe ich die 4 CDs - nicht gerade mit
übergroßem Interesse - zu einer längeren Autofahrt
mitgenommen. Auch mit ollen Kamellen kann man manchmal Überraschungen
erleben: Es war eine Entdeckung. Niemals hätte ich gedacht,
dass die Vorlage für den berühmten Film ein so großartiges
Stück Literatur ist. Die CDs habe ich geradezu verschlungen.
Die
Geschichte ist menschlich und sprachlich viel tiefgehender
als ich aus Erinnerung an den Film vermutet hätte: Da
die älteren Kollegen ihn wegen seines Mangels an Pennäler-Abenteuern
bedauern, beschließt Hans Pfeiffer spontan, diesen Mangel
zu beenden. Er verkleidet sich als Primaner, um am Provinzgymnasium
in Babenberg noch einmal die Schulbank zu drücken. Nach
anfänglichem Misstrauen seiner Mitschüler wird er,
der Neue, nicht nur bald in die Klassengemeinschaft aufgenommen,
er wird sogar ihr Anführer. Aufgrund seines Alters und
seiner Lebenserfahrung ist er den Mitschülern menschlich-moralisch
weit überlegen. Er durchschaut ihr Verhalten und das
der Lehrer und wird, ohne dass er es beabsichtigt hatte und
ohne dass es jemand merkt, zum treibenden Geist beim Aushecken
neuer Gags und gleichzeitig zur moralischen Instanz, zur Leitfigur
der gesamten Schule.
Der
Höhepunkt ist der Schluss, wenn Pfeiffer Schnauz, seinen
Klassenlehrer, und seinen Direktor vor dem Schulrat rettet,
nachdem die beiden durch einen Coup von ihm, der diesmal ein
wenig heftig ausgefallen ist, in eine missliche Lage geraten
sind, die ihnen die Existenz kosten kann. Wenn auch nicht
ganz freiwillig, so erhält er dafür die schönste
Belohnung, die er sich vorstellen kann ...
Die
Geschichte ist äußerst komisch. Schüler, Lehrer
und Pfeiffers Zimmerwirtin, Frau Windscheit, sind Typen, die
karikiert, aber niemals denunziert werden. Auch Schule und
Lernen werden nicht abgelehnt. Bei aller Schrulligkeit und
allem Humor strahlt das Buch einen äußerst liebenswürdigen
Charme aus.
Was
das knapp vierstündige Anhören der CDs letztendlich
zu einem Hörgenuss macht, ist die Stimme des Vorlesers
Götz Alsmann. In den ersten Minuten hat man den Eindruck,
er liest einen Tuck zu schnell, doch der ist bald verschwunden.
Alsmann variiert mit Tempo und Rhythmus, er schafft es, den
Sprachduktus von einem Dutzend Personen differenziert darzustellen
mit Dialekten, Sprachfehlern, Geräuschen, Stimmhöhe.
Am spannendsten sind die Gespräche zwischen mehreren
Personen. Er stammelt, stottert, flüstert, schreit, läutet
die Schulglocke, dass es eine wahre Freude ist. (Schade, dass
er nicht auch noch den Autoverkehr und die Vögel im Park
akustisch darstellt.) Er steigert sich in seine Aufgabe hinein
und entwickelt sich zu einem Sprach- und Stimmvirtuosen. Der
Text wird zu Musik, zu einer Sprachsymphonie. Der Hörer
sieht die Figuren auf einer imaginären Bühne agieren.
Die CDs sind wie eine doppelt wirkende Droge: Man wird süchtig
nach der Geschichte und nach der Stimme des Sprechers.
Die
Feuerzangenbowle, gelesen von Götz Alsmann, ist
eine rundum gelungene Aufnahme, die als aufregendes Hörabenteuer
bezeichnet werden kann.
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
******************************************************************************
Sie
haben das Buch gelesen und wollen einen Kommentar abgeben?
Dann bitte hier
entlang ...
|