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Inhalt:
Auf der Flucht! Sich erinnern heißt für Hellmuth
Karasek Geschichten erzählen, Geschichten, die er erlebt
hat, die anderen widerfahren sind, die ihn mit Freunden und
Feinden, mit Frauen und Kindern, mit Kollegen und Weggefährten
aus der Kulturbranche verbinden.
Für den Elfjährigen endet die Kindheit nach einem
trügerisch glänzenden Weihnachtsfest 1944 mit der
Flucht aus der österreichischen Tuchstadt Bielitz an
der Grenze zu Galizien. Zusammen mit der hochschwangeren Mutter
und drei kleinen Geschwistern, ist er unterwegs nach Schlesien,
nach Sachsen und schließlich nach Sachsen-Anhalt, wo
nach Kriegsende eine neue Zeit der Ängste, Lügen
und Behauptungen beginnt. Mit dem DDR- Abitur in der Tasche,
studiert er in Tübingen. Frontwechsel im Kalten Krieg.
Die Ziele des Heranwachsenden sind klar: Er möchte satt
werden und einer Welt der wechselnden Lügen entrinnen
- auch für den Preis der Anpassung. Dabei wird er von
der Phantasie, auch der der Bücher und des Kinos getröstet
und von der Realität angetrieben. Er erfährt Liebe,
Betrug, Verrat, Nähe und Fremdheit, Lüge und eigene
Wahrheit. Oder, um es in Goethes Worten zu sagen: "Eines
schickt sich nicht für alle! Sehe jeder, wie er's treibe,
sehe jeder, wo er bleibe, und wer steht, dass er nicht falle".
Der
Autor:
Hellmuth
Karasek, Journalist und Schriftsteller, leitete über
20 Jahre lang das Kulturressort des Nachrichtenmagazins Der
Spiegel. Jetzt ist er Mitherausgeber des Berliner Tagesspiegel.
Er veröffentlichte 1992 Billy Wilder Eine
Nahaufnahme, 1996 Go West, eine Biographie der
50-er Jahre, 1996 Mein Kino, 1997 Hand in Handy,
1998 Das Magazin, 2000 Kanonen auf Spatzen,
2001 bei Ullstein den Roman Betrug und 2002 Karambolagen.
Begegnungen mit Zeitgenossen.
(©
2004 Ullstein Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
„Wer sich erinnert, erfindet sich noch einmal. Er macht sein
Leben zur Erzählung. Er sagt wie im Märchen „Es war einmal“
und glaubt, dass es einmal wirklich so war“ - so beginnt der
bekannte Journalist und Schriftsteller Hellmuth Karasek seine
Biografie Auf der Flucht. Der Siebzigjährige berichtet
über das Aufwachsen in Brünn, Wien und Bielitz an der galizischen
Grenze, in Schlesien und Sachsen, über die Kindheitserlebnisse
mitten im Krieg und dabei stets auf Sichtweite mit Auschwitz.
Diese Kindheit mit Hitler endet Weihnachten 1944, danach muss
die Mutter mit den Kindern Bielitz verlassen. Es folgt die
Flucht, die jetzt das Schicksal der Familie bestimmt.
In „Eine Jugend unter Stalin“ erzählt Karasek über die Jahre
in Ostdeutschland, wohin es die Familie nach der abenteuerlichen
Flucht in den Nachkriegswirren verschlagen hat. Die Ausgesiedelten
lagern zunächst in einem Gasthof im erzgebirgischen Stollberg.
Hier besucht er die Schule, später das Gymnasium und natürlich
recht eifrig die Kinos. In den drei weiteren Kapiteln lässt
der Autor die turbulenten Lebensstationen in Westdeutschland
Revue passieren: das Studium in Tübingen, den Beginn seiner
journalistischen Laufbahn, die 22 Jahre als Kulturchef des
„Spiegel“ und die 13 Jahre mit Marcel Reich-Ranicki und Sigrid
Löffler im „Literarischen Quartett“, wo fernsehwirksam über
Bücher streitfreudig diskutiert wurde.
Auf der Flucht - der Titel klingt nach Dr. Kimble,
nach Gefahr und Bedrohung, doch Karasek betonte in einem Interview:
„Damit hat es überhaupt nichts zu tun. Es geht um den geschichtlichen
Hintergrund des 20. Jahrhunderts, das Jahrhundert der Vertreibungen,
der ethnischen Säuberungen.“ Er wollte ein Geschichtenbuch
über die Geschichte schreiben. Der Leser wundert sich jedoch,
dass der Autor bei seinem wechselvollen Lebenslauf zwischen
Ost und West von den 500 Seiten seiner persönlichen Vergangenheitsbewältigung
die Hälfte seiner Kindheit und Jugend widmet. Doch jeder weiß,
gerade mit dem Alter kehren die frühen Bilder ins Gedächtnis
zurück; bei Karasek überrascht lediglich die ungeheure Vielfalt
und Genauigkeit.
Der alte „Medienhase“ Karasek, der heute in Hamburg lebt und
Autor bei „Welt“ und „Welt am Sonntag“ ist, trat bisher u.a.
mit einer Billy-Wilder-Biografie, dem Essay Hand in Handy,
dem Film-Buch Mein Kino sowie den Romanen Magazin
und Betrug schriftstellerisch hervor. Bereits in
seiner Betrachtung der 50-er Jahre Go West tauchen
biografische Elemente auf. Nun zeichnet er mit einer Fülle
von Episoden und dem ihm eigenen Charme ein facettenreiches
und höchst amüsantes Portrait der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Hellmuth Karasek ist nicht der erste Prominente, der seine
Erinnerungen zu Papier gebracht hat, doch Auf der Flucht
ist mehr als die Aneinanderreihung von Klatsch- und Tratsch-Anekdoten
- es ist vielmehr eine nüchterne, selbstkritische Chronik
seines Lebens.
(©
2005 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)
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