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Rückentext:
Eine bewegende Schilderung ihres langen und schweren Wegs
aus tiefer Trauer legt Angelika Bauer mit diesem Buch vor.
In einfachen, aber eindringlichen Worten erzählt die
Autorin, wie am Ende ihres erfüllten Arbeitslebens, als
sie sich zusammen mit ihrem geliebten Mann auf die Pensionierung
freut, das Schicksal zuschlägt: Ihr Mann erkrankt schwer
und stirbt innerhalb von acht Monaten.
Eindringlich,
offen und mit großer Ehrlichkeit schildert Angelika
Bauer, wie sie in tiefe Trauer fällt, aber auch in ihrer
Not, während ihre eigene Gesundheit zunehmend schlechter
wird, den Mut nicht verliert und schließlich doch noch
ins Leben zurückfindet. Dieses Buch soll Menschen ein
wenig Trost spenden, die einen geliebten Lebenspartner verloren
haben und in Trauer gefangen sind. Es soll dazu ermuntern,
auf Menschen zuzugehen und wieder mit Zuversicht in die Zukunft
zu schauen.
(©
2003 Angelika Bauer)
Zur Autorin:
Angelika Bauer wurde 1948 in Neumünster (Schleswig-Holstein)
geboren. Sie hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert
und im Rechnungswesen gearbeitet. 1974 ist sie mit ihrem Mann
in dessen Heimatstadt nach Hamburg gezogen. 1996 sind beide
aus dem Berufsleben ausgeschieden. 1998 ist ihr Mann dann
nach langer Krankheit gestorben.
Heute ist die Autorin ehrenamtlich bei einem Verein tätig.
Geschrieben hat sie schon immer gerne, und die Briefe, die
manche Menschen von ihr bekamen, waren so ausführlich
und lang, dass man das Gefühl hatte, bei den Geschehnissen
dabei zu sein. Genauso war es bei den Aufsätzen in der
Schule, die meistens auch laut vorgelesen wurden. Leider blieb
das dann aber auf der Strecke. Haushalt und Berufsleben ließen
nicht mehr allzu viel Zeit zum Schreiben. Erst nach dem Tod
des Ehemannes nahm die Autorin ihr Hobby wieder auf und fing
an, ein Tagebuch zu schreiben.
Und dann entwickelte sich so ganz langsam der Gedanke, ein
Buch zu schreiben. Herausgekommen ist "Plötzlich
ist es still". Sie will mit diesem Buch zum Nachdenken
anregen und vielleicht auch die Menschen etwas sensibilisieren
im Umgang mit einem trauernden Menschen.
Textauszug:
Die ersten fünf Monate
Der Bestatter hatte dann noch
ein paar »aufmunternde« Worte parat: Ich solle
nicht zu viel trauern, das Leben gehe weiter, und ich solle
wieder am Leben teilnehmen, auf die Menschen zugehen, denn
an meine Tür werde keiner klopfen. Ich wollte schreien
– »Worüber sprechen wir hier eigentlich?
Seit gestern, noch nicht einmal 24 Stunden, ist mein Mann
tot und ich soll auf die Menschen zugehen?« Ich, die
doch noch gar nicht wusste, was mit mir passieren würde.
Woher sollte ich wissen, wann der Schmerz erträglicher,
das Weinen weniger werden würde? Jetzt hatte ich diesen
übergroßen Schmerz, trotz Beruhigungsspritzen.
Ich konnte manchmal noch nicht einmal eine einzige Silbe hervorbringen,
und
dann sollte ich schon an die Zukunft denken? Nein, ich wollte
überhaupt nicht denken. Es war schon schlimm genug, dass
ich mich um solche Dinge wie die Beerdigung kümmern musste.
Wie sollte ich das bloß alles überstehen?
Während die beiden so
in Erinnerungen schwelgten, schweiften meine Gedanken wieder
zu den letzten gemeinsamen Tagen mit meinem Mann. Etwa vier
Tage vor seinem Tod musste ich in seiner Hörweite mit
seinem Schulfreund, dem Bestatter, telefonieren und ihn fragen,
ob mit seiner Beerdigung alles klar gehe. Hauptsächlich
wollte mein Mann wissen, ob sein Freund auch die Beerdigung
durchführen würde. Mit diesem Telefonat hatte mein
Mann mir nur hilfreich zur Seite stehen wollen, wie in unseren
ganzen gemein-samen Leben und mich überströmte wieder
eine Welle der Liebe zu meinem Mann.
Während ich also dasaß und dem mehr als oberflächlichen
Ge-
plänkel mit halbem Ohr zuhörte, an die letzten Tage
und die Ohn-mächtigkeit vor dieser Krankheit dachte kamen
mir erneut die Tränen. Da brachte der Bestatter das Gespräch
wieder auf das Thema, wegen dessen wir eigentlich da waren.
Und schon wieder wurde eine Entscheidung von mir verlangt,
und ich konnte meinen Mann nicht mehr fragen.
Mein Mann und ich hatten vor
sehr langer Zeit schon des Öfteren über unsere Beerdigung
gesprochen. Immer wenn wir auf dem Friedhof waren und das
Grab seines Vaters besuchten, sahen wir Gräber, die ungepflegt
da lagen. Für uns wollten wir das nicht. Wir hatten keine
Kinder, die sich hätten um unser Grab kümmern kön-nen,
und jemandem anderen wollten wir diese Pflicht auch nicht
zumuten. Daher hatten wir beschlossen, uns anonym beerdigen
zu lassen, und uns auch schon einen Platz dafür ausgewählt.
Nun saß
ich aber vor dem Bestatter und musste hören, dass der
Platz, den wir uns ausgesucht hatten, belegt sei. Er konnte
mir zwar einen anderen Platz anbieten, aber es war eben nicht
der, den ich mit meinem Mann ausgesucht hatte.
Dann machte der Bestatter den Vorschlag, eine halbanonyme
Beerdigung vorzunehmen: ein Rasengrab für zwei Urnen
am Rand des von uns ausgesuchten Feldes. Aber es bestehe doch
auch die Möglichkeit, bei der Schwiegermutter mit auf
das Grab zu kommen, fuhr er fort. Dort sei für acht Urnen
Platz. Dagegen wandte meine Schwägerin ein, sie könne
das nicht entscheiden. Sie müsse ihre Schwester fragen,
und wer würde denn das Grab pflegen, wenn sie nicht mehr
da wären. Mir wurde das alles zu viel, und ich beschloss,
das Zweier-Grab am Rande des Platzes zu nehmen.
So kam es, dass ich hier einen Kompromiss schließen
musste.
Im Nachhinein war ich auch sehr froh darüber, denn dadurch
hatte ich einen Ort zum Trauern. Sehr viel später, es
mochten wohl Monate vergangen sein, meinte meine Schwägerin
einmal, hätten wir gewusst wie du das Grab pflegst, hätte
mein Bruder auch bei meiner Mutter mit auf dessen Grab gekonnt.
In der ersten Woche nach dem
Tod meines Mannes hatte ich noch sehr viel zu erledigen, da
wurden die Hilfsmittel wie Rollstuhl, Toilettenwagen und nicht
zu vergessen das Krankenbett wieder abgeholt. Danach sah mein
Schlafzimmer wie ein Schlachtfeld aus: ein halbes Ehebett,
eine Matratze auf dem Balkon, meine Matratze durchgetreten,
so dass die Sprungfedern teilweise gebrochen waren. So war
das Schlafen im Bett nicht mehr möglich. Ich hätte
zwar die Matratze meines Mannes nehmen können, aber das
mochte ich nicht. Jeder Gedanke an meinen Mann tat weh, und
ich weinte ja
ohnehin schon den ganzen Tag – manchmal so von Weinkrämpfen
geschüttelt, dass ich kaum atmen konnte.
Ich wusste nicht, ob das schon die »Trauer« war
oder einfach nur der erste Schmerz oder auch ein Zusammenbruch.
Schließlich war die lange Pflegezeit auch sehr Kräfte
zehrend gewesen. Wer konnte mir darauf eine Antwort geben?
Da fiel mir dann unser Neurologe ein, ein sehr sympathischer,
feinfühliger und ruhiger Mann, bei dem mein Mann einmal
für eine Spezialuntersuchung gewesen war und ich dann
noch zweimal wegen Medikamenten.
Er hatte mir gesagt, ich solle mich von meinem Mann verabschie-den,
denn durch die Krankheit würde er ein anderer Mensch
– nicht mehr mein Mann. Zu diesem Zeitpunkt lebte mein
Mann ja noch und über den Verlauf der Krankheit wusste
ich ja nicht besonders viel. Mit den schlimmen Anfällen,
denen ich anfangs so hilflos gegenüber stand, konnte
ich im Laufe der Monate etwas besser umgehen. Zwar ging es
meinem Mann nach jedem dieser Anfälle ein wenig schlechter.
Aber das bezog sich auf seine Beweglichkeit, keines-wegs auf
seinen Geisteszustand. Und nun sollte es nicht mehr mein Mann
sein, nach dreißigjähriger Ehe?
Ich saß auf meiner Couch
– und auch das beobachtete ich nun
schon seit ein paar Tagen: nicht mehr so wie früher,
sondern wie ein fremder Besucher nur vorne auf der Kante –
und überlegte, was als Nächstes zu tun wäre.
Schwarze Kleidung musste ja nun sein, aber ich mochte eigentlich
nicht in ein Geschäft gehen, denn Aussuchen und Einkaufen
von Kleidung war für mich eigentlich eine schöne
Erfahrung, die mir gut tat. Das können mir sicher viele
nachfühlen, wie entspannend ein Einkaufsbummel sein kann.
Aber es half alles nichts, ich musste mich aufraffen und ging
in unserem Ort in ein Bekleidungsgeschäft.
Mir fiel eine weitere Besonderheit auf, aber nicht sehr nachdrücklich,
sondern eher wie ein ganz flüchtiger Gedanke, erst beim
Nieder-schreiben ist es mir so richtig deutlich geworden:
Wenn ich früher, also längere Zeit vor dem Tod meines
Mannes, einen Einkaufs-bummel machte, fand ich nie das, was
ich suchte, entweder war es nicht in meiner Größe,
oder die Farbe gefiel mir nicht und vieles mehr. Auch das
kann man wohl gut nachfühlen. Dieses Mal war alles jedoch
anders: Ich ging in das Geschäft, und was mir gefiel,
passte auch gleich, und ich bekam innerhalb von ein paar Minuten
alles, was ich brauchte.
(Text:
© Angelika Bauer)
Fazit:
92 Seiten erzählen von einem Leben, das nicht immer einfach
war, das viele Tiefen kennt, aber auch eine große Liebe
erleben durfte.
Angelika
wird 1948 geboren und wächst zusammen mit ihrem Bruder
teilweise bei den Großeltern auf, bis ihre Eltern sich
eine Existenz aufbauen und die Kinder endgültig zu sich
holen können. Eine schwierige Kinder- und Jugendzeit,
die mit Orts- und Schul-wechseln einhergeht und in denen beide
auf die Zuneigung und die körperliche Nähe ihrer
Eltern verzichten müssen, prägt sie schon früh.
Doch Angelika Bauer gibt nicht auf. 1962 beginnt sie eine
kaufmännische Lehre, die sie mit Bravour abschließt.
Einige
Jahre später lernt sie ihren Mann kennen; 1969 heiraten
sie. Im Jahr darauf kündigt sich Nachwuchs an. Beide
freuen sich und treffen die nötigen Vorbereitungen. Doch
dann kommt es zur Fehl-geburt. Von einer weiteren Schwangerschaft
raten ihr die Ärzte dringend ab. Eine Prüfung, die
das junge Paar gemeinsam meistert, genau wie insgesamt sieben
Umzüge und die schwere Nieren-erkrankung, bei der Angelika
eine Niere entfernt wird. Sie halten all die Jahre zusammen
wie Pech und Schwefel: "Unser gemeinsames Motto war
immer gewesen: Wir gegen den Rest der Welt."
Gemeinsam freuen sie sich schon auf die Zeit nach der Pensionie-rung,
in der sie noch vieles miteinander erleben wollen. Doch es
kommt anders. Im Sommerurlaub 1998, kurz bevor Angelikas Mann
die Rente einreichen will, ereilt beide ein neuer Schicksalsschlag:
"Es fing alles ganz harmlos an: Wir saßen beim
Mittagessen, als meinem Mann die Gabel aus der Hand fiel."
Er, der bis dato immer kerngesund war, hatte Lungenkrebs.
Ein Martyrium beginnt, in dem Ärzte und Krankenschwestern
nicht gerade die Unterstützung bieten, die beide dringend
nötig hätten. Acht Monate später stirbt er:
"Ganz plötzlich, von einer Sekunde auf die andere,
war es totenstill, nichts mehr, kein Atmen, keine Bewegung,
absolute Stille."
Angelika
Bauer ist geschockt, reagiert nur noch mechanisch. Zu groß,
der Schmerz, der Verlust. "Das Leben muss weitergehen",
sagt man ihr. Aber wie kann ein Leben weitergehen, das bis
dato von Zweisamkeit, von Verständnis und Fürsorge
für den anderen, von einer großen Liebe geprägt
war? Darüber hinaus verschlimmert sich ihr eigener Gesundheitszustand;
sie muss zur Dialyse.
Aber
Angelika ist eine Kämpferin, auch wenn es ihr unsagbar
schwer fällt. Trost und das nötige Verständnis
erfährt sie mehr von Außenstehenden, die einen
ähnlichen Verlust erlitten haben, als von ihrer eigenen
Umwelt. Und es dauert schließlich gut fünf Jahre
lang, bis sie ihr neues Leben teilweise auch wieder sehr spannend
empfindet und sagen kann: "Ich komme mir vor, wie
ein kleines Mädchen, das die Welt erst entdeckt. Sie
können mir glauben, es ist wirklich so, dass man das
Gefühl hat, man ist nach einem jahrelangen Schlaf aufgewacht
und die Welt hat sich so verändert, dass man sie nicht
mehr erkennt. Es gibt inzwischen auch Momente, in denen ich
so etwas wie Glück empfinde ..."
Plötzlich
ist es still erzählt nicht nur von einer großen
Liebe, vom Verlust eines geliebten Menschen, von widrigen
Umständen rund um's Kranksein. Es ist vor allem ein Mutmachbuch
für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben
und wieder ins Leben zurückkommen wollen und müssen.
Darüber hinaus liefert es aber auch den schonungslosen
Einblick in die Psyche eines trauernden Menschen, den Nichtbetroffene
oft nicht nachvollziehen können.
Bleibt
nur noch zu sagen, dass das Cover des Buches absolut gelungen
ist und mit viel Bedacht ausgewählt wurde. Satz und Layout
sind ebenfalls stimmig, aber das Korrektorat hinsichtlich
Zeichensetzung hätte bei weitem besser sein können.
(©
2003 Evelyn Schaust-Weber)
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