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Biografie & Lebenserinnerungen

 
Plötzlich ist es still

Autorin: Angelika Bauer

Taschenbuch, 92 Seiten
erschienen: Januar 2003
Books on Demand
ISBN: 3-8311-4727-2
Preis: 9,90 Euro
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Rückentext:

Eine bewegende Schilderung ihres langen und schweren Wegs aus tiefer Trauer legt Angelika Bauer mit diesem Buch vor. In einfachen, aber eindringlichen Worten erzählt die Autorin, wie am Ende ihres erfüllten Arbeitslebens, als sie sich zusammen mit ihrem geliebten Mann auf die Pensionierung freut, das Schicksal zuschlägt: Ihr Mann erkrankt schwer und stirbt innerhalb von acht Monaten.

Eindringlich, offen und mit großer Ehrlichkeit schildert Angelika Bauer, wie sie in tiefe Trauer fällt, aber auch in ihrer Not, während ihre eigene Gesundheit zunehmend schlechter wird, den Mut nicht verliert und schließlich doch noch ins Leben zurückfindet. Dieses Buch soll Menschen ein wenig Trost spenden, die einen geliebten Lebenspartner verloren haben und in Trauer gefangen sind. Es soll dazu ermuntern, auf Menschen zuzugehen und wieder mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen.

(© 2003 Angelika Bauer)


Zur Autorin:

Angelika Bauer wurde 1948 in Neumünster (Schleswig-Holstein) geboren. Sie hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert und im Rechnungswesen gearbeitet. 1974 ist sie mit ihrem Mann in dessen Heimatstadt nach Hamburg gezogen. 1996 sind beide aus dem Berufsleben ausgeschieden. 1998 ist ihr Mann dann nach langer Krankheit gestorben.
Heute ist die Autorin ehrenamtlich bei einem Verein tätig. Geschrieben hat sie schon immer gerne, und die Briefe, die manche Menschen von ihr bekamen, waren so ausführlich und lang, dass man das Gefühl hatte, bei den Geschehnissen dabei zu sein. Genauso war es bei den Aufsätzen in der Schule, die meistens auch laut vorgelesen wurden. Leider blieb das dann aber auf der Strecke. Haushalt und Berufsleben ließen nicht mehr allzu viel Zeit zum Schreiben. Erst nach dem Tod des Ehemannes nahm die Autorin ihr Hobby wieder auf und fing an, ein Tagebuch zu schreiben.
Und dann entwickelte sich so ganz langsam der Gedanke, ein Buch zu schreiben. Herausgekommen ist "Plötzlich ist es still". Sie will mit diesem Buch zum Nachdenken anregen und vielleicht auch die Menschen etwas sensibilisieren im Umgang mit einem trauernden Menschen.


Textauszug:


Die ersten fünf Monate

Der Bestatter hatte dann noch ein paar »aufmunternde« Worte parat: Ich solle nicht zu viel trauern, das Leben gehe weiter, und ich solle wieder am Leben teilnehmen, auf die Menschen zugehen, denn an meine Tür werde keiner klopfen. Ich wollte schreien – »Worüber sprechen wir hier eigentlich? Seit gestern, noch nicht einmal 24 Stunden, ist mein Mann tot und ich soll auf die Menschen zugehen?« Ich, die doch noch gar nicht wusste, was mit mir passieren würde. Woher sollte ich wissen, wann der Schmerz erträglicher, das Weinen weniger werden würde? Jetzt hatte ich diesen übergroßen Schmerz, trotz Beruhigungsspritzen. Ich konnte manchmal noch nicht einmal eine einzige Silbe hervorbringen, und
dann sollte ich schon an die Zukunft denken? Nein, ich wollte überhaupt nicht denken. Es war schon schlimm genug, dass ich mich um solche Dinge wie die Beerdigung kümmern musste. Wie sollte ich das bloß alles überstehen?

Während die beiden so in Erinnerungen schwelgten, schweiften meine Gedanken wieder zu den letzten gemeinsamen Tagen mit meinem Mann. Etwa vier Tage vor seinem Tod musste ich in seiner Hörweite mit seinem Schulfreund, dem Bestatter, telefonieren und ihn fragen, ob mit seiner Beerdigung alles klar gehe. Hauptsächlich wollte mein Mann wissen, ob sein Freund auch die Beerdigung durchführen würde. Mit diesem Telefonat hatte mein Mann mir nur hilfreich zur Seite stehen wollen, wie in unseren ganzen gemein-samen Leben und mich überströmte wieder eine Welle der Liebe zu meinem Mann.
Während ich also dasaß und dem mehr als oberflächlichen Ge-
plänkel mit halbem Ohr zuhörte, an die letzten Tage und die Ohn-mächtigkeit vor dieser Krankheit dachte kamen mir erneut die Tränen. Da brachte der Bestatter das Gespräch wieder auf das Thema, wegen dessen wir eigentlich da waren. Und schon wieder wurde eine Entscheidung von mir verlangt, und ich konnte meinen Mann nicht mehr fragen.

Mein Mann und ich hatten vor sehr langer Zeit schon des Öfteren über unsere Beerdigung gesprochen. Immer wenn wir auf dem Friedhof waren und das Grab seines Vaters besuchten, sahen wir Gräber, die ungepflegt da lagen. Für uns wollten wir das nicht. Wir hatten keine Kinder, die sich hätten um unser Grab kümmern kön-nen, und jemandem anderen wollten wir diese Pflicht auch nicht zumuten. Daher hatten wir beschlossen, uns anonym beerdigen zu lassen, und uns auch schon einen Platz dafür ausgewählt. Nun saß
ich aber vor dem Bestatter und musste hören, dass der Platz, den wir uns ausgesucht hatten, belegt sei. Er konnte mir zwar einen anderen Platz anbieten, aber es war eben nicht der, den ich mit meinem Mann ausgesucht hatte.
Dann machte der Bestatter den Vorschlag, eine halbanonyme Beerdigung vorzunehmen: ein Rasengrab für zwei Urnen am Rand des von uns ausgesuchten Feldes. Aber es bestehe doch auch die Möglichkeit, bei der Schwiegermutter mit auf das Grab zu kommen, fuhr er fort. Dort sei für acht Urnen Platz. Dagegen wandte meine Schwägerin ein, sie könne das nicht entscheiden. Sie müsse ihre Schwester fragen, und wer würde denn das Grab pflegen, wenn sie nicht mehr da wären. Mir wurde das alles zu viel, und ich beschloss, das Zweier-Grab am Rande des Platzes zu nehmen.
So kam es, dass ich hier einen Kompromiss schließen musste.
Im Nachhinein war ich auch sehr froh darüber, denn dadurch hatte ich einen Ort zum Trauern. Sehr viel später, es mochten wohl Monate vergangen sein, meinte meine Schwägerin einmal, hätten wir gewusst wie du das Grab pflegst, hätte mein Bruder auch bei meiner Mutter mit auf dessen Grab gekonnt.

In der ersten Woche nach dem Tod meines Mannes hatte ich noch sehr viel zu erledigen, da wurden die Hilfsmittel wie Rollstuhl, Toilettenwagen und nicht zu vergessen das Krankenbett wieder abgeholt. Danach sah mein Schlafzimmer wie ein Schlachtfeld aus: ein halbes Ehebett, eine Matratze auf dem Balkon, meine Matratze durchgetreten, so dass die Sprungfedern teilweise gebrochen waren. So war das Schlafen im Bett nicht mehr möglich. Ich hätte zwar die Matratze meines Mannes nehmen können, aber das mochte ich nicht. Jeder Gedanke an meinen Mann tat weh, und ich weinte ja
ohnehin schon den ganzen Tag – manchmal so von Weinkrämpfen
geschüttelt, dass ich kaum atmen konnte.
Ich wusste nicht, ob das schon die »Trauer« war oder einfach nur der erste Schmerz oder auch ein Zusammenbruch. Schließlich war die lange Pflegezeit auch sehr Kräfte zehrend gewesen. Wer konnte mir darauf eine Antwort geben? Da fiel mir dann unser Neurologe ein, ein sehr sympathischer, feinfühliger und ruhiger Mann, bei dem mein Mann einmal für eine Spezialuntersuchung gewesen war und ich dann noch zweimal wegen Medikamenten.
Er hatte mir gesagt, ich solle mich von meinem Mann verabschie-den, denn durch die Krankheit würde er ein anderer Mensch – nicht mehr mein Mann. Zu diesem Zeitpunkt lebte mein Mann ja noch und über den Verlauf der Krankheit wusste ich ja nicht besonders viel. Mit den schlimmen Anfällen, denen ich anfangs so hilflos gegenüber stand, konnte ich im Laufe der Monate etwas besser umgehen. Zwar ging es meinem Mann nach jedem dieser Anfälle ein wenig schlechter. Aber das bezog sich auf seine Beweglichkeit, keines-wegs auf seinen Geisteszustand. Und nun sollte es nicht mehr mein Mann sein, nach dreißigjähriger Ehe?

Ich saß auf meiner Couch – und auch das beobachtete ich nun
schon seit ein paar Tagen: nicht mehr so wie früher, sondern wie ein fremder Besucher nur vorne auf der Kante – und überlegte, was als Nächstes zu tun wäre. Schwarze Kleidung musste ja nun sein, aber ich mochte eigentlich nicht in ein Geschäft gehen, denn Aussuchen und Einkaufen von Kleidung war für mich eigentlich eine schöne Erfahrung, die mir gut tat. Das können mir sicher viele nachfühlen, wie entspannend ein Einkaufsbummel sein kann. Aber es half alles nichts, ich musste mich aufraffen und ging in unserem Ort in ein Bekleidungsgeschäft.
Mir fiel eine weitere Besonderheit auf, aber nicht sehr nachdrücklich,
sondern eher wie ein ganz flüchtiger Gedanke, erst beim Nieder-schreiben ist es mir so richtig deutlich geworden: Wenn ich früher, also längere Zeit vor dem Tod meines Mannes, einen Einkaufs-bummel machte, fand ich nie das, was ich suchte, entweder war es nicht in meiner Größe, oder die Farbe gefiel mir nicht und vieles mehr. Auch das kann man wohl gut nachfühlen. Dieses Mal war alles jedoch anders: Ich ging in das Geschäft, und was mir gefiel, passte auch gleich, und ich bekam innerhalb von ein paar Minuten alles, was ich brauchte.

(Text: © Angelika Bauer)


Fazit:
92 Seiten erzählen von einem Leben, das nicht immer einfach war, das viele Tiefen kennt, aber auch eine große Liebe erleben durfte.

Angelika wird 1948 geboren und wächst zusammen mit ihrem Bruder teilweise bei den Großeltern auf, bis ihre Eltern sich eine Existenz aufbauen und die Kinder endgültig zu sich holen können. Eine schwierige Kinder- und Jugendzeit, die mit Orts- und Schul-wechseln einhergeht und in denen beide auf die Zuneigung und die körperliche Nähe ihrer Eltern verzichten müssen, prägt sie schon früh. Doch Angelika Bauer gibt nicht auf. 1962 beginnt sie eine kaufmännische Lehre, die sie mit Bravour abschließt.
Einige Jahre später lernt sie ihren Mann kennen; 1969 heiraten sie. Im Jahr darauf kündigt sich Nachwuchs an. Beide freuen sich und treffen die nötigen Vorbereitungen. Doch dann kommt es zur Fehl-geburt. Von einer weiteren Schwangerschaft raten ihr die Ärzte dringend ab. Eine Prüfung, die das junge Paar gemeinsam meistert, genau wie insgesamt sieben Umzüge und die schwere Nieren-erkrankung, bei der Angelika eine Niere entfernt wird. Sie halten all die Jahre zusammen wie Pech und Schwefel: "Unser gemeinsames Motto war immer gewesen: Wir gegen den Rest der Welt."

Gemeinsam freuen sie sich schon auf die Zeit nach der Pensionie-rung, in der sie noch vieles miteinander erleben wollen. Doch es kommt anders. Im Sommerurlaub 1998, kurz bevor Angelikas Mann die Rente einreichen will, ereilt beide ein neuer Schicksalsschlag: "Es fing alles ganz harmlos an: Wir saßen beim Mittagessen, als meinem Mann die Gabel aus der Hand fiel."
Er, der bis dato immer kerngesund war, hatte Lungenkrebs. Ein Martyrium beginnt, in dem Ärzte und Krankenschwestern nicht gerade die Unterstützung bieten, die beide dringend nötig hätten. Acht Monate später stirbt er: "Ganz plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, war es totenstill, nichts mehr, kein Atmen, keine Bewegung, absolute Stille."

Angelika Bauer ist geschockt, reagiert nur noch mechanisch. Zu groß, der Schmerz, der Verlust. "Das Leben muss weitergehen", sagt man ihr. Aber wie kann ein Leben weitergehen, das bis dato von Zweisamkeit, von Verständnis und Fürsorge für den anderen, von einer großen Liebe geprägt war? Darüber hinaus verschlimmert sich ihr eigener Gesundheitszustand; sie muss zur Dialyse.

Aber Angelika ist eine Kämpferin, auch wenn es ihr unsagbar schwer fällt. Trost und das nötige Verständnis erfährt sie mehr von Außenstehenden, die einen ähnlichen Verlust erlitten haben, als von ihrer eigenen Umwelt. Und es dauert schließlich gut fünf Jahre lang, bis sie ihr neues Leben teilweise auch wieder sehr spannend empfindet und sagen kann: "Ich komme mir vor, wie ein kleines Mädchen, das die Welt erst entdeckt. Sie können mir glauben, es ist wirklich so, dass man das Gefühl hat, man ist nach einem jahrelangen Schlaf aufgewacht und die Welt hat sich so verändert, dass man sie nicht mehr erkennt. Es gibt inzwischen auch Momente, in denen ich so etwas wie Glück empfinde ..."

Plötzlich ist es still erzählt nicht nur von einer großen Liebe, vom Verlust eines geliebten Menschen, von widrigen Umständen rund um's Kranksein. Es ist vor allem ein Mutmachbuch für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben und wieder ins Leben zurückkommen wollen und müssen. Darüber hinaus liefert es aber auch den schonungslosen Einblick in die Psyche eines trauernden Menschen, den Nichtbetroffene oft nicht nachvollziehen können.

Bleibt nur noch zu sagen, dass das Cover des Buches absolut gelungen ist und mit viel Bedacht ausgewählt wurde. Satz und Layout sind ebenfalls stimmig, aber das Korrektorat hinsichtlich Zeichensetzung hätte bei weitem besser sein können.

(© 2003 Evelyn Schaust-Weber)

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