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Rückentext:
Eine Lungenentzündung hätte sie fast das Leben gekostet.
Aus nächster Nähe schildert Heike Major den Verlauf
dieses einschneidenden Erlebnisses: die Einlieferung ins Krankenhaus,
den Überlebenskampf auf der Intensivstation und den Weg
zurück ins Leben. Der Leser lebt und leidet mit der Patientin
und begreift, dass zur Gesundung nicht nur ein funktionierender
Körper gehört. Denn Erfahrungen dieser Art hinterlassen
innere Wunden ....
(©
2001 Verlag Schnell/Heike Major)
Textauszug:
In
dieser Nacht stellten sich auch die ersten Atembeschwerden
ein.
Ab
und zu wachte ich auf, merkte, wie schwer es mir fiel, Luft
zu holen, wollte es gerne jemandem mitteilen, schaute mich
in dem dunklen Zimmer um, ich war immer noch allein ... und
schlief fast im selben Moment wieder ein.
Es waren schwere,
traumlose Schlafphasen, die meine Sinne trübten und meinen
Willen lähmten.
Sobald ich aufwachte, versuchte ich, meine Situation zu begreifen.
Immer wieder schlief
ich ein, wachte auf, wollte den ersten Gedanken denken und
schlief ein, bevor ich diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte.
Ich wehrte mich
gegen den Schlaf, aber er übermannte mich einfach.
Ich versuchte, mich zum Nachdenken zu zwingen, vergeblich.
In den Wachphasen
registrierte ich, wie ich nach Luft schnappte, und verfolgte,
wie mir das Atmen zunehmend schwerer fiel.
Ich bemühte mich, tiefer einzuatmen, doch hatte ich mittlerweile
nicht einmal mehr eine Sekunde Zeit, um meinem Körper
irgendwelche Befehle einzuhauchen.
Ich hoffte, dass
ein Gefühl der Angst oder Panik neue Energien mobilisieren
würde, aber ich war bereits zu geschwächt, um überhaupt
noch Angst zu empfinden. Außer einem dumpfen, alles
lähmenden Allgemeinzustand gab es nichts mehr wahrzunehmen.
Einzig und allein
meine Gehirnzellen suchten noch nach einem Ausweg.
Da mir selbst die Träume genommen worden waren, hatte
ich kaum eine Möglichkeit, mich mit der Krankheit auseinander
zu setzen.
Bei meinem nächsten Wachzustand waren die Atembeschwerden
bereits in eine akute Atemnot übergewechselt.
Ich brauchte Hilfe.
„Ich kann nicht mehr atmen!“, rief ich halblaut
ins Zimmer hinein.
Es war wohl mehr ein Flüstern.
Mit Sicherheit hatte es niemand gehört.
Der Schlaf kam
zurück.
War es das Unterbewusstsein, das mich immer wieder aufweckte?
Ich wurde nun häufiger wach.
In diesen Momenten konzentrierte ich mich darauf, den Notknopf
zu drücken.
Ich plante nicht, was zu tun war, ich programmierte es ein:
„Aufwachen, auf den Notknopf drücken!!!“
Nach mehreren Wach-
und Schlafphasen gelang mir das fast Unmögliche. Mit
einem schier unbeschreiblichen Aufwand an Kraft und Willen
erreichte ich diesen Knopf und schickte meinen Hilferuf in
die nächtliche Stille des Krankenhauses hinaus.
Ich hatte es geschafft.
Für den Bruchteil
einer Sekunde erspähte ich den weißen Kittel der
Nachtschwester.
„Ich kann nicht mehr atmen!“, schleuderte ich
in den Raum, mein Leben schien gerettet ...
Mittlerweile hatte
ich einen Zustand erreicht, in dem ich weder wach bleiben
noch schlafen konnte.
Eigentlich fiel ich alle paar Sekunden in meinen Schlummerzustand
zurück. Fast im selben Moment weckte mich mein Körper
wieder auf, weil er nicht mehr genug Sauerstoff erhielt und
sich gegen den nahen Tod aufbäumte.
Ich röchelte.
Meine Güte, wo blieben diese Leute?
So etwas konnte dem Krankenhauspersonal doch nicht verborgen
bleiben.
Nur noch ein paar Minuten durchhalten, sie waren bestimmt
auf dem Weg zu mir.
Die Lunge funktionierte
nicht mehr.
Natürlich, die Lunge war ein Muskel.
Sämtliche Muskeln in meinem geschwächten Körper
stellten ihre Funktion ein.
Ganz langsam, nach und nach.
Die Beine waren nur der Anfang gewesen.
Ich konzentrierte
mich auf die Lunge.
Jeder Atemzug wurde zum Kraftakt.
Gleich würden
sie kommen.
Ich versuchte, meinen Brustkorb zu zwingen, sich zu heben.
Eiiiinaaaaatmeeeen!
Aus.
Eeeeiiiin!
Aus.
Eeeeeeiiiiiiiiiinnn! Bitteeeee!
Als ich das nächste
Mal aufwachte, sah ich die Ärzte.
Endlich!
Drei waren es.
Sie standen in der Tür.
Silhouetten.
Die Gesichter konnte ich nicht erkennen, weil im Krankenzimmer
auch jetzt noch kein Licht brannte und der hinter ihnen liegende,
grelle Schein der Flurlampen ihre Gestalten in dunkle Schatten
verwandelte.
Hatten sie mich
schon untersucht?
Warum sagten sie nichts?
Eine Ärztin war dabei, so viel verrieten mir die Gestalten
...
Ein Anflug von
Ratlosigkeit durchströmte das Krankenzimmer.
Kommt her!
Irgendwie musste ich diesen Leuten klar machen, dass es sich
hier um einen Fall von Leben und Tod handelte.
„In fünf
Minuten bin ich weg“, stieß ich hervor, „ich
kann nicht mehr atmen!“
Die Silhouetten
rührten sich nicht von der Stelle.
Hörte ich ein Gemurmel?
Warum sprachen sie mich nicht an?
Schließlich
kam Bewegung in die Gruppe.
Die Gestalten drehten sich um, traten auf den Flur hinaus
und ... schlossen die Tür hinter sich.
Ich konnte es nicht
fassen.
Hatten sie mich nicht gehört?
Sie würden
mich hier doch nicht liegen lassen?
Hatten sie sich auf den Flur zurückgezogen, um dort zu
beratschlagen? Oder hatten sie den Ernst der Lage nicht erkannt?
In welchen Abständen wurde in der Nacht nach den Patienten
geschaut?
Stündlich? Halbstündlich?
Ich wusste, wenn diese Leute in einer halben Stunde wiederkämen,
würden sie mich tot in meinem Bett finden.
Ich durfte sie nicht gehen lassen. Ich musste sie festhalten!
Und obwohl es mir
trotz der Schwere der Situation unendlich peinlich war, rief
ich.
Ich hielt den Atem an und legte meine ganze, noch verbliebene
Kraft in meine Stimme.
„Hilfe!
Ich ersticke, ich ersticke, ich ersticke ... !!!!!“
(Text:
© Heike Major)
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