| Inhalt:
Drei Elchjäger kommen unter mysteriösen Umständen
in den Rocky Mountains ums Leben - in genau dem Revier,
das der aufrechte Wildhüter Joe Pickett so sorgsam
betreut. Dass seine Kollegen die Todesfälle unter
den Teppich kehren wollen, kann Joe absolut nicht verstehen.
Er recherchiert auf eigene Faust - und stößt
auf eine weit reichende Betrugsaffäre, die offenbar
mit einer geplanten Öl-Pipeline zu tun hat. Doch
das scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein - denn
unvermittelt ist nicht nur Joes Karriere gefährdet,
sondern das Leben seiner gesamten Familie ...
(©
2003 Blanvalet Verlag)
Zum
Autor:
C.
J. Box lebt in Cheyenne im amerikanischen Bundesstaat
Wyoming. Er ist indianischer Herkunft und arbeitete
als Rancher, Jagdaufseher und Journalist. Heute koordiniert
er Tourismus-Programme in den Rocky Mountains.
(©
2003 Blanvalet Verlag)
Fazit:
Autor
Auf der Rückseite des Deckblatts wird vom Autor
nur dürr berichtet, dass er als "Jagdaufseher
und Journalist" arbeitete und "zudem"
Tourismuskoordinator in den "Rocky Mountains"
sei. Das stimmt zwar teilweise, ist aber zu wenig. Denn
es erklärt nicht des Autors profunde Kenntnis der
Flora und Fauna, der Kultur Wyomings. Will man diese
verstehen, sollte man zur amerikanischen Originalausgabe
des Buches greifen und auch die kommerziell-informative
Netzpräsenz von Box anschauen. Hier jedenfalls
nur die Richtigstellung der Autoreninformation, dass
Box aus Casper, Wyoming, stammt, nicht als Jagdaufseher,
sondern als Farmhelfer und Landvermesser arbeitete und
seine Fachkenntniss durch saubere Recherche bei Wildhütern
erwarb. Außerdem lebt er nicht in, sondern außerhalb
von Cheyenne.
Die
Geschichte
Der relativ frische und etwas blauäugige Jagdaufseher
Joe Pickett – Wildhüter wäre vielleicht
eine bessere Berufsbezeichnung – erhält seinen
ersten eigenen Bezirk im Staate Wyoming. Nicht etwa
Lusk oder Sweetwater, sondern den attraktiven Twelve
Sleep, halbwegs zwischen Yellowstone und Devils Tower.
Mit seiner Familie zieht Pickett in ein bescheidenes
Beamtenhäuschen und richtet sich ein, so gut es
das geringe Einkommen erlaubt. Er hat die Stelle des
legendären Vernon Dunnegan und spürt schnell,
dass er noch in dessen Schuhe hineinwachsen muss. Erste
Gehversuche enden in peinlichen Situationen wie der
Verhaftung des Gouverneurs (Angeln ohne Angelschein)
oder der Entwaffnung durch einen ertappten Wilderer
(der nimmt Pickett den Colt ab, als dieser den Verwarnungszettel
ausstellt). Langsam wird Pickett aber etwas selbstsicherer,
was gut und einfühlsam beschrieben wird.
Das
große Thema des Buches beginnt, als seine Tochter
Tiere entdeckt, die ausgestorben sein sollten, und er
über einen Mordfall letztendlich auf die gleichen
Tiere stößt. Dabei gefährdet er durch
Sturheit nicht nur seine Stelle, sondern auch das Leben
seiner Familie. Schließlich finden sich die Handlungsstränge
in einem Knoten, der nach dem sicher geführten
Schwert ruft. Wie die Liebe seiner Familie, der Reiz
und die Gnadenlosigkeit der Natur die Unschuld der Kinder
und seine Berufsauffassung auf eine realistisch harte
Probe gestellt werden, das erzählt Box so, dass
man sich selbst, oder den Nachbarn, wiederzuerkennen
glaubt. Das Ende ist nicht sehr überraschend, aber
um so realistischer. Sehr gut sind die Reibungen zwischen
Dorfgemeinschaft, Großindustrie, Kommissköpfen
und Gutmenschen. Weitab von idealistischem Weltverbesserertum
tut Joe Pickett, was seiner Moral und Pflicht entspricht.
Wenngleich
die Orte der Handlung erfunden sind, so entsprechen
ihre Beschreibungen der Realität im Umfeld des
Big Horn-Gebirges im nördlichen Wyoming. Man meint,
Ähnlichkeiten mit dem Ort Ten Sleep zu
erkennen, und das steigert die Lesefreude.
Box´ Stil ist flüssig, hochspannend und doch
ausreichend wortreich, um sich vom Einheitsbrei einiger
"Erfolgsautoren" wohltuend abzuheben. Seine
Wortwahl passt zur Landschaft und den Figuren. Dass
dies aber in der deutschsprachigen Ausgabe nicht ausreichend
nachempfunden ist, soll mit der folgenden Übersetzungskritik
deutlich werden.
Zur
Übersetzung
Zum Vergleich wurde die im Mai 2002 bei Berkley Prime
Crime, New York, erschienene Taschenbuchausgabe
(ISBN 0-425-18546-X) herangezogen. Nach Auskunft des
deutschen Verlags gab es zwischen englischer gebundener
und Taschenbuchausgabe nur Änderungen in der Ausstattung,
nicht im Inhalt.
"Halali", "Jagdsaison" oder "Jagdzeit"
passten als Titel vielleicht besser als "Keine
Schonzeit", da das Original "Open Season"
ebendieses meint und nicht die Abwesenheit der Schonzeit;
doch das ist Geschmackssache.
Keine
Geschmackssache ist ein Übersetzungsfehler im ersten
Satz des Prologs (!), wo nämlich das "living
flesh" fehlt. Im Deutschen wäre hier "Lebewesen"
angebracht gewesen, da im ländlichen Wyoming Schussgeräusche
alltäglich sind und erst Wilderei – also
die Vereinigung von Kugel und Tier außerhalb der
Jagdsaison – des Wildhüters Aufmerksamkeit
erregen muss (S. 7). Zumindest dem Lektorat hätte
dies auffallen müssen, weil schon eine Seite später
solcher Schusswaffengebrauch erinnert wird. Dass dann
auch das Adjektiv "high-powered" für
das Gewehr unübersetzt bleibt, passt leider gut.
Im zweiten Absatz geht es so weiter. Aus "fencing
pliers" wird "Kombizange" anstatt "Farmerzange",
und die Potasche der Jeans verschwindet ganz, so dass
die Zange in die Hose gesteckt wird. Vielleicht, weil
diese das nicht aushält, fehlt sie im nächsten
Satz ganz: das schweißerne Rinnsal des Originals
endet beim Übersetzer am Rückgrat, tatsächlich
läuft es in die Wrangler-Jeans. Vielleicht wurden
des Übersetzers Hosen nie vom Schweiß nass.
Dass der Schweiß nur im Original warm ist, beschließt
dieses Kapitel (S. 7).
Der
nächste Satz stimmt: aus "He waited."
wurde "Er wartete." Gut. Aber zwei Sätze
weiter: aus "A single, sharp crack ... could ..."
wird "Ein plötzlicher Knall ... konnte ...".
Besser wäre "Ein kurzes, hartes Krachen ...
könnte ..." gewesen (S. 7/8).
Zum
Anfang des 7. Kapitels (S. 69). Im Original steht: "At
six a.m., they had rolled up their sleeping bags in
silence, saddled up, and followed Wacey up and over
the summit into the creek bottom where the elk camp
was." Daraus wird: "Um sechs Uhr früh
rollten sie schweigend ihre Schlafsäcke ein, sattelten
auf und ritten unter Waceys Führung den Hang hoch
und über den Bergrücken. Dann ging es wieder
ins Tal des Crazy Woman Creeks hinunter, wo sich das
Jagdlager befand."
Abgesehen vom Tempuswechsel möge der Leser entscheiden,
welcher Kapitelanfang mehr Atmosphäre und konkrete
Handlung enthält; übrigens wird aus dem "Jagdlager"
4 Sätze weiter wieder ein "Camp".
Wir
wollen nicht ermüden und schlagen willkürlich
die Seite 111 auf. Kapitel 12 fängt mit dem zweiten
Satz des Originalkapitels an; der erste fehlt einfach
("After the funeral, Joe went to work.").
Auf der nächsten Seite wird aus dem Bureau of Land
Management-Gebiet der Streifenfahrt die "Breaklands".
Das trifft zwar (nach der Definition der Bureau of Land
Management "Landscape Characterization") sachlich
zu, wird aber vom Autor nicht gesagt und ist genommene
Freiheit des Übersetzers.
Dann
auf S. 146, vorletzter Absatz. Aus "mimicked"
wird "sprach nach", wo "äffte"
atmosphärisch gepasst hätte. Die Wyoming State
Police mutiert einmal zur Polizei von Wyoming und wird
so in einen Topf mit den örtlichen Sheriffs und
Autobahnpolizisten geworfen, einmal (S. 147) zur Kriminalpolizei.
Noch
ein Blick, auf S. 244. Der Satz "In seiner Studienzeit
und in all den Klatschgeschichten, von denen er über
die Jahre erfahren hatte, hatte er noch nie von einer
derartigen Barbarei gehört." lautet im Original
so: "In all of his studies and all of the gossip
he had heard over the years, this was the first instance
he knew of in which there had been a purposeful and
determined effort to wholly terminate a species."
Hier gehen Satzmelodie und die kriminelle Intention
der Täter vollständig verloren; es bleibt
die saftlose Abstrahierung als Barbarei.
Schließlich
eine Bemerkung zu den Gesetzeszitaten, die im Original
fünf Teile des Buches einleiten (S. 15, 43, 105,
165, 221). Ihre Struktur wird in der Übersetzung
verändert, ihre Aussage verkürzt, verändert
oder missdeutig wiedergegeben, ein "Amendment"
zum "Zusatz" und ihre Quelle unterschlagen.
Passend dazu leidet das einleitende Zitat aus "In
A Dark Wood" (S. 273) unter dichterischer
Freiheit der Fundstellenangaben. Lediglich für
"A Sand County Almanac" (S. 303) ist die Übersetzung
gelungen.
Viele
weitere Beispiele könnten aufgeführt werden,
doch soll hier der Würze willen Schluss sein. Das
Übersetzungsproblem liegt nicht darin, dass einzelne
Worte fehlen, Sätze verkürzt oder zerstückelt
werden oder allgemeine statt Fachtermini benutzt werden.
Auch nicht nur darin, dass durch fehlende Adjektive
oder konstruiert wirkenden Satzbau die Spannung abnimmt.
Nein, erst die Summe dieser Sünden bewirkt, dass
die gläserne Stimmigkeit des Originals verlorengeht
und eine unanstößige Alltagsbeiläufigkeit
entsteht.
Bewertung
Im Gefühl für die Atmosphäre Wyomings
ist Box gleichauf mit Annie Proulx ("Close Range").
Wie Proulx vom "Economist" zu Wyomings Ovid
gekürt wurde, so könnte Box der Samuel Langhorne
Clemens dieses Felsengebirgsstaates werden. Man wartet
gespannt auf eine Verfilmung, wenn auch die Traumbesetzung
Gary Cooper nicht mehr möglich ist. Für die
Folgebände – "Winterkill" und "Savage
Run" sind bereits erschienen und sogar noch besser
geschrieben – sollte der Verlag allerdings Übersetzer
wählen, die vergleichbare Aufgaben souverän
gemeistert haben; als Beispiel kommt dem Rezensenten
"Demolition Angel" ("Feuerengel")
mit seinem Übersetzerduo Esther Breger/Peter Hiess
in den Sinn. Dank der Erzählkunst und Vertrautheit
mit seinem Sujet vermag der Roman dennoch zu überzeugen;
wer nicht gleich zur Originalausgabe greifen mag, dem
sind immerhin zwei schlafarme Nächte garantiert.
Buchtechnisches
Das Taschenbuch ist wie üblich verarbeitet, frei
von Satzfehlern und in angenehmer Schriftgröße.
Der Preis und die schlechte Übersetzung passen
nicht recht zusammen.
(©
2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)
******************************************************************************
Sie
haben das Buch gelesen und wollen einen Kommentar
abgeben? Dann bitte hier
entlang ...
|