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Titel der amerikanischen Originalausgabe:
"Open Season"





 

Krimi/Thriller

Keine Schonzeit

Autor: C. J. Box
Aus dem Amerikanischen von Andreas Heckmann

Kriminalroman
Taschenbuch, 316 Seiten
erschienen: Januar 2003
Blanvalet Verlag
ISBN: 3-442-35759-4
Preis: 7,90 Euro
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Inhalt:
Drei Elchjäger kommen unter mysteriösen Umständen in den Rocky Mountains ums Leben - in genau dem Revier, das der aufrechte Wildhüter Joe Pickett so sorgsam betreut. Dass seine Kollegen die Todesfälle unter den Teppich kehren wollen, kann Joe absolut nicht verstehen. Er recherchiert auf eigene Faust - und stößt auf eine weit reichende Betrugsaffäre, die offenbar mit einer geplanten Öl-Pipeline zu tun hat. Doch das scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein - denn unvermittelt ist nicht nur Joes Karriere gefährdet, sondern das Leben seiner gesamten Familie ...

(© 2003 Blanvalet Verlag)


Zum Autor:
C. J. Box lebt in Cheyenne im amerikanischen Bundesstaat Wyoming. Er ist indianischer Herkunft und arbeitete als Rancher, Jagdaufseher und Journalist. Heute koordiniert er Tourismus-Programme in den Rocky Mountains.

(© 2003 Blanvalet Verlag)


Fazit:

Autor
Auf der Rückseite des Deckblatts wird vom Autor nur dürr berichtet, dass er als "Jagdaufseher und Journalist" arbeitete und "zudem" Tourismuskoordinator in den "Rocky Mountains" sei. Das stimmt zwar teilweise, ist aber zu wenig. Denn es erklärt nicht des Autors profunde Kenntnis der Flora und Fauna, der Kultur Wyomings. Will man diese verstehen, sollte man zur amerikanischen Originalausgabe des Buches greifen und auch die kommerziell-informative Netzpräsenz von Box anschauen. Hier jedenfalls nur die Richtigstellung der Autoreninformation, dass Box aus Casper, Wyoming, stammt, nicht als Jagdaufseher, sondern als Farmhelfer und Landvermesser arbeitete und seine Fachkenntniss durch saubere Recherche bei Wildhütern erwarb. Außerdem lebt er nicht in, sondern außerhalb von Cheyenne.

Die Geschichte
Der relativ frische und etwas blauäugige Jagdaufseher Joe Pickett – Wildhüter wäre vielleicht eine bessere Berufsbezeichnung – erhält seinen ersten eigenen Bezirk im Staate Wyoming. Nicht etwa Lusk oder Sweetwater, sondern den attraktiven Twelve Sleep, halbwegs zwischen Yellowstone und Devils Tower. Mit seiner Familie zieht Pickett in ein bescheidenes Beamtenhäuschen und richtet sich ein, so gut es das geringe Einkommen erlaubt. Er hat die Stelle des legendären Vernon Dunnegan und spürt schnell, dass er noch in dessen Schuhe hineinwachsen muss. Erste Gehversuche enden in peinlichen Situationen wie der Verhaftung des Gouverneurs (Angeln ohne Angelschein) oder der Entwaffnung durch einen ertappten Wilderer (der nimmt Pickett den Colt ab, als dieser den Verwarnungszettel ausstellt). Langsam wird Pickett aber etwas selbstsicherer, was gut und einfühlsam beschrieben wird.

Das große Thema des Buches beginnt, als seine Tochter Tiere entdeckt, die ausgestorben sein sollten, und er über einen Mordfall letztendlich auf die gleichen Tiere stößt. Dabei gefährdet er durch Sturheit nicht nur seine Stelle, sondern auch das Leben seiner Familie. Schließlich finden sich die Handlungsstränge in einem Knoten, der nach dem sicher geführten Schwert ruft. Wie die Liebe seiner Familie, der Reiz und die Gnadenlosigkeit der Natur die Unschuld der Kinder und seine Berufsauffassung auf eine realistisch harte Probe gestellt werden, das erzählt Box so, dass man sich selbst, oder den Nachbarn, wiederzuerkennen glaubt. Das Ende ist nicht sehr überraschend, aber um so realistischer. Sehr gut sind die Reibungen zwischen Dorfgemeinschaft, Großindustrie, Kommissköpfen und Gutmenschen. Weitab von idealistischem Weltverbesserertum tut Joe Pickett, was seiner Moral und Pflicht entspricht.

Wenngleich die Orte der Handlung erfunden sind, so entsprechen ihre Beschreibungen der Realität im Umfeld des Big Horn-Gebirges im nördlichen Wyoming. Man meint, Ähnlichkeiten mit dem Ort Ten Sleep zu erkennen, und das steigert die Lesefreude.
Box´ Stil ist flüssig, hochspannend und doch ausreichend wortreich, um sich vom Einheitsbrei einiger "Erfolgsautoren" wohltuend abzuheben. Seine Wortwahl passt zur Landschaft und den Figuren. Dass dies aber in der deutschsprachigen Ausgabe nicht ausreichend nachempfunden ist, soll mit der folgenden Übersetzungskritik deutlich werden.

Zur Übersetzung
Zum Vergleich wurde die im Mai 2002 bei Berkley Prime Crime, New York, erschienene Taschenbuchausgabe (ISBN 0-425-18546-X) herangezogen. Nach Auskunft des deutschen Verlags gab es zwischen englischer gebundener und Taschenbuchausgabe nur Änderungen in der Ausstattung, nicht im Inhalt.
"Halali", "Jagdsaison" oder "Jagdzeit" passten als Titel vielleicht besser als "Keine Schonzeit", da das Original "Open Season" ebendieses meint und nicht die Abwesenheit der Schonzeit; doch das ist Geschmackssache.

Keine Geschmackssache ist ein Übersetzungsfehler im ersten Satz des Prologs (!), wo nämlich das "living flesh" fehlt. Im Deutschen wäre hier "Lebewesen" angebracht gewesen, da im ländlichen Wyoming Schussgeräusche alltäglich sind und erst Wilderei – also die Vereinigung von Kugel und Tier außerhalb der Jagdsaison – des Wildhüters Aufmerksamkeit erregen muss (S. 7). Zumindest dem Lektorat hätte dies auffallen müssen, weil schon eine Seite später solcher Schusswaffengebrauch erinnert wird. Dass dann auch das Adjektiv "high-powered" für das Gewehr unübersetzt bleibt, passt leider gut.
Im zweiten Absatz geht es so weiter. Aus "fencing pliers" wird "Kombizange" anstatt "Farmerzange", und die Potasche der Jeans verschwindet ganz, so dass die Zange in die Hose gesteckt wird. Vielleicht, weil diese das nicht aushält, fehlt sie im nächsten Satz ganz: das schweißerne Rinnsal des Originals endet beim Übersetzer am Rückgrat, tatsächlich läuft es in die Wrangler-Jeans. Vielleicht wurden des Übersetzers Hosen nie vom Schweiß nass. Dass der Schweiß nur im Original warm ist, beschließt dieses Kapitel (S. 7).

Der nächste Satz stimmt: aus "He waited." wurde "Er wartete." Gut. Aber zwei Sätze weiter: aus "A single, sharp crack ... could ..."
wird "Ein plötzlicher Knall ... konnte ...". Besser wäre "Ein kurzes, hartes Krachen ... könnte ..." gewesen (S. 7/8).

Zum Anfang des 7. Kapitels (S. 69). Im Original steht: "At six a.m., they had rolled up their sleeping bags in silence, saddled up, and followed Wacey up and over the summit into the creek bottom where the elk camp was." Daraus wird: "Um sechs Uhr früh rollten sie schweigend ihre Schlafsäcke ein, sattelten auf und ritten unter Waceys Führung den Hang hoch und über den Bergrücken. Dann ging es wieder ins Tal des Crazy Woman Creeks hinunter, wo sich das Jagdlager befand."
Abgesehen vom Tempuswechsel möge der Leser entscheiden, welcher Kapitelanfang mehr Atmosphäre und konkrete Handlung enthält; übrigens wird aus dem "Jagdlager" 4 Sätze weiter wieder ein "Camp".

Wir wollen nicht ermüden und schlagen willkürlich die Seite 111 auf. Kapitel 12 fängt mit dem zweiten Satz des Originalkapitels an; der erste fehlt einfach ("After the funeral, Joe went to work."). Auf der nächsten Seite wird aus dem Bureau of Land Management-Gebiet der Streifenfahrt die "Breaklands". Das trifft zwar (nach der Definition der Bureau of Land Management "Landscape Characterization") sachlich zu, wird aber vom Autor nicht gesagt und ist genommene Freiheit des Übersetzers.

Dann auf S. 146, vorletzter Absatz. Aus "mimicked" wird "sprach nach", wo "äffte" atmosphärisch gepasst hätte. Die Wyoming State Police mutiert einmal zur Polizei von Wyoming und wird so in einen Topf mit den örtlichen Sheriffs und Autobahnpolizisten geworfen, einmal (S. 147) zur Kriminalpolizei.

Noch ein Blick, auf S. 244. Der Satz "In seiner Studienzeit und in all den Klatschgeschichten, von denen er über die Jahre erfahren hatte, hatte er noch nie von einer derartigen Barbarei gehört." lautet im Original so: "In all of his studies and all of the gossip he had heard over the years, this was the first instance he knew of in which there had been a purposeful and determined effort to wholly terminate a species." Hier gehen Satzmelodie und die kriminelle Intention der Täter vollständig verloren; es bleibt die saftlose Abstrahierung als Barbarei.

Schließlich eine Bemerkung zu den Gesetzeszitaten, die im Original fünf Teile des Buches einleiten (S. 15, 43, 105, 165, 221). Ihre Struktur wird in der Übersetzung verändert, ihre Aussage verkürzt, verändert oder missdeutig wiedergegeben, ein "Amendment" zum "Zusatz" und ihre Quelle unterschlagen. Passend dazu leidet das einleitende Zitat aus "In A Dark Wood" (S. 273) unter dichterischer Freiheit der Fundstellenangaben. Lediglich für "A Sand County Almanac" (S. 303) ist die Übersetzung gelungen.

Viele weitere Beispiele könnten aufgeführt werden, doch soll hier der Würze willen Schluss sein. Das Übersetzungsproblem liegt nicht darin, dass einzelne Worte fehlen, Sätze verkürzt oder zerstückelt werden oder allgemeine statt Fachtermini benutzt werden. Auch nicht nur darin, dass durch fehlende Adjektive oder konstruiert wirkenden Satzbau die Spannung abnimmt. Nein, erst die Summe dieser Sünden bewirkt, dass die gläserne Stimmigkeit des Originals verlorengeht und eine unanstößige Alltagsbeiläufigkeit entsteht.

Bewertung
Im Gefühl für die Atmosphäre Wyomings ist Box gleichauf mit Annie Proulx ("Close Range"). Wie Proulx vom "Economist" zu Wyomings Ovid gekürt wurde, so könnte Box der Samuel Langhorne Clemens dieses Felsengebirgsstaates werden. Man wartet gespannt auf eine Verfilmung, wenn auch die Traumbesetzung Gary Cooper nicht mehr möglich ist. Für die Folgebände – "Winterkill" und "Savage Run" sind bereits erschienen und sogar noch besser geschrieben – sollte der Verlag allerdings Übersetzer wählen, die vergleichbare Aufgaben souverän gemeistert haben; als Beispiel kommt dem Rezensenten "Demolition Angel" ("Feuerengel") mit seinem Übersetzerduo Esther Breger/Peter Hiess in den Sinn. Dank der Erzählkunst und Vertrautheit mit seinem Sujet vermag der Roman dennoch zu überzeugen; wer nicht gleich zur Originalausgabe greifen mag, dem sind immerhin zwei schlafarme Nächte garantiert.

Buchtechnisches
Das Taschenbuch ist wie üblich verarbeitet, frei von Satzfehlern und in angenehmer Schriftgröße. Der Preis und die schlechte Übersetzung passen nicht recht zusammen.

(© 2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)

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