|
Inhalt und Fazit:
Viel ist die Rede von
den deutschen literarischen Wundern und Sternchen, gar Hoffnungen
am schreibenden Himmel. Vieles, das bisher vorgelegt wurde,
war amüsant, unterhaltsam, eingängig oder kurzweilig. Auf
den ganz großen Wurf warten die Leser im Grunde noch immer.
Etwas von "großer Literatur" ist in dem Geschichtenband "Eigentlich
ein Heiratsantrag" von Jagoda Marinic zu finden. In 24 Erzählungen
führt sie dem Leser Menschen und Paare vor Augen, die Kinder
ihrer Zeit und Erlebnisse sind. Sie sind oft nirgends zu Hause,
außer vielleicht in sich und beschreiten dadurch seltsame
Wege der Liebe und des Miteinanders: vielfach geprägt von
Fluchten, denn die Sprache verhindert nicht selten ein wahres
Zusammenkommen der Menschen: "Dass er mich liebt, höre ich.
Ich liebe mich auch. Das weiß er und fürchtet sich davor.
Dass er mich wertschätze, dass er wisse, was ich für ein Wunder
sei, dass er sich nicht vorstellen könne, die andere Frau
so lange zu lieben wie mich. Ich aber will mich nicht durch
die Länge seiner Liebe ausgezeichnet fühlen."
Jagoda Marinic geht mit offenen Augen durch unsere Zeit und
findet Worte für die zwischenmenschliche Befindlichkeit der
Gesellschaft. Liebesfloskeln, Lebensweisheiten stellt sie
bloß und zeigt im gleichen Zug, mit welcher Sehnsucht die
Menschen nach den Bekenntnissen ihrer nächsten Mitmenschen
lechzen; doch viel zu selten wird ihr Bedürfnis ehrlich und
uneigennützig erfüllt. Wie anders könnte es sonst zu Sätzen
wie diesen kommen: "Ich gehe zu meinem Leben. Es ist da, wo
Du nicht bist. Wie lange wirst Du brauchen, um einzusehen,
dass Deins doch da ist, wo ich bin."
Die Geschichten der Autorin
sind gleichermaßen ein langes Gedicht oder ein Patchwork vieler
Einzelteile eines Romanganzen. Die verbindenden Fäden findet
der Leser in sich selbst. Dabei werden bei ihm nicht nur die
Saiten partnerschaftlicher Liebe angeschlagen, er sieht sich
mit allen Perspektiven menschlichen Miteinanders konfrontiert:
als Kind, Elternteil, Großelternteil, Liebhaber. "Ich weiß
nicht, wie sie das gemacht haben, aber ich bin nicht ich,
ich bin, was sie haben wollen, und ich brauche keine Stimme
unter ihnen, weil sie mir keine geben wollten, weil sie Angst
hatten, dass sie einem Wunsch von ihnen widerspricht, dass
sie etwas aufklären und ich das mir von ihnen verliehene Gesicht
verlieren könnte." In diesen wenigen Zeilen liegt der jahrtausendealte
Konflikt zwischen Eltern und Kind so exakt und gleichzeitig
abstrakt umrissen vor, dass dem Leser unendlich viel Raum
für seine eigene Auslegung gelassen wird.
Das gleichzeitige Aussparen konkreter Vorkommnisse, gepaart
mit einem unerbittlich genauen Blick und diesen sprachlich
auf den Punkt gebracht, zeichnet die Literatur Jagoda Marinic
vor allem aus.
(©
2001 Ivonn Kappel)
******************************************************************************
Sie
haben das Buch gelesen und wollen einen Kommentar abgeben?
Dann bitte hier
entlang ...
|