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Roman/Erzählung

Eigentlich ein Heiratsantrag

Autorin: Jagoda Marinic

Geschichten
gebunden, 120 Seiten
erschienen: Februar 2001
Suhrkamp
ISBN: 3-518-41213-2
Preis: 14,80 Euro
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Inhalt und Fazit:
Viel ist die Rede von den deutschen literarischen Wundern und Sternchen, gar Hoffnungen am schreibenden Himmel. Vieles, das bisher vorgelegt wurde, war amüsant, unterhaltsam, eingängig oder kurzweilig. Auf den ganz großen Wurf warten die Leser im Grunde noch immer. Etwas von "großer Literatur" ist in dem Geschichtenband "Eigentlich ein Heiratsantrag" von Jagoda Marinic zu finden. In 24 Erzählungen führt sie dem Leser Menschen und Paare vor Augen, die Kinder ihrer Zeit und Erlebnisse sind. Sie sind oft nirgends zu Hause, außer vielleicht in sich und beschreiten dadurch seltsame Wege der Liebe und des Miteinanders: vielfach geprägt von Fluchten, denn die Sprache verhindert nicht selten ein wahres Zusammenkommen der Menschen: "Dass er mich liebt, höre ich. Ich liebe mich auch. Das weiß er und fürchtet sich davor. Dass er mich wertschätze, dass er wisse, was ich für ein Wunder sei, dass er sich nicht vorstellen könne, die andere Frau so lange zu lieben wie mich. Ich aber will mich nicht durch die Länge seiner Liebe ausgezeichnet fühlen."
Jagoda Marinic geht mit offenen Augen durch unsere Zeit und findet Worte für die zwischenmenschliche Befindlichkeit der Gesellschaft. Liebesfloskeln, Lebensweisheiten stellt sie bloß und zeigt im gleichen Zug, mit welcher Sehnsucht die Menschen nach den Bekenntnissen ihrer nächsten Mitmenschen lechzen; doch viel zu selten wird ihr Bedürfnis ehrlich und uneigennützig erfüllt. Wie anders könnte es sonst zu Sätzen wie diesen kommen: "Ich gehe zu meinem Leben. Es ist da, wo Du nicht bist. Wie lange wirst Du brauchen, um einzusehen, dass Deins doch da ist, wo ich bin."

Die Geschichten der Autorin sind gleichermaßen ein langes Gedicht oder ein Patchwork vieler Einzelteile eines Romanganzen. Die verbindenden Fäden findet der Leser in sich selbst. Dabei werden bei ihm nicht nur die Saiten partnerschaftlicher Liebe angeschlagen, er sieht sich mit allen Perspektiven menschlichen Miteinanders konfrontiert: als Kind, Elternteil, Großelternteil, Liebhaber. "Ich weiß nicht, wie sie das gemacht haben, aber ich bin nicht ich, ich bin, was sie haben wollen, und ich brauche keine Stimme unter ihnen, weil sie mir keine geben wollten, weil sie Angst hatten, dass sie einem Wunsch von ihnen widerspricht, dass sie etwas aufklären und ich das mir von ihnen verliehene Gesicht verlieren könnte." In diesen wenigen Zeilen liegt der jahrtausendealte Konflikt zwischen Eltern und Kind so exakt und gleichzeitig abstrakt umrissen vor, dass dem Leser unendlich viel Raum für seine eigene Auslegung gelassen wird.
Das gleichzeitige Aussparen konkreter Vorkommnisse, gepaart mit einem unerbittlich genauen Blick und diesen sprachlich auf den Punkt gebracht, zeichnet die Literatur Jagoda Marinic vor allem aus.


(© 2001 Ivonn Kappel)

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