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Roman/Erzählung

Marcel

Autor: Erwin Mortier
Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert

Roman
gebunden, 150 Seiten
erschienen: Februar 2001
Suhrkamp
ISBN: 3-518-41230-2
Preis: 15,80 Euro
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Inhalt:
Unliebsame Tote ruhen niemals. Gleicht der Großenkel diesem Toten dann auch noch aufs Haar, gerät das Unterfangen, sich von der Vergangenheit zu lösen, doppelt schwer.

Die Bewohner eines kleinen Dorfes in Flandern teilen ihre Mitmenschen immer noch in weiß oder schwarz. Nicht dass es sich dabei um eine Klassifizierung nach der Hautfarbe handele. Die Farbzugehörigkeit bezieht sich auf die Haltung während der Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Ob jemand anti- oder prodeutsch war. Marcel war prodeutsch und kämpfte in der schwarzen Uniform der Waffen-SS. Vom Rußlandfeldzug kehrte er nie heim, einzig geblieben ist vor allem der Schwester, des kleinen Marcel Großmutter, ein Bild, die Erinnerungen und schließlich Briefe des Bruders. Einen solchen stibitzt sich der Kleine und zeigt ihn der Lehrerin Veegaete am letzten Schultag. Eigentlich wollte er lediglich den prächtigen Adler zeigen, der als Stempel auf dem Umschlag prangt, denn alle Kinder hatten in dieser letzten Schulstunde etwas zu einem Tier sagen sollen.
Marcels Beitrag klingt denn so: "Er trägt etwas in den Klauen. Es sieht aus wie ein Wecker, mit vier Zeigern, und sie sind alle irgendwie zerbrochen ..." Ein Bild, das aus der Phantasie eines Kindes entspringt, ebenso wie der Kommentar des kleinen Marcel, dass er von einem Tier mit Namen Swastika noch nie etwas gehört hatte: Der Adler hält nichts anderes in seinen Klauen als ein Hakenkreuz.
Die Lehrerin gibt ihm den Brief nicht zurück, sondern trägt ihn zu ihm nach Hause. Die Großmutter ist enttäuscht, dass ihr Enkel etwas entwendet hat, doch sie schilt ihn nicht. Vielmehr spricht sie mit ihm und gibt ihm einen ersten kleinen Einblick in die moralischen Abgründe der Menschen. Die, die oftmals so bieder daherkommen, wie die Lehrerin, müssen nicht immer die Vorbilder sein. Auch sie war leidenschaftliche Anhängerin der Nazis, hat sich aber in die neue Zeit schadlos retten können. Der Enkel versteht nicht, weshalb der lange schon tote Marcel nicht in Ruhe gelassen wird, aber die Weisheit der Großmutter, dass man nicht immer nur Gutes von den Menschen denken dürfe, nimmt er sich sehr zu Herzen. Für sich besiegelt er diese Erfahrung damit, dass er den Brief mit Kleidungsstücken Marcels im Garten vergräbt.

Fazit:
Die vielfach bewährte Wahl der Schilderung aus der Perspektive eines Kindes legt auch in diesem Buch von Erwin Mortier die Widersprüche und häufig paradoxe Leben der Erwachsenen offen. Das Buch besticht mit einer schonungslosen Darstellung dieser Abgründe, in einer Sprache, die mit unglaublich viel Poesie in ungeahnte Tiefen vordringt.


(© 2001 Ivonn Kappel)

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