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Inhalt:
Unliebsame Tote ruhen
niemals. Gleicht der Großenkel diesem Toten dann auch noch
aufs Haar, gerät das Unterfangen, sich von der Vergangenheit
zu lösen, doppelt schwer.
Die Bewohner eines kleinen
Dorfes in Flandern teilen ihre Mitmenschen immer noch in weiß
oder schwarz. Nicht dass es sich dabei um eine Klassifizierung
nach der Hautfarbe handele. Die Farbzugehörigkeit bezieht
sich auf die Haltung während der Zeit der deutschen Besatzung
im Zweiten Weltkrieg. Ob jemand anti- oder prodeutsch war.
Marcel war prodeutsch und kämpfte in der schwarzen Uniform
der Waffen-SS. Vom Rußlandfeldzug kehrte er nie heim, einzig
geblieben ist vor allem der Schwester, des kleinen Marcel
Großmutter, ein Bild, die Erinnerungen und schließlich Briefe
des Bruders. Einen solchen stibitzt sich der Kleine und zeigt
ihn der Lehrerin Veegaete am letzten Schultag. Eigentlich
wollte er lediglich den prächtigen Adler zeigen, der als Stempel
auf dem Umschlag prangt, denn alle Kinder hatten in dieser
letzten Schulstunde etwas zu einem Tier sagen sollen.
Marcels Beitrag klingt denn so: "Er trägt etwas in den Klauen.
Es sieht aus wie ein Wecker, mit vier Zeigern, und sie sind
alle irgendwie zerbrochen ..." Ein Bild, das aus der Phantasie
eines Kindes entspringt, ebenso wie der Kommentar des kleinen
Marcel, dass er von einem Tier mit Namen Swastika noch nie
etwas gehört hatte: Der Adler hält nichts anderes in seinen
Klauen als ein Hakenkreuz.
Die Lehrerin gibt ihm den Brief nicht zurück, sondern trägt
ihn zu ihm nach Hause. Die Großmutter ist enttäuscht, dass
ihr Enkel etwas entwendet hat, doch sie schilt ihn nicht.
Vielmehr spricht sie mit ihm und gibt ihm einen ersten kleinen
Einblick in die moralischen Abgründe der Menschen. Die, die
oftmals so bieder daherkommen, wie die Lehrerin, müssen nicht
immer die Vorbilder sein. Auch sie war leidenschaftliche Anhängerin
der Nazis, hat sich aber in die neue Zeit schadlos retten
können. Der Enkel versteht nicht, weshalb der lange schon
tote Marcel nicht in Ruhe gelassen wird, aber die Weisheit
der Großmutter, dass man nicht immer nur Gutes von den Menschen
denken dürfe, nimmt er sich sehr zu Herzen. Für sich besiegelt
er diese Erfahrung damit, dass er den Brief mit Kleidungsstücken
Marcels im Garten vergräbt.
Fazit:
Die vielfach bewährte Wahl der Schilderung aus der Perspektive
eines Kindes legt auch in diesem Buch von Erwin Mortier die
Widersprüche und häufig paradoxe Leben der Erwachsenen offen.
Das Buch besticht mit einer schonungslosen Darstellung dieser
Abgründe, in einer Sprache, die mit unglaublich viel Poesie
in ungeahnte Tiefen vordringt.
(©
2001 Ivonn Kappel)
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