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Inhalt und Fazit:
Gemeinhin tun sich Erzählbände
bei den Lesern schwer, denn die einzelnen Geschichten sind
zu kurz, als dass man sich auf jeden Charakter einließe. Um
sie ausschließlich kurz vor dem Einschlafen zu lesen, sind
sie dann meist doch wieder zu lang.
Peter Stamm gelingt mit seinem
Band "Blitzeis" der Spagat zwischen beidem: Geschichten mit
wenig Personal, deren Charaktere und Erlebnisse mit wenigen
Mitteln Atmosphäre und Spannung erzeugen. Dadurch, dass die
Geschichten alle an verschiedenen Orten und auf verschiedenen
Kontinenten spielen, haftet ihnen eine weitere Stimmung an.
Dabei begleiten wir den Autor keineswegs bei der Literarisierung
seiner Urlaubserlebnisse; er hat die Orte nicht nur besichtigt,
sondern regelrecht erlebt und bewohnt. Die Erzählungen haben
die Liebe der Menschen der 90er zum Thema, die mittlerweile
zu einer zwar gespürten und ersehnten, aber nicht mehr lebbaren
mutiert ist; die Grenzen der Romanze werden nie berührt. Die
neun Begegnungen im Zeichen der Liebe und des Begehrens sind
geprägt von Melancholie, Einsamkeit und Fremdheit.
In "Am Eisweiler" gelingt
dem Autor mit dem Aussparen dessen, was der Leser erwartet,
Spannung und gleichzeitige Irritation. Eine Gruppe junger
Leute ist beim Baden an einem See. Der Ich-Erzähler entfernt
sich mit der Freundin seines Freundes Urs von den anderen,
um sich in gewisser Distanz zum Sonnen auf eine Bootshausterasse
zu begeben. Die erste Brechung der Erzählhaltung vollzieht
sich, als Urs zu den beiden stößt. Man liest: "Dann stand
er auf und machte hoch über uns auf dem Geländer zwei Schritte
und sprang mit einer Art Schrein mit einem Jauchzer in das
dunkle Wasser. Noch vor dem Klatschen des Wassers hörte ich
einen dumpfen Schlag, und ich sprang auf und schaute hinunter."
Hat man etwas überlesen, fragt man sich? Wo stand denn, dass
das Pärchen etwas miteinander hatte, das den hinzukommenden
Freund ins Wasser und somit in den Tod treibt? Man war bei
der Lektüre nicht unaufmerksam, denn Peter Stamm arbeitet
einerseits mit sparsamen Andeutungen, andererseits mit auf
den Punkt gebrachten Fakten, die sich dann so gegenüberstehen:
"Jetzt schaute Urs zur Mitte des Balkons, und auch ich schaute
hin und sah dort ganz deutlich, als lägen wir noch da, den
Fleck, den Stefanies und mein nasser Körper hinterlassen hatten.
(...) Sein Körper leuchtete seltsam weiß im Mondlicht, und
Stefanie, die nun neben mir stand, sagte: ›Der ist tot.‹"
Was man zwischen den Zeilen mitdenkt, wird einem erst ganz
zuletzt bestätigt: Dass da wirklich etwas war zwischen den
beiden, denn man erfährt mit lapidaren Sätzen in lakonischem
Ton: "Einige Monate später erfuhr ich, dass Stefanie schwanger
war. Von da an blieb ich an den Wochenenden oft in Neuchâtel
und fing an, meine Wäsche selber zu waschen."
Stamm gelingt es immer wieder,
Konstellationen zu erschaffen, die beim Leser ein bestimmtes
Denkmuster provozieren, das er im Verlauf der Geschichte aber
absolut konträr dazu auflöst. Da ist die Frau, die vom Fenster
aus in ihrer gegenüberliegenden Wohnung beim Tanzen beobachtet
wird und die der Beobachter sich nicht getraut zu besuchen.
Bis eines Tages eine Freundin einer Frau von gegenüber ihn
auffordert, sie anzurufen, so dass es sogar bis zu einem Treffen
kommt. Erst dann klärt sich auf, dass es eine weitere Frau
auf der gegenüberliegenden Seite gibt, der Beobachter also
nicht die eigentlich Beobachtete getroffen hat, vielmehr ist
auch er unbemerkt beobachtet worden.
Die Geschichten warten immer
mit einem Ausgang auf, mit dem man, so unkonventionell man
auch denkt, nicht gerechnet hätte. Sie geben damit jedem Leser
sehr viel von sich selbst preis und bekommen so eine leserindividuelle
Note. Wer also von seiner Art zu lieben, Menschen zu begegnen,
sich auch von ihnen zu trennen, erfahren will, der lasse sich
auf den Band "Blitzeis" ein.
(©
2001 Ivonn Kappel)
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