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Buchbesprechung - Rezension:
Bei mehreren Kinderbuchverlagen greift seit einigen Jahren eine Unsitte um sich, gegen die Eltern, Lehrer, Literaturkenner und -liebhaber entschieden Sturm laufen sollten: der Trend zu Klassik-light-Ausgaben für Jugendliche. Nahezu alle Klassiker sind inzwischen in drastisch gekürzten, umgeschriebenen, modernisierten, geglätteten, Ausgaben erschienen. Als Argumente der Macher werden angeführt, dass man Kindern und Jugendlichen die großen Stoffe verständlich machen möchte, dass man ihnen zeigen will, wie bedeutend diese Literatur auch heute noch ist, um die jungen Leser dadurch neugierig zu machen und sie an die Literatur heranzuführen. Welch unsinniges und populistisches Geschwätz. Es geht nur um Kommerz; ein paar clevere Geschäftsleute haben eine Marktlücke entdeckt
Bis auf das nackte Handlungsgerüst bleibt bei den Nacherzählungen nichts mehr übrig. Versmaß, Melodie und Klang der Sprache sowie die kreative Sprachgewalt von Goethe, Schiller, Shakespeare sind dahin. Diese Dichter brauchen keine Lektoren, die sie für uns heute lesbar machen. Ihre Werke stehen seit Jahrhunderten für sich, wurden gelesen und verstanden. Und wer glaubt, Kindern durch nette, verniedlichte Fassungen der großen Werke der Weltliteratur Leselust auf die Originalwerke vermitteln zu können, der irrt sich gewaltig. Wer als Kind Erwachsenenstoffe wie "Faust", "Wilhelm Tell", "Romeo und Julia", "Don Quichote" in der kastrierten Kinderfassung wie ein Märchen vorgelesen bekommen hat, meint ja, diese Geschichten zu kennen. Warum sollte man sie später im Original nachlesen? Leider gibt es zahlreiche Eltern und Lehrer, die diese Verdummung auch noch gutheißen und befördern. Die dahintersteckende pädagogische Haltung ist erschreckend: Wir trauen unseren Kindern nichts mehr zu und unterfordern sie ständig. Und bei den PISA-Studien rutscht Deutschland immer weiter nach hinten.
Kinder und Jugendliche sind viel interessierter als Erwachsene oftmals denken. Berücksichtigen sollte man jedoch stets den Grundsatz: Alles zu seiner Zeit. Wer Schillers "Don Carlos" oder Shakespeares "Julius Cäsar" mit 12-jährigen lesen und behandeln will, wird scheitern und auf fundamentale Ablehnung stoßen. Bei 16/17-jährigen kann die Lektüre von "Wilhelm Tell", "Romeo und Julia", "Iphigenie" zu ungeahnten Entdeckungen und zu bleibenden Erfahrungen führen: Wenn es gelingt Jugendlichen klarzumachen, daß Schiller ein junger Wilder war, einer von ihnen, der für seine Ideen von Freiheit sogar in Haft saß, und daß seine Werke in Diktaturen auch in neuerer Zeit verboten wurden, werden sie erkennen, welche Kraft darin steckt und wie zeitlos, spannend und aufregend diese sind.
Und jetzt bin ich in einer schwierigen Situation: Vor mir liegen "Wilhelm Tell" nach Friedrich Schiller und "Romeo und Julia" nach Wilhelm Shakespeare, herausgegeben von der Verlegerin Barbara Kindermann, die vor einigen Jahren die Reihe "Weltliteratur für Kinder" erfunden hat. (Vielleicht hat sie sich aber auch nur an einen Trend drangehängt.) Die Bücher sind bibliophile Leckerbissen: großes Format, in Halbleinen mit Fadenheftung gebunden, gutes Papier, wunderschöne Illustrationen, exzellenter Druck. Und doch kommt keine Begeisterung in mir auf. Die Werke sind nun mal nicht nach Schiller und Shakespeare sondern von Schiller und Shakespeare.
Die Bücher werden empfohlen ab 7 Jahre. Und hier wird schon deutlich, dass es vornehmlich nicht um die Vermittlung und das Verständnis der Werke gehen kann. Der Begriff der Freiheit, Besetzung eines Landes, Demütigung der Bevölkerung (Geßlers Hut) und eine Form von Folter (Apfelschuß) sind wahrlich keine Themen, die Kinder mit 7/8/9 Jahren interessieren, da können die Bücher noch so schön gestaltet sein. Gleiches gilt für "Nathan der Weise", "Faust", "Götz von Berlichingen", die weiteren Titel dieser Reihe. Wer mit Jugendlichen diese Texte im Original gemeinsam liest und diskutiert, wird verblüfft sein, wie engagiert sie mit diesen Stoffen umzugehen verstehen und was sie alles für sich herauslesen können.
Völlig unverständlich sind für mich die Lobeshymnen für Barbara Kindermanns Klassiker-Verniedlichungen in den Medien: "Das schönste Kinderbuch des Jahres", "So macht Kindern Klassik Spaß", "Ein kleines Kunstwerk", "Ein Buch, das in jedes Kinderzimmer gehört". Hier etwas entgegenzusetzen, grenzt ja fast schon an Blasphemie.
Neben den internationalen Kinderbuchklassikern hat sich in Deutschland das Angebot an guter Literatur für Kinder und Jugendliche in den vergangenen 30 Jahren so sensationell entwickelt und ist gewachsen wie in keinem anderen Land der Welt. Die Auswahl ist riesig. Auf die hier beschriebene "Reihe Weltliteratur für Kinder" können die Angesprochenen deshalb gut verzichten.
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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