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Inhalt:
Der
angesehene Publizist und Zeithistoriker Rafael Seligmann fragt
in seiner brilliant geschriebenen Hitler-Biografie nach der
Ursache für die bislang unverständliche Loyalität
der Deutschen zu Adolf Hitler. Seine Antwort: Hitler und die
Deutschen wurden von den gleichen Ängsten vor der Moderne
geplagt. Daher gelang es Hitler, sich als einzig legitimer
und glaubwürdiger Vertreter des deutschen Volkes zu präsentieren.
Er griff dabei den traditionellen Antisemitismus auf und radikalisierte
ihn im Denken wie im Handeln. So wurde Hitler zum Führer
der Deutschen in einem Kreuzzug gegen Vernunft und Menschlichkeit.
(©
2004 Ullstein Verlag)
Zum
Autor:
Raphael Seligmann, 1947 in Israel
geboren, lebt seit 1957 in Deutschland. Der promovierte Politologe
und Publizist schrieb mehrere deutschjüdische Gegenwartsromane,
darunter "Rubinsteins Versteigerung", "Die
jiddische Mamme" und "Der Musterjude".
Buchbesprechung
- Rezension:
Er fragte nicht
Für Schnelleser vorweg: Seligmann meint, dass zwischen
den Deutschen und Hitler eine Wechselwirkung bestanden habe.
Vor dem Hintergrund der beide beherrschenden "Angst vor
der Moderne" (S. 14) und dem Leiden an vermeintlich
jüdisch verschuldetem eigenen Unglück verlieh Hitler
der Angst des Bürgertums seine Stimme, die gegen "die
Juden" als Propagandisten der Moderne agitierte.
Das brachte "die Deutschen" dazu, ihm bis
zum Tag seiner Flucht ins Totenreich bedingungslos die Treue
zu halten. Also: Wagner + Antisemitismus + verlorener Weltkrieg
+ Hitler = Tausendjähriges Reich. Soweit die Meinung
des Autor, kurzgefasst. Wie wenig sie begründet wird,
soll nun anhand einiger Auffälligkeiten vorgestellt werden.
Sie zeigen, dass die Anmutung eines Sachbuches durch den Inhalt
nicht bestätigt wird.
Dass Hitlers Kriegsführung modern war, er aber vor der
Moderne Angst hatte, ist für den Autor kein Widerspruch;
war die Kriegsführung doch nur Mittel zur Rückkehr
zu Scholle und Germanenwelt (S. 16). Solchermaßen interpretiert
Seligmann die Geschichte des "Dritten Reiches".
Damit kleinkarierte Widersprüche sein Bild nicht eintrüben,
verzichtet er - "zur Erleichterung des Lesens"
- auf Fußnoten, und wenn er auch Tatsachen und Gedanken
nicht beweisen, sondern "hinterfragen" will
(S. 16), so legt er doch in einem unwahrscheinlichen Fall
den Lesern die Quellenkenntnis nahe: "Mein Kampf"
solle ungehinderten Zugang erfahren, auf dass ein Mythos zusammenbreche.
Allerdings unterbleibt auch bei Bezugnahmen darauf jede Fundstellenangabe.
Um das Jahr 1919 dreht sich das Kapitel Bescheidener
Anfang. Es beginnt mit Hitlers Anwesenheit bei einer
Politveranstaltung des Reichswehrkommandos in München
und endet mit der Feststellung, dass die "Deutschen und
ihr zukünftiger Führer" zu einer Schicksalsgemeinschaft
zusammenwüchsen (S. 27). Der Zeitgeist wird etwas missdeutig
so beschrieben (S. 20): "Juden waren ihren deutschen
Landsleuten im Durchschnitt weit überlegen." Soll
damit gesagt werden, Juden seien keine Deutsche? Ist es nur
schlecht formuliert und hätte "nichtjüdischen
Landsleuten" heißen sollen? Oder ist es
eine, dann allerdings sehr bedenkliche, ethno-religiöse
Stimmungsmache? Und wenn die Überlegenheit real war,
warum wurde das Deutsche Reich dann nicht von "Juden"
regiert?
Das Kapitel enthält mehrere historische Rückgriffe
bis zur Bismarckschen Reichseinigung (kühl, machtpolitisch)
und erklärt, dass Richard Wagner, dessen Gegenpol im
Denken (irrational, rückwärts orientiert), mit der
Thronbesteigung von Wilhelm Zwo ein Repräsentant deutscher
Denkverwirrung wurde. Als beste Verdeutlichung dieser führt
Seligmann den "Slogan" vom Streben nach einem Platz
an der Sonne an (S. 26), den er auf mangelndes Selbstwertgefühl
trotz Wirtschaftsmacht, effektiver Armee, Hochschulen und
Technologie zurückführt. Die Frage der Kolonien,
zusammen mit der Erkenntnis der Jahrhundertwende, dass nur
die Kolonien und der Seehandel ("trade follows flag")
internationales Prestige und nationale Macht versprachen,
lässt Seligmann unangesprochen.
Dass alle Großmächte Europas, und auch die USA,
solche Ziele schon früher verfolgten, bleibt hier genauso
unerwähnt wie die strategischen Erwägungen des späteren
Gegners Stalin; dieser kommt erst ab S. 220 zu seinem Part.
Die deutsche Politik stellt sich für Seligmann als irrational
und alleine zum Weltkrieg führend dar (S. 26). Eine andere
Stelle verwirrt sprachlich: in Zitierung Wagners wird das
Volk als "Würmer zerfressende Leiche" dargestellt,
so es sich nicht der "Verjüdung" erwehre
(S. 25). Der Rezensent gesteht, dies nicht verstanden zu haben,
zumal es sich nicht um einen Übersetzungsfehler handeln
kann. Auch anderenorts geht des Autors Formulierungskunst
aufs Glatteis: wenn er wortspielerisch von "Kriegsspiel"
spricht und damit den Krieg meint, missachtend, dass der
Ausdruck eine ganz andere militärische Bedeutung hat
(S. 242). Schlussfolgerungen psychologischer Art würzen
gelegentlich: "die Parteiführung errang H., weil
er kritikunfähig und megalomanisch war und sich minderwertig
fühlte" (S. 46). Ob diese Voraussetzungen auch anderenorts/-zeit
gelten, sagt Seligmann leider nicht.
Wenn es um exakte Fakten geht, ist der Autor stellenweise
kreativ. Die deutsche Revolution bricht bei ihm (auf S. 41)
am 10. November 1918 aus. Etwas später wird das Datum
korrekt mit dem Deutschen Tag, dem 9. November, angegeben
(S. 57). Der Anhänger aus der "Kampfzeit" Scheubner-Richter
wird zwar genannt, seine einzig wichtige Rolle als Finanzbeschaffer
bleibt aber unerwähnt und damit auch die mögliche
Frage nach der Financiers eigener Motivation bei der Förderung
der NSDAP (S. 58). Die V-Waffen V 1 und V 2 gelangen bei Seligmann
im Dezember 1944 ("ein halbes Jahr vor Kriegsende",
S. 276) zum Einsatz; in London schlugen allerdings bereits
am 13. Juni 1944 eine V 1 und in Chiswick am 8. September
1944 eine V 2 ein. Hier böte sich für Seligmann
doch ein interessantes Forschungsobjekt: Wer feuerte diese
Waffen gegen das Königreich? (S. 72)
Kampf-Programm
Seligmann sagt, Hitler "erwähne" Geburtenkontrolle
als Mittel gegen den Bevölkerungsdruck (S. 69 f.) und
verwerfe dies aufgrund seiner Gefangenheit in einer "Mythenwelt".
Das stimmt nur, wenn man Sozialdarwinismus als reinen Mythos
ansieht und nicht zwischen biologischen Erklärungen und
humanethisch begründeten Normen unterscheidet. Hitler
verwarf nämlich diese eine (französische) von vier
diskutierten Methoden mit der Begründung, dass durch
Verzicht auf die selektiven Auswirkungen des "natürlichen
Kampf um das Dasein" (Mein Kampf, S. 145)
das "Geschlecht" auf Dauer als ganzes geschwächt
und darum vergehen werde. Er propagierte stattdessen den "Erwerb
von neuem Grund und Boden" fast ausschließlich
in Europa (ebenda, S. 151 f.) und legt damit an exakt dieser
Stelle den Grundanspruch für sein geopolitisches Regime
fest. Seligmann übersieht im folgenden, dass genau an
dieser Frage Hitlers Dämon erstand: das Ablehnen jeglicher
humaner Werte, die seiner Vorstellung des starken Volkes im
Wege stehen könnten. Zwar fehlzitiert er Hitler auf S.
227 dazu (mit Auslassungen und Veränderungen der Schreibung),
aber nur, um dessen Sozialdarwinismus zu belegen. Den Bogen
von dieser Inhumanität zur Grund- und Bodeneroberung
schlägt er nicht.
An keiner Stelle geht Seligmann auf die Rolle ein, die der
staatliche Unterdrückungsapparat, das Blockwartsystem
oder die totale Medienkontrolle bei der Motivation der gleichgültigen
und der Ruhigstellung allfälliger renitenter Bürger
spielten. Wie Hitler-Deutschland ohne diese Apparate ausgesehen
hätte, wird nicht gefragt; andernfalls könnte ja
auch Seligmanns Standpunkt, Deutsche und Führer bildeten
eine Symbiose, unhaltbar werden. Stattdessen weiß er
genau, was Millionen Rundfunkhörer bei Hitlers Reichstagsrede
zum Polenüberfall fühlten: "Beklommenheit"
(S. 219). Seine Quelle für diese Einsicht: keine.
Im gleichen Absatz und Zusammenhang ist für ihn Hitlers
"Bombe mit Bombe vergelten"-Aussage eine entlarvende
"Projektion seines Judenhasses", und zwar weil dies
vermeintlich ein alttestamentarisches Rachegelübde sei.
Verständlich ist diese Interpretation dem Rezensenten
nicht. Dabei hätte mit den schon vor Jahren in preiswerter
Sonderausgabe erschienenen Deutschland-Berichten der SoPaDe
ein reicher Zitatenschatz zur Volksbefindlichkeit zur Verfügung
gestanden; warum er nicht genutzt wurde, bleibt Seligmanns
Geheimnis. Auch wird großzügig ignoriert, dass
Feldpost der Zensur unterlag, und wenige Zitate daraus unkritisch
als Beleg für ungebrochenen Führerglauben der Landser
benutzt (S. 278).
Die Wortwahl ist stellenweise befremdlich. So mutiert der
"Möchtegern-Stratege" (S. 115) Hitler vom "asozialen
Möchtegern-Künstler" (S. 117) zur "zentralen
Figur im Kabinett" aufgrund seiner "Persönlichkeit"
(S. 134). Ob Seligmann militärisch falsch oder sprachlich
misslungen formuliert, wenn er den französischen Truppen
des 2. WK "Feigheit" im Vergleich zu ihren
Vorgängern des 1. WK oder zu den britischen Jagdfliegern
des 2. WK unterstellt (S. 245, 248) - das liegt im Auge
des Lesers. Seligmann führt hier das Scheitern der Luftschlacht
um England auf die geringe Endkampfgeschwindigkeit der Stuka
und die Kampfmoral der britischen Jagdflieger zurück;
kein Wort über die strategischen Fehler und Befehlsmissachtungen
des Reichsmarschalls (S. 248).
Wenn Hitler sich durch eine manichäische Weltsicht (der
Kampf "Gut gegen Böse", seine Auserwähltheit)
von demokratischen und rechtsautoritären Politikern (S.
118) unterschied, so wäre es interessant, mit welchen
Adjektiven der Autor gleichartige Weltsichten heutiger Führer
hochgerüsteter demokratischer Staaten belegen würde;
ein Amtsverlust als Justizminister droht ihm ja nicht. Auch
die Charakterisierung Hitlers als "Sozialdarwinist",
so zutreffend sie sein mag, wird nicht mit heutigen wirtschaftsdarwinistischen
Zeitströmungen verglichen, obgleich auch diese zu zwischenstaatlichen
Problemen und Kämpfen führen. Ein solcher Vergleich
wäre aber geeignet, den Zusammenhang zwischen der unterstellten
Einstellung "der Deutschen" und Hitlers einerseits
und den Weltkriegsursachen andererseits kritisch zu betrachten.
Dass er dennoch unterbleibt, schadet der Akzeptanz von Seligmanns
Meinung.
Auf S. 120 unterscheidet der Autor zwischen innen- und außenpolitischen
Zielen Hitlers; zu ersteren zählt er "Liquidation"
der Pariser Vorortverträge, Feindschaft zu Frankreich
und Zerstörung des Bolschewismus; ein gutes Beispiel
für seine Denkweise. Passend spricht er dann auf der
nächsten Seite sehr distanziert von Joachim C. Fest als
"intellektueller Historiker"; diese Erkenntnis
ist nachvollziehbar.
Ziel Hitlers (S. 123) war die deutsche Weltherrschaft, so
Seligmann. Was ist mit der England zugestandenen Rolle? Die
taucht auf S. 222 auf, in einem Nebensatz und mit der
falschen Unterstellung, Hitler habe "den Kriegseintritt
der Weltmächte in Kauf" genommen. Wie aber Seligmann
selbst anführt (S. 220) hat Hitler den Kriegseintritt
Englands "gefürchtet" und als "Finis
Germaniae" bezeichnet. Dann hat er ihn also nicht
"in Kauf genommen", sondern hingenommen.
Wie Seligmann sich bemüht, meinungsgefiltert zu referieren,
geht aus den wenigen zuordbaren Zitierungen hervor, die prompt
korrigiert werden müssen. So wird Karl Kraus (!) als
Beispiel arroganter, dünkelhafter Intellektueller mit
"Zu Hitler fällt mir nichts ein." zitiert (S.
64). Wer auch nur einmal in der "Dritten Walpurgisnacht"
las, weiß, dass Seligmann hier nicht nur die Kraussche
Satire nicht verstanden hat, was verständlich wäre,
sondern auch die Wahrheit verschleiert. Wer sie hat, mag in
der Fackel Nr. 890-905, S. 6 bis 315 nachlesen, was Seligmann
nicht verstanden hat und seinen journalistischen Vorgängern
schon damals im Juli-Heft der Fackel erklärt werden musste.
Die Rechtsgrundlage
für die nationalsozialistische Diktatur zitiert Seligmann
mal als Notverordnung "Zum Schutze des deutschen Volkes"
vom 4. Februar 1933 (S. 123) und mal als "Zum Schutze
von Volk und Staat" (S. 128), was beides nicht
richtig ist. Der Langtitel lautet (nach einem Faksimile des
Originals im Archiv Gerstenberg): "Verordnung des Reichspräsidenten
zum Schutze von Volk und Staat" und ist am 28.02.1933
ausgefertigt. Entsprechend wird auf S. 157 das "Gesetz
über Maßnahmen der Staatsnotwehr" vom 3.7.1934
falsch mit "... Angriffe am 30. Juni und 1. und 2. Juli
1934 ..." zitiert. Es mag pingelig klingen, aber
wer so zitiert, weiß wohl, warum er auf Quellenangaben
verzichtet, auch wenn er anderen Mangel an Belegen ankreidet
(S. 126).
Anders, als es sich aus der Formulierung "die
Mehrheit der Deutschen wollte ... noch nicht von Hitler und
seiner Bewegung regiert und geführt werden." (S.
129) scheinbar ergibt, wollte bei keiner Wahl eine "Mehrheit"
von Hitler regiert werden. Die 43,7% der Märzwahl 1933
waren keine Mehrheit der Deutschen. Auch an anderer Stelle
wird kurzerhand eine Meinung für die Mehrheit genommen.
Minister Groeners Einschätzung Hitlers (gute Absichten,
Schwarmgeist, Autodidakt) wird als bemerkenswert bezeichnet
und dann als "Selbstdiagnose des Denkens und Nicht-Handelns
der etablierten Kräfte gedeutet". Es folgen aber
keine Zitate, die eine solche Verallgemeinerung belegen könnten
(S. 97).
Ob angesichts des Unterdrückungsapparates tatsächlich
die verbrecherischen Maßnahmen Hitlers durch Widerstand
eines "nennenswerten" (treffender wäre wohl
angesichts der vorangehenden Beispiele "wichtigen")
Teils der Bevölkerung hätten revidiert werden können,
wie Seligmann behauptet (S. 236), muss angesichts der Machtverhältnisse
bezweifelt werden. Im Kapitel Vorboten des Umbruchs
unterstellt der Autor, ein Mangel an religiöser
Bindung habe die Empfänglichkeit gerade der norddeutschen
Bevölkerung für eine Abkehr von christlicher Nächstenliebe
erleichtert und somit zu nationalsozialistischen Wahlerfolgen
und schließlich dem Ende der Demokratie beigetragen.
(S. 87 f.) Seligmann verpasst allerdings die Chance, durch
Vergleich mit Demokratien, die aus religiösen Gründen
Gewalt anwenden, eine etwaige spezifisch hitlerische Anziehungskraft
für Gewalttätigkeit herauszuarbeiten.
Wie durch Verkürzen und Auswählen von zitierten
Texten differenzierte Standpunkte verkürzt werden können,
führt Seligmann beispielhaft auf S. 209 vor. Er zitiert
Hitler in einem längeren Satz, um zu zeigen, dass dieser
anlässlich des "Tirpitz"-Stapellaufs ungeachtet
der englischen Standfestigkeit drohte. Er übersieht,
was Admiral v. Trotha zum gleichen Anlass sagte:
"Sie [die Besatzung des Schlachtschiffs] soll diesen
Boten des Friedens befähigen, im Falle der Gefahr auch
feindlichen Widerstand zu brechen, der sich unserem Volk in
seiner Betätigung als gleichberechtigtes und gleichgeachtetes
Mitglied der Völkergemeinschaft entgegenstellen würde."
So zitiert, könnte man das Ganze auch als Friedensangebot
Hitlers, der das Deutsche Reich als Kontinentalmacht mit Ostdrang
sah, an das Vereinte Königreich sehen. Fügt man
diesen Aussagen hinzu, was im Königreich selbst zum Thema
der bewaffneten seestrategischen Verteidigungsbereitschaft
gesagt wurde, so relativiert sich die unterstellte Intention
weiter:
"Wir müssen uns darüber klar sein, dass in
gewissen Fällen die Defensive - selbstverständlich
unter der Voraussetzung, dass wir unseren Kampfgeist bewahren
- eine unterlegene Streitkraft befähigen kann, dort Vorteile
zu erringen, wo sie bei Ergreifung der Offensive wahrscheinlich
der Vernichtung ausgesetzt wäre." (Corbett: Die
Seekriegsführung Groß-Britanniens, Berlin, o. J.,
S. 37)
Überhaupt hat der Autor es nicht mit dem Militär.
- Er weiß beispielsweise, dass die Männertruppe
Reichswehr nicht das Gewaltduopol der Röhmschen SA, sondern
ihre eigene "latente Homosexualität" fürchtete
(S. 153). Hier tun sich ganz neue Optionen für nichtlethale
Waffen und wehrkraftsteigernde Frauenquoten auf.
- Dass im spanischen Bürgerkrieg neben Land- auch beispielsweise
deutsche und russische Seestreitkräfte agierten, ignoriert
Seligmann. Dabei hätte gerade hier eine interessante
Diskussion über außenpolitisches Agieren von Diktaturen
und Demokratien geführt werden können. Überhaupt
spielt der strategisch entscheidende Seekrieg in seinem Werk
keine Rolle.
- Seligmann vermag auch genau zu datieren, wann der I. WK
militärisch verloren ging (am 7.8.18, allerdings ohne
Uhrzeitangabe; S. 39). Also nicht etwa mit Einführung
des uneingeschränkten Handelskrieges oder durch den früheren
Verzicht darauf, durch eine falsche Flottenrüstung oder
die reine Heeresorientierung der Reichswehrführung.
- Wichtig ist auch, dass der Zweite Weltkrieg im Westen nach
dem Überfall auf Polen nur als "Schwindelkrieg"
stattfand (S. 224). Wie auch bei anderen Fachfremden (siehe
dazu die Rezension von Forschen
für den Führer), bleiben die Menschenopfer
und Materialverluste im Seekrieg, der mit dem Tag der Kriegserklärung
in aller Härte begann, unbeachtet.
- Selbstverständlich wird auch Frankreich behandelt.
Es hatte Angst vor "Millionen SA-Leute[n]" (S. 162)
und nicht vor dem 100 000-Mann-Heer, obgleich seine Armee
der deutschen "deutlich überlegen war" (S.
171).
Militärgeschichte sollte ein Journalist vielleicht besser
bei Fachleuten wie Hillgruber oder Brodie lassen.
Auch die Wirtschaftspolitik findet Berücksichtigung bei
Seligmann. Auf zwei Seiten (139/140) handelt er ab, was bei
Galbraith (The
Age of Uncertainty) professionell und im Zusammenhang
mit Keynes´ General Theory behandelt wird. Die Hitlersche
Verschuldungspolitik erkennt er richtig als zum Krieg zwingend;
wie sehr aber noch im 21. Jahrhundert gleiche Mechanismen
in Demokratien wirken, lässt er unerwähnt. Erwähnte
er diesen Zeitbezug, müsste er seine implizite Ansicht,
in - der Moderne zugewandten und judenfreundlichen - Demokratien
seien hitlerdeutsche Wege unbegehbar, ja argumentieren.
Buchtechnisches
Leider ist nur ein lückenhaftes Personen-, nicht aber
ein Sachregister enthalten, und zwar mit der heute üblichen
unzureichenden Differenzierung der Einträge (z. B. 27
Fundstellen für Goebbels). Lesefreundlich (und umfangserhöhend)
ist die große Serifenschrift. Da Satzfehler relativ
häufig sind, könnte das Adjektiv "sorgfältige
Lektorin" auf S. 331 auch ironisch gemeint sein: "hätte"
statt "hätten" (S. 220), "Starfverbüßung"
statt "Strafverbüßung" (S. 61),
"mir" statt "mit" (S. 120), fehlende Leertaste
nach Komma vor "Alfred Rosenberg" (S. 122), "Kloster
Irrsee" statt "Kloster Irsee" (S. 235), "Voraussezung"
(S. 236), "General Erich von Mannstein" (S. 237),
"vollständiger" statt "vollständigen"
(S. 242), "hätte" statt "hätten"
(S. 220).
Das Fehlen von Fundstellenangaben verhindert eine Prüfung,
ob in Zitaten der Hitlerzeit tatsächlich "rauer"
(statt "rauher") und "lässt" (statt
"läßt") geschrieben stand (S. 150, 207)
oder ob hier Zitate auch in der Schreibung verfälscht
wurden.
Warum für die Umschlaggestaltung eine Photomontage (©
getty-images / HULTON ARCHIVE) gewählt wurde, die ein
Bild vervielfacht nebeneinandersetzt und so einen künstlichen
Masseneindruck hervorruft, wird nicht erklärt; vielleicht
war gerade nichts Authentisches zur Hand.
Das Buch ist wohnzimmerschrankwandgeeignet gebunden.
Bewertung
Der Gegenstand dieser Rezension ist äußerlich ein
Buch und innerlich ein überlanger feuilletonistischer
Essay; dabei folgt der Text einer ausgeprägten Methodik.
Einzelne Personen werden mit kräftigen Adjektiven eingeführt
und anschließend vorwiegend anhand der Aspekte ihrer
Handlung geschildert, die den Adjektiven entsprechen. Andere
Aspekte werden ignoriert. Auf Analyse oder gar Argumentation
wird zugunsten Wiederholungen des einmal Gesagten verzichtet.
Die im Klappentext angekündigten neuen, anregenden und
provozierenden Erkenntnisse fehlen. Wer Seligmanns Meinung
teilt, wird sich bestätigt finden. Wer eine rationale
Analyse der Wechselwirkung zwischen Führer und Geführten
oder Beispiele für Meinungsdiktatur durch Medienkontrolle
sucht, sollte sein Geld in Fests Hitler
oder Hagemanns Publizistik
im Dritten Reich. Ein Beitrag zur Methodik der Massenführung
investieren.
Insgesamt ein Beispiel für journalistische Meinung, die
das Gegenteil von Aufklärung ist. Journaille, hätte
Kraus gesagt.
(©
2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)
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