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Wirtschaft, Politik & Zeitgeschichte

 
Hitler
Die Deutschen und ihr Führer

Autor: Rafael Seligmann

gebunden mit Schutzumschlag, 336 Seiten
erschienen: März 2004
Ullstein
ISBN: 3-550-07589-8
Preis: 22,00 Euro

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Inhalt:
Der angesehene Publizist und Zeithistoriker Rafael Seligmann fragt in seiner brilliant geschriebenen Hitler-Biografie nach der Ursache für die bislang unverständliche Loyalität der Deutschen zu Adolf Hitler. Seine Antwort: Hitler und die Deutschen wurden von den gleichen Ängsten vor der Moderne geplagt. Daher gelang es Hitler, sich als einzig legitimer und glaubwürdiger Vertreter des deutschen Volkes zu präsentieren. Er griff dabei den traditionellen Antisemitismus auf und radikalisierte ihn im Denken wie im Handeln. So wurde Hitler zum Führer der Deutschen in einem Kreuzzug gegen Vernunft und Menschlichkeit.

(© 2004 Ullstein Verlag)

Zum Autor:
Raphael Seligmann, 1947 in Israel geboren, lebt seit 1957 in Deutschland. Der promovierte Politologe und Publizist schrieb mehrere deutschjüdische Gegenwartsromane, darunter "Rubinsteins Versteigerung", "Die jiddische Mamme" und "Der Musterjude".


Buchbesprechung - Rezension:

Er fragte nicht

Für Schnelleser vorweg: Seligmann meint, dass zwischen den Deutschen und Hitler eine Wechselwirkung bestanden habe. Vor dem Hintergrund der beide beherrschenden "Angst vor der Moderne" (S. 14) und dem Leiden an vermeintlich jüdisch verschuldetem eigenen Unglück verlieh Hitler der Angst des Bürgertums seine Stimme, die gegen "die Juden" als Propagandisten der Moderne agitierte. Das brachte "die Deutschen" dazu, ihm bis zum Tag seiner Flucht ins Totenreich bedingungslos die Treue zu halten. Also: Wagner + Antisemitismus + verlorener Weltkrieg + Hitler = Tausendjähriges Reich. Soweit die Meinung des Autor, kurzgefasst. Wie wenig sie begründet wird, soll nun anhand einiger Auffälligkeiten vorgestellt werden. Sie zeigen, dass die Anmutung eines Sachbuches durch den Inhalt nicht bestätigt wird.

Dass Hitlers Kriegsführung modern war, er aber vor der Moderne Angst hatte, ist für den Autor kein Widerspruch; war die Kriegsführung doch nur Mittel zur Rückkehr zu Scholle und Germanenwelt (S. 16). Solchermaßen interpretiert Seligmann die Geschichte des "Dritten Reiches". Damit kleinkarierte Widersprüche sein Bild nicht eintrüben, verzichtet er - "zur Erleichterung des Lesens" - auf Fußnoten, und wenn er auch Tatsachen und Gedanken nicht beweisen, sondern "hinterfragen" will (S. 16), so legt er doch in einem unwahrscheinlichen Fall den Lesern die Quellenkenntnis nahe: "Mein Kampf" solle ungehinderten Zugang erfahren, auf dass ein Mythos zusammenbreche. Allerdings unterbleibt auch bei Bezugnahmen darauf jede Fundstellenangabe.

Um das Jahr 1919 dreht sich das Kapitel Bescheidener Anfang. Es beginnt mit Hitlers Anwesenheit bei einer Politveranstaltung des Reichswehrkommandos in München und endet mit der Feststellung, dass die "Deutschen und ihr zukünftiger Führer" zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenwüchsen (S. 27). Der Zeitgeist wird etwas missdeutig so beschrieben (S. 20): "Juden waren ihren deutschen Landsleuten im Durchschnitt weit überlegen." Soll damit gesagt werden, Juden seien keine Deutsche? Ist es nur schlecht formuliert und hätte "nichtjüdischen Landsleuten" heißen sollen? Oder ist es eine, dann allerdings sehr bedenkliche, ethno-religiöse Stimmungsmache? Und wenn die Überlegenheit real war, warum wurde das Deutsche Reich dann nicht von "Juden" regiert?
Das Kapitel enthält mehrere historische Rückgriffe bis zur Bismarckschen Reichseinigung (kühl, machtpolitisch) und erklärt, dass Richard Wagner, dessen Gegenpol im Denken (irrational, rückwärts orientiert), mit der Thronbesteigung von Wilhelm Zwo ein Repräsentant deutscher Denkverwirrung wurde. Als beste Verdeutlichung dieser führt Seligmann den "Slogan" vom Streben nach einem Platz an der Sonne an (S. 26), den er auf mangelndes Selbstwertgefühl trotz Wirtschaftsmacht, effektiver Armee, Hochschulen und Technologie zurückführt. Die Frage der Kolonien, zusammen mit der Erkenntnis der Jahrhundertwende, dass nur die Kolonien und der Seehandel ("trade follows flag") internationales Prestige und nationale Macht versprachen, lässt Seligmann unangesprochen.

Dass alle Großmächte Europas, und auch die USA, solche Ziele schon früher verfolgten, bleibt hier genauso unerwähnt wie die strategischen Erwägungen des späteren Gegners Stalin; dieser kommt erst ab S. 220 zu seinem Part. Die deutsche Politik stellt sich für Seligmann als irrational und alleine zum Weltkrieg führend dar (S. 26). Eine andere Stelle verwirrt sprachlich: in Zitierung Wagners wird das Volk als "Würmer zerfressende Leiche" dargestellt, so es sich nicht der "Verjüdung" erwehre (S. 25). Der Rezensent gesteht, dies nicht verstanden zu haben, zumal es sich nicht um einen Übersetzungsfehler handeln kann. Auch anderenorts geht des Autors Formulierungskunst aufs Glatteis: wenn er wortspielerisch von "Kriegsspiel" spricht und damit den Krieg meint, missachtend, dass der Ausdruck eine ganz andere militärische Bedeutung hat (S. 242). Schlussfolgerungen psychologischer Art würzen gelegentlich: "die Parteiführung errang H., weil er kritikunfähig und megalomanisch war und sich minderwertig fühlte" (S. 46). Ob diese Voraussetzungen auch anderenorts/-zeit gelten, sagt Seligmann leider nicht.

Wenn es um exakte Fakten geht, ist der Autor stellenweise kreativ. Die deutsche Revolution bricht bei ihm (auf S. 41) am 10. November 1918 aus. Etwas später wird das Datum korrekt mit dem Deutschen Tag, dem 9. November, angegeben (S. 57). Der Anhänger aus der "Kampfzeit" Scheubner-Richter wird zwar genannt, seine einzig wichtige Rolle als Finanzbeschaffer bleibt aber unerwähnt und damit auch die mögliche Frage nach der Financiers eigener Motivation bei der Förderung der NSDAP (S. 58). Die V-Waffen V 1 und V 2 gelangen bei Seligmann im Dezember 1944 ("ein halbes Jahr vor Kriegsende", S. 276) zum Einsatz; in London schlugen allerdings bereits am 13. Juni 1944 eine V 1 und in Chiswick am 8. September 1944 eine V 2 ein. Hier böte sich für Seligmann doch ein interessantes Forschungsobjekt: Wer feuerte diese Waffen gegen das Königreich? (S. 72)

Kampf-Programm
Seligmann sagt, Hitler "erwähne" Geburtenkontrolle als Mittel gegen den Bevölkerungsdruck (S. 69 f.) und verwerfe dies aufgrund seiner Gefangenheit in einer "Mythenwelt". Das stimmt nur, wenn man Sozialdarwinismus als reinen Mythos ansieht und nicht zwischen biologischen Erklärungen und humanethisch begründeten Normen unterscheidet. Hitler verwarf nämlich diese eine (französische) von vier diskutierten Methoden mit der Begründung, dass durch Verzicht auf die selektiven Auswirkungen des "natürlichen Kampf um das Dasein" (Mein Kampf, S. 145) das "Geschlecht" auf Dauer als ganzes geschwächt und darum vergehen werde. Er propagierte stattdessen den "Erwerb von neuem Grund und Boden" fast ausschließlich in Europa (ebenda, S. 151 f.) und legt damit an exakt dieser Stelle den Grundanspruch für sein geopolitisches Regime fest. Seligmann übersieht im folgenden, dass genau an dieser Frage Hitlers Dämon erstand: das Ablehnen jeglicher humaner Werte, die seiner Vorstellung des starken Volkes im Wege stehen könnten. Zwar fehlzitiert er Hitler auf S. 227 dazu (mit Auslassungen und Veränderungen der Schreibung), aber nur, um dessen Sozialdarwinismus zu belegen. Den Bogen von dieser Inhumanität zur Grund- und Bodeneroberung schlägt er nicht.

An keiner Stelle geht Seligmann auf die Rolle ein, die der staatliche Unterdrückungsapparat, das Blockwartsystem oder die totale Medienkontrolle bei der Motivation der gleichgültigen und der Ruhigstellung allfälliger renitenter Bürger spielten. Wie Hitler-Deutschland ohne diese Apparate ausgesehen hätte, wird nicht gefragt; andernfalls könnte ja auch Seligmanns Standpunkt, Deutsche und Führer bildeten eine Symbiose, unhaltbar werden. Stattdessen weiß er genau, was Millionen Rundfunkhörer bei Hitlers Reichstagsrede zum Polenüberfall fühlten: "Beklommenheit" (S. 219). Seine Quelle für diese Einsicht: keine. Im gleichen Absatz und Zusammenhang ist für ihn Hitlers "Bombe mit Bombe vergelten"-Aussage eine entlarvende "Projektion seines Judenhasses", und zwar weil dies vermeintlich ein alttestamentarisches Rachegelübde sei. Verständlich ist diese Interpretation dem Rezensenten nicht. Dabei hätte mit den schon vor Jahren in preiswerter Sonderausgabe erschienenen Deutschland-Berichten der SoPaDe ein reicher Zitatenschatz zur Volksbefindlichkeit zur Verfügung gestanden; warum er nicht genutzt wurde, bleibt Seligmanns Geheimnis. Auch wird großzügig ignoriert, dass Feldpost der Zensur unterlag, und wenige Zitate daraus unkritisch als Beleg für ungebrochenen Führerglauben der Landser benutzt (S. 278).

Die Wortwahl ist stellenweise befremdlich. So mutiert der "Möchtegern-Stratege" (S. 115) Hitler vom "asozialen Möchtegern-Künstler" (S. 117) zur "zentralen Figur im Kabinett" aufgrund seiner "Persönlichkeit" (S. 134). Ob Seligmann militärisch falsch oder sprachlich misslungen formuliert, wenn er den französischen Truppen des 2. WK "Feigheit" im Vergleich zu ihren Vorgängern des 1. WK oder zu den britischen Jagdfliegern des 2. WK unterstellt (S. 245, 248) - das liegt im Auge des Lesers. Seligmann führt hier das Scheitern der Luftschlacht um England auf die geringe Endkampfgeschwindigkeit der Stuka und die Kampfmoral der britischen Jagdflieger zurück; kein Wort über die strategischen Fehler und Befehlsmissachtungen des Reichsmarschalls (S. 248).

Wenn Hitler sich durch eine manichäische Weltsicht (der Kampf "Gut gegen Böse", seine Auserwähltheit) von demokratischen und rechtsautoritären Politikern (S. 118) unterschied, so wäre es interessant, mit welchen Adjektiven der Autor gleichartige Weltsichten heutiger Führer hochgerüsteter demokratischer Staaten belegen würde; ein Amtsverlust als Justizminister droht ihm ja nicht. Auch die Charakterisierung Hitlers als "Sozialdarwinist", so zutreffend sie sein mag, wird nicht mit heutigen wirtschaftsdarwinistischen Zeitströmungen verglichen, obgleich auch diese zu zwischenstaatlichen Problemen und Kämpfen führen. Ein solcher Vergleich wäre aber geeignet, den Zusammenhang zwischen der unterstellten Einstellung "der Deutschen" und Hitlers einerseits und den Weltkriegsursachen andererseits kritisch zu betrachten. Dass er dennoch unterbleibt, schadet der Akzeptanz von Seligmanns Meinung.

Auf S. 120 unterscheidet der Autor zwischen innen- und außenpolitischen Zielen Hitlers; zu ersteren zählt er "Liquidation" der Pariser Vorortverträge, Feindschaft zu Frankreich und Zerstörung des Bolschewismus; ein gutes Beispiel für seine Denkweise. Passend spricht er dann auf der nächsten Seite sehr distanziert von Joachim C. Fest als "intellektueller Historiker"; diese Erkenntnis ist nachvollziehbar.
Ziel Hitlers (S. 123) war die deutsche Weltherrschaft, so Seligmann. Was ist mit der England zugestandenen Rolle? Die taucht auf S. 222 auf, in einem Nebensatz und mit der falschen Unterstellung, Hitler habe "den Kriegseintritt der Weltmächte in Kauf" genommen. Wie aber Seligmann selbst anführt (S. 220) hat Hitler den Kriegseintritt Englands "gefürchtet" und als "Finis Germaniae" bezeichnet. Dann hat er ihn also nicht "in Kauf genommen", sondern hingenommen.

Wie Seligmann sich bemüht, meinungsgefiltert zu referieren, geht aus den wenigen zuordbaren Zitierungen hervor, die prompt korrigiert werden müssen. So wird Karl Kraus (!) als Beispiel arroganter, dünkelhafter Intellektueller mit "Zu Hitler fällt mir nichts ein." zitiert (S. 64). Wer auch nur einmal in der "Dritten Walpurgisnacht" las, weiß, dass Seligmann hier nicht nur die Kraussche Satire nicht verstanden hat, was verständlich wäre, sondern auch die Wahrheit verschleiert. Wer sie hat, mag in der Fackel Nr. 890-905, S. 6 bis 315 nachlesen, was Seligmann nicht verstanden hat und seinen journalistischen Vorgängern schon damals im Juli-Heft der Fackel erklärt werden musste.

Die Rechtsgrundlage für die nationalsozialistische Diktatur zitiert Seligmann mal als Notverordnung "Zum Schutze des deutschen Volkes" vom 4. Februar 1933 (S. 123) und mal als "Zum Schutze von Volk und Staat" (S. 128), was beides nicht richtig ist. Der Langtitel lautet (nach einem Faksimile des Originals im Archiv Gerstenberg): "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat" und ist am 28.02.1933 ausgefertigt. Entsprechend wird auf S. 157 das "Gesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr" vom 3.7.1934 falsch mit "... Angriffe am 30. Juni und 1. und 2. Juli 1934 ..." zitiert. Es mag pingelig klingen, aber wer so zitiert, weiß wohl, warum er auf Quellenangaben verzichtet, auch wenn er anderen Mangel an Belegen ankreidet (S. 126).

Anders, als es sich aus der Formulierung "die Mehrheit der Deutschen wollte ... noch nicht von Hitler und seiner Bewegung regiert und geführt werden." (S. 129) scheinbar ergibt, wollte bei keiner Wahl eine "Mehrheit" von Hitler regiert werden. Die 43,7% der Märzwahl 1933 waren keine Mehrheit der Deutschen. Auch an anderer Stelle wird kurzerhand eine Meinung für die Mehrheit genommen. Minister Groeners Einschätzung Hitlers (gute Absichten, Schwarmgeist, Autodidakt) wird als bemerkenswert bezeichnet und dann als "Selbstdiagnose des Denkens und Nicht-Handelns der etablierten Kräfte gedeutet". Es folgen aber keine Zitate, die eine solche Verallgemeinerung belegen könnten (S. 97).

Ob angesichts des Unterdrückungsapparates tatsächlich die verbrecherischen Maßnahmen Hitlers durch Widerstand eines "nennenswerten" (treffender wäre wohl angesichts der vorangehenden Beispiele "wichtigen") Teils der Bevölkerung hätten revidiert werden können, wie Seligmann behauptet (S. 236), muss angesichts der Machtverhältnisse bezweifelt werden. Im Kapitel Vorboten des Umbruchs unterstellt der Autor, ein Mangel an religiöser Bindung habe die Empfänglichkeit gerade der norddeutschen Bevölkerung für eine Abkehr von christlicher Nächstenliebe erleichtert und somit zu nationalsozialistischen Wahlerfolgen und schließlich dem Ende der Demokratie beigetragen. (S. 87 f.) Seligmann verpasst allerdings die Chance, durch Vergleich mit Demokratien, die aus religiösen Gründen Gewalt anwenden, eine etwaige spezifisch hitlerische Anziehungskraft für Gewalttätigkeit herauszuarbeiten.

Wie durch Verkürzen und Auswählen von zitierten Texten differenzierte Standpunkte verkürzt werden können, führt Seligmann beispielhaft auf S. 209 vor. Er zitiert Hitler in einem längeren Satz, um zu zeigen, dass dieser anlässlich des "Tirpitz"-Stapellaufs ungeachtet der englischen Standfestigkeit drohte. Er übersieht, was Admiral v. Trotha zum gleichen Anlass sagte:
"Sie [die Besatzung des Schlachtschiffs] soll diesen Boten des Friedens befähigen, im Falle der Gefahr auch feindlichen Widerstand zu brechen, der sich unserem Volk in seiner Betätigung als gleichberechtigtes und gleichgeachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft entgegenstellen würde."
So zitiert, könnte man das Ganze auch als Friedensangebot Hitlers, der das Deutsche Reich als Kontinentalmacht mit Ostdrang sah, an das Vereinte Königreich sehen. Fügt man diesen Aussagen hinzu, was im Königreich selbst zum Thema der bewaffneten seestrategischen Verteidigungsbereitschaft gesagt wurde, so relativiert sich die unterstellte Intention weiter:
"Wir müssen uns darüber klar sein, dass in gewissen Fällen die Defensive - selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass wir unseren Kampfgeist bewahren - eine unterlegene Streitkraft befähigen kann, dort Vorteile zu erringen, wo sie bei Ergreifung der Offensive wahrscheinlich der Vernichtung ausgesetzt wäre." (Corbett: Die Seekriegsführung Groß-Britanniens, Berlin, o. J., S. 37)

Überhaupt hat der Autor es nicht mit dem Militär.
- Er weiß beispielsweise, dass die Männertruppe Reichswehr nicht das Gewaltduopol der Röhmschen SA, sondern ihre eigene "latente Homosexualität" fürchtete (S. 153). Hier tun sich ganz neue Optionen für nichtlethale Waffen und wehrkraftsteigernde Frauenquoten auf.
- Dass im spanischen Bürgerkrieg neben Land- auch beispielsweise deutsche und russische Seestreitkräfte agierten, ignoriert Seligmann. Dabei hätte gerade hier eine interessante Diskussion über außenpolitisches Agieren von Diktaturen und Demokratien geführt werden können. Überhaupt spielt der strategisch entscheidende Seekrieg in seinem Werk keine Rolle.
- Seligmann vermag auch genau zu datieren, wann der I. WK militärisch verloren ging (am 7.8.18, allerdings ohne Uhrzeitangabe; S. 39). Also nicht etwa mit Einführung des uneingeschränkten Handelskrieges oder durch den früheren Verzicht darauf, durch eine falsche Flottenrüstung oder die reine Heeresorientierung der Reichswehrführung.
- Wichtig ist auch, dass der Zweite Weltkrieg im Westen nach dem Überfall auf Polen nur als "Schwindelkrieg" stattfand (S. 224). Wie auch bei anderen Fachfremden (siehe dazu die Rezension von Forschen für den Führer), bleiben die Menschenopfer und Materialverluste im Seekrieg, der mit dem Tag der Kriegserklärung in aller Härte begann, unbeachtet.
- Selbstverständlich wird auch Frankreich behandelt. Es hatte Angst vor "Millionen SA-Leute[n]" (S. 162) und nicht vor dem 100 000-Mann-Heer, obgleich seine Armee der deutschen "deutlich überlegen war" (S. 171).
Militärgeschichte sollte ein Journalist vielleicht besser bei Fachleuten wie Hillgruber oder Brodie lassen.

Auch die Wirtschaftspolitik findet Berücksichtigung bei Seligmann. Auf zwei Seiten (139/140) handelt er ab, was bei Galbraith (The Age of Uncertainty) professionell und im Zusammenhang mit Keynes´ General Theory behandelt wird. Die Hitlersche Verschuldungspolitik erkennt er richtig als zum Krieg zwingend; wie sehr aber noch im 21. Jahrhundert gleiche Mechanismen in Demokratien wirken, lässt er unerwähnt. Erwähnte er diesen Zeitbezug, müsste er seine implizite Ansicht, in - der Moderne zugewandten und judenfreundlichen - Demokratien seien hitlerdeutsche Wege unbegehbar, ja argumentieren.

Buchtechnisches
Leider ist nur ein lückenhaftes Personen-, nicht aber ein Sachregister enthalten, und zwar mit der heute üblichen unzureichenden Differenzierung der Einträge (z. B. 27 Fundstellen für Goebbels). Lesefreundlich (und umfangserhöhend) ist die große Serifenschrift. Da Satzfehler relativ häufig sind, könnte das Adjektiv "sorgfältige Lektorin" auf S. 331 auch ironisch gemeint sein: "hätte" statt "hätten" (S. 220), "Starfverbüßung" statt "Strafverbüßung" (S. 61), "mir" statt "mit" (S. 120), fehlende Leertaste nach Komma vor "Alfred Rosenberg" (S. 122), "Kloster Irrsee" statt "Kloster Irsee" (S. 235), "Voraussezung" (S. 236), "General Erich von Mannstein" (S. 237), "vollständiger" statt "vollständigen" (S. 242), "hätte" statt "hätten" (S. 220).
Das Fehlen von Fundstellenangaben verhindert eine Prüfung, ob in Zitaten der Hitlerzeit tatsächlich "rauer" (statt "rauher") und "lässt" (statt "läßt") geschrieben stand (S. 150, 207) oder ob hier Zitate auch in der Schreibung verfälscht wurden.
Warum für die Umschlaggestaltung eine Photomontage (© getty-images / HULTON ARCHIVE) gewählt wurde, die ein Bild vervielfacht nebeneinandersetzt und so einen künstlichen Masseneindruck hervorruft, wird nicht erklärt; vielleicht war gerade nichts Authentisches zur Hand.
Das Buch ist wohnzimmerschrankwandgeeignet gebunden.

Bewertung
Der Gegenstand dieser Rezension ist äußerlich ein Buch und innerlich ein überlanger feuilletonistischer Essay; dabei folgt der Text einer ausgeprägten Methodik. Einzelne Personen werden mit kräftigen Adjektiven eingeführt und anschließend vorwiegend anhand der Aspekte ihrer Handlung geschildert, die den Adjektiven entsprechen. Andere Aspekte werden ignoriert. Auf Analyse oder gar Argumentation wird zugunsten Wiederholungen des einmal Gesagten verzichtet.
Die im Klappentext angekündigten neuen, anregenden und provozierenden Erkenntnisse fehlen. Wer Seligmanns Meinung teilt, wird sich bestätigt finden. Wer eine rationale Analyse der Wechselwirkung zwischen Führer und Geführten oder Beispiele für Meinungsdiktatur durch Medienkontrolle sucht, sollte sein Geld in Fests Hitler oder Hagemanns Publizistik im Dritten Reich. Ein Beitrag zur Methodik der Massenführung investieren.
Insgesamt ein Beispiel für journalistische Meinung, die das Gegenteil von Aufklärung ist. Journaille, hätte Kraus gesagt.

(© 2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)

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