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Inhalt:
Sie waren unumstrittene
Stars und machten Deutschland zum internationalen Mekka der
Naturwissenschaften: Wilhelm
Conrad Röntgen, David Hilbert,
Max Planck, Fritz Haber,
Lise Meitner, Otto Hahn, Albert Einstein,
Max Born, Werner
Heisenberg und viele andere. Kein anderes
Land erhielt in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts
so viele Nobelpreise wie Deutschland.
Doch mit der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 waren
viele Prominente aus Wissenschaft und Forschung gezwungen,
ihr Land zu verlassen. Die, die blieben, wurden in die ideologische
Pflicht genommen, mussten ihre Arbeit in den Dienst der
Hitler'schen
Tötungsmaschinerie und Kriegspolitik stellen.
Und sie
taten es, entwickelten Panzer, Raketen, chemische
Kampfstoffe
und Bomben, die die Welt in Angst und Schrecken
versetzten.
Dies ist die Chronik der deutschen
Naturwissenschaft in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts
— einer Wissenschaftsdisziplin, die,
zum Nutzen der
Menschheit gedacht, millionenfachen Tod brachte.
Ein erschreckendes,
ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte,
hier zum ersten
Mal umfassend dargestellt.
(©
2004 Gustav Lübbe Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
Zum Inhalt
Das Sachbuch ist beeindruckende 576 Seiten stark.
Neben 8 Hauptteilen und einer 20-seitigen Einleitung enthält
es
zwei einfarbige Bildteile mit zusammen 42 Abbildungen nach
den
Seiten 192 und 384. Ergänzend sind in einem Anhang 16
Seiten
mit Anmerkungen (= Fußnoten der 7 Hauptteile), 13 Seiten
Bibliographie, 2 Seiten Danksagungen und 1 Seite mit Bildnachweisen
aufgeführt. Das 16-seitige Register beschließt
das Buch.
Die Länge des Werkes und die Höhe der Investition
erzwingen
eine Rezension, die zu einigen Teilen länger als üblich
ausfällt.
Der Leser wird um Verständnis gebeten.
Zu den einzelnen Teilen
Systematisches
Buchtechnisches
Bewertung
Die Einleitung untertitelt
der Autor John Cornwell
"Die Deutschen verstehen". Dazu schildert
er seine Kindheitserinnerungen an den II. Weltkrieg, sinnt
über die Toten der Operation Gomorrha, Kriegstechnik,
Rassenhygiene oder den Widerstreit zwischen dem Gewissen Einzelner
und den Rahmenbedingungen einer Kriegsdiktatur nach. Er beschließt
sie mit der Zielsetzung seines Buches, nämlich des Lesers
Bewusstsein für gegenwärtige und zukünftige
Gefahren zu schärfen. Zu einzelnen Errungenschaften,
wie z. B. Annäherungszünder oder Nachtsichtgeräte,
hätte man dabei gerne eine Quellenangabe erhalten (Stichwort
"Oslo-Report", der allerdings nicht hier, sondern
auf S. 309 erwähnt wird; das Stichwortverzeichnis verweist
fälschlich auf S. 308).
Ein Verständnis speziell "der Deutschen" ergibt sich aus all dem
aber nicht.
Im I. Teil wird das wissenschaftliche Erbe der Weimarer
Republik diskutiert. Als Eingang dient eine sehr persönliche
Wertung von Hitlers Wissenschaftsverständnis, die dann
um Betrachtungen zur Reputation deutscher Wissenschaft seit
der Jahrhundertwende, den Forschungen Fritz Habers zu Kampfstoffen
und den Zusammenhängen zwischen Eugenik, Rassenhygiene
und Psychiatrie ergänzt wird. Dabei fällt eine Diskrepanz
zwischen Cornwells Einschätzung und technikgeschichtlichen
Realitäten auf; hier drei Beispiele für des Autors
Stil (alle S. 43):
Hitlers Lobpreisung der Tropfenform als hydrodynamisches
Optimum wird mit "apodiktischer Tonfall" und "dogmatisches
Insistieren auf Grundprinzipien" gegenüber den Fachleuten
abgewertet, obgleich die Entwicklung der U-Boote ab den 60eer
Jahren genau diese Beobachtung umsetzte.
Die Problematik von Blutstau in Extremitäten und Blutmangel im Rumpf beim Kurven mit Düsenjägern wird von Hitler als Argumentation gegen die Jägerverwendung der Me 262 gebraucht, und dies wird abschätzig zitiert; vielleicht hätte Cornwell auch RAF-Piloten, die wegen exakt dieses Effekts regelmäßig in Druckanzügen fliegen müssen, in die umfangreiche Liste seiner Berater (S. 557 f.) aufnehmen sollen.
Schließlich wird für Hitlers Mangel an wissenschaftlichem Verständnis auf seine periodische Trägheit, seine Vorliebe für spätes Aufstehen oder Naturkostdiät verwiesen; der Zusammenhang ist in den beiden ersten Punkten unsinnig und im letzten falsch.
Es wird aber auch die strategische Frage der Atomrüstung im III. Reich mit inkompatiblen Argumenten angesprochen. Einerseits
(S. 38) zeige Hitler minimales Interesse an Kernspaltung oder hielt sie für "jüdische Pseudowissenschaft"; gar einen Brand des Erdballs habe er als ihre mögliche Folge (S. 39) gesehen.
Wenige Zeilen später wird dann vom Autor festgestellt, dass
"Hitler eine Atombombe eingesetzt hätte, wäre
eine verfügbar gewesen, kann kaum bezweifelt werden."

Unter
"Die neue Physik" wird im II. Teil eine Wissenschaftsgeschichte
geboten, die knapper auch in einer guten Enzyklopädie
Platz fände; gelegentlich wird der Teil durch Anekdoten
über das Wetter bei einem Besuch Heisenbergs in Göttingen
(S. 144) und Streiche Gustav Hertz´ (S. 151) aufgebläht.
Einige Hinweise auf weltanschaulich motivierte Grenzziehungen
(z. B. S. 135) sorgen dafür, dass dieser Teil aber nicht
gänzlich neben dem Thema liegt.
Der
III. Teil kommt dann zur Sache: "Nazi-Fanatismus,
Willfährigkeit und Unterdrückung" sind sein
Thema. Von den Entlassungen missliebiger Wissenschaftler wie
Hans Krebs (S. 159) oder Fritz Haber (S. 167) geht es über
Peenemünder Raketenforschung, die Gleichschaltung der
Ärzteschaft (S. 182 ff.) und Geopolitik zur "Deutschen
Mathematik". Zwar schweift der Autor auch hier gelegentlich
ab, die Schilderung bleibt aber insgesamt interessant und
am Thema.

Das
technisch interessante Thema Wehrtechnik wird auf den
Seiten 241 bis 338 des Teils IV abgehandelt und hat damit
den relativ größten Anteil am Werk. Fünf große
Aspekte werden anhand von 108 Zitaten diskutiert: Kernspaltung,
Organisation (unter dem fehldeutenden Titel "Der Zweite
Weltkrieg"), Kriegsmaschinen, Radar und Chiffrierung.
Offensichtlich bewegt sich der Autor hier auf ihm unbekanntem
Gebiet, denn es häufen sich Urteile und Einschätzungen,
die vom heutigen Kenntnisstand nicht gestützt werden.
Einige Beispiele aus dem Kapitel "Kriegsmaschinen"
folgen:
Der B-Dienst der Kriegsmarine (über das Stichwortverzeichnis übrigens nicht erschlossen) wird als aus Horchdienst, Decodierdienst und Auswerteabteilung bestehend bezeichnet (S. 330). Dies erfolgt ohne Datumsbezug, doch führt die thematische Einbettung eindeutig auf die Kriegszeit. Damit gilt die Gliederung von 1942 bis 1944, die Heinz Bonatz schon 1970 (S. 98) so beschrieb: Gruppe Auswertung, Entzifferung West I, Entzifferung West II, Entzifferung Ost und E-Ausbildung und -Schulung. Bonatz´ Werk wird übrigens von Cornwell rühmend als Quelle angegeben.
Das Konzept der Haftmine wird als "amateurhafte
Kurzschlussidee" bezeichnet (S. 313); die taktischen
Erfolge im Land- und auch Seekrieg dieser Technik hätten
also nach des Autors Einschätzung nie eintreten dürfen.
Auf S. 304 wird die Trägerwelle im Funkverkehr (hochfrequente Wechselspannung) als Funksignal bezeichnet; dem ist nicht so. Signal ist in der Nachrichtentechnik die diskriminierbare Differenz zwischen Träger und Modulation, keinesfalls aber die Trägerwelle selbst, wenn man von rein peilender Beobachtung absieht.
Der in anderen Werken kritisch bewertete Autor Clay
Blair (siehe U-Boot-Tanker
1941 - 1945) wird mit der Einschätzung des Schnorchels
als "erbärmliche Notlösung" zitiert (S.
294); anscheinend machen die Marinen der Welt, die bis heute
das Prinzip anwenden, hier alle etwas falsch.
Eine wehrtechnische Innovation ist die Klassifizierung
der "Bismarck" als "so etwas wie ein Flugzeugträger"
(S. 287); auf diese Interpretation der vier Erkundungs-Bordflugzeuge
des Schlachtschiffes ist nach Wissen des Rezensenten noch
nie jemand gekommen. Passenderweise fehlt jede Erwähnung
der "Graf Zeppelin", und zur "Bismarck"
wird denn auch keine der anerkannten Autoritäten zitiert.
Dass auf derselben Seite die "Admiral Scheer" ein
Schlachtschiff war, die "Admiral Graf Spee" von
"Ajax" und "Achilles" in die Enge getrieben
wurde und die "Bismarck" im Endkampf von 4 Schiffen
versenkt(!) wurde, zeigt, wie der Autor hier schwimmt.
Wer sich sachkundig über Chemiewaffenrüstung
informieren will, sollte zur aktualisierten Fassung von A
Higher Form of Killing von Harris/Paxman greifen;
die Ausführungen von Cornwell dazu auf
S. 313/314 sind auf Anekdotisches beschränkt und unbefriedigend.
Gelegentlich ersetzt Cornwell fehlende Kenntnis durch Rhetorik, wenn er beispielsweise im Kapitel "Kernspaltungstaumel" (S. 259 f.) Paul Hartecks eigene Aussage als bloße Behauptung diskreditiert. In diesem Zusammenhang stolpert man über eine universelle Beziehung: Wissenschaft wandert zum Geld (S. 260). Das wird aber später im Werk nicht analytisch vertieft, obgleich es eine gute Argumentation für das "Warum" (S. 518 ff.) geliefert hätte.
Schließlich sei auf eine strategisch und eine politisch fragwürdige Darstellung Cornwells hingewiesen (S. 265). Nach ihm ist die Norwegeninvasion durch das Deutsche Reich eine Reaktion auf die britische Blockade skandinavischer Gewässer gewesen; dabei handelte es sich um einen - im modernen Jargon - Präemptivfeldzug, um exakt solche Blockade der Erzzufuhren zu verhindern. Wer hier einen Rohstoff durch einen anderen ersetzt, ist ganz nahe am Zeitgeschehen. Und der Weg zum II. WK wurde keineswegs erst 1935 durch Hitler eingeschlagen, sondern mit den "Pariser Vorortverträgen" nach dem I. WK. Die Kampfhandlungen zwischen dem Deutschen Reich und der Garantiemacht Großbritannien begannen nicht erst im Frühjahr 1940, sondern unmittelbar nach Kriegserklärung mit dem Handelskrieg, bei dem die Alliierten im ersten Monat 150.000 BRT Schiffsraum und viele Seeleute verloren, und der ersten Seeschlacht, am Rio de la Plata, am 13. Dezember.

So, wie es keine nationalsozialistische Atombombe gab, ist der gleichnamige Teil V keine Erklärung, warum. Auf 40 Seiten reiht Cornwell Mutmaßungen (S. 357), Anekdoten (S. 378) oder politische Bewertungen (S. 373) aneinander. Die einfachste Erklärung: zu aufwendig und nicht befohlen, bringt der Autor nicht zu Papier. Stattdessen erfährt man länglich, was ihm vom Hörensagen bekannt wurde (S. 344).
Wissenschaft
in der Hölle umfasst 50 Seiten. Teil VI beginnt mit
Darstellung der Zwangsarbeit im Lager Dora. Sie schildert
von Brauns Verhaftung, die angeblich ausschließlich
auf Intrigen Himmlers zurückging (S. 394), und bezeichnet
dies als "karriereförderlich" für die
spätere Tätigkeit bei der NASA. Leider bleibt der
Autor einen Beleg dafür schuldig. Die Menschenversuche
in den Konzentrationslagern, die Chemieindustrie und die Wunderwaffen
bilden die nächsten Kapitel. Neu dabei der von Geoffrey
Brooks zitierte Sachverhalt, die CIA halte bis heute deutsche
Pläne für UFOs unter Verschluss (S. 426). Roswell
lässt grüßen. Weiters werden Raketen, Giftgas
und anderes gestreift, ohne dass eine Diskussion zum "Forschen
für den Führer"-Thema enthalten
wären.
Hitlers
Schatten besteht aus 3 Kapiteln:
der um Mutmaßungen ergänzten Wiederholung
dessen, was Jeremy Bernstein 2001 über die Farm Hall-Gespräche
veröffentlicht hat,
biographischen Angaben unterschiedlicher Länge
zu einigen Personen (z. B. Hahn, Jordan, Bohr, Heisenberg,
von Laue) und
die Abschöpfung deutscher Forschungen durch die
Alliierten
(z. B. "Project Paperclip").
In diesem VII. Teil (S. 441 bis 478) fällt zunächst
eine unlogische Behauptung auf. So hätten deutsche Wissenschaftler
nur in der Inhaftierung Gelegenheit zur Abstimmung einer "Geschichte"
gehabt (S. 452). Warum das nicht auch in Freiheit möglich
gewesen wäre, sagt Cornwell nicht.
Die Schreibweise Fall-out (S. 466) ist zutreffend reformierte
Schreibung, aber unter Fachleuten inakzeptabel. Der Wahrheitsgehalt
der Farm Hall-Aufzeichnungen wird vorbehaltlos akzeptiert;
die Möglichkeit, dass die abgehörten Wissenschaftler
im Bewusstsein der Abhörmöglichkeit verblümt
sprachen, negiert. Passend sagt Cornwell sowohl (S. 442),
dass die Wissenschaftler "keine Ahnung" von ihrem
Abgehörtwerden gehabt hätten, als auch (S. 443),
dass sie genau dieses diskutierten. Nun ja.
Zum Nachkriegsschicksal "Hitlers Wissenschaftler"
wie Hahn, Born, Heisenberg oder von Weizsäcker referiert
Cornwell auf etwas über 6 Seiten einiges von dem, was
in seiner benutzten Literatur steht. Neues kommt dabei nicht
ans Licht. Er weiß aber deutliche Wertungen einzufügen.
So "prahlte" Jordan (S. 466), "bestreitet"
von Weizsäcker (S. 468) oder wagen "alternde
Wissenschaftler" einen Vorstoß (S. 466).
Der Teil wird zwar mit kurzen Hinweisen auf den Verbleib von
Nazi-Wissenschaftlern in den Alliiertenstaaten beschlossen,
ist aber eigentlich die Einstimmung auf den Teil VIII, da
hier die Diskussion gute/schlechte Wissenschaft begonnen wird
(S. 472).
"Vom
Kalten Krieg bis zum Krieg gegen den Terror"
ist der
Schlussteil betitelt.
Er referiert zunächst kurz das Für und Wider
des Atombombeneinsatzes gegen Japan und beschreibt am Beispiel
Joseph Rotblats die Zerrungen, denen die Forscher bei der
Weiterentwicklung zur Wasserstoffbombe ausgesetzt waren. Die
Kuba-Krise lässt er Revue passieren und leitet dann zu
jüngeren Konfrontationen zwischen den Supermächten
über. Anschließend betrachtet er die zivile Kernenergienutzung
und die Unfälle in Windscale, Kyshtym, Harrisburg und
Tschernobyl und fragt, was die Kernphysiker daraus gelernt
hätten (S. 498). Seine Angaben (S. 497) müssen allerdings
korrigiert werden: So wurde der Fallout von Tschernobyl auch
in Deutschland und sogar in Frankreich nachgewiesen, und die
Kosten dieser Kernschmelze lagen schon 1988 sicher nicht bei
18 Mio. €, wenn allein für den zweiten Sarkophag
2000 schon 768 Mio. $ gespendet werden mussten
(taz, 06.07.2000) und ukrainische Experten derzeit von ca.
201 Mio. $ bis 2015 ausgehen (chernobyl.info). Aber vielleicht
sind aktuelle Zahlen für diesen Historiker unwichtig.
- Auf den Seiten 499 bis 505 wird nun die eigentliche Fragestellung
nach dem Spezifischen der nationalsozialistischen Forschung
mit Zitaten beantwortet (S. 500).
"Ohne die Misere der konkurrierenden nationalsozialistischen
Machtzentren, im Verbund mit dem Dilettantismus der Wissenschaftsbanausen
Hitler und Göring, hätten sich die bescheidenen
Bemühungen von Brauns und seiner Kollegen mangels industrieller
Unterstützung nie zu so etwas monströsem wie dem
Peenemünde-Projekt auswachsen können."
Auf den Folgeseiten relativiert Cornwell dies etwas, indem er mehrere Beispiele aus den Siegermächten bringt, wie "Big Sciene" (S. 502) unter staatlicher Steuerung gewachsen ist und gleichzeitig höheren Druck auf die Moralfestigkeit der beteiligten Wissenschafter ausgeübt wird.
Über die Informationsrevolution, also PC, Internet
und Onlinedienste schlägt er die Brücke zu den ethischen
Fragen der Biotechnologie und speziell des Klonens. Diese
Fragen werden formuliert, in den Kontext gesellschaftlich/politischen
Wandels gestellt, aber nicht beantwortet (S. 513).
Das letzte Kapitel heißt "Die Wissenschaft zieht wieder in den Krieg". In der Reaktion der USA auf die Terroranschläge von 2001 sieht Cornwell eine Hinwendung zur Forschung, die hochtechnologische Präventivschläge führbar macht (S. 516). Dagegen ruft er Wissenschaftler auf, "prinzipiell die Konsequenzen" im Auge zu behalten, wenn sie forschen, und Integrität und Verantwortungsgefühl zu zeigen (S. 521). Sein institutioneller Vorschlag dazu: Diskussionskreise betroffener Wissenschaftler
(S. 523).
Mit seiner Behauptung, heute "drohen dem Dissidenten
weder Haft noch Hinrichtung" (S. 522), liegt er angesichts
der kürzlichen Verhaftung eines vor 18 Jahren hart recherchierenden
Journalisten
in Israel oder der Asylsuche eines kriegsdienstverweigernden US-Soldaten in Kanada allerdings nicht so ganz richtig.
Systematisches
Originalquellen wie z. B. die Mitschriften der Nürnberger
Prozesse werden generell ignoriert, stattdessen Sekundärliteratur,
Zitate anderer Autoren (z. B. S. 180, Fußnote 14), Sammlungen
solcher oder unveröffentlichte Befragungen (S. 442) ausgewertet.
Als Quellen dienen auch ein Disney-Film (S. 520) oder die
Encyclopædia Britannica (S. 503). Die Aufzählung
der unterstützenden 8 Bibliotheken hochangesehener Institutionen
(S. 558) mutet angesichts der freien Verfügbarkeit nahezu
aller zitierten Werke im Handel an wie ein Versuch, durch
Streuung von Namen den Eindruck zu schinden, den das Werk
nicht hinterlassen kann. Analog zur Publikationslage liegt
der Schwerpunkt auf Anekdotischem zu Heisenberg, Haber und
von Braun; eine systematische Analyse der Rahmenbedingungen
und persönlichen Anpassungsmuster der Wissenschaftler,
mit konsequenten Vorschlägen für strukturelle Maßnahmen
zur Befriedung moderner Forschung, sucht der Leser vergebens.

Buchtechnisches
Dem Übersetzer gebührt Respekt für seine getreuliche Übertragung auch schwieriger Fachtermini und der streckenweise ermüdenden Originalprosa.
Fadenheftung, marmorierte Vorsatzpapiere und Schutzumschlag machen das Äußere des Buches herzeigbar. Im Register sind die meisten Stichworte mit eindeutigen Seitenzahlen versehen; Mehrfacheinträge sind allerdings kaum oder nutzlos differenziert.
Ein Beispiel für ersteres ist "Laue, Max v." mit 16 aneinandergereihten Fundstellen (S. 569), für letzteres soll "Atomkraftwerke" als Haupteintrag und mit drei Untereinträgen stehen (S. 561), wobei alle Einträge auf dieselbe Seite verweisen. Permutationen fehlen; so sind zwar die A1- bis A4-Raketen aufgeführt (S. 561), aber nicht auch unter dem Hauptstichwort "Rakete".
Bewertung
Wer einen Schrankwandfüller mit politisch korrekten Aufrufen
zur Moralförderung von Militärforschern sucht, sollte
zu diesem repräsentativ ausgestatten Band greifen. Wer
Analytisches über die Wechselwirkung zwischen Staatsmacht,
Forschung und Ethik braucht, kann sein Geld sinnvoller anlegen,
beispielsweise in Edwin Black (2003): War
Against the Weak oder Renneberg/Walker (1994): Science,
Technology and National Socialism.
(©
2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)
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