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Wirtschaft, Politik & Zeitgeschichte

Forschen für den Führer
Deutsche Naturwissenschaftler und der
Zweite Weltkrieg

Autor: John Cornwell
Aus dem Englischen von Andrea Kamphuis

gebunden mit Schutzumschlag, 576 Seiten
erschienen: März 2004
Lübbe
ISBN: 378572165X
Preis: 24,90 Euro

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Inhalt:
Sie waren unumstrittene Stars und machten Deutschland zum internationalen Mekka der Naturwissenschaften: Wilhelm
Conrad Röntgen, David Hilbert, Max Planck, Fritz Haber,
Lise Meitner, Otto Hahn, Albert Einstein, Max Born, Werner
Heisenberg und viele andere. Kein anderes Land erhielt in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts so viele Nobelpreise wie Deutschland.
Doch mit der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 waren viele Prominente aus Wissenschaft und Forschung gezwungen,
ihr Land zu verlassen. Die, die blieben, wurden in die ideologische
Pflicht genommen, mussten ihre Arbeit in den Dienst der
Hitler'schen Tötungsmaschinerie und Kriegspolitik stellen.
Und sie taten es, entwickelten Panzer, Raketen, chemische
Kampfstoffe und Bomben, die die Welt in Angst und Schrecken
versetzten.

Dies ist die Chronik der deutschen Naturwissenschaft in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts — einer Wissenschaftsdisziplin, die,
zum Nutzen der Menschheit gedacht, millionenfachen Tod brachte.
Ein erschreckendes, ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte,
hier zum ersten Mal umfassend dargestellt.

(© 2004 Gustav Lübbe Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:

Zum Inhalt
Das Sachbuch ist beeindruckende 576 Seiten stark.
Neben 8 Hauptteilen und einer 20-seitigen Einleitung enthält es
zwei einfarbige Bildteile mit zusammen 42 Abbildungen nach den
Seiten 192 und 384. Ergänzend sind in einem Anhang 16 Seiten
mit Anmerkungen (= Fußnoten der 7 Hauptteile), 13 Seiten Bibliographie, 2 Seiten Danksagungen und 1 Seite mit Bildnachweisen aufgeführt. Das 16-seitige Register beschließt das Buch.
Die Länge des Werkes und die Höhe der Investition erzwingen
eine Rezension, die zu einigen Teilen länger als üblich ausfällt.
Der Leser wird um Verständnis gebeten.

Zu den einzelnen Teilen

  • Einleitung
  • wissenschaftliches Erbe der Weimarer Republik
  • neue Physik
  • Nazi-Fanatismus
  • Wehrtechnik
  • nationalsozialistische Atombombe
  • Wissenschaft in der Hölle
  • Hitlers Schatten

Systematisches
Buchtechnisches
Bewertung

Die Einleitung untertitelt der Autor John Cornwell
"Die Deutschen verstehen". Dazu schildert er seine Kindheitserinnerungen an den II. Weltkrieg, sinnt über die Toten der Operation Gomorrha, Kriegstechnik, Rassenhygiene oder den Widerstreit zwischen dem Gewissen Einzelner und den Rahmenbedingungen einer Kriegsdiktatur nach. Er beschließt sie mit der Zielsetzung seines Buches, nämlich des Lesers Bewusstsein für gegenwärtige und zukünftige Gefahren zu schärfen. Zu einzelnen Errungenschaften, wie z. B. Annäherungszünder oder Nachtsichtgeräte, hätte man dabei gerne eine Quellenangabe erhalten (Stichwort "Oslo-Report", der allerdings nicht hier, sondern auf S. 309 erwähnt wird; das Stichwortverzeichnis verweist fälschlich auf S. 308).
Ein Verständnis speziell "der Deutschen" ergibt sich aus all dem
aber nicht.

Im I. Teil wird das wissenschaftliche Erbe der Weimarer Republik diskutiert. Als Eingang dient eine sehr persönliche Wertung von Hitlers Wissenschaftsverständnis, die dann um Betrachtungen zur Reputation deutscher Wissenschaft seit der Jahrhundertwende, den Forschungen Fritz Habers zu Kampfstoffen und den Zusammenhängen zwischen Eugenik, Rassenhygiene und Psychiatrie ergänzt wird. Dabei fällt eine Diskrepanz zwischen Cornwells Einschätzung und technikgeschichtlichen Realitäten auf; hier drei Beispiele für des Autors Stil (alle S. 43):
— Hitlers Lobpreisung der Tropfenform als hydrodynamisches Optimum wird mit "apodiktischer Tonfall" und "dogmatisches Insistieren auf Grundprinzipien" gegenüber den Fachleuten abgewertet, obgleich die Entwicklung der U-Boote ab den 60eer Jahren genau diese Beobachtung umsetzte.
— Die Problematik von Blutstau in Extremitäten und Blutmangel im Rumpf beim Kurven mit Düsenjägern wird von Hitler als Argumentation gegen die Jägerverwendung der Me 262 gebraucht, und dies wird abschätzig zitiert; vielleicht hätte Cornwell auch RAF-Piloten, die wegen exakt dieses Effekts regelmäßig in Druckanzügen fliegen müssen, in die umfangreiche Liste seiner Berater (S. 557 f.) aufnehmen sollen.
— Schließlich wird für Hitlers Mangel an wissenschaftlichem Verständnis auf seine periodische Trägheit, seine Vorliebe für spätes Aufstehen oder Naturkostdiät verwiesen; der Zusammenhang ist in den beiden ersten Punkten unsinnig und im letzten falsch.
Es wird aber auch die strategische Frage der Atomrüstung im III. Reich mit inkompatiblen Argumenten angesprochen. Einerseits
(S. 38) zeige Hitler minimales Interesse an Kernspaltung oder hielt sie für "jüdische Pseudowissenschaft"; gar einen Brand des Erdballs habe er als ihre mögliche Folge (S. 39) gesehen.
Wenige Zeilen später wird dann vom Autor festgestellt, dass
"Hitler eine Atombombe eingesetzt hätte, wäre eine verfügbar gewesen, kann kaum bezweifelt werden."


Unter "Die neue Physik" wird im II. Teil eine Wissenschaftsgeschichte geboten, die knapper auch in einer guten Enzyklopädie Platz fände; gelegentlich wird der Teil durch Anekdoten über das Wetter bei einem Besuch Heisenbergs in Göttingen (S. 144) und Streiche Gustav Hertz´ (S. 151) aufgebläht. Einige Hinweise auf weltanschaulich motivierte Grenzziehungen (z. B. S. 135) sorgen dafür, dass dieser Teil aber nicht gänzlich neben dem Thema liegt.

Der III. Teil kommt dann zur Sache: "Nazi-Fanatismus, Willfährigkeit und Unterdrückung" sind sein Thema. Von den Entlassungen missliebiger Wissenschaftler wie Hans Krebs (S. 159) oder Fritz Haber (S. 167) geht es über Peenemünder Raketenforschung, die Gleichschaltung der Ärzteschaft (S. 182 ff.) und Geopolitik zur "Deutschen Mathematik". Zwar schweift der Autor auch hier gelegentlich ab, die Schilderung bleibt aber insgesamt interessant und am Thema.


Das technisch interessante Thema Wehrtechnik wird auf den Seiten 241 bis 338 des Teils IV abgehandelt und hat damit den relativ größten Anteil am Werk. Fünf große Aspekte werden anhand von 108 Zitaten diskutiert: Kernspaltung, Organisation (unter dem fehldeutenden Titel "Der Zweite Weltkrieg"), Kriegsmaschinen, Radar und Chiffrierung. Offensichtlich bewegt sich der Autor hier auf ihm unbekanntem Gebiet, denn es häufen sich Urteile und Einschätzungen, die vom heutigen Kenntnisstand nicht gestützt werden. Einige Beispiele aus dem Kapitel "Kriegsmaschinen" folgen:
— Der B-Dienst der Kriegsmarine (über das Stichwortverzeichnis übrigens nicht erschlossen) wird als aus Horchdienst, Decodierdienst und Auswerteabteilung bestehend bezeichnet (S. 330). Dies erfolgt ohne Datumsbezug, doch führt die thematische Einbettung eindeutig auf die Kriegszeit. Damit gilt die Gliederung von 1942 bis 1944, die Heinz Bonatz schon 1970 (S. 98) so beschrieb: Gruppe Auswertung, Entzifferung West I, Entzifferung West II, Entzifferung Ost und E-Ausbildung und -Schulung. Bonatz´ Werk wird übrigens von Cornwell rühmend als Quelle angegeben.
— Das Konzept der Haftmine wird als "amateurhafte Kurzschlussidee" bezeichnet (S. 313); die taktischen Erfolge im Land- und auch Seekrieg dieser Technik hätten also nach des Autors Einschätzung nie eintreten dürfen.
— Auf S. 304 wird die Trägerwelle im Funkverkehr (hochfrequente Wechselspannung) als Funksignal bezeichnet; dem ist nicht so. Signal ist in der Nachrichtentechnik die diskriminierbare Differenz zwischen Träger und Modulation, keinesfalls aber die Trägerwelle selbst, wenn man von rein peilender Beobachtung absieht.
— Der in anderen Werken kritisch bewertete Autor Clay Blair (siehe U-Boot-Tanker 1941 - 1945) wird mit der Einschätzung des Schnorchels als "erbärmliche Notlösung" zitiert (S. 294); anscheinend machen die Marinen der Welt, die bis heute das Prinzip anwenden, hier alle etwas falsch.
— Eine wehrtechnische Innovation ist die Klassifizierung der "Bismarck" als "so etwas wie ein Flugzeugträger" (S. 287); auf diese Interpretation der vier Erkundungs-Bordflugzeuge des Schlachtschiffes ist nach Wissen des Rezensenten noch nie jemand gekommen. Passenderweise fehlt jede Erwähnung der "Graf Zeppelin", und zur "Bismarck" wird denn auch keine der anerkannten Autoritäten zitiert. Dass auf derselben Seite die "Admiral Scheer" ein Schlachtschiff war, die "Admiral Graf Spee" von "Ajax" und "Achilles" in die Enge getrieben wurde und die "Bismarck" im Endkampf von 4 Schiffen versenkt(!) wurde, zeigt, wie der Autor hier schwimmt.
— Wer sich sachkundig über Chemiewaffenrüstung informieren will, sollte zur aktualisierten Fassung von A Higher Form of Killing von Harris/Paxman greifen; die Ausführungen von Cornwell dazu auf
S. 313/314 sind auf Anekdotisches beschränkt und unbefriedigend.

Gelegentlich ersetzt Cornwell fehlende Kenntnis durch Rhetorik, wenn er beispielsweise im Kapitel "Kernspaltungstaumel" (S. 259 f.) Paul Hartecks eigene Aussage als bloße Behauptung diskreditiert. In diesem Zusammenhang stolpert man über eine universelle Beziehung: Wissenschaft wandert zum Geld (S. 260). Das wird aber später im Werk nicht analytisch vertieft, obgleich es eine gute Argumentation für das "Warum" (S. 518 ff.) geliefert hätte.
Schließlich sei auf eine strategisch und eine politisch fragwürdige Darstellung Cornwells hingewiesen (S. 265). Nach ihm ist die Norwegeninvasion durch das Deutsche Reich eine Reaktion auf die britische Blockade skandinavischer Gewässer gewesen; dabei handelte es sich um einen - im modernen Jargon - Präemptivfeldzug, um exakt solche Blockade der Erzzufuhren zu verhindern. Wer hier einen Rohstoff durch einen anderen ersetzt, ist ganz nahe am Zeitgeschehen. Und der Weg zum II. WK wurde keineswegs erst 1935 durch Hitler eingeschlagen, sondern mit den "Pariser Vorortverträgen" nach dem I. WK. Die Kampfhandlungen zwischen dem Deutschen Reich und der Garantiemacht Großbritannien begannen nicht erst im Frühjahr 1940, sondern unmittelbar nach Kriegserklärung mit dem Handelskrieg, bei dem die Alliierten im ersten Monat 150.000 BRT Schiffsraum und viele Seeleute verloren, und der ersten Seeschlacht, am Rio de la Plata, am 13. Dezember.



So, wie es keine nationalsozialistische Atombombe gab, ist der gleichnamige Teil V keine Erklärung, warum. Auf 40 Seiten reiht Cornwell Mutmaßungen (S. 357), Anekdoten (S. 378) oder politische Bewertungen (S. 373) aneinander. Die einfachste Erklärung: zu aufwendig und nicht befohlen, bringt der Autor nicht zu Papier. Stattdessen erfährt man länglich, was ihm vom Hörensagen bekannt wurde (S. 344).

Wissenschaft in der Hölle umfasst 50 Seiten. Teil VI beginnt mit Darstellung der Zwangsarbeit im Lager Dora. Sie schildert von Brauns Verhaftung, die angeblich ausschließlich auf Intrigen Himmlers zurückging (S. 394), und bezeichnet dies als "karriereförderlich" für die spätere Tätigkeit bei der NASA. Leider bleibt der Autor einen Beleg dafür schuldig. Die Menschenversuche in den Konzentrationslagern, die Chemieindustrie und die Wunderwaffen bilden die nächsten Kapitel. Neu dabei der von Geoffrey Brooks zitierte Sachverhalt, die CIA halte bis heute deutsche Pläne für UFOs unter Verschluss (S. 426). Roswell lässt grüßen. Weiters werden Raketen, Giftgas und anderes gestreift, ohne dass eine Diskussion zum "Forschen für den Führer"-Thema enthalten wären.

Hitlers Schatten besteht aus 3 Kapiteln:
— der um Mutmaßungen ergänzten Wiederholung dessen, was Jeremy Bernstein 2001 über die Farm Hall-Gespräche veröffentlicht hat,
— biographischen Angaben unterschiedlicher Länge zu einigen Personen (z. B. Hahn, Jordan, Bohr, Heisenberg, von Laue) und
— die Abschöpfung deutscher Forschungen durch die Alliierten
(z. B. "Project Paperclip").
In diesem VII. Teil (S. 441 bis 478) fällt zunächst eine unlogische Behauptung auf. So hätten deutsche Wissenschaftler nur in der Inhaftierung Gelegenheit zur Abstimmung einer "Geschichte" gehabt (S. 452). Warum das nicht auch in Freiheit möglich gewesen wäre, sagt Cornwell nicht.
Die Schreibweise Fall-out (S. 466) ist zutreffend reformierte Schreibung, aber unter Fachleuten inakzeptabel. Der Wahrheitsgehalt der Farm Hall-Aufzeichnungen wird vorbehaltlos akzeptiert; die Möglichkeit, dass die abgehörten Wissenschaftler im Bewusstsein der Abhörmöglichkeit verblümt sprachen, negiert. Passend sagt Cornwell sowohl (S. 442), dass die Wissenschaftler "keine Ahnung" von ihrem Abgehörtwerden gehabt hätten, als auch (S. 443), dass sie genau dieses diskutierten. Nun ja.
Zum Nachkriegsschicksal "Hitlers Wissenschaftler" wie Hahn, Born, Heisenberg oder von Weizsäcker referiert Cornwell auf etwas über 6 Seiten einiges von dem, was in seiner benutzten Literatur steht. Neues kommt dabei nicht ans Licht. Er weiß aber deutliche Wertungen einzufügen. So "prahlte" Jordan (S. 466), "bestreitet" von Weizsäcker (S. 468) oder wagen "alternde Wissenschaftler" einen Vorstoß (S. 466).
Der Teil wird zwar mit kurzen Hinweisen auf den Verbleib von Nazi-Wissenschaftlern in den Alliiertenstaaten beschlossen, ist aber eigentlich die Einstimmung auf den Teil VIII, da hier die Diskussion gute/schlechte Wissenschaft begonnen wird (S. 472).

"Vom Kalten Krieg bis zum Krieg gegen den Terror" ist der
Schlussteil betitelt.
— Er referiert zunächst kurz das Für und Wider des Atombombeneinsatzes gegen Japan und beschreibt am Beispiel Joseph Rotblats die Zerrungen, denen die Forscher bei der Weiterentwicklung zur Wasserstoffbombe ausgesetzt waren. Die Kuba-Krise lässt er Revue passieren und leitet dann zu jüngeren Konfrontationen zwischen den Supermächten über. Anschließend betrachtet er die zivile Kernenergienutzung und die Unfälle in Windscale, Kyshtym, Harrisburg und Tschernobyl und fragt, was die Kernphysiker daraus gelernt hätten (S. 498). Seine Angaben (S. 497) müssen allerdings korrigiert werden: So wurde der Fallout von Tschernobyl auch in Deutschland und sogar in Frankreich nachgewiesen, und die Kosten dieser Kernschmelze lagen schon 1988 sicher nicht bei 18 Mio. €, wenn allein für den zweiten Sarkophag 2000 schon 768 Mio. $ gespendet werden mussten
(taz, 06.07.2000) und ukrainische Experten derzeit von ca. 201 Mio. $ bis 2015 ausgehen (chernobyl.info). Aber vielleicht sind aktuelle Zahlen für diesen Historiker unwichtig.
- Auf den Seiten 499 bis 505 wird nun die eigentliche Fragestellung nach dem Spezifischen der nationalsozialistischen Forschung mit Zitaten beantwortet (S. 500).
"Ohne die Misere der konkurrierenden nationalsozialistischen Machtzentren, im Verbund mit dem Dilettantismus der Wissenschaftsbanausen Hitler und Göring, hätten sich die bescheidenen Bemühungen von Brauns und seiner Kollegen mangels industrieller Unterstützung nie zu so etwas monströsem wie dem Peenemünde-Projekt auswachsen können."
Auf den Folgeseiten relativiert Cornwell dies etwas, indem er mehrere Beispiele aus den Siegermächten bringt, wie "Big Sciene" (S. 502) unter staatlicher Steuerung gewachsen ist und gleichzeitig höheren Druck auf die Moralfestigkeit der beteiligten Wissenschafter ausgeübt wird.
— Über die Informationsrevolution, also PC, Internet und Onlinedienste schlägt er die Brücke zu den ethischen Fragen der Biotechnologie und speziell des Klonens. Diese Fragen werden formuliert, in den Kontext gesellschaftlich/politischen Wandels gestellt, aber nicht beantwortet (S. 513).
— Das letzte Kapitel heißt "Die Wissenschaft zieht wieder in den Krieg". In der Reaktion der USA auf die Terroranschläge von 2001 sieht Cornwell eine Hinwendung zur Forschung, die hochtechnologische Präventivschläge führbar macht (S. 516). Dagegen ruft er Wissenschaftler auf, "prinzipiell die Konsequenzen" im Auge zu behalten, wenn sie forschen, und Integrität und Verantwortungsgefühl zu zeigen (S. 521). Sein institutioneller Vorschlag dazu: Diskussionskreise betroffener Wissenschaftler
(S. 523).
Mit seiner Behauptung, heute "drohen dem Dissidenten weder Haft noch Hinrichtung" (S. 522), liegt er angesichts der kürzlichen Verhaftung eines vor 18 Jahren hart recherchierenden Journalisten
in Israel oder der Asylsuche eines kriegsdienstverweigernden US-Soldaten in Kanada allerdings nicht so ganz richtig.


Systematisches
Originalquellen wie z. B. die Mitschriften der Nürnberger Prozesse werden generell ignoriert, stattdessen Sekundärliteratur, Zitate anderer Autoren (z. B. S. 180, Fußnote 14), Sammlungen solcher oder unveröffentlichte Befragungen (S. 442) ausgewertet. Als Quellen dienen auch ein Disney-Film (S. 520) oder die Encyclopædia Britannica (S. 503). Die Aufzählung der unterstützenden 8 Bibliotheken hochangesehener Institutionen (S. 558) mutet angesichts der freien Verfügbarkeit nahezu aller zitierten Werke im Handel an wie ein Versuch, durch Streuung von Namen den Eindruck zu schinden, den das Werk nicht hinterlassen kann. Analog zur Publikationslage liegt der Schwerpunkt auf Anekdotischem zu Heisenberg, Haber und von Braun; eine systematische Analyse der Rahmenbedingungen und persönlichen Anpassungsmuster der Wissenschaftler, mit konsequenten Vorschlägen für strukturelle Maßnahmen zur Befriedung moderner Forschung, sucht der Leser vergebens.



Buchtechnisches
Dem Übersetzer gebührt Respekt für seine getreuliche Übertragung auch schwieriger Fachtermini und der streckenweise ermüdenden Originalprosa.
Fadenheftung, marmorierte Vorsatzpapiere und Schutzumschlag machen das Äußere des Buches herzeigbar. Im Register sind die meisten Stichworte mit eindeutigen Seitenzahlen versehen; Mehrfacheinträge sind allerdings kaum oder nutzlos differenziert.
Ein Beispiel für ersteres ist "Laue, Max v." mit 16 aneinandergereihten Fundstellen (S. 569), für letzteres soll "Atomkraftwerke" als Haupteintrag und mit drei Untereinträgen stehen (S. 561), wobei alle Einträge auf dieselbe Seite verweisen. Permutationen fehlen; so sind zwar die A1- bis A4-Raketen aufgeführt (S. 561), aber nicht auch unter dem Hauptstichwort "Rakete".

Bewertung
Wer einen Schrankwandfüller mit politisch korrekten Aufrufen zur Moralförderung von Militärforschern sucht, sollte zu diesem repräsentativ ausgestatten Band greifen. Wer Analytisches über die Wechselwirkung zwischen Staatsmacht, Forschung und Ethik braucht, kann sein Geld sinnvoller anlegen, beispielsweise in Edwin Black (2003): War Against the Weak oder Renneberg/Walker (1994): Science, Technology and National Socialism.

(© 2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)

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Rund um´s Buch

S e r v i c e

Die Originalausgabe ...
erschien 2003 unter dem Titel "Hitler's Scientists: Science, War, and the Devil's Pact".
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Pius XII.  (TB, 2001)
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