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Wirtschaft, Politik & Zeitgeschichte

Der Vatikan und Hitler
Die geheimen Archive

Autor: Peter Godman

gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten
erschienen: Februar 2004
Droemer
ISBN: 342627308X
Preis: 19,90 Euro

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Inhalt:
Siebzig Jahre lang waren die Dokumente in den geheimen Archiven des Vatikans unter Verschluss. Zum ersten Mal kommt jetzt die Wahrheit über die Politik des Heiligen Stuhls in den Jahren 1933 bis 1939 ans Licht.
»Die Kirche verurteilt die Ansicht, dass jede Vermischung des Blutes mit einer fremden oder minderwertigen Rasse, besonders eine Vermischung der arischen mit der semitischen Rasse, allein auf Grund dieser Vermischung ein abscheuliches Verbrechen gegen die Natur sei.« So setzte eine Enzyklika des Papstes an, mit der der nationalsozialistische Rassismus verdammt werden sollte. Der Text, 1936 geschrieben, wurde nie veröffentlicht. Welche Kräfte hatten ein Interesse daran, diese Verurteilung zu verhindern? Wurde der Papst über die Judenvernichtung falsch informiert? Ist alle Schuld Pius XII. anzulasten?

Bis heute verstellen zahlreiche Legenden den Blick auf das Verhältnis des Vatikans zu Hitler-Deutschland. Und ohne Zugang zu den Geheimakten aus jener Zeit waren die Entscheidungsprozesse im Vatikan dem kritischen Blick der Öffentlichkeit bis vor kurzem entzogen. Peter Godman, ausgewiesener Vatikan-Experte, hat die Unterlagen aufgespürt, die Aufschluss geben über die Ereignisse jener Zeit. Die Ergebnisse seiner Recherchen schildert er in diesem Buch.

(© 2004 Droemer Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:
Das vorliegende Werk wendet sich einem schwierigen Problem zu, der Haltung der römischen Amtskirche gegenüber dem Totalitarismus und insbesondere gegenüber dem deutschen Faschismus. Weit über den Titel hinausgehend, ist es weniger eine Zusammenstellung der bis heute verfügbaren einschlägigen Dokumente als vielmehr eine differenzierte Auseinandersetzung mit den ambivalenten Haltungen der maßgeblichen Institutionen der römischen Amtskirche.

Ausgehend von den Denkansätzen des Heiligen Offiziums, besser bekannt als Glaubenskongregation bzw. als Inquisition, zu Fragen des politischen Lebens im Europa der zwanziger Jahre werden die unterschiedlichen Haltungen maßgeblicher Denkrichtungen, die an Persönlichkeiten festgemacht werden, vorgestellt. Es kommen dabei auch die durchaus problematischen Einschätzungen der zeitgenössischen totalitären "Modelle" des Faschismus und des Kommunismus zur Sprache. Ebenso kritisch werden die unterschiedlichen Haltungen der Entscheidungsträger zum Nationalsozialismus und speziell zur Person Hitlers beleuchtet.

Wichtiges Element dieser Analyse ist das Anliegen, diese differenten und teilweise widersprüchlichen Positionen vorzustellen. Dabei werden durchaus auch Bewertungen der einzelnen historischen Persönlichkeiten im historischen Kontext der jeweiligen Situation gemacht. Die perspektivische Tragweite der jeweiligen Haltungen ist dabei stets ein Element dieser Einschätzungen. Besonders gilt diese Problematisierung für die Einschätzungen zu den Absichten des Diktators und seiner Parteifreunde.

Die sich teilweise widersprechenden Taktiken im Umgang mit dem Faschismus - wobei hier neben dem Nationalsozialismus im Hintergrund auch stets der italienische Faschismus Berücksichtigung findet - werden dabei auch stets mit den betreffenden Personen aus der Führungsschicht des Vatikans in Verbindung gebracht. Die Generalisierung ("der Vatikan") wird dankenswerterweise vermieden, wurden und werden doch Entscheidungen stets von Individuen gefällt bzw. vorbereitet und verantwortet. Allerdings kann diese "Personalisierung" auch als problematisch gelten, trat und tritt doch gerade die römische Amtskirche als "Sprachrohr" des Papstes auf. Die Beleuchtung der im Hintergrund mehr oder weniger offen vorgetragenen Einschätzungen zum Problemfeld verweist aber auf die durchaus mehrdeutigen Haltungen des Vatikans, der keinesfalls als "eratischer Block" gesehen werden darf, will man nicht die historische Wahrheit perspektivisch einengen.

Offensichtlich neigt Godman zu der Haltung, Befürworter oder zumindest Beschützer des Nationalsozialismus im Vatikan seien einzelne Individuen gewesen, während sich andere Kräfte vehement dem Faschismus entgegengestellt hätten. In Wahrheit standen aber immer jeweils einzelne Personen für Denkrichtungen bzw. Interessengruppen, so dass nicht nur die vom Verfasser genannten Einzelpersonen, sondern Personengruppen sich vorhalten lassen müssen, dass sie sich vom geschickten Taktierer Hitler haben verblenden lassen. Gleichwohl wird bei Godman die ambivalente Haltung des in den Ansätzen gegenüber dem Faschismus und Totalitarismus sehr heterogenen Vatikans deutlich: Im Gegensatz zum mindestens gleich "gefährlichen" Faschismus wurde der Kommunismus radikal abgelehnt. Leider werden die Konzeptionen, die hierfür verantwortlich waren, nicht deutlich angesprochen. Gleiches gilt für das in Deutschland von konservativer Seite erfolglos versuchte "Konzept der Zähmung" Hitlers, das der Haltung der römischen Amtskirche in weiten Teilen gedanklich zugrunde lag.

Die vorgetragenen Einschätzungen sind mit Anmerkungen zu Quellen, die sogar zum Teil im Wortlaut in den Anhängen abgedruckt sind, belegt. Auch die Zitate sind in der Mehrzahl durch Quellenhinweise nachvollziehbar. Auf Umfang und Qualität der Recherche weist außerdem das Literatur- und Quellenverzeichnis hin. In den Anhängen sind zentrale Dokumente im Wortlaut in lateinischer und deutscher Sprache abgedruckt. Die Genese der Enzyklika ist anhand der als Vorfassungen präsentierten internen Entwürfe und Papiere durch die synoptische Form gut nachvollziehbar. Eine Bewertung dieser Verlautbarung der römischen Amtskirche wird im laufenden Text des vorliegenden Werks versucht und klingt vor dem Hintergrund der dargebotenen Informationen auch schlüssig. Sprachlich ist das vorliegende Werk nicht gerade einfach zu lesen, kann aber auch unter diesem Aspekt als dem Gegenstand angemessen gelten.

Godman ist offensichtlich bemüht, die Ergebnisse seiner Analyse betont sachlich und mit dem Augenmerk auf den einschlägig "vorbelasteten" Leser hin vorzutragen. Dies gelingt ihm ohne Einschränkungen! Insbesondere ist hervorzuheben, dass der Verfasser nicht der Verkürzung, der Gleichsetzung von Vatikan und Papst, anheim fällt. Im Gegenteil liegt mit dieser Publikation eine insgesamt differenzierte Abhandlung über ein sehr komplexes und bisher kaum untersuchtes Thema vor. Es erlaubt außerdem einen Einblick in Entscheidungsprozesse, die der Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieben und bleiben. Auch die Bewertung der historischen Strukturen der Organisation "Vatikan", die zu den gefällten Entscheidungen geführt haben, werden herausgearbeitet und zum größten Teil auch mit Quellenangaben belegt. Insgesamt handelt es sich um eine lesenswerte und bedenkenswerte Analyse eines durchaus bis heute wirksamen historischen Phänomens.

(© 2004 Hans-Ludwig Leers für all-around-new-books.de)

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