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Inhalt:
Siebzig Jahre lang waren
die Dokumente in den geheimen Archiven des Vatikans unter
Verschluss. Zum ersten Mal kommt jetzt die Wahrheit über
die Politik des Heiligen Stuhls in den Jahren 1933 bis 1939
ans Licht.
»Die Kirche verurteilt die Ansicht, dass jede Vermischung
des Blutes mit einer fremden oder minderwertigen Rasse, besonders
eine Vermischung der arischen mit der semitischen Rasse, allein
auf Grund dieser Vermischung ein abscheuliches Verbrechen
gegen die Natur sei.« So setzte eine Enzyklika des Papstes
an, mit der der nationalsozialistische Rassismus verdammt
werden sollte. Der Text, 1936 geschrieben, wurde nie veröffentlicht.
Welche Kräfte hatten ein Interesse daran, diese Verurteilung
zu verhindern? Wurde der Papst über die Judenvernichtung
falsch informiert? Ist alle Schuld Pius XII. anzulasten?
Bis heute verstellen zahlreiche
Legenden den Blick auf das Verhältnis des Vatikans zu
Hitler-Deutschland. Und ohne Zugang zu den Geheimakten aus
jener Zeit waren die Entscheidungsprozesse im Vatikan dem
kritischen Blick der Öffentlichkeit bis vor kurzem entzogen.
Peter Godman, ausgewiesener Vatikan-Experte, hat die Unterlagen
aufgespürt, die Aufschluss geben über die Ereignisse
jener Zeit. Die Ergebnisse seiner Recherchen schildert er
in diesem Buch.
(©
2004 Droemer Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
Das
vorliegende Werk wendet sich einem schwierigen Problem zu,
der Haltung der römischen Amtskirche gegenüber dem Totalitarismus
und insbesondere gegenüber dem deutschen Faschismus. Weit
über den Titel hinausgehend, ist es weniger eine Zusammenstellung
der bis heute verfügbaren einschlägigen Dokumente als vielmehr
eine differenzierte Auseinandersetzung mit den ambivalenten
Haltungen der maßgeblichen Institutionen der römischen Amtskirche.
Ausgehend von den Denkansätzen des Heiligen Offiziums, besser
bekannt als Glaubenskongregation bzw. als Inquisition, zu
Fragen des politischen Lebens im Europa der zwanziger Jahre
werden die unterschiedlichen Haltungen maßgeblicher Denkrichtungen,
die an Persönlichkeiten festgemacht werden, vorgestellt. Es
kommen dabei auch die durchaus problematischen Einschätzungen
der zeitgenössischen totalitären "Modelle" des Faschismus
und des Kommunismus zur Sprache. Ebenso kritisch werden die
unterschiedlichen Haltungen der Entscheidungsträger zum Nationalsozialismus
und speziell zur Person Hitlers beleuchtet.
Wichtiges Element dieser Analyse ist das Anliegen, diese differenten
und teilweise widersprüchlichen Positionen vorzustellen. Dabei
werden durchaus auch Bewertungen der einzelnen historischen
Persönlichkeiten im historischen Kontext der jeweiligen Situation
gemacht. Die perspektivische Tragweite der jeweiligen Haltungen
ist dabei stets ein Element dieser Einschätzungen. Besonders
gilt diese Problematisierung für die Einschätzungen zu den
Absichten des Diktators und seiner Parteifreunde.
Die sich teilweise widersprechenden Taktiken im Umgang mit
dem Faschismus - wobei hier neben dem Nationalsozialismus
im Hintergrund auch stets der italienische Faschismus Berücksichtigung
findet - werden dabei auch stets mit den betreffenden Personen
aus der Führungsschicht des Vatikans in Verbindung gebracht.
Die Generalisierung ("der Vatikan") wird dankenswerterweise
vermieden, wurden und werden doch Entscheidungen stets von
Individuen gefällt bzw. vorbereitet und verantwortet. Allerdings
kann diese "Personalisierung" auch als problematisch gelten,
trat und tritt doch gerade die römische Amtskirche als "Sprachrohr"
des Papstes auf. Die Beleuchtung der im Hintergrund mehr oder
weniger offen vorgetragenen Einschätzungen zum Problemfeld
verweist aber auf die durchaus mehrdeutigen Haltungen des
Vatikans, der keinesfalls als "eratischer Block" gesehen werden
darf, will man nicht die historische Wahrheit perspektivisch
einengen.
Offensichtlich neigt Godman zu der Haltung, Befürworter oder
zumindest Beschützer des Nationalsozialismus im Vatikan seien
einzelne Individuen gewesen, während sich andere Kräfte vehement
dem Faschismus entgegengestellt hätten. In Wahrheit standen
aber immer jeweils einzelne Personen für Denkrichtungen bzw.
Interessengruppen, so dass nicht nur die vom Verfasser genannten
Einzelpersonen, sondern Personengruppen sich vorhalten lassen
müssen, dass sie sich vom geschickten Taktierer Hitler haben
verblenden lassen. Gleichwohl wird bei Godman die ambivalente
Haltung des in den Ansätzen gegenüber dem Faschismus und Totalitarismus
sehr heterogenen Vatikans deutlich: Im Gegensatz zum mindestens
gleich "gefährlichen" Faschismus wurde der Kommunismus radikal
abgelehnt. Leider werden die Konzeptionen, die hierfür verantwortlich
waren, nicht deutlich angesprochen. Gleiches gilt für das
in Deutschland von konservativer Seite erfolglos versuchte
"Konzept der Zähmung" Hitlers, das der Haltung der römischen
Amtskirche in weiten Teilen gedanklich zugrunde lag.
Die vorgetragenen Einschätzungen sind mit Anmerkungen zu Quellen,
die sogar zum Teil im Wortlaut in den Anhängen abgedruckt
sind, belegt. Auch die Zitate sind in der Mehrzahl durch Quellenhinweise
nachvollziehbar. Auf Umfang und Qualität der Recherche weist
außerdem das Literatur- und Quellenverzeichnis hin. In den
Anhängen sind zentrale Dokumente im Wortlaut in lateinischer
und deutscher Sprache abgedruckt. Die Genese der Enzyklika
ist anhand der als Vorfassungen präsentierten internen Entwürfe
und Papiere durch die synoptische Form gut nachvollziehbar.
Eine Bewertung dieser Verlautbarung der römischen Amtskirche
wird im laufenden Text des vorliegenden Werks versucht und
klingt vor dem Hintergrund der dargebotenen Informationen
auch schlüssig. Sprachlich ist das vorliegende Werk nicht
gerade einfach zu lesen, kann aber auch unter diesem Aspekt
als dem Gegenstand angemessen gelten.
Godman ist offensichtlich bemüht, die Ergebnisse seiner Analyse
betont sachlich und mit dem Augenmerk auf den einschlägig
"vorbelasteten" Leser hin vorzutragen. Dies gelingt ihm ohne
Einschränkungen! Insbesondere ist hervorzuheben, dass der
Verfasser nicht der Verkürzung, der Gleichsetzung von Vatikan
und Papst, anheim fällt. Im Gegenteil liegt mit dieser Publikation
eine insgesamt differenzierte Abhandlung über ein sehr komplexes
und bisher kaum untersuchtes Thema vor. Es erlaubt außerdem
einen Einblick in Entscheidungsprozesse, die der Öffentlichkeit
weitgehend verborgen blieben und bleiben. Auch die Bewertung
der historischen Strukturen der Organisation "Vatikan", die
zu den gefällten Entscheidungen geführt haben, werden herausgearbeitet
und zum größten Teil auch mit Quellenangaben belegt. Insgesamt
handelt es sich um eine lesenswerte und bedenkenswerte Analyse
eines durchaus bis heute wirksamen historischen Phänomens.
(©
2004 Hans-Ludwig Leers für all-around-new-books.de)
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