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Wirtschaft, Politik & Zeitgeschichte

Deutschlandreise

Autor: Roger Willemsen

gebunden mit Schutzumschlag, 207 Seiten
erschienen: 2002
Eichborn Berlin
ISBN: 3-8218-0718-0
Preis: 17,90 Euro

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Klappentext:
Wochenlang reiste Roger Willemsen im Sommer 2001 und im Früh-jahr 2002 durch Deutschland und berichtet von seiner Entdeckungs-fahrt, die kreuz und quer von Kap Arkona bis nach Konstanz, von Bonn nach Berlin, von Oberstdorf nach Rostock führte.
Aus seinen Beobachtungen, Begegnungen und Erfahrungen entwirft er ein facettenreiches Deutschlandbild, in dem wir uns selbst wiederfinden können.
Ob an den Graffiti in der Rostocker Uni, bei Schachspielern an der Brücke von Remagen, auf dem Parkplatz am Kreidefelsen von Rügen, bei einer Abitursfeier in Bonn oder im Umkleideraum eines Supermarkts in Mönchengladbach – Willemsen sucht nicht die große politische Sensation oder die rührende persönliche Ge-schichte; er sucht etwas, das man schwer findet, weil es perfekt getarnt ist, es liegt nämlich überall offen da – die Normalität.
Mit der unersättlichen Neugier des Forschers und dem vorurteils-losen Blick des Ethnologen notiert er, was dieses seltsame Land ihm darbietet – an Leben, an Städten, an Redensarten, Gewohn-heiten, Werbesprüchen, an zu persönlichem Schicksal geronnener Geschichte, an Vergeblichkeiten und kleinen Triumphen. Aus der Summe all dieser Einzelteile setzt Roger Willemsen etwas zusammen, das nicht mehr und nicht weniger ist als das mentale Polaroid einer ganzen Nation.

(© 2002 Eichborn Verlag)

Rezension - Buchbesprechung:
Geht es uns nicht allen so? Egal wohin wir fahren oder reisen; einer unserer Sinne hält immer nach einem bekannten Kennzeichen Aus-schau oder entdeckt ein heimisches Idiom. Bei einem Buch, das sich „Deutschlandreise“ nennt und über das der Klappentext ver-kündet, dass es dem Autor Roger Willemsen gelungen sei „das mentale Polaroid einer ganzen Nation“ zu liefern, ist das erst recht so. Roger Willemsen als eloquenter, charmanter und gescheiter Interviewer bekannt, hat sich vom Fernsehen ab- und dem Schreiben zugewandt. „Ich sitze im Zug und fahre weit weg. Nach Deutsch-land“, schreibt er gleich zu Beginnn und provoziert damit, dass „in Deutschland nach Deutschland zu reisen“, das die Exkursion zu einer Fata Morgana sei.

Der Leser ist vorgewarnt, hier keinen literarischen Reiseführer vor-zufinden, sondern eine Erkundung des eigenen Landes mit einem sehr speziellen Blick auf Skurriles, An- und Berührendes, aber auch die Tristesse in Ost wie West. Nichts weist darauf hin, wie Willem-sen vorgegangen ist, welches System seiner Route quer durch die Bundesrepublik zugrunde liegt. Nicht der Weg ist für den Autor interessant, sondern die Orte und er tupft sie auf die Deutschland-karte wie bei Malen nach Zahlen. So ergibt sich allmählich ein Bild, das sich nicht an der Landschaft, der Geographie, der Mentalität orientiert. Es ist ein Vexierbild Deutschlands an der Wende zum 21. Jahrhundert. Dabei erkundet Willemsen die Orte, so scheints, nur von ihrer Schatten-, niemals von der Schau- und längst touristisch stereotypen Seite.

Berlin beispielsweise, das ist nicht das Brandenburger Tor, das KaDeWe, der Reichstag oder der Alexanderplatz. Berlin: „Ein Hotelzimmer im fünften Stock, beleuchtet von einer Lichtreklame vom Nebendach. Dazwischen ein abgrundtief aufgerissener Hinter-hof, in dem die Wäschestücke baumeln und der Müll in kleinen Teilen hinabfliegt.“ In Magdeburg hält der Zug „nicht in einer Stadt, sondern in einer Shopping Mall“. In der einstigen bundesrepublika-nischen Kapitale Bonn fällt ihm erstmals in seinem Leben ein Chinese mit Knutschfleck auf. Und dann, nach tausenden Kilo-metern landauf, landab treibt es Willemsen auch ins Rhein-Main-Gebiet: Frankfurt am Main, Offenbach - und tatsächlich, es hat ihn auch nach Mainz verschlagen. Auch hier fällt sein Blick nicht auf den imposanten Dom, die herrlichen Chagall-Fenster und all das andere Liebenswerte der Stadt. Als einstigen Fernsehmann erregt das auf dem Lerchenberg residierende Fernsehen sein Interesse und er reflektiert über den „Homo salutans“, den Gruß-Menschen dieser Tage. Dieser sitzt in Shows oder etwa im „Fernsehgarten“, den er einen „Erlebnispark gegen Vitalverstimmung nennt“ und winkt. Und nach Willemsen tut er das nicht, um die daheim zu grüßen. „Er winkt, weil das seine Existenz ist, weil er ein winkendes Leben führt und nur so winkend auf die Schönheit des eigenen Lebens und sein Recht auf massenhafte Vervielfältigung aufmerk-sam machen kann.“ Das Saalpublikum ist für den Autor eine Großmacht und gleichzeitig „ein ideales demokratisches Gegenüber“, das einstimmig klatscht, einstimmig johlt und einstimmig höhnt.

Willemsens Tenor ist facettenreich und schlägt den ironischen Ton ebenso an wie den zynisch-sarkastischen. Er schaut niemals weg, ist niemals bestechlich, benennt alles schonungslos beim Namen. Seine artifiziell und metaphernreiche Sprache türmt bisweilen Wortkaskaden auf, die es erst zu erklimmen gilt. Nur schade, dass seine Deutschlandreise immer ein schäbiger Flickenteppich ist und kein farbenfrohes Patchwork. Bei allem philosophischen Pessimis-mus und Hass gegen verklärenden Postkartenkitsch gibt es auch viel authentisch Schönes in diesem Deutschland. Doch Willemsen gestattet sich dafür keinen Blick. Vielleicht fährt er ein zweites Mal los und lässt den Sarkasmus und die vorgefertigte Meinung, eben alles mit Kritik zu versehen, zu Hause?

(© 2002 Ivonn Kappel)

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