| Rätsel
Liebe
ENIGMA
von Eric-Emmanuel Schmitt am Renaissance-Theater in Berlin
Endlich ist
das Stück auch in Berlin angekommen, im Renaissance-Theater:
"Enigma" des französischen Autors Eric-Emmanuel
Schmitt, der mit der Uraufführung 1996 in Paris, in der
Alain Delon die Hauptrolle spielte, über Nacht als Bühnenautor
berühmt wurde. Das Stück ist in zahlreiche Sprachen
übersetzt und gehört inzwischen zum Repertoire der
Theater, vom Broadway bis hin "nach Moskau", von
Japan bis in die Türkei. Nach Alain Delon haben u.a.
Donald Sutherland, Max von Sydow und nun Mario Adorf dem alternden,
kauzigen, auf einer kleinen Insel in Nordnorwegen lebenden
Literaturnobelpreisträgers Abel Znorko in einer der schönsten
und betörendsten Liebesgeschichten der modernen Theaterliteratur
ihr Gesicht geliehen.
Zehn Jahre hat Znorko keine Interviews
mehr gegeben. Für ihn sind Journalisten "geistige
Krüppel, etwas Unausstehliches". Und doch gelingt
es dem journalistischen Nobody einer Provinzzeitung, Erik
Larsen, einen Gesprächstermin bei dem Literaturstar zu
erhalten. Warum gerade er, ist eines der zahlreichen Rätsel
im Stück "Enigma".
Der Anlass für das Interview
ist Znorkos neuestes Buch, sein einundzwanzigstes, eine Liebesgeschichte
in Briefen, sein Meisterstück, mit dem er seinem bislang
sehr erfolgreichen literarischen Werk die Krone aufgesetzt
hat. Nie zuvor waren Kritiker und Leser sich darin so einig.
Larsen beginnt mit journalistischen Standardfragen nach einem
realen Vorbild für die im Buch beschriebene Geliebte,
Fragen nach der Person, die sich hinter den Initialen der
Widmung verbirgt, nach Znorkos Verständnis von Liebe.
Znorko ist garstig, er beleidigt, demütigt und bedroht
den Journalisten. Aber irgendetwas finden die beiden aneinander:
Larsen will den Menschen hinter den Zeilen kennenlernen, und
Znorko scheint es zu imponieren, dass der junge Journalist
sich nicht so schnell einschüchtern lässt und dagegen
hält, vielleicht hat er aber bloß ein Mitteilungsbedürfnis
oder ein Bedürfnis nach Nähe nach der langen Zeit
der Einsamkeit.
Es entsteht ein aufregender und geradezu
philosophischer Disput (wie immer bei Schmitt mit pointenreichen
Dialogen) über Liebe, Ehe, Sex, Schönheit von Frauen,
Wahrheit, Lüge, Krankheit, Sterben, der in Streit ausartet,
bei dem mal der eine, mal der andere Punkte gutmacht, wie
bei einem intellektuellen Boxkampf. Ja, es kommt beinahe zum
k.o. Und das ist alles äußerst klug, intelligent
und spannend miteinander verwoben. Larsen gelingt es, durch
die von Znorko aufgebaute emotionale Mauer durchzudringen
und entdeckt einen weichen, verletzbaren Mann mit ganz normalen
Gefühlen, der sich auf diese Art zu schützen sucht.
Die beiden nähern sich immer mehr an; am Ende sind beide
so einsam wie zu Beginn, allerdings mit zahlreichen Verletzungen.
Einen Sieger gibt es nicht.
Bei aller Ernsthaftigkeit
und philosophischer Tiefe strotzt das Stück vor Sprachwitz
und Situationskomik, die Dialoge sind in einer wunderbar leichten,
jedoch nie platten Sprache verfasst.
"Mein Text macht
auf der Bühne nicht mehr als vielleicht 20 Prozent aus,
der Rest ist das, was der Regisseur und die Schauspieler daraus
machen", hat der Autor anläßlich der
Uraufführung in Frankreich gesagt. Da kann er bei der
Berliner Inszenierung aber zufrieden sein. Sein Text liegt
in guten Händen. Mario Adorf gelingt es als Abel Znorko,
sich innerhalb von Sekunden vom siegreichen Fraueneroberer
mit überheblichem, arrogantem genießerischen Lächeln
zu verwandeln in den deprimierten, leidenden, alten Mann,
der sich wie ein Pennäler beim Lügen ertappt fühlt.
Es ist unglaublich, mit welcher Wasserverdrängung ein
Schauspieler wie Adorf auf der Bühne agiert, wie er den
Raum beherrschen kann. Und Justus von Dohnányi als
Erik Larsen, ein ebenbürtiger Partner, tritt auf als
verängstigter Biedermann-Gatte aus einem Reihenhäuschen
am Stadtrand, ein vorbildlicher Vater, der auch nach Mitternacht
an einer roten Fußgängerampel stehenbleibt. Diese
Arglosigkeit ist seine Stärke. Im Verlauf der Handlung
entpuppt er sich immer mehr als der eigentliche Spielmacher,
der ein bestimmtes Ziel im Auge hat, wie ein Polizist bei
der Vernehmung. Larsen treibt - ob bewusst oder unbewusst
- das Spiel von einem Höhepunkt zum anderen.
Das von Werner Hutterli gebaute,
ungewöhnliche Bühnenbild zeigt einen spartanisch
eingerichteten, pragmatischen Raum, so gar nicht einem Nobelpreisträger
angemessen. Dieser fast unwirtliche Ort bietet keine Ablenkung.
Die Schauspieler treten geradezu daraus hervor. Am Ende des
Stücks weiß man, dass für Znorko ein anderer
Wohnraum undenkbar wäre. Auch ein Rätsel.
Volker Schlöndorff hat
das rätselhafte Spiel inszeniert. Bei allem Respekt vor
seinem Filmlebenswerk sei doch angemerkt, dass die Schauspieler
gelegentlich ein wenig allein gelassen auf der Bühne
agieren. Man spürt, dass der Regisseur vom Film kommt,
wo in kurzen Takes gedreht wird. Es fehlt manchmal der Spannungsbogen
und ein Gefühl für gutes Timing auf der Bühne,
was dem Gesamtunternehmen allerdings nicht schadet. Es gibt
auf Berliner Bühnen gelegentlich Schlimmeres von langjährig
erfahrenen Theaterregisseuren zu erleiden.
"Enigma" ist eine
wunderbare Boulevardkomödie auf höchstem Niveau
in einer gehobenen Sprache, mit viel Emotionen, mit exzellenten
Rollen, die die Schauspieler mit ihren Charakteren füllen
können. Wenn alle Boulevardstücke das Niveau von
Schmitt (oder etwa Alan Ayckbourn) hätten, müsste
dieses Genre nicht länger das Schattendasein in unserem
Theater fristen, zu dem es in den letzten Jahren degradiert
wurde.
Ärgerlich ist mal wieder
ein Teil der Berliner Kritik, die zum Teil mit einer Arroganz
und Kälte den Abend niedermacht und von "philosophisch
angehauchtem Gefühlskitsch" spricht. Es gibt eine
Menge Menschen in unserer immer dekadenter werdenden, hedonistischen
Single-Spaß-Container-Welt, die offensichtlich geradezu
Angst hat vor Gefühlen, was man aus einigen Artikeln
herauslesen kann. Dem Publikum wird dies gleichgültig
sein. Der lange Applaus und die zahlreichen Bravorufe nach
der Premiere weisen auf viele ausverkaufte Vorstellungen hin.
Hartmut Faustmann
für all-around-new-books.de
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