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Interviews
Interview mit Elise Title anlässlich
der Veröffentlichung ihres Romans "Judas" in Deutschland
Frau
Title, Sie haben vor ihrer Laufbahn als Schriftstellerin viele Jahre
lang als Psychotherapeutin im Strafvollzug gearbeitet. Wie kam es
dazu, dass Sie als Therapeutin diese Richtung einschlugen?
Vor meinem Abschluß in Psychologie arbeitete ich zwei Jahre lang
als Sozialarbeiterin mit sozial schwachen Frauen und Kindern; ich
half bei der Beantragung von Sozialhilfe, bei Behördengängen und
Arztbesuchen. Ich besuchte Familien in Wohnungen, die ungeziefer-
und rattenverseucht waren, denen es an anständigen Sanitär-einrichtungen
oder ausreichenden Heizmöglichkeiten mangelte. Viele dieser Frauen
hatten Ehemänner und Lebenspartner, die im Gefäng-nis saßen. Wir
sprachen oft über ihre quälenden, angespannten Besuche im Gefängnis
und auch über die Sorgen, die sie sich machten, was nach der Entlassung
ihrer Männer passieren würde. Und was meistens passierte, wenn die
Männer aus dem Gefängnis kamen, war, dass sie erneut festgenommen
wurden und im Handum-drehen wieder hinter Gittern landeten, was
ihre Familie ein weiteres Mal ins Elend stürzte. Damals schon keimte
in mir der Wunsch, irgendwie dazu beizutragen, diesen Teufelskreis
zu durchbrechen.
Nachdem mein Mann und ich unsere psychiatrische Ausbildung abgeschlossen
hatten, bewarben wir uns am Massachusetts Department of Mental Health,
wo wir, so hofften wir, an der Senkung der hohen Rückfallquote von
Straftätern mitwirken könnten. Was waren wir naiv! Wir mussten feststellen,
dass es schwieriger war als erwartet, in dem Bereich Fuß zu fassen,
doch schließlich erfuhr mein Mann von einer offenen Stelle als Psychotherapeut
in einer Straf-anstalt für Männer. Die Erfahrung, die mein Mann
in der psychiatri-schen Abteilung der Strafanstalt machte, bestärkte
mich in meinem Entschluss, die Gefängnisleitung dazu zu bewegen,
mich ebenfalls einzustellen. Zunächst gaben sie mir probeweise eine
Teilzeitstelle als Psychotherapeutin in einem reinen Frauengefängnis,
aber schließlich erhielt ich eine Ganztagsstelle, die ich zwischen
dem Frauen- und Männergefängnis aufteilte. Und ich durfte sogar
mit meinem Mann zusammen Gruppentherapiesitzungen für Gewalttäter
durchführen, die wiederholt straffällig geworden waren. Der Job
war in jeder Hinsicht eine Herausforderung, er war anstrengend und
intellektuell anspruchsvoll.
Vor allem ein Bereich meiner Tätigkeit sollte mich schließlich zu
meinem Roman Judas inspirieren: Als Bestandteil unserer Arbeit
mit Gefangenen hatten mein Mann und ich in der Stadt eine selbststän-dige
Therapiepraxis für ehemalige Häftlinge, die wir schon im Gefäng-nis
behandelt hatten und die von uns nach ihrer Entlassung auf Bewährung
weiter betreut wurden. Es war zutiefst ernüchternd, aus nächster
Nähe mitzuerleben, wie schnell die Exhäftlinge, die in keiner Weise
auf ihre Entlassung vorbereitet worden waren, trotz bester Absichten
unter dem Druck der Straße wieder straffällig wurden und erneut
hinter Gittern landeten.
Was hat Sie so viele Jahre nach Ihrer Arbeit in Gefängnissen
bewogen, einen Thriller über das Problem der Wieder-eingliederung
von Strafgefangenen zu schreiben? Haben Sie dabei ein bestimmtes
Anliegen?
Meine Vergangenheit holte mich wieder ein, als in den Vereinigten
Staaten ein Trend zum Status quo wurde: mehr Gefängnisse, mehr Gefangene,
um diese Gefängnisse zu füllen, längere Haftstrafen und immer weniger
Anstrengungen zur Resozialisierung. Die Erinnerungen an meine jahrelange
Arbeit in den Gefängnissen von Massachusetts ließen mich plötzlich
nicht mehr los. Gefängnisse und Gefangene nahmen einen immer größeren,
beunruhigenderen Raum in meinen Gedanken ein, ebenso wie die Beschäftigung
mit der absurden Wirkung von Haftstrafen. Nicht selten, so ergaben
meine Recher-chen, verbringen Häftlinge 23 Stunden pro Tag in ihren
Zellen. Eine erschreckende Vorstellung, wenn man bedenkt, dass fast
jeder Häftling nach Verbüßung seiner Strafe wieder in unsere Gesellschaft
zurückgeschickt wird - oft trauriger, bösartiger, wütender und noch
weniger imstande als zuvor, mit den Realitäten des Alltagslebens
fertig zu werden.
Als ich erfuhr, dass Massachusetts sein Programm, das vor der Entlassung
stehenden Häftlingen helfen sollte, den Übergang vom Gefängnis in
die Freiheit als weniger traumatisch zu erleben, nicht nur beibehielt,
sondern sogar ausbauen wollte, wurde ich neugierig. Einiges von
dem, was ich über dieses Programm in Erfahrung bringen konnte, habe
ich in meinen Roman Judas einfließen lassen. Es ist ein großer Stoff,
zu groß für einen einzigen Roman. Zur Zeit arbeite ich an einem
weiteren Roman, der von befangenen Geschworenen, sexuellen Vorurteilen
und zu Unrecht verhängten Freiheitsstrafen berichtet. Sehr wahrscheinlich
werden noch weitere Romane zu dem Themenkomplex folgen.
In diesen Romanen gibt es drei Erzählebenen. Vordergründig behandele
ich die in der Gesellschaft verbreitete Unsicherheit im Hinblick
auf Verbrechen, Verbrecher und natürlich deren Bestrafung. Die zweite
Ebene ist die Ebene der Strafgefangenen, von denen die meisten schuldig
sind und manche mit Sicherheit nicht. Und drittens möchte ich die
Geschichte der Gefängnismitarbeiter, der Vollzugs-bediensteten,
der Politiker, der Familien der Vollzugsbediensteten und Gefangenen
in einer Zeit erzählen, die von gewaltigen gesell-schaftlichen Desorientierungen
und Umwälzungen geprägt ist.
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