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Klappentext:
Der ungarisch-jüdische Schriftsteller und Journalist
Arthur Koestler war keiner jener Intellektuellen, die
wie Brecht oder Sartre aus der Deckung des Schreibtischs
heraus die Welt verändern wollten. Wenn er von einer
Sache überzeugt war, konnte er für sie Kopf und
Kragen riskieren: In den zwanziger Jahren prügelte er
sich als Wiener Student mit Antisemiten, lebte als Kibbutznik,
Limonadenverkäufer und Reporter in Palästina. Anfang
der dreißiger Jahre pilgerte er mit Langston Hughes
durch Stalins Sowjetunion, spürte arabische Terroristen
in Beirut auf, fuhr Ambulanzwagen durch das London des Blitz
und berichtete aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg.
Koestler saß als kommunistischer Spion in Francos Todeszelle,
die französische Vorkriegs-Regierung internierte und
die Gestapo jagte ihn, von Moskau wurde er als nervenkranker
Kalter Krieger beschimpft.
Koestler engagierte sich nicht nur in der Politik, zeitlebens
bewegte er sich mühelos zwischen den Zwei Kulturen:
Er überflog im Zeppelin den Nordpol, forderte die wissenschaftliche
Anerkennung der Parapsychologie, traf Gurus in Indien, stritt
sich in Japan mit Zen-Priestern und schlug die gezielte Manipulation
des menschlichen Gehirns durch Drogen vor, um der angeborenen
autodestruktiven Tendenz unserer Spezies Herr zu werden.
Christian Buckard gelingt auf der Grundlage zahlreicher unveröffentlichter
Dokumente, vergessener früher Arbeiten und vieler Gespräche
mit Zeitzeugen eine höchst lesenswerte und ungewöhnlich
farbige Darstellung, die verständlich macht, welche Hoffnungen
und Ideale dieses extreme Leben im Jahrhundert der Extreme
geprägt haben.
(©
2004 C.H. Beck Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
Christian Buckards Biografie von Arthur Koestlers Leben hat
zwei große Verdienste: Sie weckt Neugierde, die Romane
von Koestler zu lesen und sie behandelt ausführlich sein
Verhältnis zum Judentum. Aber sie setzt auch einiges
Wissen über die Geschichte des Zionismus, der Bücher
von Koestler selbst und der Zeitgeschichte vom Leser voraus,
wodurch dieses Buch insgesamt nur begrenzt als Einstiegsliteratur
zu empfehlen ist.
Buckard
beschreibt detailliert die Jugend Koestlers, sein familiäres
Umfeld, die schwierige Beziehung zu seiner Mutter und die
erste politische Prägung. Sein früher journalistischer
Werdegang, seine ersten Palästina-Erfahrungen und sein
Emanzipationsprozess vom Stalinismus werden nachvollziehbar
dargestellt. Dieser Teil des Buches ist gut zu lesen und abgeschlossen.
Aber
dann beginnen Buckards Schwerpunktsetzungen auf Koestlers
Verhältnis zum Judentum sowie Zionismus, der Rolle der
jüdischen Diaspora und der politischen Entwicklung Israels
zu dominieren, was die anderen Bereiche in Koestlers Leben
in den Hintergrund drängt. Breit werden Themen wie Koestlers
Einstellung zu Rasse und Religion, der Konflikte jüdischer
Untergrundorganisationen im britischen Mandatsgebiet oder
journalistisch geführter akademischer Debatten wiedergegeben.
Bei den Debatten wählt Buckard bestimmte Phasen aus,
die die Rolle und Beiträge Koestlers beinhalten. Aber
dieser begrenzte Ausschnitt lässt den nicht vorgebildeten
Leser nur halbgebildet zurück. Hier wären Einführungen
und Zusammenfassungen hilfreich gewesen. Außerdem leistet
sich Buckard Zeitsprünge, so z. B. fehlt viel in den
wichtigen Jahren 1947/48, was für eine Biografie ungewöhnlich
und nur durch Buckards Schwerpunktsetzung zu erklären
ist. Bezeichnend für diese Verzerrung ist die sehr kurze
Behandlung mit Koestlers zweiter Karriere als „Wissenschaftsjournalist“
ab 1955. Eigentlich darf man streng genommen nur von einer
Teil-Biographie sprechen. Dazu passt, dass eine Zeittafel
sowie ein Anhang mit Hintergrundinformationen komplett fehlen.
Umfassend und über alle Phasen
Koestlers Leben wird seine Einstellung zum Zionismus, der
Schaffung und der Bedeutung eines jüdischen Staates und
dessen Wirkung auf die Diaspora-Juden beschrieben. Dieses
Thema ist der rote Faden des Buches und trotz seiner Komplexität
und Widersprüchlichkeit hervorragend von Buckhard umgesetzt.
Interessant,
aber auch unzureichend behandelt ist Koestlers Verwendung
eines propagandistischen Stils sowie sein Verhältnis
zur Wahrheit und was sich daraus über seinen heutigen
literarischen Stellenwert sagen lässt. Hiermit befasst
sich Buckard diverse Male, aber ohne eine Definition von Propaganda
zu geben oder die daraus resultierenden Konsequenzen für
Koestlers Werk einzugehen. Die Wirkung dagegen beschreibt
er umfassend.
Den
Menschen Koestler stellt Buckard hauptsächlich über
sein politisches Verhalten dar, weniger über sein Privatleben.
Buckard zeigt die Widersprüche, fast schon Halsstarrigkeiten
Koestlers auf, leider, ohne sie immer ausreichend zu erklären.
Dies könnte eine Stärke sein, da dem Leser keine
Wertung aufgedrängt wird, aber streckenweise wirkt es
eher wie eine Kapitulation vor der Komplexität Koestlers
Charakters. Dem Leser fehlen somit genug Informationen, um
sich ein eigenständiges Urteil erlauben zu können.
Andererseits hebt Buckard bestimmte Charaktereigenschaften
und Einstellungen Koestlers hervor, wiederholt und betont
sie aber so oft, dass es fast wie eine Beschwörung, ein
Umklammern der wenigen greifbaren Eigenschaften Koestlers
wirkt. Dagegen erfährt man ohne größere Begründung,
dass Koestler gerade mal wieder geschieden wurde oder geheiratet
hat, insgesamt 3 Mal und dass er etliche Affären hatte,
ohne sich dabei als Gentleman hervorzuheben.
Insgesamt
ist es eine gut geschriebene politische Teil-Biografie, nur
begrenzt eine private, die sich zu lesen lohnt, aber erst
nachdem man Koestlers wichtigste Bücher Sonnenfinsternis,
Ein Spanisches Testament, Diebe
in der Nacht, Die Gladiatoren und Pfeil
ins Blaue gelesen hat.
(©
2004 Philip Schreiterer für all-around-new-books.de)
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