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Roman/Erzählung

Boxhagener Platz

Autor: Torsten Schulz

gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten
erschienen: Februar 2004
Ullstein
ISBN: 3-550-08464-1
Preis: 19,90 Euro
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Klappentext:
Wer anders als Oma Otti könnte mit fast 80 als Heiraten denken!
Dabei ist der sechste Ehemann noch gar nicht unter der Erde. In diesem Auf und Ab der Verwirrung passiert schließlich ein Mord, der das Leben auf dem Boxerplatz gründlich auf den Kopf stellt.

Dieser von lakonischem Witz und feiner, intergründiger Ironie durchzogene Roman taucht ab in tiefe Ostberlin des Jahres 1968. Die Studentenrevolte im Westen; der erste Kuss; Boxen und Fußballspielen; eine fidele Großmutter, Expertin für Scheintod und Gegnerin des Zickenbartes Walter Ulbricht; und nicht zuletzt ein ehemaliger Spartakuskämpfer als zukünftiger Großvater - die Welt um den Boxhagener Platz ist schillernd, doppelbödig und alles andere als langweilig - ein erzählerisches Glanzstück.

(© 2004 Ullstein Verlag)


Zum Autor:

Torsten Schulz, 1959 in Ostberlin geboren, ist Autor preisgekrönter Spielfilme (u.a. "Raus aus der Haut", "Im Namen der Unschuld"), Regisseur von Dokumentarfilmen (u.a. "Kuba Sigrid", "TechnoSalsa", "Das Mädchen Liane", "Von einer, die auszog ..."), Sachbuchautor ("Der Boxermacher"). Seit 2002 ist er Professor für Praktische Dramaturgie an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg. Boxhagener Platz ist sein erster Roman.


Buchbesprechung - Rezension:

Torsten Schulz, 1959 in Ostberlin geboren und seit 2002 Professor für Praktische Dramaturgie an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg, legte nun mit Boxhagener Platz sein Romandebüt vor. Dabei spielt die Handlung im Herbst 1968 rund um den berüchtigten Platz in Berlin-Friedrichshain. „Ich bin an diesem Platz großgeworden, habe dort meine Kindheit verbracht, dementsprechend sind viele authentische Details in diese durch und durch fiktionale Geschichte eingeflossen“, so der Autor selbst.

Zu DDR-Zeiten war Berlin-Friedrichshain ein proletarischer Stadtteil, eine Gegend der einfachen Leute. Da begegnet der Leser einer äußerst fidelen Großmutter; Oma Otti ist zum sechsten Mal verheiratet und marschiert gleich auf der ersten Seite mit Harke und Blechgießkanne quer über die Karl-Marx-Allee in Richtung St.-Petri-Friedhof, und das am 7. Oktober, dem Nationalfeiertag der DDR, wo die Allee eigentlich den Panzern und Raketenwerfern der NVA-Militärparade gehört. Begleitet wird sie von ihrem halbwüchsigen Enkel Holger, Jungpionier an der Juri-Gagarin-Oberschule, dem das irgendwie peinlich ist und der am liebsten im Boden versinken möchte. Ferner gehören zur Familie der Vater, der als Abschnittbevollmächtigter Genosse Jürgens für sozialistische Ruhe und Ordnung am Boxhagener Platz sorgt, und die bildhübsche Mutter, die ständig genervt ist.

Da geschieht ein Verbrechen. Der Kleinhändler Fisch-Winkler wird erschlagen in seinem Geschäft aufgefunden. Mord oder Totschlag? – so etwas hat es in dem Wohnviertel noch nicht gegeben. Es könnte jeder gewesen sein; als Tatwaffe diente eine Bierflasche. Der Vater in Uniform macht sich mit Übereifer an die Aufklärung in seinem ABV-Revier und Holger muss sich nicht mehr als „Bullensohn“ schämen. Doch allmählich gewinnt der Mord an Fisch-Winkler politische Dimensionen. Da taucht ein Bekennerbrief einer Westberliner Studentenkommune auf und schließlich kommt selbst der Spartakusbund ins Spiel. Das Familienleben wird ebenfalls mächtig durcheinander gewirbelt: Opa Rudi, Ottis sechster Ehemann, stirbt und Oma tröstet sich mit ihrer neuen Friedhofsbekanntschaft Karl Wegener. Dem nicht genug, taucht plötzlich Bodo, ein bisher nicht erwähnter Sohn der Großmutter, auf.

Der Roman ist mit originellen Figuren bevölkert und mit lakonischem Witz erzählt. Die turbulente Handlung in den 25 kurzen Kapiteln ist mit einer hintergründigen Ironie durchzogen. Geschildert wird der Alltag im Osten, der erste Kuss, der passive Widerstand gegen die Staatsmacht, aber auch die Sportbegeisterung für die gerade stattfindenden Olympischen Spiele in Mexiko-City, wo die DDR erstmalig mit einer eigenen Mannschaft an den Start ging. Ein Leben also, das alles andere als langweilig ist.
Boxhagener Platz ist aber kein „Ostalgie“-Roman und kein DDR-Erinnerungsbuch. Berichtet wird zwar von einer Ostberliner Kindheit zu Ulbrichts Zeiten, doch im Mittelpunkt steht der rebellische Alltagstrotz und die kauzige Liebesgeschichte einer vitalen 80jährigen.

(© 2004 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)


Weitere Rezension:
"Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an", sang einst Udo Jürgens. Für Oma Otti beginnt der zweite Frühling mit fast achtzig. Sie verliebt sich in den Spartakuskämpfer Karl Wegener, während ihr Ehemann Nummer Sechs noch im Sterben liegt.

Ottilie, genannt "Otti", ist der Dreh- und Angelpunkt der Familie Jürgens, die im Ost-Berlin der sechziger Jahre am Rande des Boxhagener Platzes lebt. Sie ist zäh, lebenspraktisch und für eine Frau ihrer Generation erstaunlich selbstbewusst. Dass sie nicht auf den Mund gefallen ist, macht Torsten Schulz auch dadurch deutlich, dass er sie in ostberliner Dialekt sprechen lässt, was den Dialogen besonderen Charme gibt.

Der Ich-Erzähler, Ottis 12jähriger Enkel Holger, hat es nicht leicht mit seiner Oma. Einerseits findet er sie klasse und bewundert ihren Mut (Walter Ulbricht ist für sie nur der "Zickenbart".), andererseits ist sie ihm auch ein bisschen peinlich, wenn sie auf dem Boxhagener Platz auftaucht, auf dem Holger mit seinen Freunden bolzt, und ihn zum täglichen Gang auf den Friedhof abholt. In seiner Clique ist er nicht besonders beliebt, denn sein Vater ist "ABV", Abschnittsbevollmächtigter, der seine Aufgabe sehr ernst nimmt und immer ein wachsames Auge - besonders auf die Jugendlichen - hat. Auch zu Hause fühlt er sich unwohl, die Ehe der Eltern kriselt. Da ist Oma eine willkommene Zuflucht. Die Veränderungen an Oma Otti beobachtet Holger deshalb mit Misstrauen.

Doch die Situation ändert sich grundlegend, als in unmittelbarer Nachbarschaft der Fischhändler Winkler erschlagen wird. Plötzlich steht Holgers Vater als "Ermittler" hoch im Kurs und auch Holger wird interessant, sitzt er doch an der Quelle für mögliche Informationen. Was steckt hinter der Tat? Haben die Studentenunruhen im Westen etwas damit zu tun? Selbst Holger versteigt sich in wilde Verschwörungstheorien, die auch dadurch genährt werden, dass Ottis Freund merkwürdige Andeutungen über geheime kommunistische Gruppen im Westen macht. Und auch wenn sich die Geschichte am Ende als banal herausstellt, hat Holger gelernt, politisch zu denken.

Und der Leser weiß am Ende mehr über die politischen Verhältnisse in der damaligen Zeit. Doch nicht nur das: Er hat auch eine wunderbare Liebesgeschichte zwischen alten Menschen gelesen. Sie steht für den Autor im Mittelpunkt der Handlung. "Alle Dinge, die mit DDR zu tun haben, spielen nicht so eine große Rolle, wie die aufkeimende Liebe dieser alten Menschen", hat er in einem Interview erklärt. Dabei bieten der Boxhagener Platz und die damalige DDR nur eine wunderbare Kulisse.

Torsten Schulz erzählt, wie große Politik im Kleinen erlebt wird, wie unverständlich politische Parolen sein können - und wie unwichtig: "Ich kann mir unter Kommunismus nischt vorstellen", sagt einer von Holgers Freunden und mit dieser Haltung steht er nicht alleine. Dabei verzichtet der Autor auf jegliche "Ostalgie" und behält eine ironische Distanz, die dem Buch seinen besonderen Witz verleiht.
Boxhagener Platz ist eine wunderbare Liebesgeschichte und eine Hommage an Ost-Berlin - unbedingt lesenswert!

(© 2004 Ingrid Ickler für all-around-new-books.de)

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