| Klappentext:
Wer anders als Oma Otti
könnte mit fast 80 als Heiraten denken!
Dabei ist der sechste Ehemann noch gar nicht unter der Erde.
In diesem Auf und Ab der Verwirrung passiert schließlich
ein Mord, der das Leben auf dem Boxerplatz gründlich
auf den Kopf stellt.
Dieser von lakonischem Witz
und feiner, intergründiger Ironie durchzogene Roman taucht
ab in tiefe Ostberlin des Jahres 1968. Die Studentenrevolte
im Westen; der erste Kuss; Boxen und Fußballspielen;
eine fidele Großmutter, Expertin für Scheintod
und Gegnerin des Zickenbartes Walter Ulbricht; und nicht zuletzt
ein ehemaliger Spartakuskämpfer als zukünftiger
Großvater - die Welt um den Boxhagener Platz ist schillernd,
doppelbödig und alles andere als langweilig - ein erzählerisches
Glanzstück.
(©
2004
Ullstein Verlag)
Zum Autor:
Torsten Schulz, 1959
in Ostberlin geboren, ist Autor preisgekrönter Spielfilme
(u.a. "Raus aus der Haut", "Im Namen der Unschuld"),
Regisseur von Dokumentarfilmen (u.a. "Kuba Sigrid",
"TechnoSalsa", "Das Mädchen Liane",
"Von einer, die auszog ..."), Sachbuchautor ("Der
Boxermacher"). Seit 2002 ist er Professor für
Praktische Dramaturgie an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg.
Boxhagener Platz ist sein erster Roman.
Buchbesprechung - Rezension:
Torsten Schulz, 1959 in Ostberlin
geboren und seit 2002 Professor für Praktische Dramaturgie
an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg, legte nun mit Boxhagener
Platz sein Romandebüt vor. Dabei spielt die Handlung
im Herbst 1968 rund um den berüchtigten Platz in Berlin-Friedrichshain.
„Ich bin an diesem Platz großgeworden, habe
dort meine Kindheit verbracht, dementsprechend sind viele
authentische Details in diese durch und durch fiktionale Geschichte
eingeflossen“, so der Autor selbst.
Zu DDR-Zeiten war Berlin-Friedrichshain
ein proletarischer Stadtteil, eine Gegend der einfachen Leute.
Da begegnet der Leser einer äußerst fidelen Großmutter;
Oma Otti ist zum sechsten Mal verheiratet und marschiert gleich
auf der ersten Seite mit Harke und Blechgießkanne quer
über die Karl-Marx-Allee in Richtung St.-Petri-Friedhof,
und das am 7. Oktober, dem Nationalfeiertag der DDR, wo die
Allee eigentlich den Panzern und Raketenwerfern der NVA-Militärparade
gehört. Begleitet wird sie von ihrem halbwüchsigen
Enkel Holger, Jungpionier an der Juri-Gagarin-Oberschule,
dem das irgendwie peinlich ist und der am liebsten im Boden
versinken möchte. Ferner gehören zur Familie der
Vater, der als Abschnittbevollmächtigter Genosse Jürgens
für sozialistische Ruhe und Ordnung am Boxhagener Platz
sorgt, und die bildhübsche Mutter, die ständig genervt
ist.
Da geschieht ein Verbrechen.
Der Kleinhändler Fisch-Winkler wird erschlagen in seinem
Geschäft aufgefunden. Mord oder Totschlag? – so
etwas hat es in dem Wohnviertel noch nicht gegeben. Es könnte
jeder gewesen sein; als Tatwaffe diente eine Bierflasche.
Der Vater in Uniform macht sich mit Übereifer an die
Aufklärung in seinem ABV-Revier und Holger muss sich
nicht mehr als „Bullensohn“ schämen. Doch
allmählich gewinnt der Mord an Fisch-Winkler politische
Dimensionen. Da taucht ein Bekennerbrief einer Westberliner
Studentenkommune auf und schließlich kommt selbst der
Spartakusbund ins Spiel. Das Familienleben wird ebenfalls
mächtig durcheinander gewirbelt: Opa Rudi, Ottis sechster
Ehemann, stirbt und Oma tröstet sich mit ihrer neuen
Friedhofsbekanntschaft Karl Wegener. Dem nicht genug, taucht
plötzlich Bodo, ein bisher nicht erwähnter Sohn
der Großmutter, auf.
Der Roman ist mit originellen
Figuren bevölkert und mit lakonischem Witz erzählt.
Die turbulente Handlung in den 25 kurzen Kapiteln ist mit
einer hintergründigen Ironie durchzogen. Geschildert
wird der Alltag im Osten, der erste Kuss, der passive Widerstand
gegen die Staatsmacht, aber auch die Sportbegeisterung für
die gerade stattfindenden Olympischen Spiele in Mexiko-City,
wo die DDR erstmalig mit einer eigenen Mannschaft an den Start
ging. Ein Leben also, das alles andere als langweilig ist.
Boxhagener Platz ist aber kein „Ostalgie“-Roman
und kein DDR-Erinnerungsbuch. Berichtet wird zwar von einer
Ostberliner Kindheit zu Ulbrichts Zeiten, doch im Mittelpunkt
steht der rebellische Alltagstrotz und die kauzige Liebesgeschichte
einer vitalen 80jährigen.
(©
2004 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)
Weitere
Rezension:
"Mit 66 Jahren, da fängt
das Leben an", sang einst Udo Jürgens. Für
Oma Otti beginnt der zweite Frühling mit fast achtzig.
Sie verliebt sich in den Spartakuskämpfer Karl Wegener,
während ihr Ehemann Nummer Sechs noch im Sterben liegt.
Ottilie, genannt "Otti",
ist der Dreh- und Angelpunkt der Familie Jürgens, die
im Ost-Berlin der sechziger Jahre am Rande des Boxhagener
Platzes lebt. Sie ist zäh, lebenspraktisch und für
eine Frau ihrer Generation erstaunlich selbstbewusst. Dass
sie nicht auf den Mund gefallen ist, macht Torsten Schulz
auch dadurch deutlich, dass er sie in ostberliner Dialekt
sprechen lässt, was den Dialogen besonderen Charme gibt.
Der Ich-Erzähler, Ottis
12jähriger Enkel Holger, hat es nicht leicht mit seiner
Oma. Einerseits findet er sie klasse und bewundert ihren Mut
(Walter Ulbricht ist für sie nur der "Zickenbart".),
andererseits ist sie ihm auch ein bisschen peinlich, wenn
sie auf dem Boxhagener Platz auftaucht, auf dem Holger mit
seinen Freunden bolzt, und ihn zum täglichen Gang auf
den Friedhof abholt. In seiner Clique ist er nicht besonders
beliebt, denn sein Vater ist "ABV", Abschnittsbevollmächtigter,
der seine Aufgabe sehr ernst nimmt und immer ein wachsames
Auge - besonders auf die Jugendlichen - hat. Auch zu Hause
fühlt er sich unwohl, die Ehe der Eltern kriselt. Da
ist Oma eine willkommene Zuflucht. Die Veränderungen
an Oma Otti beobachtet Holger deshalb mit Misstrauen.
Doch die Situation ändert
sich grundlegend, als in unmittelbarer Nachbarschaft der Fischhändler
Winkler erschlagen wird. Plötzlich steht Holgers Vater
als "Ermittler" hoch im Kurs und auch Holger wird
interessant, sitzt er doch an der Quelle für mögliche
Informationen. Was steckt hinter der Tat? Haben die Studentenunruhen
im Westen etwas damit zu tun? Selbst Holger versteigt sich
in wilde Verschwörungstheorien, die auch dadurch genährt
werden, dass Ottis Freund merkwürdige Andeutungen über
geheime kommunistische Gruppen im Westen macht. Und auch wenn
sich die Geschichte am Ende als banal herausstellt, hat Holger
gelernt, politisch zu denken.
Und der Leser weiß am
Ende mehr über die politischen Verhältnisse in der
damaligen Zeit. Doch nicht nur das: Er hat auch eine wunderbare
Liebesgeschichte zwischen alten Menschen gelesen. Sie steht
für den Autor im Mittelpunkt der Handlung. "Alle
Dinge, die mit DDR zu tun haben, spielen nicht so eine große
Rolle, wie die aufkeimende Liebe dieser alten Menschen",
hat er in einem Interview erklärt. Dabei bieten der Boxhagener
Platz und die damalige DDR nur eine wunderbare Kulisse.
Torsten Schulz erzählt,
wie große Politik im Kleinen erlebt wird, wie unverständlich
politische Parolen sein können - und wie unwichtig: "Ich
kann mir unter Kommunismus nischt vorstellen", sagt einer
von Holgers Freunden und mit dieser Haltung steht er nicht
alleine. Dabei verzichtet der Autor auf jegliche "Ostalgie"
und behält eine ironische Distanz, die dem Buch seinen
besonderen Witz verleiht.
Boxhagener Platz ist eine wunderbare Liebesgeschichte
und eine Hommage an Ost-Berlin - unbedingt lesenswert!
(©
2004 Ingrid Ickler für all-around-new-books.de)
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