Start Auf zur Büchergalerie Top 10 Specials Gewinnen Newsletter Suche
Autoren Ausgezeichnet Buch + Medien Events Marktplatz Forum Kontakt Über uns
Belletristik
Sonstiges Biografie Science Fiction/Fantasy Krimi/Thriller Historischer Roman Roman/Erzählung
Und jetzt als Taschenbuch
Das Buch zum Film/Fernsehen
Audiobook
Kinder und Jugend
Sachbuch/Ratgeber
Sachbuch/Ratgeber
Sachbuch/Ratgeber
Sachbuch/Ratgeber
Sachbuch/Ratgeber
Sachbuch/Ratgeber
E-Books
Software/Spiele

   
 

Jetzt bestellen

 






 

Roman/Erzählung

Landnahme

Autor: Christoph Hein

Roman
gebunden mit Schutzumschlag, 357 Seiten
erschienen: 2004
Suhrkamp
ISBN: 3-518-41601-4
Preis: 19,90 Euro

Hier bestellen:

amazon

 


Inhalt:
Bernhard Haber ist zehn, als er 1950 mit seinen Eltern aus Breslau in eine sächsische Kleinstadt kommt, wo man Vertriebene und Ausgebombte lieber heute als morgen wieder abreisen sähe. Zwar werden Handwerker gebraucht, und Bernhards Vater ist Tischler, aber die Einheimischen bestellen ihre Möbel natürlich nicht bei dem Fremden.

Dem Jungen begegnet man in der Schule nicht viel besser, sich durchbeißen und immer wieder Schläge einstecken - das erkennt er rasch als den einzigen Weg. Dass Bernhard nach der 8. Klasse eine Tischlerlehre beginnt, wundert niemanden, eher schon, dass er später zeitweise als Karusselbesitzer sagenhaft viel Geld verdient. Peter Koller, der in einem selbstgebauten Auto zahlende Fahrgäste nach Westberlin gebracht hat und dafür ein paar Jahre ins Gefängnis muss, weiß genauer, woher Bernhards Wohlstand stammt, aber er verpfeift ihn nicht. Überhaupt hat Haber Glück mit den Leuten um sich herum: mit seiner Frau Friederike, die ihn anhimmelt, mit seiner Schwägerin Katharina, die ihm beigebracht hat, was Liebe ist, mit dem Sägereibesitzer Sigurd, der dafür sorgt, dass Bernhard als Tischlermeister in den Kegelklub aufgenommen wird, wo die Selbständigen sich treffen, um den nötigen Einfluss auf die Politik des Ortes zu nehmen ... vor 1989 und erst recht in den wilden Jahren danach.

Christoph Hein erzählt die Lebensgeschichte Bernhard Habers über fast fünfzig Jahre aus der Sicht und mit den Stimmen von fünf Wegbegleitern (und -begleiterinnen). Es ist der Lebenslauf eines Außenseiters in der Provinz, der mit der großen Geschichte scheinbar nichts zu tun hat und doch ihren Verlauf von der Nachkriegszeit bis zur Jahrtausendwende exemplarisch spiegelt.

(© 2004 Suhrkamp Verlag)


Fazit:

Seit dem Geniestreich des jungen Günter Grass, "Die Blechtrommel", von 1959 wartet das deutsche Feuilleton auf den neuen großen Deutschlandroman, den Jahrhundertroman, bislang vergebens. Und seit 1989 wartet man auf den großen Wenderoman, der bis heute, Gott sei Dank, auch noch nicht erschienen ist. Das heißt aber nicht, dass in den vergangenen Jahrzehnten keine bedeutenden Romane in Deutschland erschienen sind, nur lassen sie sich nicht mit dem Etikett "Deutschlandroman" klassifizieren.

Zu den führenden Schriftstellern Deutschlands gehört unzweifelhaft der in Ost-Deutschland lebende Christoph Hein, der gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Spätestens seit Erscheinen der Novelle "Drachenblut" (1983) und des Romans "Der Tangospieler" (1989) ist Hein auch im Westen Deutschlands berühmt und hat einen festen Leserkreis.

Die Qualität seiner Bücher ist die Beschreibung von Alltagssituationen im "real existierenden Sozialismus" mit großem Einfühlungsvermögen in seine Figuren und der sich daraus ergebenden Gesellschaftskritik - ohne die üblichen Schlagworte wie Stasi, Unterdrückung, Parteilinie, Mauer usw. zu benutzen.

Mit "Landnahme" packt Hein ein Problem an, dass in der DDR nicht so gerne thematisiert wurde und mit dem bereits Anna Seghers und Heiner Müller reichlich Schwierigkeiten bekommen haben: dem Problem der Umsiedler aus den ehemals deutschen Gebieten östlich der DDR. Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um ein DDR-Phänomen. Auch in der jungen BRD der 50er- und 60er-Jahre gab es Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die gegen Vorurteile und Neid der Einheimischen zu kämpfen hatten. Ich weiß, wovon ich schreibe: Meine protestantischen Eltern stammen aus Schlesien und Berlin, und ich bin in einem katholischen Dorf in Hessen in diesen Jahren geboren und aufgewachsen.

Christoph Heins Held, der in Schlesien geborene Bernhard Haber, kommt als 10-jähriger mit seiner Familie in die sächsische Kleinstadt Guldenberg (schöner Name), die für jede andere Stadt der DDR steht. Die Habers bekommen Neid und Hass einer kleinbürgerlichen Gesellschaft nach einem verlorenen Krieg mit Verlusten und Enttäuschungen hautnah zu spüren. Der Vater ist Tischler und baut sich - recht einfach und improvisierend - eine eigene Werkstatt auf. Auf zahlreiche Kunden seitens der Guldenberger wartet er allerdings vergebens. Sie boykottieren den Umsiedler, den Fremden, der doch kein "richtiger Deutscher" ist, ein "Zigeuner", und der sicherlich eine Menge Unterstützung von den Ämtern erhalten hat. Sie boykottieren ihn nicht nur, sie schaden ihm auch persönlich.

Vom ersten Schultag an muss Bernhard Demütigungen und Schmach über sich ergehen lassen, nicht nur von seinen Mitschülern, auch die Lehrer lassen ihren ablehnenden Gefühlen freien Lauf. Bernhard ist ein leiser Junge, aber er verschafft sich schnell Respekt: Er hat keine Angst, weder vor seinen Mitschülern noch vor seinen Lehrern. Und das ist seine Stärke. Natürlich findet er zunächst auch keine Freunde, er gehört einfach nicht dazu, er wird zum Einzelgänger. Dennoch lässt sich Bernhard nicht unterkriegen. Ja, er hat auch Glück. Er macht eine Tischlerlehre, steigt aber bald aus, um nach der Zeit des Mauerbaus sehr viel Geld als "Karusselbetreiber" zu machen, so erzählt man sich. Die ersten Mädchen verlieben sich in ihn, wegen seiner Aufrichtigkeit. Bernhard weiß, was er will und bekommt es auch, das imponiert. Er findet eine Frau, bekommt Kinder, und viele Jahre später hat er den größten Tischlereibetrieb in Guldenberg und Umgebung. Durch einen befreundeten Sägewerkbetreiber wird er in den Kegelclub der 12 erfolgreichsten Unternehmer der Stadt aufgenommen, die großen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben der Stadt haben. Natürlich ist dieser Club den politisch Verantwortlichen ein Dorn im Auge, und sie versuchen die Arbeit zu verhindern.

Die ganz große berufliche und finanzielle Chance bekommt Bernhard Haber 1990 nach der Wende ...

Christoph Hein schildert den äußerst bewegten und steinigen Lebensweg eines Mannes, der sich vom jugendlichen Außenseiter zur "Stütze der Gesellschaft" hocharbeitet, allerdings stets mit einer gewissen Distanz: "Er war einer von uns, auch wenn er nur ein Vertriebener war.". Richtig heimisch wird Bernhard Haber, dem die Wurzeln einst abgeschnitten wurden, nie mehr. Erzählt wird die Aufsteiger-Biographie eines revoltierenden Opportunisten in fünf Novellen aus der Sicht von Gleichaltrigen, mit denen er gemeinsam unterschiedliche Lebensabschnitte verbracht hat. Keine dieser Novellen kann für sich alleine stehen, zusammen machen sie den Roman aus. Wir erfahren fünf Seiten des Bernhard Haber, die gemeinsam den einen Menschen zeigen.

Ich halte Landnahme für Christoph Heins bestes und literarisch reifstes Buch. Es ist kein Deutschlandroman, obwohl wir sehr viel über die spezifisch deutsche Situation unseres geteilten Landes erfahren. Es ist kein DDR-Roman, obwohl wir eine peinlich genaue Schilderung des Lebens, des Denkens und des Fühlens von Kleinstadt-Menschen in der DDR erfahren. Bernhard Haber ist keine Idealfigur, kein Vorbild für Jugendliche. Er ist manchmal brutal, skrupellos, kriminell; er kann aber auch rücksichtsvoll sein, er hat Sehnsüchte nach Zärtlichkeit, nach Anerkennung. Er ist so, wie ein Mensch in einer bestimmten Situation von anderen Menschen geprägt wird.

Faszinierend ist, wie es Hein gelingt, alle Personen, die wir aus Guldenberg kennenlernen, trotz Fehlverhaltens und aller Kritik, nicht zu denunzieren, sondern stets positiv zu beschreiben. Er liebt alle seine Figuren, wie man es in der zeitgenössischen Literatur leider nur noch selten findet. Schon nach wenigen Seiten stellt sich das Gefühl ein, Bernhard und Thomas Nicolas und Katharina Hollenbach und all die anderen persönlich zu kennen. Ein Beziehungsgeflecht der Guldenberger Bürger entsteht. Ihr Verhalten ist für uns Leser stets nachvollziehbar, auch dann, wenn man es aus heutiger Sicht kritisieren muss. Und das alles in der wunderbaren, anspruchsvollen, leicht distanzierten, stellenweise recht komischen Hein-Sprache. Ein großartiges Buch, ein literarischer Glückstreffer. Für mich das Buch des Frühjahrs 2004.

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

******************************************************************************
Sie haben das Buch gelesen und wollen einen Kommentar abgeben? Dann bitte hier entlang ...


Copyright ©  all-around-new-books.de 
Alle Rechte vorbehalten. Impressum - E-Mail - Haftungsausschluss
Design und Realisierung: onlineAgentur.de GmbH
 

 



Alle vorgestellten
Bücher in der Galerie:
sortiert nach Autor
sortiert nach Titel


Rund um´s Buch

S e r v i c e

Ebenfalls besprochen von Christoph Hein
Aber der Narr will nicht
Weitere Titel von Christoph Hein
Öffentlich arbeiten (TB, 2004)
Nachtfahrt und früher Morgen (TB, 2004)
Der Ort. Das Jahrhundert (HC, 2004)
Weitere Lesetipps 

Der Augenblick des Otters
von Dieter Sachs

Klaras NEIN
von Soazig Aaron

Unsummen
von Isolde Knuff