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Inhalt:
Bernhard Haber ist zehn, als er 1950 mit seinen Eltern
aus Breslau in eine sächsische Kleinstadt kommt,
wo man Vertriebene und Ausgebombte lieber heute als
morgen wieder abreisen sähe. Zwar werden Handwerker
gebraucht, und Bernhards Vater ist Tischler, aber die
Einheimischen bestellen ihre Möbel natürlich
nicht bei dem Fremden.
Dem Jungen begegnet man in der Schule nicht viel besser,
sich durchbeißen und immer wieder Schläge
einstecken - das erkennt er rasch als den einzigen Weg.
Dass Bernhard nach der 8. Klasse eine Tischlerlehre
beginnt, wundert niemanden, eher schon, dass er später
zeitweise als Karusselbesitzer sagenhaft viel Geld verdient.
Peter Koller, der in einem selbstgebauten Auto zahlende
Fahrgäste nach Westberlin gebracht hat und dafür
ein paar Jahre ins Gefängnis muss, weiß genauer,
woher Bernhards Wohlstand stammt, aber er verpfeift
ihn nicht. Überhaupt hat Haber Glück mit den
Leuten um sich herum: mit seiner Frau Friederike, die
ihn anhimmelt, mit seiner Schwägerin Katharina,
die ihm beigebracht hat, was Liebe ist, mit dem Sägereibesitzer
Sigurd, der dafür sorgt, dass Bernhard als Tischlermeister
in den Kegelklub aufgenommen wird, wo die Selbständigen
sich treffen, um den nötigen Einfluss auf die Politik
des Ortes zu nehmen ... vor 1989 und erst recht in den
wilden Jahren danach.
Christoph Hein erzählt die Lebensgeschichte Bernhard
Habers über fast fünfzig Jahre aus der Sicht
und mit den Stimmen von fünf Wegbegleitern (und
-begleiterinnen). Es ist der Lebenslauf eines Außenseiters
in der Provinz, der mit der großen Geschichte
scheinbar nichts zu tun hat und doch ihren Verlauf von
der Nachkriegszeit bis zur Jahrtausendwende exemplarisch
spiegelt.
(©
2004 Suhrkamp Verlag)
Fazit:
Seit
dem Geniestreich des jungen Günter Grass, "Die
Blechtrommel", von 1959 wartet das deutsche Feuilleton
auf den neuen großen Deutschlandroman, den Jahrhundertroman,
bislang vergebens. Und seit 1989 wartet man auf den
großen Wenderoman, der bis heute, Gott sei Dank,
auch noch nicht erschienen ist. Das heißt aber
nicht, dass in den vergangenen Jahrzehnten keine bedeutenden
Romane in Deutschland erschienen sind, nur lassen sie
sich nicht mit dem Etikett "Deutschlandroman"
klassifizieren.
Zu
den führenden Schriftstellern Deutschlands gehört
unzweifelhaft der in Ost-Deutschland lebende Christoph
Hein, der gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert hat.
Spätestens seit Erscheinen der Novelle "Drachenblut"
(1983) und des Romans "Der
Tangospieler" (1989) ist Hein auch im Westen
Deutschlands berühmt und hat einen festen Leserkreis.
Die
Qualität seiner Bücher ist die Beschreibung
von Alltagssituationen im "real existierenden Sozialismus"
mit großem Einfühlungsvermögen in seine
Figuren und der sich daraus ergebenden Gesellschaftskritik
- ohne die üblichen Schlagworte wie Stasi, Unterdrückung,
Parteilinie, Mauer usw. zu benutzen.
Mit
"Landnahme" packt Hein ein Problem an, dass
in der DDR nicht so gerne thematisiert wurde und mit
dem bereits Anna Seghers und Heiner Müller reichlich
Schwierigkeiten bekommen haben: dem Problem der Umsiedler
aus den ehemals deutschen Gebieten östlich der
DDR. Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um ein
DDR-Phänomen. Auch in der jungen BRD der 50er-
und 60er-Jahre gab es Flüchtlinge aus den Ostgebieten,
die gegen Vorurteile und Neid der Einheimischen zu kämpfen
hatten. Ich weiß, wovon ich schreibe: Meine protestantischen
Eltern stammen aus Schlesien und Berlin, und ich bin
in einem katholischen Dorf in Hessen in diesen Jahren
geboren und aufgewachsen.
Christoph
Heins Held, der in Schlesien geborene Bernhard Haber,
kommt als 10-jähriger mit seiner Familie in die
sächsische Kleinstadt Guldenberg (schöner
Name), die für jede andere Stadt der DDR steht.
Die Habers bekommen Neid und Hass einer kleinbürgerlichen
Gesellschaft nach einem verlorenen Krieg mit Verlusten
und Enttäuschungen hautnah zu spüren. Der
Vater ist Tischler und baut sich - recht einfach und
improvisierend - eine eigene Werkstatt auf. Auf zahlreiche
Kunden seitens der Guldenberger wartet er allerdings
vergebens. Sie boykottieren den Umsiedler, den Fremden,
der doch kein "richtiger Deutscher" ist, ein
"Zigeuner", und der sicherlich eine Menge
Unterstützung von den Ämtern erhalten hat.
Sie boykottieren ihn nicht nur, sie schaden ihm auch
persönlich.
Vom
ersten Schultag an muss Bernhard Demütigungen und
Schmach über sich ergehen lassen, nicht nur von
seinen Mitschülern, auch die Lehrer lassen ihren
ablehnenden Gefühlen freien Lauf. Bernhard ist
ein leiser Junge, aber er verschafft sich schnell Respekt:
Er hat keine Angst, weder vor seinen Mitschülern
noch vor seinen Lehrern. Und das ist seine Stärke.
Natürlich findet er zunächst auch keine Freunde,
er gehört einfach nicht dazu, er wird zum Einzelgänger.
Dennoch lässt sich Bernhard nicht unterkriegen.
Ja, er hat auch Glück. Er macht eine Tischlerlehre,
steigt aber bald aus, um nach der Zeit des Mauerbaus
sehr viel Geld als "Karusselbetreiber" zu
machen, so erzählt man sich. Die ersten Mädchen
verlieben sich in ihn, wegen seiner Aufrichtigkeit.
Bernhard weiß, was er will und bekommt es auch,
das imponiert. Er findet eine Frau, bekommt Kinder,
und viele Jahre später hat er den größten
Tischlereibetrieb in Guldenberg und Umgebung. Durch
einen befreundeten Sägewerkbetreiber wird er in
den Kegelclub der 12 erfolgreichsten Unternehmer der
Stadt aufgenommen, die großen Einfluss auf das
gesellschaftliche Leben der Stadt haben. Natürlich
ist dieser Club den politisch Verantwortlichen ein Dorn
im Auge, und sie versuchen die Arbeit zu verhindern.
Die
ganz große berufliche und finanzielle Chance bekommt
Bernhard Haber 1990 nach der Wende ...
Christoph
Hein schildert den äußerst bewegten und steinigen
Lebensweg eines Mannes, der sich vom jugendlichen Außenseiter
zur "Stütze der Gesellschaft" hocharbeitet,
allerdings stets mit einer gewissen Distanz: "Er
war einer von uns, auch wenn er nur ein Vertriebener
war.". Richtig heimisch wird Bernhard Haber,
dem die Wurzeln einst abgeschnitten wurden, nie mehr.
Erzählt wird die Aufsteiger-Biographie eines revoltierenden
Opportunisten in fünf Novellen aus der Sicht von
Gleichaltrigen, mit denen er gemeinsam unterschiedliche
Lebensabschnitte verbracht hat. Keine dieser Novellen
kann für sich alleine stehen, zusammen machen sie
den Roman aus. Wir erfahren fünf Seiten des Bernhard
Haber, die gemeinsam den einen Menschen zeigen.
Ich
halte Landnahme für Christoph Heins bestes
und literarisch reifstes Buch. Es ist kein Deutschlandroman,
obwohl wir sehr viel über die spezifisch deutsche
Situation unseres geteilten Landes erfahren. Es ist
kein DDR-Roman, obwohl wir eine peinlich genaue Schilderung
des Lebens, des Denkens und des Fühlens von Kleinstadt-Menschen
in der DDR erfahren. Bernhard Haber ist keine Idealfigur,
kein Vorbild für Jugendliche. Er ist manchmal brutal,
skrupellos, kriminell; er kann aber auch rücksichtsvoll
sein, er hat Sehnsüchte nach Zärtlichkeit,
nach Anerkennung. Er ist so, wie ein Mensch in einer
bestimmten Situation von anderen Menschen geprägt
wird.
Faszinierend
ist, wie es Hein gelingt, alle Personen, die wir aus
Guldenberg kennenlernen, trotz Fehlverhaltens und aller
Kritik, nicht zu denunzieren, sondern stets positiv
zu beschreiben. Er liebt alle seine Figuren, wie man
es in der zeitgenössischen Literatur leider nur
noch selten findet. Schon nach wenigen Seiten stellt
sich das Gefühl ein, Bernhard und Thomas Nicolas
und Katharina Hollenbach und all die anderen persönlich
zu kennen. Ein Beziehungsgeflecht der Guldenberger Bürger
entsteht. Ihr Verhalten ist für uns Leser stets
nachvollziehbar, auch dann, wenn man es aus heutiger
Sicht kritisieren muss. Und das alles in der wunderbaren,
anspruchsvollen, leicht distanzierten, stellenweise
recht komischen Hein-Sprache. Ein großartiges
Buch, ein literarischer Glückstreffer. Für
mich das Buch des Frühjahrs 2004.
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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