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Roman/Erzählung

Der Augenblick des Otters

Autor: Dieter Sachs

Taschenbuch, 396 Seiten
erschienen: Dezember 2003
Books on Demand
ISBN: 3-8334-0307-1
Preis: 22,00 Euro
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Inhalt:
Deutsch-schwedische Liebesgeschichte, die in einem englischen Feriencamp ihren Anfang nimmt und im Berlin der 50er und 60er Jahre den Weg des Protagonisten bis zum Ende bestimmt.

Sommer 1955: Studenten aus Berlin und Hamburg begegnen sich in einem englischen Feriencamp. Sie werden sich bis zum Ende der sechziger Jahre nicht ganz aus den Augen verlieren. Die französische Marie wird das Herz der Gruppe sein, das Mädchen Margareta spielt seinen Part. Zwei Ehen bahnen sich an sowie eine lebenslängliche Liebe.
Mit 21 fühlt man sich beschwingt und glaubt sich seinen Anspruch auf Unbefangenheit. Martin, fünftes Semester Altphilologie, ist unter ihnen der Romantiker, der alles weiß und nichts versteht. An Hölderlin hat er sein Leben festgemacht, seinen Aristoteles legt er jugendlich-freihändig aus und handelt sich Identifikationen und Daueraufgaben ein, denen er schwerlich gewachsen sein kann. Daß ihm die Griechen weggestorben sind, ist noch nicht ausgestanden, und: Was hat es damit auf sich, daß man ein Deutscher ist? Er leistet sich mancherlei Empfindlichkeiten, starrt auf die ursprüngliche Wunde, aus der die Krankheiten erwachsen sind, deren Symptome das Bild noch unserer Gegenwart überflimmern. Wie überhaupt ist es möglich zu leben? Die anderen können es? Sie können es jedenfalls besser.
Das noch kaum gezügelte Denken springt die Gegebenheiten mit Anlauf an: Was ist die Seinsweise eines Gedichts? Der Musik? Was ist einem Deutschen schließlich geblieben, nicht wahr, außer der Kultur und den Mädchen. An der Liebe wird frischweg das Biologische gesehen - einen Lidschlag später ereignet sich der nicht erklärbare Zauber, das Köstlichwerden der Welt.
In Margareta sieht Martin sich seinem Heil gegenüber, mit einer Fassungslosigkeit und Gefühlssicherheit, die sich leicht als Besessenheit denunzieren ließe. Margareta ist keine Griechin des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, sie ist nicht einmal eine Deutsche, sondern eine Schwedin ohne Echoraum für Hölderlin und Schubert, ohne Sinn vielleicht auch für Martin: Ist es nicht furchtbar, daß ich dich nicht lieben kann?
Wenn das Glück sich nur den Augenblick abzwingen läßt, die Illusion vielleicht nur, dann gilt die Illusion, der Augenblick. Ein schlitzohriger Philosoph namens Zenon wird dringlich befragt, ob sich an der Zeitschraube drehen ließe. Läßt der Augenblick sich zur Ewigkeit dehnen, gelieren oder in Bernstein fassen? Bringt man ihn als Ernte vor dem Winter ein?

Oktober: Martin allein im grauen Berlin. In Steglitz, Dahlem, Berlin-Mitte und Lübars springen die Erinnerungen auf. Das Kriegsende, wie es den Elfjährigen überwälzt. Der Tod des Vaters, der Mutter. Die Baumgardts konnten nicht weiterleben, denen Martin die entscheidende Lebensermutigung verdankt.
Er ist darauf verfallen, dem Nachkrieg gegenüber eine verzweifelte Haltung einzunehmen.
Wie wirkt sich die andressierte Verneinung des nationalen Wesenkerns, so sie denn wahrgenommen wird, im einzelnen Gemütshaushalt aus?
Zu früh und als einziger war er auf dem Operationstisch wachgeworden. So fühlte sich die Ausschabung der Nationalität von innen her an. - Ich halte es einfach nicht so aus wie ihr. -
Man konnte als Deutscher vielleicht gar nicht leben, und auch das nur ganz verhalten, denn sie waren mit dem Selbstmitleidsvorwurf flink bei der Hand ...

Margareta aber ist nun doch nicht aus der Welt! Nicht bloß Leben - Glück ist möglich!

Es ist auf Dauer vielleicht doch nicht möglich. Martin zahlt mit einer jahrelangen Hadesexistenz. Dahlem und der Grunewald sind zu einer Nebenwelt geworden, durch die er Tag und Nacht zu allen Jahreszeiten wandert, Schritt vor Schritt, um irgendwann gesunden Schlaf herbeizuzwingen.
Noch einmal begegnet er der Liebe seines Lebens. Frühlingsstürme brausen, daß die Kronen der Kiefern die Erde fegen, weit oben schlagen die Götter aufeinander ein, unten aber sitzt ein Frosch beim andern Frosch: Patsch patsch, deine schöne grüne Haut!
Zuviel des Glücks - hätten die Wandungen standgehalten? Aus der Kindheit herauf wächst die seit je gefürchtete Krankheit.
Und doch dieser einhüllende Trost, MARGARETA zu denken. Das Glück, sie im Leben zu wissen. Daß sie bei mir gewesen ist, und in mir doch ein ganzes Leben. Nun sieht alles still und trübe aus, so war es aber nicht. Die Welt war aufregend. Etwas Heranreißendes ging von ihr aus, immer wieder eine Beschleunigung der Existenz.
Ihr Name, noch einmal mit dem letzten Ernst bedacht: Mar-ga-re-ta, ewig meine Liebe, niemand war je glücklicher als ich.


(© 2003 Dieter Sachs)

Zum Autor:
Dieter Sachs ist in Berlin geboren; dort auch Studium der Philosophie und Klassischen Philologie. Tätigkeit als Bibliothekar in verschiedenen Teilen Deutschlands und im Ausland. Jetzt in Schleswig-Holstein ansässig. Verheiratet, zwei Kinder.
Aus der zeitgeistlichen Denkschleife heraus weisen seine Romane in eine Welt, wo man sich nach der deutschen Dimension wie Peter Schlemihl nach seinem Schatten verzehrt.


Textauszüge:


“Hej? Det var underbart!”

Der Otter spielte im Becken. Ein Schatten strömte unter der Oberfläche, glitt um die Längsachse rollend torpedohaft dahin - Überschlag rückwärts am Beckenrand. In Träumen hatte man solchen Bewegungsablauf erahnt. Nun, Welle in der Welle, beschleunigte er senkrecht schlängelnd, und plötzlich, den glatten Bauch nach oben kehrend, durchbrach er mit dem Kopf den Wasserspiegel wie ein Kind, das beim Versteckspiel lachend aus der Deckung springt. Die Augen glänzten, unter dem Lachen bebte die ernstere Lust. Er war ein Gott, der in der Frische lebte.
Draußen im Staub des Sommertags, bei den schwitzenden Menschen, die in der Schwerkraft wie in Sirup stapften, stand ich und liebte den Otter.

“Hej?” sagte sie. Ich hörte: “Wunderbar!”
Wir waren weggetaucht bis auf den Grund der Frische. Die Götter lebten immer so. Es war jenseits des Wünschens. Ich sah in ihr ergriffenes Gesicht. Die blanken Augen. Irgendwo in diesen traumblauen Gefilden ereignete ich mich. Das Haar hing ihr glatt und schimmernd in die Stirn. Eine Kastanie sprang aus der Schale. Das gab es, das gab es für mich.
Ein Lächeln hatte sich unter die Welt geschoben, zitternd schwebte sie darauf und wich auf einen Hauch zur Seite. Die Ferncroft Avenue war Wald und Höhle; unter dem warmen Frühlingssturm empfing mich das Okertal im verhüllenden Grau. Feucht wehte es mir ins Gesicht, ein hüpfendes Glück trieb mich voran in einen unbekannten Aggregatzustand. Für einen Augenblick glühte die Schlucht in ganzer Länge auf: ich leuchtete, von überall her sprühte, glitzerte und perlte es auf mich zurück. Die Luft injizierte ein Gefühl der Frische in die Brust, das mein Gewicht zu verringern schien und mich mit festlichem Übermut erfüllte. Vor mir her sprang ein Ball aus pulsendem Blut, oben fegten riesenhafte Pferde durch die Wolken, und unaufhörlich brauste DIE MUSIK einher, fuhr als der Frühlingsatem selber durch die Gischt, daß jeder Zweig und alle Tropfen schwangen.
Die Nebel teilten sich, Schwaden verdünnten sich und schwebten flockig auf und weg. Dort im wechselnden Licht, wo der Fluß sich heranbog, verdichtete sich das Entzücken - IHRE ERSEHNTE GESTALT trat hervor. Leicht schritt sie über die umströmten, überspülten Brocken. Hier ging sie immer schon. Ernst ihr Blick in meine Augen, die Handflächen wie Tafeln her zu mir gekehrt. Unaufhörlich und in jedem Augenblick als Ganzes gegenwärtig setzte die Musik mir freudig zu, die Welt war ganz erfüllt davon. Zu mir her seit Anbeginn. Die große Ader puckerte am Hals. Die Tafeln las ich nicht, das Lächeln überschwemmte mich, durchtränkte mich, ich würde mich darin auflösen. Ich breitete die Arme aus. Tief ging der Atem im Land jenseits des Wünschens.

Sie saßen in getrennten schallschluckenden Kabinen und hörten aus Lautsprechern fremde Stimmen ... Da war die kurzwellige Unruhe wieder, die stufenlos intensivierbar schien: Wenn eine dämpfende Rede ausgeredet war, übertönte und erfüllte sie, die große Angst, mit ihrem Sirren alles. Kompakt von Horizont zu Horizont wölbte sich die Lebenseinsamkeit ...
Sie sahen, Hand in Hand, den Schattenspielen an der Zimmerdecke zu. Der Augenblick war wieder nicht die Ewigkeit gewesen. Es war Narrheit, Beschwörungsformeln gegen die Vergänglichkeit zu murmeln; wer ihren tigerhaften Ansprung durch Ignoranz bestand, wer das Fraßgeräusch der Zeit überhörte - vielleicht gelang es dem, vom Augenblick die Illusion zu retten ... Martin lag neben dem schlafenden Mädchen, das sein Heil gewesen wäre, und fürchtete sich in der Stille des Zimmers ... Der Tag kam aus der Dunkelheit herangekrochen, wie Tage das so tun, wie eine Lavamasse, die Vorderseite der Zeit. Man weiß: wo das herkommt, ist noch viel mehr; was da leckt und seinen Stinkatem bläst, das ist die Zukunft ...
Etwas vergifteter Schlaf hatte sich unversehens über sie gedeckt. Nun hing das Morgengrauen im Zimmer. Sie zogen sich aus, um zu duschen.
Versuchten noch einmal, sich zu lieben. Ohne sich anzusehen? Die Zeit war heran.
Der Bahnhof.

Martin war am späten Nachmittag im Camp. Der Warden wies ihm eine Baracke zu, das dritte Bett rechts. Keine Seele zu Hause. Die grauen Decken schwiegen ihn an. Er lag da, sah zum Wellblech hinauf. Er bedachte, was die Eigenexistenz gewesen war, und legte, gebleicht und kümmerlich, die Gebeine des vormargaretalichen Lebens vor sich hin. Das Studium, die sonstige Lektüre. Der Träume erste Handlung bei Regierungsantritt war, die Wirklichkeit zu trüben. Die Bühne drehte sich, die arme Wirklichkeit mit ihren Einsprengseln von Behagen verschwand, es gab sie noch als ungute Erinnerung.
Er stand auf, um auszupacken und sich umzuziehen, hängte Stück für Stück mit Andacht in das Spind. Er hatte soviel Zeit wie nie. Einen Augenblick lang saß er nackt auf dem Bett. Der Duft ihres Geschlechts hing ihm noch an, keine simple Salzlösung wie Tränen, sondern ein molekulares Wunder. Nun troff es ihm tatsächlich aus den Augen, es lief am verholzten Gesicht herunter, tropfte vom Kinn und intensivierte den Geruch. Das Wasser des Lebens, überwältigend.

Die Spinnen hängten ihre Silberfäden in den Wind. Es altweiberte golden weiter. Die kleinblättrigen Birken hatten gelbes, schwarzgepunktetes Laub gestreut, Gespinste funkelten im Gras, wo Elfen in Eile ihre Hemdchen abgeworfen hatten, um sich mit greulichen aber potenten Trollen zu paaren ...

Nun schrieb sie also. Also doch! - Das Licht im Zimmer reichte zum Lesen gerade noch aus. Martin aß das Pflaumenmusbrot, das vom Frühstück übrig war. Das Mus war ledern, darunter bröckelte das Brot.
Er starrte vor sich hin in Richtung Fenster. Graue Luft, zögernder Regen.
Er schlürfte den Tee. Den Brief kannte er nun auswendig. Er war ein alter Mann, stumm und einsam hockte er am Tisch und kaute, die Krümel hafteten an seinem Mund. Nicht alt und unappetitlich sein, noch nicht!
Ein Mädchenlächeln, schönste Potentialität. Willkommen in Frau Holles Reich, der Grund der Welt ist Freundlichkeit - du darfst im Licht bleiben, hinab und aufwärts schwingt es dich wer weiß wohin. Das Leben ist ein Sommertag, Kinder jagen sich spritzend am Ufer. Die leuchtenden Tropfen, die gleißenden Schöpfe der Enkel ...
Überall die Menschen hinter ihren Fenstern oder auf dem Weg dorthin, Liebende, Familien. Die Griechen alle weggestorben, das eigene Volk wider sich selbst gekehrt, es war schon zum Grausen. Nun dieser Brief ...
Er schob das Geschirr beiseite und schrieb. Es war nun fast zu dunkel, aber er knipste das Licht nicht an. Er fröstelte, während er schrieb ...
Du fragst mich, ob ich traurig bin. Das wagst Du. Wie bisher alles, habe ich London überlebt und die Tage und Wochen danach. Ich hocke wie ein alter Felsen in der Landschaft, und über meine Nase rinnt der Regen. ‘Aus!’ höre ich Dich sagen. ‘Aus deiner Nase, mein Lieber!’ Und ich lache herzlich, aber nicht darüber, sondern erwartungsfroh, denn immer, wenn Dir solch eine kleine Bosheit gelungen war, wurdest du vorübergehend etwas netter ...

Weißt Du, warum die Liebe so schön ist? Weil wir so dekadent sind, darum. Die Enten tun es für weniger; einfach weil es die Haupt- und Ehrensache ist, tun sie es für nichts. Oder die Schwalben, die das Nest mit den törichten Jungen umflattern. Nur wir mit unserer Nörgelei sind Mutter Natur an den Nerv gegangen. Ich weiß nicht weiter, hat sie zur Großmutter gesagt. Und der Großmutter fiel nichts Besseres ein, als uns mit dieser ungeheuerlichen Näscherei zu ködern. Wir stehen wackelnd voreinander, vor Glück japsend ... Was sollte ich machen, klagt Oma, sie täten es sonst nicht! Von sich aus sind sie nichts als verquer, und das Leben muß doch weitergehen.
Mutter Natur sagt: Jetzt tun sie es nur noch!

Ich träumte vom Grunewaldsee. Einer dieser vorverirrten Frühlingstage, Maiwärme mitten im März. Die Stämme noch naßschwarz unter der Helle von oben, unter den kahlen Kronen. Margareta kam mir den schwarzen moorigen Weg entgegen in ihrem dunkelblauen Mantel, die Kappe auf dem glatten Haar. Sie kam von weither und war plötzlich da. Die Beine, hellbestrumpft, rieben sich kaum hörbar aneinander. Mein Herz ging in schweren, verzögernden Schlägen, in einem endgültigen Ritardando, ich brach in die Knie. Ich streichelte den rauhen Stoff ihres Mantels mit meinem Gesicht, aber sie fühlte mich nicht. Da stand sie aufgerichtet, ihr Gesicht war kummervoll. Sie sah über mich hinweg auf das schwarze Wasser, die Lebensfrau, unausschöpfbar, allwissend.

(Text: © Dieter Sachs)

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