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Roman/Erzählung

Fee im Kamelhaarmantel oder Anderswo Heimat

Autor: Dieter Sachs

Taschenbuch, 322 Seiten
erschienen: Dezember 2003
Books on Demand
ISBN: 3-8334-0306-3
Preis: 19,90 Euro
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Inhalt:
An der schleswig-holsteinischen Ostküste spielender Ehe-, Zeit- und Landschaftsroman.

Schief in seiner Familie gelagert und verklammert ist der Mann, durch dessen je nach Tagesform grimmige oder humoristische Optik der Leser Berlin, Nordschleswig und immer wieder die Landschaft um Eckernförde erlebt; das engere Heimatbedürfnis ist zu erahnen wie der Hunger nach Beheimatung in der nationalen Dimension, dem weiteren Sinnring. Erlösend, tröstend tritt aus einem wüsten Traum die Fee auf den Erzähler zu: Ich sage doch für Sie aus, sagt sie. Und: Ich will alles wissen.
Der Mut ist geweckt, der selbstironische Weltangang wird wieder aufgenommen. Der Augenblick ist die Plattform, von der aus die entscheidenden Lebensschauplätze und -phasen vergegenwärtigt werden, deren Realität es verbissen zu verteidigen gilt und die als vergangene, nicht verlorene Zeitebenen unter die Füße gezogen werden. Sein oder Gewesensein, frage ich ernstlich ...
Das frühe Entzücken an den Kindern ist wie andere Vergangenheiten dem Augenblick benachbart und eingepaßt wie Förde, Wald und Jahreszeiten, die alle Tage phantasiemäßig zu unterfüttern sind. Fremdheit und Vielfalt der Menschen, die den Berufsalltag bevölkern, wollen enträtselt und ins Eigenleben einbezogen werden. Frauen betreten den Sichtkreis, die fragwürdig oder überhaupt verschwebend sind, vielleicht nur gespenstische Variationen zur Ehefrau Uli, die als untergründiges Dauerthema die Lebensfrist rhythmisiert ...


(© 2003 Dieter Sachs)

Zum Autor:
Dieter Sachs ist in Berlin geboren; dort auch Studium der Philosophie und Klassischen Philologie. Tätigkeit als Bibliothekar in verschiedenen Teilen Deutschlands und im Ausland. Jetzt in Schleswig-Holstein ansässig. Verheiratet, zwei Kinder.
Aus der zeitgeistlichen Denkschleife heraus weisen seine Romane in eine Welt, wo man sich nach der deutschen Dimension wie Peter Schlemihl nach seinem Schatten verzehrt.


Textauszug:


Motorräder! Zwischen dem Schlafzimmer und dem Marktplatz nichts als die Milchglastür. Das Röhren hatte ich gehört und gegen das Erwachen angekämpft, während sich die Rocker draußen sammelten. Jetzt gaben sie Standgas - ich saß auf dem Bett, wo waren die Schuhe? Ich vermied es, zu Uli hinzusehen: wenn sie es einfach verschlafen könnte wie die Schwiegermutter, die nebenan schnarchte. Da wurde die Tür schon aufgestoßen, einer der Kerle stapfte herein, schwarzes Lederzeug von Fuß bis Kopf, lederig die Gesichtshaut. Draußen klumpten die anderen, vier oder mehr? Schlammlöcheraugen. Sah sich um, als müßte er die Wohnung vermessen.
Fünf mal achtzig Kubik, das wird gehen.
Und war wieder draußen. Hatte die Tür offen gelassen. Uli saß mit gesträubten Haaren: Du! Was habe ich mit dir schon mitgemacht, nun das - sie brauchte es nicht zu sagen. Die Familie war in diesem Quartier gelandet, wie es von mir nicht anders zu erwarten war, nach allem Erlittenen in dieser Ladenwohnung zusammengekehrt, zu der es vom Kopfsteinpflaster halbwegs kellermäßig abwärts ging. Lauteres Standgas. Rechts am Ende der Wohnung splitterte die andere Tür, fünf Motorräder knatterten vom Markt herein, drei Stufen herunter durch Küche und Korridor ins Schlafzimmer und mit Heulgasgestank drei Stufen zum Markt hinauf und rechts herum zurück - WO SIND DIE KINDER! Sie waren so klein. Im abgelegenen Zimmer? Den Schreibtisch konnte man vor ihre Tür rücken, an dem ich gelegentlich noch arbeitete - mit dem Schaufenster, den Augen der Passanten im Nacken, während vor mir an der Wand ein abgeschabter Teppich hing -, und jetzt, während die Rocker zum weißichwievielten Mal vom Korridor ins Schlafzimmer ratterten, dachte ich irrsinnigerweise daran, daß Uli Vorhänge für das Schaufenster nähen müßte, denn ich saß doch wie im Aquarium und die Leute stutzten noch immer, mich dort zu sehen statt wie früher Kartoffeln und Wirsing, und ich dachte, ich würde es nicht wagen, Uli zu fragen, ich sah auch jetzt nicht zu ihr hin, um das Urteil in ihren Augen nicht zu lesen, seit langem reizte ich sie mit keiner Bitte mehr, denn sie war auf dem Sprung, sie fletschte die Zähne ob der Unzumutbarkeit, die ich für sie darstellte - und jetzt stand ich auf, um zu kämpfen. Ich hatte zuerst eine Art Hammer. Der Hammer kam an die Gesichter nicht heran, der Schlag ging irgendwo zwischen meinem Arm und den Ungetümen ins Leere. Ein Messer! Ein kleines scharfes spitzes, damit traf ich, ich stach sie ein bißchen. Die Hordenkämpfer hatten exakt solche Messer auch, sie stachen schmerzlos kleine tiefe Wunden. Damit ging es nicht, da selbst ich diese Stiche vertrug. Woher die Machete in meiner Hand? Gab es in unserem Haushalt nicht, trotzdem hatte ich sie, und ich hatte Erfolg! Nicht mehr schlagen oder stechen, sondern von rechts unten nach links oben raufziehen und durchziehen, das war der Trick, den ich auf einmal wie seit Urzeiten beherrschte. Erfolg um Erfolg - oh, einer davon wurde zeitlupendeutlich. Je schöner es wurde, desto gedehnter vollzog sich die Bewegung. Die anderen Schwarzwämse lagen schon, ineinander sich krümmende Haken, am Boden. Diesem letzten Ledermann war ich weggewischt, der Torero dem Stier, und ich zog ihm, während der Schwung ihn beugte, das schwere Messer aufwärts in den Hals, so daß es ihn ein bißchen hob, zum letzten Mal.
Fünf Hälse, geschächtet. Wunden wie Kunstmünder über dem Leder, rot auf schwarz. Meine Leistung.
Uli starrte. Leistung? Aus ist es! Aus, wie von mir nicht anders zu erwarten. Wohin mit der Machete? Die ganze Szene hatte etwas Spanisches. Neben dem Bett war das Waschbecken. Das Wasser lief rot und rot. Ich hielt inne, weil doch alles sinnlos war, und im Abwenden sah ich im Spiegel:
dort in der Tür,
nun Auge in Auge,
DIE FEE!
Die Fee sieht mich aus großen grauen Augen an, ein Wesen aus dem Stoff, aus dem die Frauen sind. An der Hand hält sie ein kleines Mädchen. Steht ruhig da und sieht mir in die Augen. Einer dieser Freizeitprovokanten ist ihr Mann gewesen, wie ich unmittelbar weiß. Der mit dem Ledergesicht, ein Altgeselle aus Ur-Rocker-Zeiten. Nun liegt er rotschwarz wie die anderen da. Eigentlich unmöglich, daß ich es sehe, ich sehe ausschließlich und für immer die Feenaugen.
Ich mache eine hilflose Handbewegung. Ich gebe ja auf, will ich sagen. Sehen Sie mich doch an.
Aber sie sieht mich ja an!
Sie sieht mich an -
Seien Sie ruhig, sagt sie leise. Sie können ganz ruhig sein. Ich sage doch für Sie aus.
Und geht mit ihrem Töchterchen hinaus.
Uli starrt.
Ich gehe der Fee nach. Da ist sie.
Was soll ich sagen?
Ein schleswig-holsteinischer Marktplatz, nun ganz verlassen, wo sonst Karren über Katzenköpfe holpern. Ist es Tag oder Nacht? Nacht muß es wohl sein, aber ich sehe die Augen der Fee wie am Tage. Sie halten meinen Blick fest. Ich kann auf meinen Wackelbeinen gehen. Die Fee sitzt auf der kleinen Bank gegenüber dem Laden. Es wird noch nach Möhren und Radieschen riechen, ich selbst rieche so. Dort sind wir gestrandet wie irgendeine Trinkerfamilie, ein Fall fürs Sozialamt. Was stelle ich mit all den Leichen an. Meine Arbeit, nicht wahr! wird Uli sagen. Die ganze Schweinerei wieder einmal für mich!
Die Fee sieht mich an. Fürchten Sie nichts, ich sage für Sie aus.
Sie trägt einen wüstenfarbenen Mantel, Kamelhaar, mit breitem hellbraunem Gürtel. Dann ist es also Herbst, daß sie den Mantel braucht? Ja, die Luft fühlt sich so würzig an. O, ihre Augen! Auch das Kind an ihrer Hand entzückt mich, ich nehme es irgendwie wahr.
Fürchten Sie nichts, sagt sie. Weißt du, ich bin nicht von hier. Der Gürtel ist aus weichem Leder. Es weht warm herüber, eine weibliche Welt öffnet sich mir. Finnland - wieso Finnland? Ich gehe in diese graue Märchenwelt hinein ...

Es hatte keine toten Motorradganoven gegeben, kein Kellergeschoß ...
Uli war natürlich da. Bei Uli war ich, weil ich, als ich draußen vor der Kamelhaarfee stand, unmöglicherweise aufgewacht war.
Uli stand vor dem Kleiderschrank, ihr Unterrock oder Hemdchen reichte bis zur Hüfte, der Boden ihres Höschens (es war eines mit roten Pünktchen) hing durch, hatte sie denn abgenommen? Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und nahm mißbilligend die Parade der Bügel und Kleider ab. Ich warte immer darauf, daß sie die Rechte grüßend an die Schläfe legt.
Während sie das Höschen strammzog, wiegte sie das Hinterteil samt Hüften, etwa wie ein Boot sich auf der Welle hebt und senkt; sie ging andeutungsweise in die Knie, und während sie oben den Gummi faßte, um das rotgepunktete im Schritt zu befestigen (sie hatte auch eines mit Marienkäfern drauf, überhaupt irrsinnig viele), tat sie einen kleinen Hüpfer. Früher habe ich mich darauf gefreut, weil es aus Lebensfreude oder Übermut geschah. Hat die Lebensspannung abgenommen, daß sie den Höschensprung nurmehr lustlos vollführt, wenn überhaupt? Es ist vielleicht nur eine Marotte, es setzt die Bewegung des korrigierenden Hochziehens fort.
So, nun hatte die Sache ihre Ordnung. Jetzt kamen meine persönlichen Feindinnen, die Strumpfhosen dran. “Husch!” zischte sie finster, ich sollte wegsehen. Mache ich aus eigenem Interesse, um der Verhunzung nicht ansichtig zu werden.
Es ist nun das werweißwievielte Jahr, daß wir zerstritten sind. Zerstritten? Daß es aus ist. "Es ist eben aus!" hat Wolf einmal am Frühstückstisch gesagt, und Bille hat mich angesehen, als sei ich ein versteinertes Tier. Sie stehen selbstverständlich zu Uli. Uli ist die Schwächere, denken sie, und überhaupt. Sie nehmen es mir übel, daß ich versteinert bin.
Die Kinder sind groß, und an der Westküste wohnen wir längst nicht mehr. Dringend rate ich Leuten mit Kindern von Umzügen ab. Wenn es denn sein muß, überlegen Sie es sich immer noch einmal. Mein Lebensratschlag ist: Tun Sie es einfach nicht!
Unser Hintergrund ist das von den Kindern nicht als Heimat erlebte Berlin. Wir haben in Tondern gewohnt, in Hildesheim, in einem Westküstendorf, dann in Husum. Familien in stabilen Verhältnissen ermessen nicht, was solche Wohnungswechsel an Lebenssicherheit kosten. Jetzt haben wir dieses Haus im Fördestädtchen. Was für ein Haus und unter welchen Umständen!
Vor dem Frühstücksfenster sahen wir die Birkenblätter fallen. Friedlicher Vorgang bei solcher Windstille. Nebelschwaden bis auf den Boden. Ein paar Meter weiter war der Garten verhüllt.
In der ersten Ergriffenheit erzählte ich Uli von der Fee. Wir saßen beim hastigen Frühstück. Gleich ging ihr Zug nach Kiel, auf mich wartete die Fahrbücherei. Wir sind beide Bibliothekare. Sie sagte: "Neumünster!" Damit war für sie alles klar: "Denkst du, ich weiß nicht, was du willst?"
Neumünster war einmal. Uli kam aus Tondern, wo die Kinder fürs Wochenende versorgt waren, ich kam von Hildesheim herauf, wir feierten Neumünster. Damals trug Uli den Kamelhaarmantel, diese schöne warme Farbe, nennt man sie beige? Die Farbe von Wüstensand. Wir gingen vom Hotel in ein Kaufhaus, um Sekt nachzukaufen, und Uli besorgte sich einen neuen Gürtel für den Mantel ... Wir sind aus dem Hotelzimmer nicht herausgekommen, bis auf diesen Kaufhausgang.
“Neumünster”, sagte ich. “Jaja, Neumünster.”

Das war das Frühstücksgespräch. Es hätte zu nichts Erfreulichem geführt. Wir saßen auch schon im Wagen. Da wir nun einmal hier wohnen, widme ich mich dem Anblick der Ostsee. Jeden Tag haben wir den Hafen, die Grau-, Blau- oder Grüntöne der Förde vor Augen. So weit hatte das Eis die Gletscherzunge vorgestreckt. Die Steilküste fällt nach Osten hin ab, aus meinem Lieblingsblickwinkel ist sie der kauernde Hund, der in Erwartung des Spiels knurrend den Kopf auf die Pfoten schmiegt und das Hinterteil reckt, mit dem Wald als dem gesträubten Haar darüber. Was mir an Eckernförde gefiel, war die Idee, daß Hamsuns Mysterien hier spielen oder verfilmt werden könnten. Man geht von Bord, richtet sich im Hotelzimmer ein und erkundet Menschen und Wege; man begleitet die Geliebte nächtelang durch den Wald; im Dunkeln findet sich ein Baum, unter dem man aus dem Giftfläschchen trinkt. Um ein Ende zu machen, springt man vom Steg.

(Text: © Dieter Sachs)

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