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Klappentext:
Klara hat 29 Monate im Konzentrationslager Auschwitz
verbracht, bevor sie im Pariser Hotel Lutetia von ihrer
Schwägerin Angelika aufgegriffen wird. In einer
Irrfahrt hatte sie halb Europa durchquert, und nach
Dresden, Linz, Prag und Krakau schließlich für
drei Wochen in ihrer in Trümmern liegenden Geburtsstadt
Berlin Station gemacht.
Ende Juli 1945 - Klara ist unter den letzten heimgekehrten
Überlebenden, bis zur Unkenntlichkeit abgemagert
- beginnt Angelika ein Tagebuch, um festzuhalten, wie
sie die Freundin, eine aus Frankreich deportierte Deutsche,
nach ihrer Rückkehr erlebt. Sie notiert, was diese
sagt, was ihr auffällt, und es ist das Unsagbare,
das Unaussprechliche, das sich durch Klaras Stimme,
in Bruchstücken und unter größter Anstrengung,
nach und nach mitteilt.
(©
2003 Friedenauer Presse)
Fazit:
Blicke
in die Seele
"Noch ist nicht genug gesagt, um schweigen zu dürfen."
Diesen Satz Robert Pingets stellt die bretonische Autorin
Soazig Aaron ihrem Tagebuch-Roman voran. In diesen Worten
liegt die Motivation für ihr Schreiben.
Ihr Buch wirft Fragen auf: Warum noch ein Buch über
den Holocaust? Darf man ein fiktives Werk aus Opfersicht
schreiben, ohne persönlich betroffen zu sein? Kann
man überhaupt den richtigen Ton treffen, das Grauen
erfassen, sich das Unvorstellbare vorstellen?
Soazig Aaron gibt eine beindruckende Antwort. Sie schlüpft
als Angelika, die ihre Schwägerin 1945 zwei Monate
lang begleitet, in die Rolle der Zuhörenden, sie
wird zu ihrer Chronistin. Klara, Jüdin, war 29
Monate lang in Auschwitz und findet nur mühsam
in die Welt der Lebenden zurück. Sie empfindet
sich selbst als "innerlich verschwunden" und
rechtfertigt damit auch ihr äußeres Verschwinden
aus dem Leben ihrer 3-jährigen Tochter, die sie
nicht mehr wiedersehen will. Sie will nach Amerika auswandern
und dort neu anfangen.
Klara zuzuhören ist schmerzlich und anstrengend,
für Angelika sind ihre Worte manchmal zu gewaltig,
zu gewalttätig, werden nahezu unerträglich.
Aber Zuhören scheint das einzige zu sein, was sie
für ihre ehemals beste Freundin noch tun kann.
Auch der Leser empfindet diesen Schmerz; die Frage,
ob die Situation tatsächlich so gewesen sein könnte
wie beschrieben, tritt dabei in den Hintergrund. Sätze
wie "Sie könnte wer weiß was sein, eine
Figur, deren Zeitlichkeit man nicht erfasst, so dass
man sagen könnte, sie besäße das ganze
Spektrum wie auch alle Formen, bis hin zum Neutrum."
zeigen eindrucksvoll den völligen Zerfall einer
Persönlichkeit, hallen noch lange nach und machen
dieses Buch zu einem aufwühlenden Leseerlebnis.
Einzig die Szene, in der sich ein Freund der Familie
dazu bekennt, früher Antisemit gewesen zu sein,
erscheint wenig überzeugend. Diese wohl als mögliche
Antwort auf die Frage: "Was hätten wir getan?"
zu lesenden Worte wirken aufgesetzt. Was der Autorin
bei der Opfersicht gelingt, misslingt ihr bei der Täterperspektive:
der Einblick in ihre Seele.
(©
2004 Ingrid Ickler für all-around-new-books.de)
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