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Sonstiges

Gesammelte Schriften
Veröffentlichungen von 1955 - 2002

Autor: Uwe Timm

Taschenbuch, 288 Seiten
erschienen: Oktober 2002
BoD
ISBN: 3-8311-4482-6
Preis: 18,50 Euro

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Inhalt:
Der schreibende Mensch kann sich erinnern, seinen Weg, seine Gedanken, seine Empfindungen überprüfen. Rückblick und Ausblick. Rückblick auf politische Aktivitäten und Erfahrungen in den fünfziger Jahren der Friedensbewegung. Freiheitliche, libertäre, aber auch destruktive Tendenzen-Bestrebungen in der Außerparlamentarischen Opposition. Mitwirkung in der APO und eine Überprüfung der eigenen Positionen, vertiefte Auseinandersetzung mit dem Sozialismus, Anarchismus, der Freiwirtschaft. Schmerzlicher Lernprozess vom Idealisten zum Realisten, Emanzipation vom ideologischen Dogmatismus.
Förderung von Ideen, die vom Individuum ausgehen, seinem Leben, seiner Freiheit.
10 Jahre Mackay-Gesellschaft. Resonanz, Akzeptanz. Verlegerische, politische, publizistische Erfolge. Betriebliche Erfahrungen. Eine zuweilen harte, aber auch lehrreiche Zeit. Kollege, Ratgeber, Freund von vielen Menschen. Eine positive Bilanz.
Kritisch, skeptisch, aber Zuversicht in der Frage der Freiheit, der Mündigkeit. Vorurteile zerbrechen, Emanzipation besitzt eine Zukunft.
Die ersten 8 Beiträge sind der Gegenwart gewidmet, rund 40 Artikel informieren über eine Zeit von 1955 bis zum Jahre 2002. Dokumente der Zeitgeschichte. Die Auswahl musste beschränkt bleiben, weshalb der Platz nicht für alle Zeitschriften reichte, in denen er publizierte. Aber es finden sich Beiträge aus der "Information", der "Befreiung", den freiwirtschaftlichen Zeitschriften "Dritter Weg", "Humanwirtschaft", "Sozialökonomie", "Fragen der Freiheit", dem ostdeutschen Politmaganzin "Sklaven", der religiösen Zeitschrift "Wege ohne Dogma", der Zeitschrift "Trotz Alledem". Vertreten ist auch "Zur Sache", mit kritischen Artikeln auch die Graswurzelrevolution, "Direkte Aktion" und "Contraste". Eine Auswahl aus ESPERO und dem Organ der anti-politischen Bewegung "eigentümlich frei". Informationen finden sich im Medienregister, das Inhaltsverzeichnis führt zu den verschiedenen Themen und im Anhang findet sich eine Literaturliste.

(© 2002 Uwe Timm)


Zum Autor:
Uwe Timm, ein Mensch, der seine Kindheit im Dritten Reich erlebte, sich in der frühen Nachkriegszeit in die Ideen des Anarchismus vertiefte und seine Überzeugungen publizistisch zunächst in den Zeitschriften Information und Befreiung vertrat; daneben aktive Beteiligung bei den Kriegsdienstgegnern, Anti-Atombewegung und im Ostermarsch.
Mit Kurt Zube, Hermann Fournes und Günter Ehret gehörte Timm zu den Gründern der Mackay-Gesellschaft (1974), für deren Verlag er bis 1984 mitverantwortlich war. Er arbeitete mit Peter Bernhardi im Arbeitskreis Karl Liebknecht zusammen, der von Karl Retzlaw und Augustin Souchy 1979 begründet worden war.
1987 erhielt Uwe Timm vom Arbeitskreis Karl Liebknecht für sein politisches Engagement den Friedenspreis, der vom Schriftsteller Johannes Mario Simmel gestiftet worden war.
Von 1981 bis 1992 leistete Timm aktive Betriebsratsarbeit in einem Industriekonzern, daran anschließend wirkte er für weitere 6 Jahre als Berater des Betriebsrats in personellen Fragen. Er verfasste Beiträge in zahlreichen Zeitschriften, Buchbeiträge, darunter "Max Stirner - ein Ärgernis" in "Ich hab' mein Sach' auf Nichts gestellt" (Karin Kramer Verlag). Gespräch mit dem Journalisten Peter Peterson in "Anarchie ist Gesetz und Freiheit ohne Gewalt - Uwe Timm zum 60. Geburtstag." Seit 7 Jahren gibt er zusammen mit Jochen Knoblauch die Zeitschrift Espero heraus, ein Forum für libertäre Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.


Rezension:
Über fast fünf Jahrzehnte versammelt der Band Aufsätze von Uwe Timm und dokumentiert damit nicht nur die persönliche Bilanz und Entwicklung eines politischen Menschen seit Gründung der Bundesrepublik, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte des deutschen Nachkriegsanarchismus, bei dem Timm bis heute eine markante Rolle einnimmt. Der Anarchismus selbst ist in Deutschland eine schnelllebige Bewegung, in der in rascher Folge ein Generationenwechsel stattfindet. Seit den 1960er Jahren ist der Anarchismus in diesem Sinne vor allem ein "Jugendphänomen" und Bestandteil der Jugendbewegung und -kultur. Vor diesem demografischen und soziologischen Hintergrund des bundesrepublikanischen Nachkriegsanarchismus erhält der Band von Timm eine besondere Bedeutung. Timm zählt zu den "Altanarchisten" in der BRD und führt Anarchismus als Politik in der Tradition von Augustin Souchy (1892-1984), Willy Huppertz (1904-1978), Kurt Zube (1905-1991) oder Otto Reimers (1902-1984) fort. Timms politische Sozialisation erfolgte in den 1940er und 1950er Jahren und ist geprägt durch die Widerstandskultur jener Jahre. Er ist damit keiner jener militanten Barrikadenkämpfer, die immer wieder auch Bestandteil der anarchistischen Bewegung waren und sind. Timm zeigt sich in Sprache und Inhalt als ein libertärer Individualist, Intellektueller und Humanist in der Nachfolge von John Henry Mackay (1864-1933) und bewegt sich an der Schnittstelle von Anarchismus, Individualismus und Liberalismus. Ein Beleg dafür sind seine neueren Veröffentlichungen in der radikal-liberalen Zeitschrift "eigentümlich frei" aus den letzten Jahren. Diese Position ist für den Betrachter von außen nicht immer einfach nachzuvollziehen, führt zu Unsicherheiten und zu falschen Verdächtigungen - auch seitens des anarchistischen Lagers.

Timm ist nicht nur ein beobachtender Zeitzeuge des deutschen Nachkriegsanarchismus, sondern auch einer seiner Gestalter und Vertreter. Sein Engagement zeigt sich nicht nur "auf der Straße", wie ein Foto von ihm von 1958 auf dem Rathausmarkt in Hamburg bei einer Mahnwache "Gewaltlosigkeit gegen Gewalt" exemplarisch dokumentiert (S. 60), sondern vor allem auch publizistisch in vielen Beiträgen und Kommentaren in libertären Zeitschriften. Organisatorisch wirkt er bis heute vor allem in der Mackay-Gesellschaft, die er 1974 zusammen Kurt Zube und anderen gründete, deren Verlagstreuhänder er von 1977-1984 war und die bis heute zum traditionsreichsten Sprachrohr des Individualanarchismus im Nachkriegsdeutschland zählt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch sein beruflicher Werdegang, zuletzt als Konstrukteur im Anlagenbau eines großen Hamburger Unternehmens. Ungewöhnlich für einen Anarchisten ist seine Tätigkeit als Betriebsrat, die er von 1981-1992 ausübte.

Wenn Uwe Timm in diesem Band eine zentrale Auswahl seiner Beiträge der letzten Jahrzehnte vorlegt, dann ist dies weniger als Eitelkeit eines libertären Intellektuellen zu interpretieren, sondern vielmehr als das interessante und berechtigte Anliegen zur Rekonstruktion einer Strömung innerhalb des deutschen Nachkriegsanarchismus.

Sein Verständnis von einer humanen Gesellschaft im Sinne des Anarchismus wird in einem längeren Beitrag von ihm in "Zur Sache" (Nr. 7/1984), einer Schriftenreihe der Mackay-Gesellschaft, deutlich, wenn er schreibt: "Wirkliche Gemeinschaft, menschliche Solidarität, existiert nur dort, wo Menschen freiwillige Beziehungen eingehen und sich als gleichberechtigte Individuen gegenüberstehen. Nur wo das geschieht, gibt es menschliche Gemeinschaft" (2002, S. 94). Und zu seinem politischen Selbstbild führt er etwas später aus: "Der Anarchist bejammert nicht das soziale Elend, vertritt keine Armeleutepolitik, worauf sich gewisse Sozialisten beschränken, um die soziale Abhängigkeit im Interesse der Nutznießer von Privilegien zu verwalten, sondern kämpft für einen Zustand der gleichen Freiheit aller und damit für eine Lösung der sozialen Frage, die allen ökonomische Unabhängigkeit ermöglicht" (ebd.).

Abgedruckt sind Beiträge aus anarchistischen Zeitschriften wie "Befreiung" (1948-1974), "Direkte Aktion" (seit 1977), "Graswurzelrevolution" (seit 1972), "Information" (1955-1962), aus freidenkerisch-sozialistischen Zeitschriften wie "Trotz Alledem" (seit 1979) und aus freiwirtschaftlichen Zeitschriften wie die "Sozialökonomie" (seit 1962). Der Sammelband gibt so gesehen auch einen kleinen Einblick in die heterogene Publikationslandschaft der libertär-alternativen Presse in der Bundesrepublik.
Themen sind für Timm immer wieder der Faschismus, antiautoritäre Tendenzen im (Staats-)Sozialismus, Fragen der Wirtschaft und des Geldes sowie die individualanarchistischen Traditionen von John Henry Mackay und Silvio Gesell (1862-1930). Er greift auch aktuelle Themen auf wie z. B. die Verurteilung eines Totalverweigerers 1983 und kommentiert diesen "Vorfall" aus individualanarchistischer Sicht. Es wird deutlich, dass für Timm Anarchismus immer auch mit einem radikalen Humanismus gleichgesetzt werden muss. Wie ein "roter Faden" zieht sich Timms Kritik am autoritären Staatssozialismus ebenso wie am parlamentarischen Demokratismus durch den Band. Gleichsam unter dem Motto "weder Parlament noch Partei" plädiert er für einen humanen Individualismus, wobei Timm realistisch bleibt und nicht zum revolutionären Barrikadenkampf gegen den Kapitalismus aufruft.
Im Sinne eines Zeitzeugenberichts ist der Band aus folgenden Gründen interessant:
- Als Individual-Anarchist repräsentiert Timm nicht nur eine Minderheitenposition im gegenwärtigen Kontext der antiautoritären Bewegung, sondern vertritt auch innerhalb des Anarchismus selbst eine pointierte Position mit dem Individualismus in Anlehnung an Max Stirner und John Henry Mackay, der immer wieder heftigen Anfeindungen und Anschuldigungen, auch aus der „Szene“ selbst, ausgesetzt ist;
- Timm repräsentiert darüber hinaus einen radikalen und bürgerlichen Humanismus, der auf eine lange Tradition zurück blicken kann (z. B. Étienne da La Boétie, Alexis de Tocqueville, John Stuart Mill) und geprägt ist durch Pazifismus, Individualismus und Antietatismus;
- der Band bietet das Profil eines deutschen Anarchisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Form von Selbstzeugnissen;
- damit repräsentiert er auch einen Aspekt der außerparlamentarischen Oppositions- und Kritikkultur seit Bestehen der Bundesrepublik
- und schließlich gibt er einen Einblick in die vielfach niederschwellige Diskussionskultur des deutschen Nachkriegsanarchismus am Beispiel der Diskussion um den Individualanarchismus, die oftmals von trivialen und emotionalisierten Zuschreibungen geleitet ist und argumentativ in "Schwarz-Weiß-Bildern" bzw. "Freund-Feind-Schemata" auf einfachem Niveau stecken bleibt.

(© 2003 Dr. Ulrich Klemm; Rezension in der Zeitschrift "Graswurzelrevolution", Dezember 2003, sowie in der Zeitschrift "Espero" Nr. 38, Dezember 2003)

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