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Inhalt:
Der schreibende Mensch
kann sich erinnern, seinen Weg, seine Gedanken, seine Empfindungen
überprüfen. Rückblick und Ausblick. Rückblick
auf politische Aktivitäten und Erfahrungen in den fünfziger
Jahren der Friedensbewegung. Freiheitliche, libertäre,
aber auch destruktive Tendenzen-Bestrebungen in der Außerparlamentarischen
Opposition. Mitwirkung in der APO und eine Überprüfung
der eigenen Positionen, vertiefte Auseinandersetzung mit dem
Sozialismus, Anarchismus, der Freiwirtschaft. Schmerzlicher
Lernprozess vom Idealisten zum Realisten, Emanzipation vom
ideologischen Dogmatismus.
Förderung von Ideen, die vom Individuum ausgehen, seinem
Leben, seiner Freiheit.
10 Jahre Mackay-Gesellschaft. Resonanz, Akzeptanz. Verlegerische,
politische, publizistische Erfolge. Betriebliche Erfahrungen.
Eine zuweilen harte, aber auch lehrreiche Zeit. Kollege, Ratgeber,
Freund von vielen Menschen. Eine positive Bilanz.
Kritisch, skeptisch, aber Zuversicht in der Frage der Freiheit,
der Mündigkeit. Vorurteile zerbrechen, Emanzipation besitzt
eine Zukunft.
Die ersten 8 Beiträge sind der Gegenwart gewidmet, rund
40 Artikel informieren über eine Zeit von 1955 bis zum
Jahre 2002. Dokumente der Zeitgeschichte. Die Auswahl musste
beschränkt bleiben, weshalb der Platz nicht für
alle Zeitschriften reichte, in denen er publizierte. Aber
es finden sich Beiträge aus der "Information",
der "Befreiung", den freiwirtschaftlichen Zeitschriften
"Dritter Weg", "Humanwirtschaft", "Sozialökonomie",
"Fragen der Freiheit", dem ostdeutschen Politmaganzin
"Sklaven", der religiösen Zeitschrift "Wege
ohne Dogma", der Zeitschrift "Trotz Alledem".
Vertreten ist auch "Zur Sache", mit kritischen Artikeln
auch die Graswurzelrevolution, "Direkte Aktion"
und "Contraste". Eine Auswahl aus ESPERO und dem
Organ der anti-politischen Bewegung "eigentümlich
frei". Informationen finden sich im Medienregister, das
Inhaltsverzeichnis führt zu den verschiedenen Themen
und im Anhang findet sich eine Literaturliste.
(©
2002 Uwe Timm)
Zum
Autor:
Uwe Timm, ein Mensch, der seine Kindheit im Dritten Reich
erlebte, sich in der frühen Nachkriegszeit in die Ideen
des Anarchismus vertiefte und seine Überzeugungen publizistisch
zunächst in den Zeitschriften Information und Befreiung
vertrat; daneben aktive Beteiligung bei den Kriegsdienstgegnern,
Anti-Atombewegung und im Ostermarsch.
Mit Kurt Zube, Hermann Fournes und Günter Ehret gehörte
Timm zu den Gründern der Mackay-Gesellschaft (1974),
für deren Verlag er bis 1984 mitverantwortlich war. Er
arbeitete mit Peter Bernhardi im Arbeitskreis Karl Liebknecht
zusammen, der von Karl Retzlaw und Augustin Souchy 1979 begründet
worden war.
1987 erhielt Uwe Timm vom Arbeitskreis Karl Liebknecht für
sein politisches Engagement den Friedenspreis, der vom Schriftsteller
Johannes Mario Simmel gestiftet worden war.
Von 1981 bis 1992 leistete Timm aktive Betriebsratsarbeit
in einem Industriekonzern, daran anschließend wirkte
er für weitere 6 Jahre als Berater des Betriebsrats in
personellen Fragen. Er verfasste Beiträge in zahlreichen
Zeitschriften, Buchbeiträge, darunter "Max Stirner
- ein Ärgernis" in "Ich hab' mein Sach' auf
Nichts gestellt" (Karin Kramer Verlag). Gespräch
mit dem Journalisten Peter Peterson in "Anarchie ist
Gesetz und Freiheit ohne Gewalt - Uwe Timm zum 60. Geburtstag."
Seit 7 Jahren gibt er zusammen mit Jochen Knoblauch die Zeitschrift
Espero heraus, ein Forum für libertäre Gesellschafts-
und Wirtschaftsordnung.
Rezension:
Über fast fünf Jahrzehnte versammelt der Band Aufsätze
von Uwe Timm und dokumentiert damit nicht nur die persönliche
Bilanz und Entwicklung eines politischen Menschen seit Gründung
der Bundesrepublik, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte
des deutschen Nachkriegsanarchismus, bei dem Timm bis heute
eine markante Rolle einnimmt. Der Anarchismus selbst ist in
Deutschland eine schnelllebige Bewegung, in der in rascher
Folge ein Generationenwechsel stattfindet. Seit den 1960er
Jahren ist der Anarchismus in diesem Sinne vor allem ein "Jugendphänomen"
und Bestandteil der Jugendbewegung und -kultur. Vor diesem
demografischen und soziologischen Hintergrund des bundesrepublikanischen
Nachkriegsanarchismus erhält der Band von Timm eine besondere
Bedeutung. Timm zählt zu den "Altanarchisten"
in der BRD und führt Anarchismus als Politik in der Tradition
von Augustin Souchy (1892-1984), Willy Huppertz (1904-1978),
Kurt Zube (1905-1991) oder Otto Reimers (1902-1984) fort.
Timms politische Sozialisation erfolgte in den 1940er und
1950er Jahren und ist geprägt durch die Widerstandskultur
jener Jahre. Er ist damit keiner jener militanten Barrikadenkämpfer,
die immer wieder auch Bestandteil der anarchistischen Bewegung
waren und sind. Timm zeigt sich in Sprache und Inhalt als
ein libertärer Individualist, Intellektueller und Humanist
in der Nachfolge von John Henry Mackay (1864-1933) und bewegt
sich an der Schnittstelle von Anarchismus, Individualismus
und Liberalismus. Ein Beleg dafür sind seine neueren
Veröffentlichungen in der radikal-liberalen Zeitschrift
"eigentümlich frei" aus den letzten Jahren.
Diese Position ist für den Betrachter von außen
nicht immer einfach nachzuvollziehen, führt zu Unsicherheiten
und zu falschen Verdächtigungen - auch seitens des anarchistischen
Lagers.
Timm
ist nicht nur ein beobachtender Zeitzeuge des deutschen Nachkriegsanarchismus,
sondern auch einer seiner Gestalter und Vertreter. Sein Engagement
zeigt sich nicht nur "auf der Straße", wie
ein Foto von ihm von 1958 auf dem Rathausmarkt in Hamburg
bei einer Mahnwache "Gewaltlosigkeit gegen Gewalt"
exemplarisch dokumentiert (S. 60), sondern vor allem auch
publizistisch in vielen Beiträgen und Kommentaren in
libertären Zeitschriften. Organisatorisch wirkt er bis
heute vor allem in der Mackay-Gesellschaft, die er 1974 zusammen
Kurt Zube und anderen gründete, deren Verlagstreuhänder
er von 1977-1984 war und die bis heute zum traditionsreichsten
Sprachrohr des Individualanarchismus im Nachkriegsdeutschland
zählt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch sein
beruflicher Werdegang, zuletzt als Konstrukteur im Anlagenbau
eines großen Hamburger Unternehmens. Ungewöhnlich
für einen Anarchisten ist seine Tätigkeit als Betriebsrat,
die er von 1981-1992 ausübte.
Wenn
Uwe Timm in diesem Band eine zentrale Auswahl seiner Beiträge
der letzten Jahrzehnte vorlegt, dann ist dies weniger als
Eitelkeit eines libertären Intellektuellen zu interpretieren,
sondern vielmehr als das interessante und berechtigte Anliegen
zur Rekonstruktion einer Strömung innerhalb des deutschen
Nachkriegsanarchismus.
Sein Verständnis
von einer humanen Gesellschaft im Sinne des Anarchismus wird
in einem längeren Beitrag von ihm in "Zur Sache"
(Nr. 7/1984), einer Schriftenreihe der Mackay-Gesellschaft,
deutlich, wenn er schreibt: "Wirkliche Gemeinschaft,
menschliche Solidarität, existiert nur dort, wo Menschen
freiwillige Beziehungen eingehen und sich als gleichberechtigte
Individuen gegenüberstehen. Nur wo das geschieht, gibt
es menschliche Gemeinschaft" (2002, S. 94). Und zu seinem
politischen Selbstbild führt er etwas später aus:
"Der Anarchist bejammert nicht das soziale Elend, vertritt
keine Armeleutepolitik, worauf sich gewisse Sozialisten beschränken,
um die soziale Abhängigkeit im Interesse der Nutznießer
von Privilegien zu verwalten, sondern kämpft für
einen Zustand der gleichen Freiheit aller und damit für
eine Lösung der sozialen Frage, die allen ökonomische
Unabhängigkeit ermöglicht" (ebd.).
Abgedruckt
sind Beiträge aus anarchistischen Zeitschriften wie "Befreiung"
(1948-1974), "Direkte Aktion" (seit 1977), "Graswurzelrevolution"
(seit 1972), "Information" (1955-1962), aus freidenkerisch-sozialistischen
Zeitschriften wie "Trotz Alledem" (seit 1979) und
aus freiwirtschaftlichen Zeitschriften wie die "Sozialökonomie"
(seit 1962). Der Sammelband gibt so gesehen auch einen kleinen
Einblick in die heterogene Publikationslandschaft der libertär-alternativen
Presse in der Bundesrepublik.
Themen sind für Timm immer wieder der Faschismus, antiautoritäre
Tendenzen im (Staats-)Sozialismus, Fragen der Wirtschaft und
des Geldes sowie die individualanarchistischen Traditionen
von John Henry Mackay und Silvio Gesell (1862-1930). Er greift
auch aktuelle Themen auf wie z. B. die Verurteilung eines
Totalverweigerers 1983 und kommentiert diesen "Vorfall"
aus individualanarchistischer Sicht. Es wird deutlich, dass
für Timm Anarchismus immer auch mit einem radikalen Humanismus
gleichgesetzt werden muss. Wie ein "roter Faden"
zieht sich Timms Kritik am autoritären Staatssozialismus
ebenso wie am parlamentarischen Demokratismus durch den Band.
Gleichsam unter dem Motto "weder Parlament noch Partei"
plädiert er für einen humanen Individualismus, wobei
Timm realistisch bleibt und nicht zum revolutionären
Barrikadenkampf gegen den Kapitalismus aufruft.
Im Sinne eines Zeitzeugenberichts ist der Band aus folgenden
Gründen interessant:
- Als Individual-Anarchist repräsentiert Timm nicht nur
eine Minderheitenposition im gegenwärtigen Kontext der
antiautoritären Bewegung, sondern vertritt auch innerhalb
des Anarchismus selbst eine pointierte Position mit dem Individualismus
in Anlehnung an Max Stirner und John Henry Mackay, der immer
wieder heftigen Anfeindungen und Anschuldigungen, auch aus
der „Szene“ selbst, ausgesetzt ist;
- Timm repräsentiert darüber hinaus einen radikalen
und bürgerlichen Humanismus, der auf eine lange Tradition
zurück blicken kann (z. B. Étienne da La Boétie,
Alexis de Tocqueville, John Stuart Mill) und geprägt
ist durch Pazifismus, Individualismus und Antietatismus;
- der Band bietet das Profil eines deutschen Anarchisten in
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Form von Selbstzeugnissen;
- damit repräsentiert er auch einen Aspekt der außerparlamentarischen
Oppositions- und Kritikkultur seit Bestehen der Bundesrepublik
- und schließlich gibt er einen Einblick in die vielfach
niederschwellige Diskussionskultur des deutschen Nachkriegsanarchismus
am Beispiel der Diskussion um den Individualanarchismus, die
oftmals von trivialen und emotionalisierten Zuschreibungen
geleitet ist und argumentativ in "Schwarz-Weiß-Bildern"
bzw. "Freund-Feind-Schemata" auf einfachem Niveau
stecken bleibt.
(©
2003 Dr. Ulrich Klemm; Rezension in der Zeitschrift "Graswurzelrevolution",
Dezember 2003, sowie in der Zeitschrift "Espero"
Nr. 38, Dezember 2003)
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