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Klappentext:
Richard Powers, laut Boston Review der größte
lebende Romanautor Amerikas, erzählt in Der
Klang der Zeit die weit angelegte Geschichte voll
Armut und Schönheit über eine Familie mit
zwei Hautfarben und einer Leidenschaft: Ein cinematographischer
Roman über Amerikas jüngste Vergangenheit,
über die Lüge, auf der seine Gegenwart baut,
und eine einzigartige Liebeserklärung an die Musik.
(©
2004 S. Fischer Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
Die sechziger Jahre haben gerade begonnen. Der zwanzigjährige
Jonah Stroms hat die Endrunde eines landesweiten Gesangwettbewerbs
gewonnen. Mit seiner Stimme will er die Guten retten
und die Bösen in den Tod treiben. Wenn der Tenor
mit seiner Kolibri-Stimme vor das Publikum tritt, scheinen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verschmelzen.
Doch er und seine beiden Geschwister Joey und Ruth sind
Mischlinge und die Weltpolitik wird vom Kalten Krieg
beherrscht. Die beiden Großmächte starten
ihren Wettlauf ins Weltall, Vietnam ist ein ewiger Kriegsbrand
und in Washington ist ein junger Präsident ins
Weiße Haus eingezogen. Doch in den Vereinigten
Staaten herrscht noch immer Rassendiskriminierung und
die Stroms sind Aussätzige im eigenen Land.
Ihre Eltern lernen sich am Ostersonntag 1939 kennen. Er, David Strom, ein jüdischer Physiker und Flüchtling aus Europa, und sie, Delia Daley, eine junge schwarze Arzttochter, trafen sich bei einem Freilichtkonzert der schwarzen Opernsängerin Marian Anderson auf den Stufen des Lincoln-Denkmals. Beide verlieben sich in der Menschenmenge und sie gründen eine Familie im Zeichen der Musik. Das junge Paar glaubt an Fortschritt und Vernunft und sie wollen ihre Kinder jenseits von Rasse erziehen, doch bald holt sie die Realität von Lynchmorden und von weißen und schwarzen Nationalisten ein.
Richard
Powers, der sich lange nicht entscheiden konnte, ob
er Physiker, Programmierer oder Musiker werden sollte,
erzählt das Leben dieser gemischtrassigen Familie
zur Zeit der Rassenkonflikte von Martin Luther King
und Malcolm X. Dabei zieht sich die Geschichte des musikalischen
Wunderkindes Jonah, dessen Gesang nicht von dieser Welt
ist, wie ein roter Faden durch die knapp 800 Seiten.
Angeblich kennt Musik keine Grenzen, doch als er sich
mit der klassischen Musik gewissermaßen "weißes
Gebiet" erobert, muss auch der begnadete Außenseiter
Neid und Hass erleben. "Wozu soll ein schwarzer
Junge mit so was seine Zeit vergeuden?" Joey,
der sein pianistisches Talent ganz in den Dienst der
Karriere seines großen Bruders stellt, fungiert
als Erzähler der Familiengeschichte. Die Musik
ist für alle Zuflucht vor der Gegenwart, am Ende
drohen sie daran zu zerbrechen. Während die beiden
Brüder durch die Konzertsäle des Landes tingeln,
kommt die Mutter Delia bei einem Hausbrand ums Leben
und der Vater David schottet sich immer mehr von der
Welt ab. Ihre Schwester wird militante Bürgerrechtlerin
bei den Black Panthers.
Eine
mehrseitige Zeittafel, die von den deutschen Übersetzern
am Ende des Buches hinzugefügt wurde, erleichtert
dem Leser die Orientierung in den Ereignissen der amerikanischen
Geschichte. Der Roman ist eine einzigartige Liebeserklärung
an die Musik, dabei verbindet der Autor epochale Familiensaga
und Streifzug durch die Musikgeschichte mit der Geschichte
der Juden in Deutschland und der Sozial- und Kulturgeschichte
des schwarzen Amerikas. Der Klang der Zeit
ist nicht nur eine Hymne auf die verbindende Kraft und
den Reichtum der Musik, sondern zugleich eine Meditation
über die Zeit. "Natürlich gibt es
keine Zeit. Natürlich gibt es nichts als die unveränderliche
Veränderung." Und so kommt auch Albert
Einstein zu einem "Gastauftritt", um den Beweis
anzutreten, dass Musik, Geschichte und Wissenschaft,
ja selbst Rasse, dass alles relativ ist. Das Buch ist
mit musikalischen und naturwissenschaftlichen Theorien
gefüttert und doch hat es einen eigenen musikalischen
Sprachklang, ein gewaltiges Halleluja.
(©
2004 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)
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