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Klappentext:
Adie Klarpol landet als Zeichnerin in einem Thinktank
in Seattle: hier sollen die Computerbilder laufen lernen,
um den Betrachter in den Sehnsüchten des eigenen
Blicks zu fangen. In einer Höhle baut sie die Welt
des Sichtbaren nach, eine Arbeit, die sie ganz in ihren
Bann zieht.
Taimur Martin ist als Lehrer in den Libanon gekommen,
von einer Zigarettenpause kehrt er nie zurück,
bleibt jahrelang als Geisel in einer Höhle isoliert.
Auch er schafft künstliche Welten, nicht der Technik,
sondern der Fantasie, durch die er überlebt und
auf die gleichen Bilder stößt wie Adie.
Kunstvoll wie eine Doppelhelix verknüpft Richard
Powers die beiden Geschichten zu einer genauen Vision
über den Verlust der Sinnlichkeit im leeren Sog
der Logarithmen und zu einer Liebesgeschichte, deren
Charme und Poesie den Leser nicht mehr verlässt.
Richard Powers ist der Schriftsteller der technischen
Zwischenreiche. Unerschrocken folgt er seinen Figuren
in die virtuellen Räume der Computer und Pixel,
um uns ein Bild zu geben, von dem, was uns schon längst
erwartet und bald umschließt: eine Welt elektronischen
Heimwehs.
(©
2002 S. Fischer Verlag)
Fazit:
Im Mittelpunkt des Romans steht eine Gruppe von Künstlern
und Wissenschaftlern, die Ende der 80-er Jahre in einer
Computerfirma in Seattle an der Entwicklung eines Virtual-Reality-Systems
arbeiten. Die ehemalige Malerin Adie Karpol soll gemeinsam
mit Kybernetikern eine dreidimensionale Computeranimation
der Welt erschaffen. Sie ist genauso wie ihr früherer
Freund Steven Spiegel davon besessen, mit ein paar Trillionen
Zahlenketten die Kunst in den Dienst der digitalen Revolution
zu stellen. Den Rechnern, welche die Raumsimulationen
erzeugen, gibt sie liebevolle Namen wie „Rembrandt“
und „Picasso“.
Die
jungen Leute des Hightech-Giganten „TeraSys“
haben ihre Arbeitsstätte in einer Höhle, die
sie zu einem unterirdischen Wunderland im trüben
Neonlicht umfunktioniert haben. Alle sind benommen vom
Tempo des Fortschritts, doch draußen am Fuße
des Laborhügels ist das Weltgeschehen nach wie
vor schneller als sie. Während die Cyber-Träumer
in der Software-Schmiede über Weltverbesserungsmaschinen
und Zukunftsszenarien diskutieren, fällt draußen
die Berliner Mauer und geschehen Massaker auf dem Pekinger
Tiananmen-Platz. Es sind die Jahre des Zusammenbruchs
des Kommunismus und des beginnenden Golfkrieges. Langsam
wird ihnen bewusst, dass ihre virtuellen Spielereien
auch zu neuen Waffentechnologien führen können.
In
einer zweiten Erzählebene schildert der Autor das
Schicksal von Martin Taimur aus Chicago, der als Englischlehrer
in dem vom Bürgerkrieg zerstörten Libanon
unterrichten will. In Beirut wird er von einer fundamentalistischen
Splittergruppe entführt und als Geisel ebenfalls
in einer Höhle in nahezu vollständiger Isolation
gefangen gehalten. Die Partisanen Gottes diktieren ihm
einen Erpresserbrief an das amerikanische Volk. Bis
auf wenige Minuten am Tag ist er ständig angekettet,
und so versucht er verzweifelt, sich in seiner „Schattenwelt“
eine künstliche Phantasiewelt auszudenken. Die
täglichen Gedächtnisübungen sind für
ihn wie eine Befreiung aus seinem finsteren Verlies.
Sein Körper liegt in Ketten, doch die Gedanken
gehen auf Reisen und kämpfen gegen das Wahnsinnigwerden
im ewigen Dämmerlicht. Dabei stößt er
auf ähnliche Bilder wie Adie Klarpol im fernen
Seattle. Beide versuchen gewissermaßen, sich eine
eigene Welt „mit nichts als Phantasie“ zu
schaffen.
Der
studierte Physiker und Programmierer Richard Powers
hat seinen Roman in einer Zeitspanne des weltgeschichtlichen
Umbruchs angesiedelt, aber tiefergehende politische
Analysen fehlen. Kunst, digitale Welt und menschliche
Schicksale, das sind die Elemente, aus denen die 541
Seiten aufgebaut sind. Es gibt wenige Autoren, die so
gekonnt über neueste Forschungsergebnisse und Computertechnologien
in Prosaform schreiben können, dabei verwendet
er den Fachjargon recht sparsam, was die Lektüre
auch dem Leser etwas erleichtert, der mit den Informationswissenschaften
nicht so vertraut ist. Zentrales Thema ist das Für
und Wider der Computerisierung unserer Welt und so lautet
die Botschaft des Romans: „Der größte
Wert der unaufhaltsamen Digitalisierung liegt darin,
dass uns bewusst wird, wie grenzenlos und unerfassbar
die analoge Welt bleiben wird.“ So ist auch der
sentimentale Romanschluss zu verstehen: Martin Taimur
landet nach seiner Befreiung auf dem Flughafen von Istanbul
und seine ihm inzwischen fremdgewordene Tochter drückt
ihm eine Buntstiftzeichnung in die zitternden Hände.
Willkommen in der Wirklichkeit!
(©
2004 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)
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