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Die Original-
ausgabe erschien 2000 unter dem Titel
"Plowing the dark".






 

Roman/Erzählung

Schattenflucht

Autor: Richard Powers
Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié

Roman
gebunden mit Schutzumschlag, 541 Seiten
erschienen: Februar 2002
S. Fischer
ISBN: 3-10-059020-1
Preis: 24,90 Euro

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Klappentext:
Adie Klarpol landet als Zeichnerin in einem Thinktank in Seattle: hier sollen die Computerbilder laufen lernen, um den Betrachter in den Sehnsüchten des eigenen Blicks zu fangen. In einer Höhle baut sie die Welt des Sichtbaren nach, eine Arbeit, die sie ganz in ihren Bann zieht.

Taimur Martin ist als Lehrer in den Libanon gekommen, von einer Zigarettenpause kehrt er nie zurück, bleibt jahrelang als Geisel in einer Höhle isoliert. Auch er schafft künstliche Welten, nicht der Technik, sondern der Fantasie, durch die er überlebt und auf die gleichen Bilder stößt wie Adie.

Kunstvoll wie eine Doppelhelix verknüpft Richard Powers die beiden Geschichten zu einer genauen Vision über den Verlust der Sinnlichkeit im leeren Sog der Logarithmen und zu einer Liebesgeschichte, deren Charme und Poesie den Leser nicht mehr verlässt.
Richard Powers ist der Schriftsteller der technischen Zwischenreiche. Unerschrocken folgt er seinen Figuren in die virtuellen Räume der Computer und Pixel, um uns ein Bild zu geben, von dem, was uns schon längst erwartet und bald umschließt: eine Welt elektronischen Heimwehs.

(© 2002 S. Fischer Verlag)


Fazit:

Im Mittelpunkt des Romans steht eine Gruppe von Künstlern und Wissenschaftlern, die Ende der 80-er Jahre in einer Computerfirma in Seattle an der Entwicklung eines Virtual-Reality-Systems arbeiten. Die ehemalige Malerin Adie Karpol soll gemeinsam mit Kybernetikern eine dreidimensionale Computeranimation der Welt erschaffen. Sie ist genauso wie ihr früherer Freund Steven Spiegel davon besessen, mit ein paar Trillionen Zahlenketten die Kunst in den Dienst der digitalen Revolution zu stellen. Den Rechnern, welche die Raumsimulationen erzeugen, gibt sie liebevolle Namen wie „Rembrandt“ und „Picasso“.

Die jungen Leute des Hightech-Giganten „TeraSys“ haben ihre Arbeitsstätte in einer Höhle, die sie zu einem unterirdischen Wunderland im trüben Neonlicht umfunktioniert haben. Alle sind benommen vom Tempo des Fortschritts, doch draußen am Fuße des Laborhügels ist das Weltgeschehen nach wie vor schneller als sie. Während die Cyber-Träumer in der Software-Schmiede über Weltverbesserungsmaschinen und Zukunftsszenarien diskutieren, fällt draußen die Berliner Mauer und geschehen Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz. Es sind die Jahre des Zusammenbruchs des Kommunismus und des beginnenden Golfkrieges. Langsam wird ihnen bewusst, dass ihre virtuellen Spielereien auch zu neuen Waffentechnologien führen können.

In einer zweiten Erzählebene schildert der Autor das Schicksal von Martin Taimur aus Chicago, der als Englischlehrer in dem vom Bürgerkrieg zerstörten Libanon unterrichten will. In Beirut wird er von einer fundamentalistischen Splittergruppe entführt und als Geisel ebenfalls in einer Höhle in nahezu vollständiger Isolation gefangen gehalten. Die Partisanen Gottes diktieren ihm einen Erpresserbrief an das amerikanische Volk. Bis auf wenige Minuten am Tag ist er ständig angekettet, und so versucht er verzweifelt, sich in seiner „Schattenwelt“ eine künstliche Phantasiewelt auszudenken. Die täglichen Gedächtnisübungen sind für ihn wie eine Befreiung aus seinem finsteren Verlies. Sein Körper liegt in Ketten, doch die Gedanken gehen auf Reisen und kämpfen gegen das Wahnsinnigwerden im ewigen Dämmerlicht. Dabei stößt er auf ähnliche Bilder wie Adie Klarpol im fernen Seattle. Beide versuchen gewissermaßen, sich eine eigene Welt „mit nichts als Phantasie“ zu schaffen.

Der studierte Physiker und Programmierer Richard Powers hat seinen Roman in einer Zeitspanne des weltgeschichtlichen Umbruchs angesiedelt, aber tiefergehende politische Analysen fehlen. Kunst, digitale Welt und menschliche Schicksale, das sind die Elemente, aus denen die 541 Seiten aufgebaut sind. Es gibt wenige Autoren, die so gekonnt über neueste Forschungsergebnisse und Computertechnologien in Prosaform schreiben können, dabei verwendet er den Fachjargon recht sparsam, was die Lektüre auch dem Leser etwas erleichtert, der mit den Informationswissenschaften nicht so vertraut ist. Zentrales Thema ist das Für und Wider der Computerisierung unserer Welt und so lautet die Botschaft des Romans: „Der größte Wert der unaufhaltsamen Digitalisierung liegt darin, dass uns bewusst wird, wie grenzenlos und unerfassbar die analoge Welt bleiben wird.“ So ist auch der sentimentale Romanschluss zu verstehen: Martin Taimur landet nach seiner Befreiung auf dem Flughafen von Istanbul und seine ihm inzwischen fremdgewordene Tochter drückt ihm eine Buntstiftzeichnung in die zitternden Hände. Willkommen in der Wirklichkeit!

(© 2004 Manfred Orlick für all-around-new-books.de)

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