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Klappentext:
Der Geschichtslehrer Tertuliano Máximo Afonso leidet nicht nur an seinem pompösen Namen, sondern auch am Bonsai-Intellekt seiner Schüler und an seiner Freundin Maria, die immer mit ihrer Mutter zusammengluckt. Ein Kollege schickt ihn zur Ablenkung in die Videothek und empfiehlt auch gleich einen Film. Tertuliano sieht ihn sich an, und erwartungsgemäß gefällt er ihm nicht. Aber wie gewaltig seine Überraschung, als er sich in einer schlaflosen Nacht den Film noch einmal anschaut und feststellt, dass eine Nebenfigur, der Rezeptionist eines Hotels, ihm zum Verwechseln ähnlich sieht.
Gleich am nächsten Tag beginnt er seinem Doppelgänger nachzuforschen. Zu seinem Schrecken merkt er, dass es hier um mehr als schlichte Ähnlichkeit geht: Als er auf seiner Suche schließlich fündig wird und den Schauspieler Antonio Claro kennen lernt, stellt sich heraus, dass beide absolut identisch sind! Bald entbrennt ein Streit zwischen ihnen: Wer ist das Original, wer die Kopie? Und wie werden ihre Frauen reagieren, wenn sie erfahren, dass ihre Liebe keinem Einzigartigen gilt, sondern einem, der zweimal existiert? Oder gar noch öfter?
Der Doppelgänger ist ein Kriminalstück
- und eine moderne Parabel, mindestens ebenso nah an
den Möglichkeiten der Genetik wie an den Mythen
des Altertums. Denn auch in diesem Roman gibt es eine
warnende Kassandra, und wie ihr Vorbild wird sie nicht
erhört ...
(©
2004 Rowohlt Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
Nachdem er sich den langweiligen Videofilm angesehen
hat, spürt Tertuliano Máximo Afonso eine
Veränderung. Da ist etwas - oder jemand - in der
Wohnung. Unsinn! Oder hat er sich verändert? Es
muss mit dem Film zusammenhängen, bei dem ein Schauspieler
in einer unbedeutenden Rolle mitgespielt hat, der ihm
ziemlich ähnlich sah. Beim wiederholten Ansehen
in der Nacht bemerkt Tertuliano Máximo Afonso,
dass diese Ähnlichkeit geradezu verblüffend
ist. Der Schauspieler ist wie sein Spiegelbild. Dieses
Phänomen lässt den Geschichtslehrer, der sich
gerade in einer depressiven Phase befindet, nicht mehr
los. Mit detektivischem Spürsinn recherchiert er
den Namen des Doppelgängers. Trotz Pseudonym entdeckt
er, dass der Gesuchte, Antonio Claro, in derselben Stadt
lebt. Obwohl der "gesunde Menschenverstand"
davon abrät und Gelassenheit in dieser Angelegenheit
vorschlägt, ist Máximo Afonso wie besessen
von dem Gedanken, diesem Menschen, seinem Spiegelbild,
von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen.
Es kommt zu der Begegnung, und von diesem Moment an
ist für beide nichts mehr wie es einmal war: Die
Überraschung bei der Begegnung ist unbeschreiblich.
Tertuliano Máximo Afonso und Antonio Claro ähneln
sich nicht nur. Sie sind gleich, absolut gleich. Aussehen,
Stimme, Hände, Leberflecke u. a. Kopien des anderen.
Eine Frage beschäftigt ab sofort beide: Wer ist
das Original? Und zwangsläufig: Wer ist wessen
Duplikat? Wer ist die wertlose Kopie?
Ignorieren dieser Situation und Zurückkehren zum
Alltag ist für die beiden Männer und ihre
Frauen nicht mehr möglich. Wie durch Sogwirkung
beginnt für sie ein Krimi mit kapitalen Auswirkungen
...
José Saramago ist ein exzellenter Erzähler
realistischer Begebenheiten, die ins Irrationale, Phantastische
übergehen - stets auf der Suche nach der Wahrheit
der Welt, des Menschen. Was ist der Mensch, wie frei
ist er, was beeinflusst sein Handeln? Dies sind die
Fragen, die den Nobelpreisträger von 1998 seit
Jahrzehnten antreiben. In seinem faszinierenden und
erschütternden Meisterwerk Die
Stadt der Blinden hat er uns sehr plastisch
vor Augen geführt, wozu der Mensch in Extremsituationen
fähig ist - im Guten wie im Bösen. In Der
Doppelgänger greift er in die derzeitige gesellschaftliche
Diskussion über die Genforschung ein und zeigt
in einer parabelhaften Geschichte, zu welchen psychologischen
Horrorauswirkungen das menschliche Klonen, von dem manche
Wissenschaftler regelrecht besessen sind, in der Zukunft
führen kann.
Der Doppelgänger ist ein sehr innerliches
und leises Buch. Der akribisch genaue Erzähler
verbündet sich mit dem Leser, ja, macht ihn zum
Komplizen.
Die erste Hälfte ist recht unspektakulär:
Wie bei einem Laborversuch beobachten wir den Protagonisten
sehr genau. Mit seinen alltäglichen Ängsten,
Zweifeln, seiner Depression. Nur zu gut kann man sich
mit ihm identifizieren. Man spürt jedoch, dass
so etwas wie ein (psychologisch-emotionales) Gewitter
aufziehen wird.
Im zweiten Teil, nach der Begegnung der beiden Doppelgänger,
überschlagen sich die Ereignisse geradezu und die
Lebensläufe der Beteiligten nehmen andere Richtungen
an, wobei es für uns Leser mehrmals zu radikalen
180-Grad-Wendungen im Handlungsverlauf kommt. An keiner
Stelle des Buches lässt sich erahnen, wie die Geschichte
ausgehen wird.
Saramago zu lesen ist nicht ganz so einfach wie etwa
einen Unterhaltungsroman von den Bestsellerstapeln,
die an der Kasse der Buchhandlung liegen. Er hat eine,
seine, eigene Kunstsprache entwickelt, die nahezu ohne
Absätze und Kennzeichnung der wörtlichen Rede
auskommt. Das erfordert wache Leser und fördert
die Konzentration. Davon sollte man sich jedoch nicht
abschrecken lassen. Schon nach wenigen Seiten ist man
"drin" und begleitet Tertuliano Máximo
Afonso durch die schwierigste und aufregendste Phase
seines Lebens. Im Kino sieht man ja auch lieber Filme
von Wim Wenders als von Didi Hallervorden oder Lindenstraße.
Der Doppelgänger ist mehr als ein spannender
Roman. Es ist ein nachhaltiges Buch mit philosophischem
Hintergrund, das beim Lesen viele Fragen aufwirft, uns
nach der Lektüre noch länger beschäftigen
wird und vielleicht Einfluss auf unser Leben nehmen
kann.
Leseempfehlung:
Für Fortgeschrittene
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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