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Roman/Erzählung

Der Doppelgänger

Autor: José Saramago
Deutsch von Marianne Gareis

Roman
gebunden mit Schutzumschlag, 383 Seiten
erschienen: Juli 2004
Rowohlt
ISBN: 3-498-06373-1
Preis: 22,90 Euro

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Klappentext:
Der Geschichtslehrer Tertuliano Máximo Afonso leidet nicht nur an seinem pompösen Namen, sondern auch am Bonsai-Intellekt seiner Schüler und an seiner Freundin Maria, die immer mit ihrer Mutter zusammengluckt. Ein Kollege schickt ihn zur Ablenkung in die Videothek und empfiehlt auch gleich einen Film. Tertuliano sieht ihn sich an, und erwartungsgemäß gefällt er ihm nicht. Aber wie gewaltig seine Überraschung, als er sich in einer schlaflosen Nacht den Film noch einmal anschaut und feststellt, dass eine Nebenfigur, der Rezeptionist eines Hotels, ihm zum Verwechseln ähnlich sieht.

Gleich am nächsten Tag beginnt er seinem Doppelgänger nachzuforschen. Zu seinem Schrecken merkt er, dass es hier um mehr als schlichte Ähnlichkeit geht: Als er auf seiner Suche schließlich fündig wird und den Schauspieler Antonio Claro kennen lernt, stellt sich heraus, dass beide absolut identisch sind! Bald entbrennt ein Streit zwischen ihnen: Wer ist das Original, wer die Kopie? Und wie werden ihre Frauen reagieren, wenn sie erfahren, dass ihre Liebe keinem Einzigartigen gilt, sondern einem, der zweimal existiert? Oder gar noch öfter?

Der Doppelgänger ist ein Kriminalstück - und eine moderne Parabel, mindestens ebenso nah an den Möglichkeiten der Genetik wie an den Mythen des Altertums. Denn auch in diesem Roman gibt es eine warnende Kassandra, und wie ihr Vorbild wird sie nicht erhört ...

(© 2004 Rowohlt Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:

Nachdem er sich den langweiligen Videofilm angesehen hat, spürt Tertuliano Máximo Afonso eine Veränderung. Da ist etwas - oder jemand - in der Wohnung. Unsinn! Oder hat er sich verändert? Es muss mit dem Film zusammenhängen, bei dem ein Schauspieler in einer unbedeutenden Rolle mitgespielt hat, der ihm ziemlich ähnlich sah. Beim wiederholten Ansehen in der Nacht bemerkt Tertuliano Máximo Afonso, dass diese Ähnlichkeit geradezu verblüffend ist. Der Schauspieler ist wie sein Spiegelbild. Dieses Phänomen lässt den Geschichtslehrer, der sich gerade in einer depressiven Phase befindet, nicht mehr los. Mit detektivischem Spürsinn recherchiert er den Namen des Doppelgängers. Trotz Pseudonym entdeckt er, dass der Gesuchte, Antonio Claro, in derselben Stadt lebt. Obwohl der "gesunde Menschenverstand" davon abrät und Gelassenheit in dieser Angelegenheit vorschlägt, ist Máximo Afonso wie besessen von dem Gedanken, diesem Menschen, seinem Spiegelbild, von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen.

Es kommt zu der Begegnung, und von diesem Moment an ist für beide nichts mehr wie es einmal war: Die Überraschung bei der Begegnung ist unbeschreiblich. Tertuliano Máximo Afonso und Antonio Claro ähneln sich nicht nur. Sie sind gleich, absolut gleich. Aussehen, Stimme, Hände, Leberflecke u. a. Kopien des anderen. Eine Frage beschäftigt ab sofort beide: Wer ist das Original? Und zwangsläufig: Wer ist wessen Duplikat? Wer ist die wertlose Kopie?

Ignorieren dieser Situation und Zurückkehren zum Alltag ist für die beiden Männer und ihre Frauen nicht mehr möglich. Wie durch Sogwirkung beginnt für sie ein Krimi mit kapitalen Auswirkungen ...

José Saramago ist ein exzellenter Erzähler realistischer Begebenheiten, die ins Irrationale, Phantastische übergehen - stets auf der Suche nach der Wahrheit der Welt, des Menschen. Was ist der Mensch, wie frei ist er, was beeinflusst sein Handeln? Dies sind die Fragen, die den Nobelpreisträger von 1998 seit Jahrzehnten antreiben. In seinem faszinierenden und erschütternden Meisterwerk Die Stadt der Blinden hat er uns sehr plastisch vor Augen geführt, wozu der Mensch in Extremsituationen fähig ist - im Guten wie im Bösen. In Der Doppelgänger greift er in die derzeitige gesellschaftliche Diskussion über die Genforschung ein und zeigt in einer parabelhaften Geschichte, zu welchen psychologischen Horrorauswirkungen das menschliche Klonen, von dem manche Wissenschaftler regelrecht besessen sind, in der Zukunft führen kann.

Der Doppelgänger ist ein sehr innerliches und leises Buch. Der akribisch genaue Erzähler verbündet sich mit dem Leser, ja, macht ihn zum Komplizen.

Die erste Hälfte ist recht unspektakulär: Wie bei einem Laborversuch beobachten wir den Protagonisten sehr genau. Mit seinen alltäglichen Ängsten, Zweifeln, seiner Depression. Nur zu gut kann man sich mit ihm identifizieren. Man spürt jedoch, dass so etwas wie ein (psychologisch-emotionales) Gewitter aufziehen wird.

Im zweiten Teil, nach der Begegnung der beiden Doppelgänger, überschlagen sich die Ereignisse geradezu und die Lebensläufe der Beteiligten nehmen andere Richtungen an, wobei es für uns Leser mehrmals zu radikalen 180-Grad-Wendungen im Handlungsverlauf kommt. An keiner Stelle des Buches lässt sich erahnen, wie die Geschichte ausgehen wird.

Saramago zu lesen ist nicht ganz so einfach wie etwa einen Unterhaltungsroman von den Bestsellerstapeln, die an der Kasse der Buchhandlung liegen. Er hat eine, seine, eigene Kunstsprache entwickelt, die nahezu ohne Absätze und Kennzeichnung der wörtlichen Rede auskommt. Das erfordert wache Leser und fördert die Konzentration. Davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen. Schon nach wenigen Seiten ist man "drin" und begleitet Tertuliano Máximo Afonso durch die schwierigste und aufregendste Phase seines Lebens. Im Kino sieht man ja auch lieber Filme von Wim Wenders als von Didi Hallervorden oder Lindenstraße.

Der Doppelgänger ist mehr als ein spannender Roman. Es ist ein nachhaltiges Buch mit philosophischem Hintergrund, das beim Lesen viele Fragen aufwirft, uns nach der Lektüre noch länger beschäftigen wird und vielleicht Einfluss auf unser Leben nehmen kann.

Leseempfehlung: Für Fortgeschrittene

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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Rund um´s Buch

S e r v i c e

Die Originalausgabe
erschien ...

unter dem Titel:
"O Homem Duplicado"
(2002 in Lissabon/ Portugal)

Weitere Bücher
von José Saramago

Die portugiesische Reise
(HC, 2003)

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